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Benutzer beklagen sich über babylonisches Sprachengewirr im Programmiergewerbe:


13.01.1984 - 

Fehlende Normen erschweren Softwarehandling

MÜNCHEN - Fehlende Normen für Softwareprodukte und -begriffe führen zunehmend zur Verunsicherung der Benutzer bei der Auswahl geeigneter Programmpakete. Dem erdrückenden Angebot an Methoden und Werkzeugen entspringen nicht selten Fehlentscheidungen, die immer häufiger in Rechtsstreitigkeiten münden. Sollten die verantwortlichen keine Alternativen ergreifen, kann die derzeitige Situation im Softwaremarkt nach Ansicht von Branchenbeobachtern schon bald in einem Chaos enden.

"Noch nie war der Begriffswirrwarr in der Softwarelandschaft größer als heute", kritisiert Harry Sneed, Geschäftsführer der Münchener Software Engineering Service GmbH, den zunehmenden Wildwuchs an Fachausdrücken, Konzepten und Methoden in der Weichwarebranche. Im Prinzip herrsche völlige Freiheit bei der Vergabe von Begriffen. "Jeder kann doch alles so benennen wie er will", ärgert sich der SES-Chef. Das Angebot an Methoden und Werkzeugen sei an sich schon erdrückend genug und die ohnehin verworrene Situation werde durch die unterschiedliche Verwendung von Begriffen nur noch verschlimmert. Ausdrücke wie "modular" und "strukturiert" würden beliebig benutzt und die Phasen bei der Programmentwicklung überall anders benannt. Was beispielsweise für die einen die Anforderungsspezifikation, sei für andere das Fachkonzept, die Fachinhaltsbeschreibung oder der Anwendungsentwurf. Deshalb hält Sneed zur Lösung des babylonischen Sprachengewirrs - insbesondere auf dem Sektor Softwareengineering - eine Normung oder zumindest eine einheitliche Begriffssammlung für unumgänglich.

In der Tat werden derzeit fehlende Normen oder "normed Standards" zunehmend für Anwender wie Softwarehäuser zum Ärgernis und führen nicht selten nach Abschluß der Programmerstellung zu Rechtsstreitigkeiten. Jedoch sehen sich die Parteien momentan einem faktischen Zwang ausgesetzt, ihre Meinungsverschiedenheiten auf außergerichtlichem Wege zu bereinigen. "Eine grundsätzliche Einigung über Begriffe in der Software besteht nicht", konstatiert Rechtsanwalt Dr. Christoph Zahrnt aus Neckargmünd, "deshalb kann vor Gericht auch keine klare Entscheidung getroffen werden". Denn auch bei detaillierter Anforderungsbeschreibung in den DV-Verträgen könne man anschließend beliebig darüber streiten, wie die einzelnen Begriffe zu interpretieren seien. Für einen Anwalt, der sich mit dem Bereich DV-Vertragsrecht beschäftige, zähle das Kapitel "fehlende Normung" zu den aktuellsten, häufigsten und heikelsten Problemen.

Normen oft unnütz geblockt

In das Tohuwabohu der unterschiedlichen Begriffswelten Ordnung zu bringen, scheint denn auch für Michael Kutschke vom Deutschen Institut für Normung (DIN), Berlin, mit Schwierigkeiten verbunden. "Bei der Software liegt der erste Stolperstein schon im Beschreibungsverfahren", gibt der DIN-Projektleiter für Softwareengineering, Programmiersprachen und Doku-Richtlinien zu bedenken. "Einerseits soll Sprache festgelegt werden, andererseits können wir uns dazu nur des Mittels Sprache bedienen." Hier müsse, so Kutschke, vorher zwangsläufig eine Klärung der Begriffe vorangehen. Zwar sei ein Arbeitsausschuß damit beauftragt, übergeordnete Fachausdrücke zu koordinieren und festzulegen, doch dürfe hier der Mut zur Lücke nicht fehlen. Denn Normung - und das bedeute immerhin eine Festschreibung auf fünf Jahre könne in verschiedenen Bereichen die SW-Entwicklung auch hemmen, da sich Normung und Innovation fast konträr gegenüberstünden.

So prallen denn auch erfahrungsgemäß die Argumente in den Fachgremien nahezu unversöhnlich aufeinander: Während eine Partei für eine schnelle Normung plädiert, damit sich einheitliche Begriffe und Methoden durchsetzen, fordert die andere Gruppe den umgekehrten Weg, um die Kreativität bei der Softwareentwicklung nicht von vornherein einzuschränken.

