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02.02.1990 - 

Geplanter Nixdorf-Kauf im Spiegel der Presse

Fazit: Deal wäre wichtig für die Siemens-Datentechnik

Pünktlich zum Beginn des neuen Jahrzehnts kam die Meldung, daß Siemens den angeschlagenen Nixdorf-Konzern geschluckt hat - ein Vorgang, der nicht nur von der DV-Fachwelt interessiert beobachtet wurde, sondern die gesamte Wirtschafts-Szene der Bundesrepublik und Europas beschäftigte. Sozusagen als Nachlese zum Siemens-Nixdorf-Deal haben wir Auszüge aus einigen Artikeln zusammengestellt, die sich mit dem Thema befaßten.

Breitem Raum widmete die in Düsseldorf erscheinende "Wirtschaftswoche" der deutschen Computerhersteller-Fusion:

Tatsächlich wertet der Nixdorf-Deal ein Geschäftsfeld auf, das nicht gerade zu den stärksten der Münchner zählt. Bislang, wertet der Finanzanalyst Adrian Brundrett von der Bank in Liechtenstein (Frankfurt), sei das Unternehmen "eher eines unter vielen im Mittelfeld der Branche gewesen".

Zahlreiche Schlüsselkomponenten für ihre Systeme lassen sich die Münchner zuliefern. Supercomputer beispielsweise beziehen sie vom japanischen Elektronikriesen Fujitsu, Prozessoren für ihre Kleinrechner kaufen sie von der US-Firma Mips Computer Systems Inc. Größtes Manko: Die Informatikspezialisten aus München sind bislang stark auf den deutschen Markt konzentriert.

Der Erfolg der EDV-Sparte war deshalb zuletzt hinter den Gesamtresultaten des Unternehmens zurückgeblieben. Während die meisten Siemens-Geschäftsfelder im letzten Jahr zweistellige Umsatzzuwächse erzielen konnten, legte der Computersektor lediglich um knapp vier Prozent zu. ...

Einen nennenswerten Schub erhält die EDV-Sparte des Konzerns erst jetzt mit dem Einstieg bei Nixdorf. Willkommen ist den Münchnern etwa die mittlere Datentechnik der Paderborner, die das auf Großcomputer ausgerichtete Siemens-Produktspektrum nach unten abrundet.

In der Theorie könnte das am ehesten im Geschäft mit Banken funktionieren, wo Siemens seine Stärken hinter den Schaltern entfaltet. Schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Mainframes (Zentralrechner), die in deutschen Banken installiert sind, tragen das Siemens-Logo und arbeiten mit der bewährten Standardsoftware "Cordoba".

Vor den Schaltern dagegen ist Nixdorf stark vertreten, mit Geldauszahlungsautomaten beispielsweise oder computergestützter Kontoführung: Mittlere Datentechnik - eine traditionelle Nixdorf-Domäne. Über entsprechende Kommunikationsschnittstellen sind Siemens- und Nixdorf-Geräte miteinander verbunden. Ist das der Gleichklang, die zu Maschinen gestanzte Synergie? Das könnte so schön sein, wenn nicht auch Siemens konkurrierende Frontoffice-Produkte anböte. Den Nixdorf-eigenen Targon-Rechnern stehen nämlich die MX-Rechner von Siemens gegenüber, mit wachsendem Erfolg. Die Fortüne der Siemens-Mannschaft in diesem mittleren Segment hat die Marktbeobachter immer wieder zu Korrekturen ihrer Prognosen nach oben veranlaßt. Schon wittern aufgeschreckte Nixdorf-Mitarbeiter für sich die Gefahr, daß vieles, was sie für Banken bisher entwickelt und vertrieben haben demnächst kurzerhand vom Markt gefegt wird.

Zugriff erhält Siemens jedenfalls auf die gut ausgebauten europäischen Vertriebskanäle der Paderborner sowie auf eine 4000 Köpfe starke Programmierer-Mannschaft. Das Team kommt dem Multi wie gerufen, der dringend zusätzliche Anwendungssoftware für seine Computersysteme braucht. ...

