Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

18.01.2002 - 

IT-Forschung/Die Wirtschaftsinformatik lebt von der Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis

Experimentierwiese für Geschäftsmodelle

Die Wirtschaftsinformatik hat neuen betriebswirtschaftlichen Anwendungskonzepten zum Durchbruch verholfen. Jetzt ergeben sich für die universitäre Forschung neue Fragen; doch auch ältere Konzepte erfahren eine Renaissance. Von August-Wilhelm Scheer*

Erinnern Sie sich noch an MIS, die Management-Informationssysteme? In den 80er Jahren war dieses Gebiet in der Forschung sehr populär. Allerdings mangelte es damals an leistungsstarken Software-Tools und bezahlbarer Rechnerleistung, um wirtschaftlich tragfähige und benutzerfreundliche Anwendungen zu entwickeln. Mittlerweile kann die einschlägige Forschung sinnvoll fortgeführt werden. Denn heute stehen informationsdarstellende, grafische Systeme und mehrdimensionale Online-Analytical-Processing-(Olap-)Programme sowie proaktive Anwendungen zur Wissensgewinnung (Knowledge Discovery) und Data-Mining-Techniken zur Verfügung. Sie sind Basis neuer Anwendungskonzepte - zum Beispiel für E-Learning, das Wissensbausteine an den Arbeitsplatz jedes Mitarbeiters bringt und den Paradigmenwechsel zu lebenslanger Weiterbildung unterstützt. Neben dem technischen Fortschritt forciert heute die wachsende Bedeutung der Ressource Mensch im Unternehmen die Wiederbelebung von Wissens-Management. Man möchte das Wissen und die Erfahrungen der Mitarbeiter explizieren und allgemein zugänglich machen.

So hat sich mittlerweile virtuelle Aus- und Weiterbildung als Forschungsschwerpunkt der Wirtschaftsinformatik durchgesetzt. Dabei geht es zum Beispiel um die Entwicklung von Knowledge-Sharing-Modellen und um Softwareplattformen für die Entwicklung der Bildungsprodukte, die in den kommenden Jahren einen Boom erleben dürften.

Kein alter Wein in neuen SchläuchenWie Wissens-Management, das sich mit der mitarbeiterbezogenen Datenaufbereitung und -nutzung befasst, so wird auch die heute unter dem Schlagwort Business Intelligence diskutierte Auswertung der unternehmensweiten Informationen wieder als Forschungsthema aufgegriffen. Informationsflüsse zu Kunden, Partnern und anderen Stakeholdern gewinnen an Bedeutung. Um die Integration und Auswertung des betrieblichen Wissens zu optimieren, bedarf es innovativer betrieblicher Anwendungen zum Data Warehousing und Data Mining.

So erfahren Themen, die bereits vor Jahrzehnten Forschungsgegenstand der Wirtschaftsinformatik waren, eine Wiederbelebung. Dabei geht es nicht um alten Wein in neuen Schläuchen. Vielmehr ermöglicht der technische Fortschritt das Aufgreifen bekannter betriebswirtschaftlicher Problemstellungen und führt sie zu neuen Lösungen. Dieses Spannungsfeld zwischen neuen Ideen und technischen Möglichkeiten prägt die Wirtschaftsinformatik-Forschung seit jeher.

Grundsätzlich behandelt die Wirtschaftsinformatik den Einfluss der Informationstechnologie auf betriebswirtschaftliche Entscheidungsprobleme und Abläufe. Gleichzeitig stellt sie aus ihrem Problemverständnis neue Anforderungen an die Entwicklung der Informationstechnik. So hat die Wirtschaftsinformatik mit der Beschreibung von betriebswirtschaftlichen Informationssystemen durch semiformale Sprachen (Modellierungsmethoden) eine eigenständige Methode und mit der Prototyp-Entwicklung einen Beitrag auch zur Gestaltung von Standardsoftware geleistet. Während die amerikanische Disziplin "Information Systems" stark empirisch orientiert ist und beispielsweise das Informationsverhalten von Managern analysiert, stand für die Wirtschaftsinformatik hierzulande die Entwicklung und Erprobung neuer computergestützter Ansätze für betriebswirtschaftliche Anwendungen in der Logistik, im Marketing oder im Rechnungswesen im Mittelpunkt. Ohne den Einfluss der Wirtschaftsinformatik wären Konzepte wie MRP (Management-Resource-Planning) und später dann CIM (Computer Integrated Manufacturing) niemals entstanden.

Heute sind neue Konzepte gefragt. Das Internet bringt Produktinnovationen und neue Geschäftsprozesse mit sich, die erst in Ansätzen entwickelt und erkennbar sind. Die Forschung muss die technischen Möglichkeiten auf ihr Potenzial für neue betriebswirtschaftliche Konzepte prüfen - und gleichzeitig Anforderungen aus der Anwendung an die weitere technische Entwicklung rückkoppeln.

