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05.02.1988 - 

Trotz vieler positiver Veränderungen für den Programmierer:

Expertenstreit um neuen Fortran-8x-Standard

Die Forderung, die Investitionen der Anwender auch in Zukunft zu sichern, bestimmt derzeit die Diskussionen um den neuen Fortran-Standard. Denn obwohl die neue Version mit Fortran 77 kompatibel ist, steht jetzt schon fest, daß bei einem nächsten Standard bestimmte Sprachelemente wegfallen werden. Mit Inkompatibilitäten, so die Experten, ist dann allemal zu rechnen.

Als eine Kompromißlösung betrachtet Hermann Luttermann, stellvertretender Direktor des Regionalen Rechenzentrums an der Universität Hannover, den neuen Standardvorschlag. Er spricht damit die Einteilung bestimmter Sprachelemente in die Kategorien "obsolescent" und "deprecated" an: So ist zwar kein Element aus Fortran 77 eliminiert; doch wird der Programmierer darauf hingewiesen, bei Neuentwicklungen die obsoleten Features nicht mehr zu verwenden. "Man kann damit rechnen, daß bei einem nächsten Standard, also Fortran 9y, diese Sprachelemente wegfallen", prophezeit Luttermann.

Anwender sollen auf alten Compiler nicht verzichten

Gerhard Schmitt, zuständiger Vertreter des österreichischen Normungsinstituts für Programmiersprachen, Wien, ergänzt: "Die alten, zum Teil noch in Fortran 66 geschriebenen Programme werden zwar unter Fortran 8x laufen, doch kommt es dann bei einer weiteren Entwicklung des Standards mit Sicherheit zu Inkompatibilitäten."

Bei fast allen Anwendern berührt aber gerade dieses Thema einen wunden Punkt: Sie wollen ihre Software-Investitionen auch in Zukunft gesichert sehen: "Allein die Entwicklungszeit", weiß Uwe Harms, Berater für Supercomputing bei der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG) in Ottobrunn, "beträgt schon -zig Mannjahre. Wir können unsere Anwendungen nicht so ohne weiteres wegwerfen."

Zudem müsse seiner Meinung nach auch berücksichtigt werden, wie konservativ die Leute im technisch-wissenschaftlichen Bereich seien, wenn sie sich einmal an etwas gewöhnt hätten. Harms: "Der Aufschrei wird dementsprechend groß sein, falls der alte Fortran-77-Compiler nicht mehr zur Verfügung steht."

Auf "Inkompatibilitäten" weist auch die IBM hin, neben DEC vehementester Gegner des neuen Standards. So wurde - zumindest in den Vereinigten Staaten - den IBM-Kunden mitgeteilt, daß es schon mit Fortran 8x zu Inkompatibilitäten komme. "Tatsache ist aber, daß dies erst in einem Zeitraum von 15 bis 20 Jahren der Fall sein wird", kommentiert Schmitt. Die IBM erwecke, so der österreichische Fortran-Spezialist, bei den Anwendern einen falschen Eindruck.

Der Hauptgrund für die Kritik des Mainframe-Herstellers an der vorgeschlagenen Version liegt aber nicht so sehr an den einzelnen neuen Features. Beanstandet wird vielmehr, daß Fortran 8x zu komplex sei. Es handle sich um eine "neue" Sprache und nicht um eine überarbeitete Version von Fortran 77.

Einige Hersteller sind gegen die neue Version

Big Blue schlägt deshalb vor, den 8x-Standard in zwei Sprachen aufzuteilen: Zum einen sollte das neue Fortran alle Attribute von Fortran 77 umfassen und die Benutzerinvestitionen in bestehende Programme schützen. Zum anderen könnte der restliche Teil von Fortran 8x in einer Art technischem Report zusammengefaßt werden. Dies ermögliche laut IBM, Erfahrungen mit der Implementation, dem Testen und der Evaluation zu sammeln.

Schmitt reiht jedoch die IBM-Stellungnahme in die Kategorie "eigennützig" ein: "Schon mit Fortran 77 hatte die IBM enorme Schwierigkeiten, einen von funktionsfähigen Compiler herauszubringen." Er glaubt eher daran, daß bei dem Entschluß Kostengründe eine entscheidende Rolle spielten.

Die Probleme von DEC, sich mit der neuen Version anzufreunden, erklärt Schmitt damit, daß in dem Fortran-77-Compiler des Mini-Marktführers schon ein Großteil der noch diskutierten Features implementiert sei: "Ein neuer Standard, der nur ein bißchen neben oder über dem Fortran-77-Compiler arbeitet, erfordert von DEC essentielle Änderungen." Viele bestehende Programme, die nicht dem offiziellen, sondern der DEC-eigenen Version entsprächen, müßten somit geändert werden.

Doch nicht nur auf die Anbieter kommen einige Probleme zu. Bei den Anwendern, darin sind sich die Experten einig, wird es durch den neuen Standard zu Akzeptanzschwierigkeiten kommen - schon allein deshalb, weil Fortran eben schon relativ lange auf dem Markt ist. "Die Programmierer der alten Schule werden

die neuen Sprachelemente nicht so ohne weiteres annehmen", vermutet Harms. Er schlägt aus diesem Grund vor, die Ausbildung für Fortran 8x zu forcieren, um insbesondere die Vektorsprachelemente optimal nutzen zu können. "Denn es wird sehr viel Zeit vergehen, bis die Vorteile von Fortran 8x genutzt werden."

Dieser Meinung schließt sich auch Christian Weber, Hauptgruppenleiter für Fortran bei der Siemens AG in München, an. Besonders positiv wertet er die neuen Möglichkeiten der strukturierten und modularen Programmierung. Hier sei der künftige Standard revolutionär und für nicht professionelle Programmierer, wie es bei Fortran üblich ist, gewöhnungsbedürftig. Weber: "Die bisherige unsaubere Programmierung mit Fortran ist nicht mehr erwünscht."

Im Interesse der Siemens-Kunden erhofft sich Weber allerdings weitere Verbesserungen des Standardvorschlages. So sollten dem gegenwärtigen Proposal noch die Datentypen Bit, Pointer und insbesondere Zeichenketten mit variabler Länge, die zum Teil nicht einmal im Anhang zur Diskussion stehen, hinzugefügt werden. "Wir haben uns zwar über den DIN-Arbeitskreis bemüht, daß diese Features mit aufgenommen werden - bisher jedoch ohne Erfolg", klagt der Hauptgruppenleiter.

Weber setzt jetzt auf die Kommentare, die noch bis zum 23. Februar an das X3J3-Komitee des American National Standards Institute (ANSI) geschickt werden können.

Was nach Ablauf dieses Termins noch an dem Fortran-8x-Vorschlag geändert werden kann, ist derzeit offen. Ausschlaggebend dafür dürfte laut Weber sein, wie viele Einsprüche zu einem bestimmten Kritikpunkt eingehen. "Wenn dies allerdings eine erhebliche Verzögerung mit sich bringt und der Standardisierungsprozeß wieder von vorne anfängt", so Weber, "verzichte ich gerne auf die erwünschten Features."

Denn eines liegt allen, sowohl den Kritikern als auch den Fürsprechern am Herzen: Der Zeitrahmen darf nicht mehr gesprengt werden. Schon jetzt sei man mit Fortran 8x relativ spät dran, und eine Wiederauflage verzögere die endgültige Veröffentlichung um mindestens ein Jahr.