Die "Frankfurter Rundschau" machte sich Gedanken über mögliche Folgen für die Beschäftigten beider Unternehmen und kartellrechtliche Probleme:

Von der beabsichtigten Fusion, die letztlich durch den Niedergang des einstigen Stars der hiesigen Industrie erzwungen wurde, versprechen sich die Partner gute Chancen, "bedeutende Synergiepotentiale zu erschließen". Diese Formulierung schreckt die Beschäftigten auf, zumal in der Mitteilung beider Firmen auch betont wird, Nixdorf werde die eingeleiteten Schritte zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit fortsetzen. Der Konzernbetriebsrat der Paderborner rechnet "in beiden Unternehmen mit erheblichen Veränderungen bis hin zum Personalabbau". ...

Ob der Deal allerdings überhaupt zustande kommt, hängt entscheidend von den Wettbewerbshütern ab. Beobachter der Computerszene verweisen auf "beachtliche Marktanteile" von Siemens und Nixdorf im Inland. Andererseits liegt auf der Hand, daß die Aufseher gerade bei diesem Fusionsfall wegen der internationalen Ausrichtung der Branche den Weltmarkt ins Kalkül ziehen müssen. Daß Nixdorf sanierungsbedürftig ist, spielt dagegen laut Kartellgesetz keine Rolle.

Mit dem kartellrechtlichen Aspekt befaßte sich auch die alternative Berliner "tageszeitung", allerdings aus europäischer Sicht:

Für das Bundeskartellamt ist die Übernahme Nixdorfs durch Siemens vielleicht der letzte Fall einer Großfusion, den die Behörde noch nach altem Recht und alter Zuständigkeit prüfen darf. Ab Herbst liegt die Zuständigkeit für die Anmeldung bei der EG-Kommission in Brüssel nachdem sich die zwölf Fachminister am 21. Dezember letzten Jahres doch noch auf eine einheitliche Kontrolle von Großfusionen im Binnenmarkt haben einigen können. ...

Interessant ist allerdings, daß, wenn Brüssel jetzt schon entscheiden dürfte, mit dem Fall Siemens/Nixdorf gleich eine Art Vorbehaltsklausel greifen könnte, deren Einbau in die EG-Fusionskontrolle die bundesdeutsche Verhandlungsdelegation noch hat durchsetzen können: die der nationalen Restkompetenz. Sie bedeutet, daß eine nationale Prüfbehörde, in diesem Fall das Bundeskartellamt, bei der Kommission darauf aufmerksam macht, daß der Wettbewerb im nationalen (Teil-) Markt gefährdet sein könnte. Ist die Kommission nicht dieser Ansicht, die nationale Behörde aber doch, muß der Fall vor dem Europäischen Gerichtshof ausgetragen werden.

Das Hamburger Magazin "Der Spiegel" analysierte mögliche Folgen, die sich für den neuen Computer-Konzern Siemens-Nixdorf ergeben könnten:

Mit dem Rettungsvertrag für Nixdorf endet ein ganz besonderes Kapitel deutscher Unternehmergeschichte. Die Paderborner Firma galt jahrelang als eines der Renommierstücke deutscher Tüchtigkeit. Nixdorf diente oft als Beleg dafür, daß selbst unter der Vorherrschaft großer Industrie-Riesen noch Raum für findige Aufsteiger ist.

Doch das Unternehmen Nixdorf ist auch in seinem Abstieg exemplarisch - kein anderer Familienkonzern stürzte so jäh ab. Nach drei Jahrzehnten erstaunlichen Wachstums bei Umsatz und Ertrag dauerte es nur drei Jahre bis zum freien Fall. ...

Der Markt ist mittlerweile so eng geworden, daß in Europa allenfalls noch ein halbes Dutzend Anbieter überleben werden. Siemens gehört mit Sicherheit dazu - nicht zuletzt dank der Neuerwerbung.

Selten ergänzen sich bei einer Fusion die Produktionsprogramme so optimal. Siemens fehlt im Rechnerprogramm die mittlere Linie, bei der Nixdorf einen Marktanteil von immerhin rund 27 Prozent hält.

Auch bei der Kundschaft schließt Siemens mit der Akquisition eine Lücke. Nixdorf bedient vor allem Stammkunden im Bereich Handel, Banken und Versicherungen. Siemens, stark bei Großrechnern, dominiert dagegen in der Industrie und bei Aufträgen der öffentlichen Hand.