Auf dem Weg in die mobile Informationsgesellschaft ist es nicht damit getan, neue Technologien meistbietend zu ersteigern. Die exorbitant hohe Summe von 100 Milliarden Mark für UTMS-Lizenzen schafft noch keinen Markt, und mit eher kindischen Anwendungen wie der Bestellung einer Kinokarte vom Multimedia-System im Auto lässt sich die Investition nicht amortisieren. Hier sind ernsthafte und wirtschaftlich ergiebige Anwendungen gefragt. Neue Technologien brauchen eine Experimentierwiese, auf der innovative Anwendungsszenarien und Geschäftsmodelle entwickelt und erprobt werden können. Auf dem Gebiet des Mobile Business liegt deshalb ein großes Forschungsfeld für die Wirtschaftsinformatik. Die Technologie und teilweise auch die Endgeräte für das Zusammenspiel von Internet und mobiler Kommunikation sind vorhanden. Was fehlt, sind wettbewerbswirksame Geschäftsideen für künftige mobile Anwendungen wie personalisierte Dienstleistungen, ortsbezogene Services und zeitunabhängige Applikationen, die den Return on Investment bringen.

Systeme aus Komponenten montierenHandlungsbedarf besteht auch bei der Entwicklung zukunftsfähiger Softwarearchitekturen. Unter dem Begriff Enterprise Application Integration (EAI) wird gegenwärtig versucht, das Problem der Anwendungs- und Datenintegration in Unternehmen konzeptionell und technisch in den Griff zu bekommen. Informationssysteme werden zunehmend aus einzelnen Komponenten montiert. Vorintegrierte monolithische Systeme gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Deshalb müssen Integrationstechniken eingesetzt werden, um die Bausteine zusammenzuführen. Die Entwicklung von Integrationsplattformen und -infrastrukturen, die erforderlich sind, um interne und in Zukunft auch vermehrt externe Anwendungen zu verknüpfen, wird eine Renaissance der Geschäftsprozessmodellierung bringen. Die Wirtschaftsinformatik ist gefordert, Blue Prints für den Zusammenbau von Systemen für die Geschäftsabwicklung im E-Business bereitzustellen.

Ein dominantes Thema für die künftige Forschung wird zudem die Kundenorientierung von Informationssystemen sein. Hier eröffnet die Entwicklung neue organisatorische Möglichkeiten und betriebswirtschaftliche Anwendungen. Im Kern geht es um Konzepte, die den Kunden als Stakeholder in die Wertschöpfungskette einbeziehen und virtuelle Kooperationen ermöglichen. Beispiele wie der Erfolg von Dell durch die Konfiguration und Auftragsabwicklung über das Internet machen die Gestaltungskraft solcher Ansätze deutlich.

Eine zweite ReorganisationswelleIm B-to-B-Bereich vollziehen sich durch die unternehmensübergreifenden Geschäftsprozesse und die Verknüpfung von Systemanwendungen große Veränderungen. Hierfür wird eine zweite Reorganisationswelle anlaufen, da die Potenziale nur über standardisierte Schnittstellen und schnelle, interne Geschäftsprozesse ausgeschöpft werden können. Konsequenz der unternehmensübergreifenden Kooperationen ist eine steigende Transparenz der Abläufe und Daten der beteiligten Partner untereinander, womit Vertrauen zum entscheidenden Erfolgsfaktor virtueller Kooperationen wird. Von der Wirtschaftsinformatik werden sowohl Konzepte für die Kooperation zwischen den Beteiligten als auch Prototypen erwartet.

Sowohl das Unternehmen als auch der Kunde erhalten unter Internet-Vorzeichen mehr Informationen übereinander. Auf Unternehmensseite führt dieses im Rahmen von Customer-Relationship-Management zu einer verbesserten Ausrichtung von Prozessen und Produkten auf den einzelnen Kunden. Umgekehrt ist der Kunde in der Lage, sich schnell über ein Produkt zu informieren, mit anderen Kunden in Kontakt zu treten und deren kollektives Wissen zu nutzen.

Die neue Käufermacht einbeziehenHeute wird die Kompetenz des Kunden für das Unternehmensnetzwerk noch zu wenig genutzt. Eine konsequente Einbeziehung dieser neuen Käufermacht, die sich zu "Networked Communities" formieren, wird drastische Auswirkungen auf die Positionierung eines Unternehmens, einer Marke oder eines Produkts im Markt haben. Denn sie nehmen aktiv Einfluss auf die Preisgestaltung von Produkten und Dienstleistungen, auf die Unternehmensbewertung an den Börsen und das Unternehmensimage. Daraus ergeben sich gravierende betriebswirtschaftliche Konsequenzen:

-Durch das Outsourcing von Bestellaktivitäten und weiterer Kundenservice-Aktivitäten an den Kunden kann auf eigene teure Support-Leistungen verzichtet werden.

-Unternehmen, die ihre klassischen Vertriebswege mit Internet-Aktivitäten verknüpfen, können das eigene Produkt oder die eigene Marke auf dem elektronischen Marktplatz aufbauen.

-Mit Hilfe neuer Informations- und Kommunikationstechnologien wird unter Einsparung von teuren Intermediären die Behandlung jedes Kunden als individuelles Marktsegment möglich.

