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22.08.1997 - 

Pilotprojekt erleichtert Weg in die Selbständigkeit

Existenzgründer starten via Telecoaching

Meinrad Rombach ist begeistert. Der arbeitslose Diplomphysiker aus Freiburg hat sich kürzlich als Berater und Trainer für Multimedia-Videokonferenztechnik selbständig gemacht und eine "Akademie für Lebenslanges Lernen" für Jugendliche und Senioren gegründet. Das nötige Rüstzeug für den Aufbau einer eigenen Firma holte er sich in einem Halbjahreskurs beim International Project Center (IPC) in Freiburg.

Doch statt zweimal in der Woche in einem Seminarraum gemeinsam mit anderen angehenden Unternehmern Buchführung oder Kostenrechnung zu pauken, schaltete der Existenzgründer lieber den PC ein und holte sich die Experten aus ganz Deutschland per Videokonferenz in die eigenen vier Wände. "Kompetenz ist so an jedem beliebigen Ort verfügbar, es wird unter anderem an Räumen und technischer Infrastruktur viel Zeit und Geld gespart", betont IPC-Geschäftsführer Jan Peschka, der das europaweit bisher einzigartige Telecoaching-Projekt inzwischen zum zweiten Mal organisiert.

Auch die Existenzgründer profitieren von dem Projekt: Sie lernen in entspannter Atmosphäre, ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck und ohne sich Geräte teilen zu müssen. Gleichzeitig stehen sie jederzeit im Kontakt mit Coachs und Kollegen und fühlen sich nicht so schnell isoliert wie bei herkömmlichen Fernstudien. "Mittlerweile haben sich auch einige der neun Teilnehmer des ersten Kurses untereinander vernetzt und nutzen Synergieeffekte", berichtet Rombach.

Das Interesse an dieser neuen Form der Weiterbildung, die im Rahmen des EU-Projekts "Comutech" mit 1,6 Millionen Mark aus dem Förderprogramm "Adapt" (Anpassung der Arbeitnehmer an den industriellen Wandel) gefördert wird, ist groß. Für den gerade gestarteten zweiten Existenzgründerkurs interessierten sich über 600 Teilnehmer, 196 gaben schließlich ihre Bewerbungsunterlagen ab.

Teilnahmevoraussetzung ist ein ISDN-Anschluß und ein dazu passendes Komforttelefon, die übrige Ausrüstung für 20 Arbeitsplätze - Pentium-PC und das Desktop-Videokonferenzsystem "I-View" - hat das IPC bei der örtlichen Siemens-Zweigniederlassung gemietet (siehe auch Kasten nächste Seite). Zu den notwendigen Investitionen kommen außerdem noch diverse Softwarepakete wie "Microsoft Office 7.0", "Lotus Notes" und das Unternehmensanalyse-Programm "UGS".

Neben dem Präsenzunterricht, der vor allem der persönlichen Kontaktpflege dienen soll, werden Point-to-Point- und Multipoint-Videokonferenzen eingesetzt. Die Unterrichtsmaterialien kommen via ISDN-Datentransfer zu den Teilnehmern.

Während die Point-to-point-Schaltungen, bei denen jeweils nur ein Existenzgründer und ein Coach beteiligt sind, mit den I-View-Systemen problemlos funktionieren, machten die Multipoint-Konferenzen mit ein oder zwei Dozenten und allen Teilnehmern am Anfang erhebliche Schwierigkeiten. Die unterschiedlichen Partner werden dabei mit Hilfe einer Multi-Control-Unit (MCU) miteinander verbunden.

Größter MCU-Anbieter in Deutschland ist das TeamWorld Service Center (TWSC) der Deutschen Telekom AG in Münster. Das TWSC ist zudem derzeit das einzige Unternehmen, das bildgeteilte Videomultipoint-Schaltungen bereitstellt (siehe Kasten).

Um eine Konferenz zu eröffnen, können die Teilnehmer sich entweder vom TWSC anwählen (Dial-out-Verfahren) oder sich die Nummern einer MCU in Münster zuteilen lassen. Diese kann dann jeder Partner selbst einwählen (Dial-in-Verfahren). "Am Anfang hatten wir eine Reihe von technischen Problemen, die vor allem auf die unzureichende personelle Betreuung oder Planung durch das TWSC zurückzuführen waren", berichtet Peschka.

So brachen Videokonferenzen zusammen, einzelne Teilnehmer wurden "hinausgeworfen", oder Änderungen der Einwählnummern kamen zu spät bei den Teilnehmern an. Die erste Bilanz: Von 30 Multipoint-Videokonferenzen waren nur 16 fehlerfrei. "Manchmal erhielten wir trotz eindeutiger Bestellung zum Teil andere Arten der Multipoint-Schaltung", klagt der IPC-Geschäftsführer.