Die "Schuldigen" am Niedergang der Nixdorf AG versuchte der Informationsdienst "Infomarkt" auszumachen:

Mit seinem starrsinnigen Konzept, in der Stunde der Not an Luft festzuhalten und nicht den Kutscher auszuwechseln, hat der Essener Rechtsanwalt und Notar [Dr. Gerhard Schmidt] letztendlich erheblich dazu beigetragen, der Nixdorf-Familie einen Bärendienst zu

erweisen. ...

Aber es ist ungerecht, die Schuldzuweisungen allein auf das Management und das Aufsichtsgremium der Nixdorf Computer AG zu begrenzen. Firmengründer Heinz Nixdorf, so groß seine Verdienste um das Unternehmen und die deutsche EDV-Industrie auch gewesen sein mögen, hat bereits zu Lebzeiten verschiedene Weichen falsch gestellt, so daß einige Züge auf dem Abstellgleis landeten. So ist es wohl eine besondere Ironie des Schicksals, daß ausgerechnet er, der einst die Datenverarbeitung mit seinen Abteilungsrechnern dezentralisierte, die Demokratisierung der EDV durch die Personalcomputer hartnäckig ignorierte.

In der Wochenzeitung "Die Zeit" bewertete Karl-Heinz Büschemann den Einfluß des Siemens-Vorstandsvorsitzenden Karlheinz Kaske auf den Deal:

Und ausgerechnet Kaske, der eher schwerfällig und hölzern wirkt, hat es geschafft, den lange wegen seiner Behäbigkeit kritisierten Elektrokonzern in einen relativ modern agierenden Betrieb zu verwandeln. ...

Kaske war es auch, der in die volle Kasse griff und Milliarden für einen Bereich ausgab, der längst verloren schien. Der Markt für Computerchips drohte von der japanischen Konkurrenz beherrscht zu werden. Mittlerweile haben die Münchner, die einst bei der Entwicklung der elektronischen Bauelemente den fernöstlichen Wettbewerbern um drei bis vier Jahre hinterherhinkten, deren Vorsprung schon fast aufgeholt. Vor allem aber entwickelte das Unternehmen unter Kaske eine ganz neue Gefräßigkeit. Seit 1985 stehen spektakuläre internationale Firmenaufkäufe auf dem Programm. Während der Daimler Konzern in den zurückliegenden Jahren mit Dornier, MTU, AEG und MBB nur deutsche Firmen schluckte und dazu auch noch oft die tatkräftige Mithilfe von Politikern brauchte, ging Kaske ganz andere Wege. Er macht den biederen deutschen Elektrokonzern nach und nach zu einem transnationalen Multi. ...

Mit der Übernahme des Familienunternehmens Nixdorf überraschte Kaske erneut erst vor wenigen Tagen. Mit dem Coup hängte er Interessenten wie Mannesmann, den amerikanischen Konzern AT&T oder Hitachi ab. Meldet das Kartellamt keine Bedenken an, wird der Telephongigant dann auch im Computergeschäft die Nummer eins in der Bundesrepublik. Er schlägt damit selbst den mächtigen Rivalen IBM - jedenfalls erst einmal auf dem heimischen Markt.

Wie man im Nachbarland Schweiz die Lage sieht, schildert unsere Schwesterzeitung "Computerworld Schweiz":

Hubert Huschke, EDV-Chef der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), reagierte gelassen auf den neuen Konzern. Er hält das finanzielle Rückgrat von Siemens, gepaart mit der Dynamik eines entschlackten Nixdorf-Betriebs, für eine ideale Mischung. Der Wechsel komme zur richtigen Zeit: Gerade als Nixdorf durch eine Führungsschwäche unwiederbringlich wichtige Entwicklungsarbeiten in Richtung Unix, offene Systeme und LAN versäumt hatte, sei Siemens mit ihrem Know-how zur Stelle gewesen.

Bei coop Schweiz, die der Nixdorf Schweiz den jüngsten Großauftrag - ein POS-Scanning-System für rund 50 Millionen Franken - bescherte, ließ man sich von der brodelnden Gerüchtebörse nicht beeinflussen. Im Gegensatz zum öffentlichen Ablenkungsmanöver informierte der Paderborner Konzernvorstand laut Jörg Berner, EDV-Verantwortlicher bei coop, die Basler schon im Dezember, daß als allfälliger Käufer von Nixdorf nur ein deutsches Unternehmen in Frage käme. Im weiteren garantierte Nixdorf Kontinuität in der Software-Entwicklung und in der Wartung.