-Der Aufbau beziehungsweise die Beteiligung an virtuellen Communities erlaubt den direkten Austausch von Informationen zwischen Unternehmensvertretern und Kunden, so dass ein Unternehmen schnelles Feedback erhält.

Welche Strategien führen im Fall virtueller Communities zu einem schnellen Return on Investment? Wie kann die vorhandene Standardsoftware zur Community-Realisierung verbessert werden? Welche Möglichkeiten ergeben sich durch den technischen Fortschritt von mobilen Technologien und deren Integration in CRM-Systeme? Diese Fragen sind Ausgangspunkt neuer Forschungsprojekte für die Wirtschaftsinformatik.

Entwicklung neuer DienstleistungenEin weiteres, noch junges Forschungsgebiet ist das Service-Engineering, die systematische Entwicklung von Dienstleistungen. Während die Entwicklung und Herstellung von Industrieprodukten in Deutschland standardisierten Methoden und einer integrierten Betrachtung von Informationssystemen folgt, fehlen bei der Entwicklung einer Dienstleistung entsprechende Methoden und Konzepte. Es ist Aufgabe der Wirtschaftsinformatik, die in der Industrie erprobten Werkzeuge und Verfahren auf ihre Anwendbarkeit im Dienstleistungsbereich zu testen und anzupassen.

Auch in Zukunft wird die Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis die Wirtschaftsinformatik weiter prägen. Um der Entwicklung von Software- und Hardwareunternehmen nicht hinterherzuhinken, muss sich das Fach eigenständig weiterentwickeln. Sonst besteht die Gefahr, dass es der Realität hinterherläuft und lediglich die Lösungen wissenschaftlich aufarbeitet, die bereits von Softwarehäusern oder von innovativen Anwendungsunternehmen entwickelt worden sind. (bi)

*Professor Dr. August-Wilhelm Scheer ist Aufsichtsratsvorsitzender der IDS Scheer AG und Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Universität Saarbrücken.

111 LehrstühleDer erste deutsche Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik wurde 1970 an der Universität Erlangen-Nürnberg eingerichtet. Als interdisziplinäres und stark anwendungsorientiertes Forschungsgebiet war die Wirtschaftsinformatik über Jahre hinweg Gegenstand vielfältiger Diskussionen zwischen den wissenschaftlichen Vertretern der Betriebswirtschaft und der Informatik.

Kein anderes betriebswirtschaftliches Fach hat einen derart stürmischen Aufschwung innerhalb von knapp 30 Jahren genommen wie die Wirtschaftsinformatik. Ihre Akzeptanz als eigene wissenschaftliche Disziplin, als Lehrfach und Studiengang, ist sowohl an den Hochschulen als auch in der Praxis unbestritten. Insgesamt gibt es heute 111 Lehrstühle zur Wirtschaftsinformatik an deutschen Universitäten, an 57 Universitäten ist Wirtschaftsinformatik ein Vertiefungsfach, und 23 Universitäten bieten eigenständige Studiengänge an.

Aktuelle Beispiele aus der WirtschaftsinformatikUniversität Hohenheim: Die Gruppe um Helmut Krcmar erarbeitet Verfahren zur Erstellung virtueller Communities. Diese werden in zwei Teilprojekten erprobt: in einer Lifestyle-Community für Studenten und einem Informations- und Interaktionsforum für Krebspatienten.

Kontakt: HelmutKrcmar@notes.bwl.unihohenheim.de

In einem Projekt von Wolfgang König an der Universität Frankfurt am Main und Hermann Krallmann an der Technischen Universität Berlin soll der bisherige ERP-Ansatz durch Mechanismen zur unternehmensübergreifenden Planung ergänzt werden. Mit Hilfe von Multiagentensystemen sollen sich Unternehmen innerhalb des Wertschöpfungsnetzwerkes besser koordinieren.

Kontakt: koenig@wiwi.uni-frankfurt.de

An der Universität Erlangen-Nürnberg verfolgt der Bereich Wirtschaftsinformatik I unter Leitung von Peter Mertens die Vision einer "menschenähnlichen" Informationsverarbeitung. Daraus folgen Themen wie Personalisierung, Rollen- und Benutzermodellierung und später auch Emotionserkennung.

Homepage: www.wi1.uni-erlangen.de

Ein Forschungsprojekt an der Universität Münster unter Leitung von Jörg Becker erstellt allgemeingültige Modelle für die Dienstleistungsbranche und erarbeitet Konzepte, wie diese der Anwendungssystem- und Organisationsgestaltung gerecht werden können.

Kontakt: Becker@wi.uni-muenster.de

Beim "Computer Aided Service Engineering Tool" (Caset), einem Verbundforschungsprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), geht es um die Werkzeugunterstützung für die Entwicklung von Dienstleistungen. Beteiligt sind das Institut für Wirt-schaftsinformatik der Universität des Saarlandes und das Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart.

Homepage: www.caset.de

Benchmarking-Methoden und -Verfahren für öffentliche Dienstleistungen, genannt Benefit, entwickeln zurzeit die RWTH Aachen, IWi Saarbrücken (August-Wilhelm Scheer) und die Universität Rostock in einem gemeinsamen Projekt.

Homepage: www.iwi.uni-sb.de/benefit