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25.01.1991

FDDI gefährdet heute weder Ethernet noch den Token-Ring

Dipl.-Math. Erich Rösch, Leiter des Geschäftsbereichs Telecom bei der SCS Informationstechnik GmbH.

Mit dem "Fibre Distributed Data Interface" (FDDI) als neuem Standard für ein 100 Mbit-Hochleistungsnetz hat sich die verwirrende Vielfalt an verschiedenen Entwicklungen, Technologien und Standards im Networking-Markt noch weiter erhöht. Marktauguren prognostizieren für diesen neuen Standard zum Teil überwältigende Wachstumschancen. Da heißt es bei den Beobachtern, daß FDDI gerade zur rechten Zeit seine Marktreife erreicht habe, um ein drängendes Anwenderbedürfnis zu befriedigen. Betrachtet man die Teilnehmerzahlen auf dem "FDDI-90"-Kongreß, der vergangenes Jahr zum ersten Mal stattfand, so bestätigen sie zumindest ein sehr großes Interesse an diesem Thema.

Wie erklären sich diese Fakten? Ist FDDI nur ein "Strohfeuer" der Standardisierung, das rasch in den harten Anforderungen des Alltags seine Kraft verliert, oder stellt FDDI vielleicht doch den revolutionären allumfassenden Networking-Standard der Zukunft dar, der Ethernet sowie Token-Ring vergessen lassen und damit die heutigen Investitionen der Unternehmen in diese Netztypen überflüssig machen wird?

Die Antwort auf diese Frage liegt wie immer irgendwo auf dem goldenen Mittelweg der beiden Extreme. Für FDDI läßt sich heute und in der Zukunft zweifellos ein Bedarf am Markt feststellen, andererseits sind auch noch zu viele Fragen in Technik und Einsatz offen, als daß der Standard Ethernet und Token-Ring unmittelbar ablösen könnte.

Beispielsweise ist die Basisstandardisierung von FDDI, das heißt die grundlegende Definition von FDDI auf den beiden unteren Layern des ISO/OSI-Modells, im wichtigen Punkt des Netz-Managements nach wie vor nicht abgeschlossen. Ein weiterer wichtiger Komplex, der noch nicht endgültig geklärt ist, ist die Frage nach den möglichen Kabelmedien für FDDI, das derzeit für Multimode-Fasern ausgelegt ist. Die Deutsche Bundespost Telekom bevorzugt allerdings Monomode-Glasfasern für die öffentliche Vernetzung. Beim Aufbau Campus-übergreifender FDDI-Netze sind die Netzplaner deshalb gezwungen, sich mit dem Medium der Telekom auseinanderzusetzen und eine entsprechende Lösung zu finden. Für die Vernetzung "inhouse" ist die Verwendung von Twisted-Pair für FDDI

- geschützt oder ungeschützt

- von Bedeutung, bieten doch moderne Verkabelungssysteme dieses Medium als kosteneffiziente Alternative an.

Für ein Unternehmen, das sich für Twisted-Pair als Standard der Inhouse-Verkabelung entschieden hat, könnte dieser Beschluß allerdings zu einer Sackgasse werden, da es FDDI derzeit ohne grundlegende, das heißt kostenintensive, Änderung seiner Verkabelung (von Twisted-Pair zur Glasfaser) nicht nützen kann. Vorschläge, von FDDI auf Twisted-Pair (zum Beispiel von Synoptics) zu gehen, sind derzeit erst in der Diskussionsphase.

Unabhängig von den offenen Punkten in der technischen Auslegung muß man nach den möglichen Einsatzfeldern von FDDI fragen. FDDI ist konzipiert (und mit entsprechenden Produkten bereits auch am Markt verfügbar) für

- den Einsatz als Backbone-Netzwerk,

- für die Back-end-Vernetzung von Großrechnern und Hochleistungsperipherie sowie

- für den Aufbau von Front-end-Netzen, das heißt für die Anbindung von High-Level-Endgeräten an Großrechner und Netzwerk-Server.

Betrachtet man die Situation in den Unternehmen, so läßt sich heute eindeutig ein steigender Bedarf nach Backbone-Netzen feststellen. Die Population an "Medium-Speed"-Netzen wie Ethernet und Token-Ring nimmt laufend zu und verlangt zunehmend eine weitere übergeordnete Vernetzung der "Stand-alone"-LANs in Form eines Backbones. Dazu kommt ein wachsender Trend zu konzernweiten Netzwerken. Hier bietet FDDI mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 100 Mbit und einer Netzausdehnung von 100 Kilometern die geeignete Technologie an.

