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19.04.1985 - 

Britische Elektronik-Industrie kommt auf keinen grünen Zweig

Fachkräftemangel kann zur Katastrophe führen

Die britische Elektronik-Industrie befindet sich in einer Talsohle. Sie leidet unter den Folgen der Rezession sowie unter dem Mangel an qualifizierten DV-Fachkräften. Der einzige Lichtblick: Immer mehr ausländische DV-Unternehmen lassen sich auf den Britischen Inseln nieder. Tom Rowland, Chefreporter der Electronic Times, beschreibt die Situation des DV-Marktes.

Die britische Elektronik- Industrie kann keine guten Geschäftsergebnisse vorweisen. Produkte aus Fernost haben die einheimische Ware verdrängt, der Umsatz ist rückläufig.

Damit die Revolution in der Mikroelektronik nicht spurlos an ihnen vorübergeht, wurden die englischen Unternehmen angewiesen, die wesentlichen Elektronikbauteile zu importieren.

Es mutet wie Ironie an, daß gerade dieser Industriezweig in den letzten Jahren, als die Elektronik sich immer mehr durchsetzte, kaum zur Wachstums- und Wohlstandsoptimierung in Großbritannien beigetragen hat. Das soll aber noch lange kein Grund zur Resignation sein.

Denn in Großbritannien läßt sich auch heutzutage im Elektronikbereich Geld verdienen. Einschränkend muß jedoch gesagt werden, daß sich der gesamte Sektor nicht gerade mit Höchstgeschwindigkeit entwickelt. Neben Branchen, die als nahezu "katastrophal" bezeichnet werden können, gibt es unbestritten einige kleine Wachstumssegmente. Die Feststellung, daß sich die Struktur der Elektronikindustrie in den letzten Jahren erheblich gewandelt hat, ist in diesem Zusammenhang jedoch wichtiger.

Während in den Nachkriegsjahren viele große britische Unternehmen von der allgemeinen Entwicklung zur Großserienfertigung hin von Produkten der Unterhaltungselektronik profitieren konnten, ist dies heute kaum mehr denkbar. Junge, erfolgreiche Firmen etablieren sich heute in spezialisierten Marktnischen, während die Fertigungsbetriebe der großen Unternehmen zumeist Niederlassungen ausländischer Konzerne sind: Hitachi in South Wales (das japanische Unternehmen hat erst kürzlich seine Verbindungen zu GEC abgebrochen), STC, woran ITT einen Anteil von 35 Prozent hat, sowie NEC, Burroughs und Motorola sind nur einige von vielen.

Briten leiden stark unter der Rezession

Das eigentliche Problem liegt darin, daß momentan weder die kleinen, dynamischen Unternehmen Englands auf ihren spezialisierten Märkten noch die ausländischen Produktionsstätten in Großbritannien den Rückgang der traditionellen Branchen der britischen Industrie wettmachen können. Allerdings sind Anzeichen einer solchen Entwicklung wenigstens zu erkennen.

Darüber hinaus wurde die britische Elektronikindustrie genauso stark von der Rezession betroffen wie die traditionellen Industriesektoren. Über Themen wie Folgen, Dauer und Ausmaß der Rezession kann man unendlich lange diskutieren, ohne je zu einer Einigung zu kommen. In einem Punkt jedoch wird man sich schnell einig: In Großbritannien war es - manche meinen sogar, daß es jetzt noch so ist - besonders schlimm.

Trotz des Anstiegs der arbeitenden Bevölkerung sank in Großbritannien die Zahl der Vollbeschäftigten zwischen 1976 und 1982 um fast zwei Millionen. Ähnliche Rückgänge der Beschäftigtenzahl in anderen europäischen Ländern waren vergleichsweise weniger dramatisch, aber dennoch gab es dieses Problem im gesamten EG-Bereich. Viele, die ihren Arbeitsplatz in dieser Zeit der Rezession verloren hatten, machten die Integration der Elektronik in Produktionsprozesse dafür verantwortlich Einige von ihnen mögen recht haben. Andererseits hat sich aber die Struktur der Beschäftigten seit Kriegsende in Großbritannien grundlegend geändert.

Dabei hat sich insbesondere ein Wandel von der Fertigungsindustrie hin zur Dienstleistungsindustrie vollzogen. Besonders in der Fertigungsindustrie verloren vor allem ungelernte Arbeiter durch moderne Produktionsverfahren ihren Job.

Doch die neue Technologie, die diese Arbeitsplätze überflüssig machte, hat keine neuen geschaffen - zumindest in Großbritannien.

Im Dienstleistungsbereich sind dagegen neue Arbeitsplätze entstanden. Qualifizierte Kräfte arbeiten mit den neuen Technologien. Allerdings reicht dies nicht aus, um die Zahl der in anderen Bereichen verlorengegangenen Arbeitsplätze wirkungsvoll anzugleichen.

