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22.11.1991 - 

Wiedig trotz 780 Millionen Mark Nettoverlust zuversichtlich

Experten: SNI hat Grimmigkeit der Zeitkomponente unterschätzt

MÜNCHEN (see) - Kräftig zur roten Tinte greifen mußte die Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG, München, zum Abschluß ihres ersten Geschäftsjahres: Das vorläufige SNI-Ergebnis beträgt minus 780 Millionen Mark nach Steuern. Laut Vorstandschef Hans-Dieter Wiedig sollen 1992 die Zahlen besser werden, wenn auch noch nicht positiv. Branchenkenner teilen diese Erwartung lediglich unter Vorbehalt.

Das Negativergebnis des SNI-Startjahres 1990/91 bewegt sich im Rahmen des Erwarteten. Einige Analysten hatten prophezeit, SNI werde mindestens eine Milliarde Mark nach Steuern verlieren. Die nun vorgelegten 780 Millionen berücksichtigen allerdings außerordentliche Erträge in Höhe von 180 Millionen Mark, vor allem aus dem Verkauf des Berliner PC- und Kassenwerkes. Ohne dieses Zubrot wäre also tatsächlich ein knapper Milliardenverlust angefallen.

Den Jahresverlust haben außerordentliche Aufwendungen für die Verschmelzung von Nixdorf und Siemens-DI mit verursacht. Diese Anstrengungen, zusammen mit Gewerbe-Kapitalsteuern in Höhe von 40 Millionen, kosteten das Jährlings-Unternehmen 470 Millionen Mark, teilte Wiedig mit. Nach deren Abzug vom Gesamtverlust und unter Zurechnung der außerordentlichen Gewinne ergibt sich ein Verlust aus der ordentlichen Geschäftstätigkeit von knapp einer halben Milliarde Mark.

Mit 12,1 Milliarden Mark lag der Umsatz im ersten Jahr nach der Fusion um zwei Prozent unter den addierten Werten von Nixdorf und Siemens-DI.

Der Inlandsumsatz sank um ein, das Auslandsgeschäft um vier Prozent. Wiedig siedelte die Gründe für den Rückgang im ersten Quartal an, als die Mitarbeiter vor allem mit ihrem neuen Umfeld beschäftigt gewesen seien, anstatt Geschäfte zu machen.

Er betonte, daß die Anfangserwartungen vor allem wegen der weltweit schlechten DV-Teilkonjunktur nicht erreicht werden konnten. Die Branchenentwicklung sei "durchweg negativ", und SNI habe in diesen Trend "genau reingetroffen". Als Kronzeugen nannte er die Wettbewerber, deren Umsatz und Rendite ebenfalls gelitten hätten. Beispiele seien IBM, DEC, Unisys und Bull, während die NCR- und HP-Zahlen Ausnahmen von der Minusregel bildeten.

Hatten im Vorfeld des SNI-Berichtes Kenner der Szene gemeint, die Unternehmens-Kennzahlen könnten womöglich geschont werden, hat sich dieser Argwohn jetzt offenbar zerschlagen. Diebold-Deutschland-Geschäftsführer Gerhard Adler glaubt, daß "Konzerne wie Siemens sehr konservativ" bilanzieren. Er sieht im vorliegenden Fall auch keinen Grund für kosmetische Maßnahmen an der Gewinn- und Verlustrechnung: "Das Ergebnis ist schlimm genug, und ob ich 700 oder 900 Millionen Verlust vorweise, macht dann auch keinen so riesigen Unterschied mehr." Auch Helmut Gümbel, Analyst der Gartner Group Deutschland GmbH, hält die vorgelegten Zahlen für realistisch. Er geht davon aus, "daß jetzt, wo das Ergebnis einmal versaut ist, nicht allzuviel unter den Teppich gekehrt wurde".

Im Oktober 1990 hatte es geheißen, schon das erste Jahr könne operativ mit Plus-Minus-Null enden. Urteilt Adler. Die Integrationsprobleme sind unterschätzt worden". Auch Gümbel ist überzeugt, vor einem Jahr habe SNI sich und anderen etwas vorgemacht. "Das Management hat gedacht, es gefällt den Leuten am besten, wenn für alle positive Nachrichten da sind", erinnert er sich an den SNI-Start. Kunden, Mitarbeitern und Finanzleuten gegenüber hätten sich die Münchner damals "als Universal-Weihnachtsmann betätigt".