Ein Unternehmen, das ein entsprechendes Backbone-Netz konzernweit

plant, wird sich mittelfristig mit der Frage konfrontiert sehen, ob es notwendig ist, eigene FDDI-Ringe aufzubauen und zu unterhalten, oder ob es sich der FDDI-Dienstleistungen der DBP Telekom (FDDI-Versuch OPD Darmstadt) beziehungsweise privater Carrier bedienen möchte. Dieses Problem wird vor allem auch durch die Versuche der DBP Telekom mit "Metropolitan Area Networks" als öffentliche Hochgeschwindigkeitsnetze beziehungsweise mit dem geplanten Aufbau des B-ISDN an Brisanz gewinnen.

Im Bereich der Back-end-Vernetzung läßt sich heute weniger ein Bedarf durch die Anwender als vielmehr durch Hersteller feststellen. FDDI kann hier zu einer Technologie für den Aufbau moderner Hochleistungssysteme auf der Basis einer verteilten Architektur werden.

Für den Einsatz von FDDI im Front-end-Bereich lassen sich derzeit einige gewichtige Gegenargumente anführen. So sind nach wie vor (und auch in naher Zukunft) Ethernet und zunehmend Token-Ring (in der IBM-Umgebung) die dominierenden LANs für die Vernetzung von DV-Terminals und PCs. Die Vernetzung der Terminals über FDDI, auch über FDDI-Konzentratoren, wird sich nur schwer rechnen lassen.

DV-Terminals werden zwar mittelfristig durch PCs ersetzt und durch neue Prozessoren immer leistungsfähiger, es ist aber nicht unbedingt sinnvoll, jeden Terminal-Arbeitsplatz mit einem Hochleistungs-PC auszustatten. Zudem sollte auf jeden Fall kritisch geprüft werden, ob ein FDDI-Direktanschluß selbst für einen 486-PC nicht heißt, mit "Kanonen auf Spatzen zu schießen".

Es ist natürlich möglich, PCs über einen FDDI-Konzentrator zu bündeln, um die Anschlußkosten zu senken und eine entsprechende Netzlast zu erzeugen. Allerdings stellt sich dann die Frage, wozu dieser PC-Cluster dient. Bilden die PCs im Cluster eine lokale "Working Group" mit einem hohen Anteil an wechselseitiger Kommunikation, so muß der FDDI-Konzentrator letztlich wie ein PC-LAN a la Novell agieren. Es wird somit eine heute bewährte und ausgefeilte Technik durch eine neue Möglichkeit mit zumindest zweifelhaften Vorteilen ersetzt. Stellen die PCs im Cluster dagegen Endgeräte zum Beispiel für einen entfernten Host dar, so ergibt sich die Konfiguration der "klassischen" DV, die heute jedoch stark angezweifelt wird, das heißt der zentrale Host mit mehr oder minder intelligenten Endgeräten. Die Vorteile dieser Form des Einsatzfalles liegen auch nicht auf der Hand.

Es bieten sich für einen FDDI-DirektanschIuß somit nur noch die (Unix)-Workstations zum Beispiel in RISC-Architektur an. Die Verbreitung dieser Maschinen steigt zwar laufend, ist insgesamt aber noch zu gering, um große FDDI-Front-end-Netze erwarten zu lassen. Es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, daß in Zukunft die PCs durch (Unix)-Workstations verdrängt werden könnten.

FDDI ist somit heute für den Einsatz im Backbone-Bereich prädestiniert, trifft hier vor allem auch die Bedürfnisse der Hersteller. Im Back-end-Sektor bestimmt letztlich die Entscheidung der Hersteller, welche Rolle FDDI dort spielen wird. Im Front-end-Bereich wird der Standard jedenfalls kurzfristig keine große Bedeutung erlangen. Die Gegebenheiten in den Unternehmen sind für einen breiten Bedarf nach Direktanschluß an ein 100-Mbit-FDDI-Netz (noch) nicht gegeben.

Auch für den Einsatz von FDDI-Konzentratoren liegen die Vorteile nicht klar auf der Hand. Mittel- bis langfristig wird sich allerdings mit den steigenden MIPS-Leistungen der PCs und Workstations ein Bedarf nach Übertragungsleistungen im 100-Mbit-Bereich auch im Front-end-Bereich aufbauen, den Ethernet und Token-Ring nicht mehr befriedigen. FDDI wird sich dann zum Standard-LAN für die unmittelbare Vernetzung entwickeln, im Backbone-Bereich wird es neue Hochleistungsnetze mit Geschwindigkeiten im Gbit-Bereich geben.

Mit FDDI ist eine neue Qualität im Networking gegeben, die durchaus ihren sinnvollen Einsatz finden kann und wird. Eine "Revolution" stellt FDDI allerdings nicht dar, sondern eine logische Weiterentwicklung auf Basis der heute erkennbaren Trends im Networking-Bereich.