Regierung Thatcher täuscht Wachstumsgesellschaft vor

Es ist relativ einfach, die wirtschaftliche Position Englands heute in Frage zu stellen. Natürlich unterscheidet sie sich deutlich von dem Bild, das die britische Regierung von einer mit den modernsten Technologien gesegneten Wachstumsgesellschaft darzustellen versucht. Doch vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Rückgangs (der die Elektronikindustrie genauso betrifft wie alle anderen Industriezweige) kann man nach wie vor nur spekulieren, in welchen Technologie-Bereichen ein Aufschwung kommen wird.

Fest steht, daß ein Aufwärtstrend eher im Bereich der Anwendung neuer Technologien und in der Dienstleistung als bei der Herstellung von Produkten erkennbar ist.

Bei den Unternehmen, die in den vergangenen Jahren aus dem Boden

geschossen sind, handelt es sich hauptsächlich um Software- und Beratungsfirmen.

Einige kleinere High-Tech-Unternehmen siedeln sich neuerdings mit Vorliebe in sogenannten Technologieparks an, die in der Nähe von ein oder zwei Universitäten und technischen Hochschulen eingerichtet wurden. Neue Untersuchungen ließen jedoch Zweifel aufkommen, ob beide Seiten aus ihrer geografischen Nähe tatsächlich Nutzen ziehen. Einer der Vorteile soll darin liegen, diplomierte Nachwuchskräfte direkt vom jeweiligen akademischen Institut weg engagieren zu können. Es ist allerdings zweifelhaft, ob sich irgendwelche Beziehungen zu Firmen nur wegen der geografischen Nahe einfacher entwickeln.

Unterstützung für "Entwicklungsgebiete"

Große multinational operierende Unternehmen haben sich dazu entschlossen, ihren Weg alleine zu gehen. Viele von ihnen wurden durch die vielfältigen finanziellen Anreize zur Ansiedlung in wirtschaftlich schwach strukturierten Gebieten Großbritanniens bewogen.

In diesem Fall kann es Regierungszuschüsse bis zu 22 Prozent des Kapitalaufwands geben.

Dennoch verlegen längst nicht alle multinationalen Unternehmen ihre Standorte in "Entwicklungsgebiete", da diese oft zu sehr abseits vom wirtschaftlichen Geschehen liegen.

Schottland scheint für viele Unternehmen ein attraktiver Standort zu sein: Allein in diesem und im vergangenen Jahr ist es der schottischen Gesellschaft für die Erschließung von Entwicklungsgebieten gelungen, eine Reihe bekannter Unternehmen in Richtung

Highlands zu locken.

Darunter waren der Fertigungsbetrieb für Telekommunikationssysteme von Hewlett- Packard in South Queensferry, die Silikon- Gießerei von Shin-Etsu Handotai und die neue Chip-Produktionsanlage von National Semiconductor Stolz ist man auch auf weitere große Namen im Bereich neuer Technologien wie Faranti, Honeywell, IBM, Sangamo, Racal, Motorola, Philips und Mitsubishi .

Dennoch werden nicht nur in Schottland moderne Technologien entwickelt. Der vom Trinity College ins Leben gerufene Cambridge Science Park ist derzeit wohl das bekannteste und am häufigsten zitierte Beispiel eines Technologie-Parks in Großbritannien. Er liegt rund sechs Kilometer von der Universität entfernt, und seine Benutzer kommen vornehmlich aus Bereichen der angewandten Forschung oder der Leichtindustrie. Eine regelmäßige Einbeziehung wissenschaftlicher Universitäts- Mitarbeiter ist bei vielen Projekten erforderlich. Bei den Unternehmen, die sich in solchen Technologie- Parks etablieren, handelt es sich meist um kleine, aber risikofreudige junge Aufsteiger-Firmen. Abgesehen von den Entwicklungsgebieten konzentriert sich das Gros der Technologie-Ansiedlungen hauptsächlich auf das Gebiet entlang der Autobahn M4. Dieses verhältnismäßig wohlhabende Gebiet zwischen Slough, Swindon und Newburry hat sich aufgrund seines Ansehens als geeigneter Standort für Unternehmen mit großem Bedarf an Elektronikingenieuren sowie an anderem Fachpersonal erwiesen. High-Tech-Unternehmen siedeln sich mit Vorliebe in solchen Technologie- Parks an, weil sie dort auf eine beträchtliche Anzahl schon bestehender ähnlicher Firmen treffen. Darüber hinaus sind die Kommunikationsmöglichkeiten gut, die Büromieten realistisch und die Umgebung bietet Lebensqualität.