Offenbar hat sich SNI in der Eigenpräsentation gewandelt. Der Vorstandschef geht erst für das Geschäftsjahr 1992/93 von einer Kostendeckung oder gar schwarzen Zahlen aus. Das laufende Jahr soll Wiedig zufolge jedoch bereits eine wesentliche Ergebnisverbesserung bringen. Schon in der zweiten Hälfte 1990/91 sei ein Aufwärtstrend erkennbar gewesen: Sowohl Umsatz als auch Auftragseingang hätten im dritten und vierten Quartal deutlich auf jeweils etwa sieben Milliarden Mark erhöht werden können. Per Bilanz-Stichtag seien insgesamt Bestellungen für 13 Milliarden Mark eingegangen, gut neun Prozent mehr als ein Jahr zuvor bei den damals noch getrennten Unternehmen.

Nach Wiedigs Worten wird der umsatzgrößte DV-Anbieter Europas künftig bessere Karten durch die vollständige Integration in den Siemens-Konzern haben. Das tägliche Geschäft mit der Mutter würde vereinfacht; darüber hinaus stünden SNI dann Kapitalstruktur und Finanzierungsmöglichkeiten des Konzerns zur Verfügung. Probleme mit dem Cash-flow wie im ersten Quartal 1990/91 dürften dann nicht mehr auftauchen, stimmt auch Gümbel zu.

Eine weiteres Indiz für eine erfolgreiche Zukunft von SNI repräsentiert laut Wiedig der Umsatz pro Kopf. Dieser sei mit 240 000 Mark der zweitbeste hinter dem von IBM mit 295 000 Mark und werde auch in dieser Größenordnung bleiben. Gümbel widerspricht Wiedigs positiver Auslegung. 55 000 Mark seien ein großer Unterschied, denn schon "wenige Tausend Mark Umsatz pro Mitarbeiter lassen das Ergebnis plötzlich umspringen. Bei einer Umsatzrendite von drei bis vier Prozent reagiert das Zünglein an der Waage sehr sensibel."

Der Analyst rät zu empfindlichen Schnitten; ein radikaler Personalabbau von den momentan 51 700 Mitarbeitern sei unbedingt angezeigt: "Bei dem heutigen Geschäftsumfang muß das Unternehmen in zwei Jahren auf ungefähr 40 000 runter." Dadurch, meint er, würden nicht nur die Kosten reduziert, sondern auch die"Reaktionszeit in einigen Bereichen". Es wären dann weniger Leute da, "die sich gegenseitig behindern können". Auch Adler empfiehlt der SNI, künftig mit einer kürzeren Gehaltsliste auszukommen.

Wiedig geht von einem zweistelligen Umsatzwachstum im laufenden Geschäftsjahr und einen annähernd gleichbleibenden Beschäftigungsstand aus. Nach Beendigung der laufenden Kürzungen, zum Beispiel um 300 Stellen im Werk Poing bei München, soll die SNI-Payroll zirka 50 500 Mitarbeiter aufweisen. Auf jeden Fall aber, so der Vorstandsvorsitzende, werde auch das Jahr 1991/92 "noch im Zeichen des Zusammenschlusses" stehen.

Er erneuerte das Bekenntnis zur Verpflichtung gegenüber den Kunden aller Rechner- und Softwarewelten. Das Comet-Nachfolgepaket ALX etwa werde auf jeden Fall zur Marktreife entwickelt. Vermutungen, es könne der R/3-Kooperation mit SAP zum Opfer fallen, wies Wiedig erneut zurück. Beide Produkte würden "sauber zueinander positioniert" werden: ALX für den Mittelstand, R/3 für Großanwender. Adler hat an dieser Aussage keinen Zweifel. Zwar hält er es für möglich, daß R/3 irgendwann für den Mittelstand weiterentwickelt werden könne, aber das sei"zeitlich weit weg". Dennoch vermißt der Diebold-Chef eine klare "Kommunikation der zu erwartenden Produktlinien gegenüber den Kunden".

Gartner Groups Gümbel empfiehlt dem Unternehmen, noch einige Lektionen zu lernen: Die Sanierung müßte, so sein Rat, deutlich nachdrücklicher und schneller betrieben werden. "Es reicht nicht zu erkennen, was getan werden muß, sondern man muß auch wissen, wieviel Zeit man dafür hat. SNI hat die Grimmigkeit der Zeitkomponente nicht erkannt."

Um ein "Konzept für die Quadratur des Kreises zu liefern", einerseits also betriebswirtschaftlich zu konsolidieren und andererseits mit Marketing-Mitteln zu expandieren, blieben nicht mehr als vier Jahre. Der Kräfteverfall der europäischen DV-Industrie in einem Heimmarkt, der für außereuropäische Anbieter "wie ein Magnet" wirke ,lasse der SNI folgende Alternativen: Entweder stehe das Unternehmen "nach fünf Jahren sicher da oder es ist übergabereif geschossen, von sich selbst und vom Markt". Die erste Chance sei bereits vertan worden.