Auch das Aufspüren des zuständigen Servicetechnikers bei Pannen war oft eine komplizierte Angelegenheit. Das Ausfüllen der für jede Schaltung notwendigen Anträge ist ebenfalls nicht gerade einfach. Das IPC hat inzwischen die Konsequenz aus dieser "mangelnden Kundenorientierung" der Telekom-Tochter gezogen und sich eine eigene MCU angeschafft. Das Siemens Systemhaus für Kommunikationslösungen bietet dazu beispielsweise unter dem Namen "Videoexchange basic" einen Mehrpunkt-Videokonferenz-Server an (siehe Kasten).

Das Freiburger Telecoaching-Projekt ist aus der Initiative eines Wirtschaftsjuniorenkreises im französischen Montabaun/Toulouse entstanden, der sich mit Outsourcing und Telearbeit bei fünf Pilotunternehmen beschäftigte und deutsche Partner suchte. In Freiburg - beim dortigen Verband der Wirtschaftsjunioren - stieß dieses Angebot auf Interesse.

Inzwischen realisiert das IPC unter dem gemeinsamen Titel Comutech neben dem Telecoaching-Projekt noch ein weiteres europäisches Vorhaben, das sich mit der Sensibilisierung und Beratung von kleineren und mittleren Unternehmen in Fragen Telekommunikation und Multimedia beschäftigt. "Telekooperation kann man nur fördern, wenn man sie selbst intensiv betreibt", betont Peschka.

"Mit dem Kennenlernen der technischen Möglichkeiten", so die Hoffnung des IPC-Geschäftsführers, "werden kreative Prozesse in Gang gesetzt, die zu ganz neuen Formen der Arbeitsorganisation führen." Denn Telekooperation läßt sich nicht erfolgreich auf Basis der herkömmlichen Strukturen und Prozesse realisieren. Dezentralisierung, Teamarbeit, die Einführung des Selbststeuerungsprinzips, höhere Einzelverantwortung und die Abkehr von linearen Hierarchien - die bisherigen Organisationsstrukturen müssen radikal umgekrempelt werden. "Das erklärt wohl auch die Zurückhaltung vieler deutscher Unternehmen bei der Einführung von Telearbeit", vermutet Heinz-Theo Maas, Leiter des Vertriebsbereichs West des Systemhauses für Kommunikationslösungen der Siemens AG in Essen.

Als Fachzentrum für die PC-Kommunikation haben sich die Essener innerhalb des Konzerns besonderes Know-how für die Bereiche Telekooperation und -arbeit aufgebaut, mit dem sie interessierte Unternehmen in einem ganzheitlichen Ansatz unterstützen. "Teleworking", so Maas, "ist vor allem eine Arbeitsform und keine Technologie."

Deshalb haben die Experten vier Beratungsmodule entwickelt, die bei der Einführung von Telearbeit eine wichtige Rolle spielen und gleichberechtigt zum Tragen kommen: Organisation, Personal, Recht und Technik.

Videokonferenztechnik

"I-View" ist eine Paketlösung zur gleichzeitigen Übertragung von Video, Audio und Daten, die das ISDN nutzt und pro Arbeitsplatz weniger als 2000 Mark kostet. Das System besteht aus einer einfach zu installierenden PC-Karte für den PCI-Bus, einer tennisballgroßen Kamera, einem Telefon-Headset und der notwendigen Software. Siemens sieht in dem Projekt einen Testmarkt für seine Komplettlösungen und verleiht bei Bedarf weitere 15 Systeme wochen- oder monatsweise an Interessenten.

Bei der bildgeteilten Videomultipoint-Schaltung können bis zu fünf Teilnehmer miteinander konferieren, wobei maximal vier Personen auf dem geteilten Bildschirm zu sehen sind. Bei der sprachgesteuerten Multipoint-Videokonferenz - können zwar eine Vielzahl von Teilnehmern miteinander diskutieren, auf dem Monitor ist aber nur der jeweils lauteste Redner zu sehen.

"Videoexchange basic" ist ein Mehrpunkt-Videokonferenz-Server, der überall im Büroumfeld aufgestellt und ohne technische Hilfe gestartet werden kann. Das System ermöglicht sowohl die sprach- wie auch die bildgeteilte Steuerung und ist beliebig kaskadierbar. So können mehrere Konferenz-Server an geografisch verstreuten Orten automatisch zu einem zusammenhängenden Videokommunikationsnetz zusammengeschaltet werden. Da sich die einzelnen Konferenzteilnehmer jeweils nur in den nächstgelegenen Server einwählen müssen, lassen sich erhebliche Übertragungskosten sparen.

*Stefanie Berg ist freie Fachjournalistin in Düsseldorf.