Es herrscht großer Mangel an Fachkräften

Aber auch diese bevorzugten Standorte haben ein gemeinsames Problem, das sich zu einem landesweiten ausweiten könnte: der gravierende Mangel an qualifiziertem Personal. Damit verschärft sich die Situation zusehends und könnte Ausmaße annehmen, die Wirtschaftsbelebung Großbritanniens entscheidend hemmen könnten. Erste Prognosen über die Quote der Hochschulabsolventen Ende der 80er Jahre sind bedenklich. Es zeichnet sich ein nachhaltiger Rückgang der Studentenzahlen im technischen Bereich ab. Die Rezession hat sich ohnehin sehr negativ auf den Ausbildungsbereich ausgewirkt, und jüngste Regierungsmaßnahmen im Hochschulbereich schränken das Angebot für Absolventen der technischen Fächer noch weiter ein. Die derzeit größte Sorge ist, daß bei einem wirtschaftlichen Aufschwung nicht genügend Fachkräfte verfügbar sein werden.

Qualifizierte Mitarbeiter werden abgeworben

Bei STC-Components hat man sich erst kürzlich besorgt über den Fachkräftemangel geäußert. Das Unternehmen baut derzeit im Werk Foots Cray nahe Sidcup in den Außenbezirken von Creater London eine neue Fertigungsanlage für Chips. Sie soll Ende nächsten Jahres in Betrieb genommen werden, was jedoch die Neueinstellung rund 500 weiterer qualifizierter Mitarbeiter erfordern würde. Es dürfte nach Meinung von STC aber ein Problem werden, in diesem Zeitraum so viele Fachkräfte zu finden. Die Folge wird demnach sein, daß nur über das Lockmittel entsprechend höherer Löhne Personal von

anderen Firmen abgeworben werden kann. Doch damit wird das eigentliche Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben. Ein anderes Großunternehmen in Kent ist sogar so

weit gegangen Studenten der technischen Richtung zusätzlich finanzielle Unterstützung zu gewähren und ihnen zudem bei erfolgreichem Studienabschluß einen Arbeitsplatz zu garantieren

In einem Bericht des im April 1984 ins Untersuchung des Fachkraftemangels (Skills Shortage Committee) lautet die Prognose: Die neun größten britischen Elektronikfirmen werden 1989 einen Fachkräfte-Bedarf von 6231 Hochschulabsolventen haben. Dies bedeutet einen Zuwachs von 54 Prozent gegenüber den 1984 gesuchten 4047 Fachkräften.

Britische Insel zieht ausländische Unternehmen an

Trotz dieser Probleme ist Großbritannien nach wie vor ein gefragtes Land für Zweigniederlassungen amerikanischer, europäischer und japanischer Hersteller der Elektronik-Branche. Anfang dieses Jahres kündigten allein in einer Woche drei amerikanischer Unternehmen Betriebsgründungen an. Diese Entscheidung dürfte mehr als 300 Arbeitsplätze in England und Irland schaffen. Es handelt sich um den in Massachusetts ansässigen Hersteller von automatischen Prüfausrüstungen LTX, des weiteren um Emulex aus Kalifornien und schließlich um Elfab Texas.

Die Briten stehen somit vor einem nahezu unlösbaren Problem: Wie in allen größeren Industrieländern der Welt hat man hier eine hohe Arbeitslosenquote zu verzeichne.

Zu wenig Geld für den Ausbildungsbereich

Gleichzeitig besteht aber ein Mangel an qualifiziertem Personal. Die Regierung wünscht sich zwar einen rapiden Aufschwung im Elektronikbereich und bietet Neulingen auf dem Markt finanzielle Anreize. Sie ist auch gewillt etablierte Firmen bei der Umstellung ihrer Produktionsverfahren zu unterstützen, weigert sich jedoch, größere Mittel für Ausbildungseinrichtungen zu bewilligen. Und schließlich wird diese Situation noch dadurch paradoxer, daß große multinationale Unternehmen nach wie vor - trotz aller offensichtlicher Nachteile - in Großbritannien neue Betriebe gründen. Die Frage nach dem Warum drängt sich unwillkürlich auf. Trotz allem kann Großbritannien einige Vorteile bieten: So herrscht eine politische Stabilität, in bezug auf Kapitalrückführung gibt es keine Beschränkungen und außerdem ist Großbritannien Mitglied der EG.

Dazu kommt die geografische Lage der Insel, die ein idealer Mittelpunkt zwischen den USA und den übrigen Länden der Welt ist. Auch sind Großbritanniens Kommunikationsverbindungen zu anderen Ländern ausgezeichnet. Ihre Handelsbeziehungen zu anderen Ländern bezeichnen die Engländer als die "besten der Welt".

Es läßt sich nur hoffen, daß die vielen ausländischen Elektronik-Unternehmen dazu beitragen, daß sich die britische DV-Industrie von ihrer jetzigen Talfahrt erholt und zu einer treibenden Kraft des wirtschaftliche Aufschwungs wird.