Einen weiteren Faktor, der dazu beitragen könnte, die Fronten zu verhärten, sieht die Gesellschaft für Informatik e. V. (GI) aus Bonn in der Unternehmenspolitik der involvierten Firmen. Softwarehersteller neigen nämlich dazu", so GI-Geschäftsführer Dr. Hermann Rampacher, "zukünftige Entwicklungen ihrer Produkte und Methoden bei der Normung berücksichtigt zu sehen". Somit würden durchaus vernünftige Schläge nicht selten wider besseren Wissens gezielt abgeblockt oder befürwortet. Darauf beruhe wohl auch die geringe Resonanz, die den Bemühungen der GI auf diesem Sektor bisher entgegengebracht wurde.

Auch Michael Kutschke weiß um das Gerangel der Beteiligten. Es ist in unserer Marktwirtschaft ein legitimes Mittel, kein Interesse an einer Festschreibung zu haben, um sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten." Aber zumindest für den Bereich des Softwareengineerings, so der DIN-Verantwortliche, zögen die Arbeitsgruppen alle am gleichen Strang, wenngleich gerade die Entwicklungsingenieure teilweise von Ideologien geradezu verblendet seien.

Helmut Bender, DV-Leiter der Bertelsmann Datenverarbeitung, Gütersloh, sieht das Konzept der modernen Programmtechnologie durch die fehlenden - Normen gefährdet. Ein Anwender, der von den Softwarehäusern die unterschiedlichsten Wege vorgeschrieben bekomme, trage nicht zur Akzeptanz des Softwareengineering insgesamt bei. Gerade den SW-Herstellern müsse doch daran gelegen sein, daß sowohl innerhalb der eigenen Unternehmung als auch bei den Anwendern das Bewußtsein für diese Ingenieurdisziplin im Bereich der Weichwareproduktion wachse. Diese Forderung korrespondiere mit der Tendenz, das unsinnige Sprachengewirr abzuschaffen und sich auf gleiche Begriffe festzulegen. Eine Übereinkunft käme auch den Seminaren und Kongressen zugute, auf denen die Anwender zur Zeit durch unterschiedlichste Begriffe verwirrt werden.

Auch Großunternehmer ohne Standards

Ähnliche Erfahrungen mit der Akzeptanz machte auch Rudolf van Megen, Geschäftsführer der Gesellschaft für Softwarequalitätssicherung mbH aus Köln: Selbst in großen Unternehmen gebe es bis heute oftmals keine Standards. Die Phasenmodelle seien bei fast allen Firmen unterschiedlich. Auch bei der Größenordnung von 100 bis 150 Entwicklern könne jeder Projektleiter sein Projekt noch gestalten wie er wolle, bemängelt van Megen die uneinheitliche Vorgehensweise. Und es gebe eben gute und schlechte Projektleiter.

Aber auch auf der höchsten Stufe, bei der eine Normung einsetzen könnte, dem fertigen Produkt, gibt es keine einheitlichen Kriterien. Der Leidtragende, so van Megen, sei der Anwender, dem weitgehend das fachliche Know-how zur Beurteilung der Programme fehle.

In diesem Bereich scheint es am einfachsten, potentielle Kunden zu verwirren. So wird nach Meinung von SES-Geschäftsführer Harry Sneed nicht selten ein Entwicklungsrechner mit dem Compiler, einem Texteditor, einem Bibliotheksverwaltungssystem und einigen wenigen grafischen Aufbereitungsmitteln schon als "Softwareproduktionsumgebung" angepriesen. Werkzeuge, die Pseudocode-Steuerungsanweisungen in entsprechende Cobol- oder PL/1-Anweisungen umsetzen, dürften bereits als automatische Programmgeneratoren vermerktet werden. Hier gewinne der Anwender den Eindruck, als würden fertige Programme aus der Maschine geliefert. Jedoch sei das Ergebnis oftmals nur ein mageres Rahmenprogramm ohne Verarbeitungs- und E/A-Anweisungen. Den Rest müsse der Programmierer nach wie vor selbst codieren.

Der Programmierzunft droht angesichts dieses Durcheinanders das Zepter mehr und mehr zu entgleiten. Die in jüngster Zeit immer zahlreicher werdenden Anfragen an die Haftpflichtverbände spiegeln die Unsicherheit in der Branche wider: Die Programmierschmieden wollen das Risiko eines vom Anwender bemängelten Endproduktes, entstanden etwa durch unzureichende Vertragsgestaltung oder Fehlinterpretation der Anforderungsspezifikation, versichern lassen. Doch der Wunsch nach dem sprichwörtlichen Hintertürchen scheitert an den Tatsachen. Kommentiert ein großer deutscher Industrieversicherer. "Die Voraussetzungen hierfür wären Normen für Begriffe und die Qualität der Produkte."