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12.11.1999 - 

Nach der Klage gegen Toshiba

Fehler in Floppy-Controllern kann weltweit auftreten

12.11.1999
MÜNCHEN (wh) - Die juristischen Auseinandersetzungen in den USA um fehlerhafte Controller in Diskettenlaufwerken erschienen so manchem Beobachter übertrieben und beinahe hysterisch. Inzwischen aber ist klar: Das Problem kann weltweit auftreten und läßt sich nicht auf Notebooks von Toshiba eingrenzen. Betroffen können Desktops und Portables nahezu aller Hersteller sein.

Als sich Toshiba vor gut zwei Wochen auf einen außergerichtlichen Vergleich mit zwei US-Kunden einigte, reagierte die Branche mit Erstaunen. Mehr als zwei Milliarden Dollar will der japanische Konzern springen lassen, um Anwender zu besänftigen, die aufgrund eines defekten Diskettenlaufwerk-Controllers in ihren Notebooks theoretisch Daten hätten verlieren können (siehe CW 44/99, Seite 1).

Bemerkenswert dabei: Toshiba bietet seinen Kunden Gutscheine und ein Software-Patch für ein Problem an, das es Unternehmensangaben zufolge gar nicht gibt. Ein Defekt in den Floppy-Contollern existiere nicht, so die ersten offiziellen Verlautbarungen der US-Dependance. Mit dem Vergleich habe man einen Urteilsspruch des Gerichts abwenden wollen, der möglicherweise zu Entschädigungszahlungen in Höhe von mehr als neun Milliarden Dollar hätte führen können.

In einer Pressemitteilung von Toshiba Europe mit Sitz in Neuss ist hingegen von einem "theoretischen Auftreten eines Fehlers beim Betrieb des Diskettenlaufwerks" die Rede. Diesbezüglich sei bislang aber keine einzige Beschwerde bekanntgeworden. Im Gespräch mit der CW erläuterte Dirk Lohmann, Manager Project Engineering Computersysteme bei Toshiba Europe, mögliche Fehlfunktionen. Demzufolge könne ein Defekt zwar nur in bestimmten Konstellationen und beim Zusammentreffen mehrerer Faktoren auftreten (siehe Kasten: "Der Bug im Floppy-Drive"). Datenverluste oder -veränderungen beim Schreiben auf Diskette seien aber abgesehen von den "Libretto"-Rechnern für kein Notebook-Modell Toshibas auszuschließen.

Herstellerangaben zufolge sind weltweit etwa 16,5 Millionen mobile Toshiba-PCs im Einsatz. Nach US-Presseberichten könnten allein in den Vereinigten Staaten mehr als fünf Millionen Geräte mit fehlerhaften Chips bestückt sein.

Daß der vor einem Gericht im texanischen Beaumont behandelte Fall nicht nur Toshiba betrifft, erwies sich nur wenige Tage nach Bekanntwerden des Vergleichs: Die Anwaltsgruppe unter Führung von Wayne Reaud, die schon gegen Toshiba vorgegangen war, reichte ähnlichlautende Klagen gegen die US-Hersteller Compaq, Hewlett-Packard, Packard Bell-NEC, E-Machines sowie die japanische NEC Corp. ein. Die Vorwürfe: Die Anbieter sollen wissentlich Rechner mit fehlerhaften Diskettenlaufwerk-Controllern ausgeliefert haben.

Anders als Toshiba will Compaq die Auseinandersetzung vor Gericht ausfechten. Firmensprecher Alan Hodel erklärte, er sehe darin den Versuch von Trittbrettfahrern, aus einem ähnlichen Vergleich Profit zu schlagen. Nach Ansicht von Prozeßbeobachtern stehen die Chancen der Kläger nach dem Toshiba-Vergleich gar nicht so schlecht. Mit Reaud haben die Anwender jedenfalls einen kampferprobten Juristen auf ihrer Seite.

Er hatte in der Vergangenheit bereits den Bundesstaat Texas vertreten, als es um hohe Schadenersatzklagen gegen Tabakkonzerne ging. Das US-amerikanische Rechtssystem erlaubt es, einem Kläger eine Entschädigung schon aufgrund eines potentiellen zukünftigen Schadens zuzusprechen. In Deutschland muß ein bereits eingetretener Schaden nachgewiesen werden.

Wie das "Wall Street Journal" berichtet, untersucht das US-Justizministerium schon seit Jahren, in welche Rechner die fehlerhaften Chips eingebaut wurden. Beteiligt an den Ermittlungen sei auch die General Services Administration, eine Behörde, die für die US-Regierung IT-Ausrüstung beschafft. Auch die kalifornische Staatsanwaltschaft und Vertreter von mindestens zwei weiteren US-Bundesstaaten haben Ermittlungen eingeleitet, berichtet das Blatt unter Berufung auf mit den Fällen vertraute Quellen.

Im Laufe der Ermittlungen habe sich ergeben, daß in Rechnern von 19 verschiedenen Anbietern, darunter neben Toshiba eine Reihe weiterer Branchengrößen, fehlerhafte Floppy-Controller eingebaut sind. Die Klageschriften waren bis Redaktionsschluß nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. In einem von den Anwälten der Kläger finanzierten Test wies jedes der 200 geprüften Toshiba-Notebooks Anzeichen eines Defekts auf.

Nach den bisher vorliegenden Informationen ist der Fehler auf eine bestimmte Generation von Controller-Chips zurückzuführen, die ursprünglich von NEC und Intel hergestellt wurden. Konkret handelt sich es sich um Komponenten mit der Bezeichnung "U 765" (NEC) und "8272A" (Intel). Toshiba verwendet laut Lohmann für seine Notebooks keinen dieser Bausteine. Statt dessen fertige der Konzern eigene Chips auf Basis des von NEC in Lizenz genommen Mikrocodes.

Nach Lohmanns Aussagen ist nicht auszuschließen, daß andere Rechnerhersteller sowohl in Notebooks als auch in herkömmlichen PCs auch heute noch Bausteine auf Basis des fehlerhaften Mikrocodes einsetzen. Etliche Chiphersteller haben die in Frage stehende Logik zudem in Lizenz genommen oder kopiert.

Marc Pearce, Sprecher der US-amerikanischen NEC Electronics Inc., erklärte gegenüber der COMPUTERWOCHE, das Problem sei bereits 1986 von der Tokioter Muttergesellschaft NEC erkannt und ein Jahr später behoben worden. Der seit 1978 produzierte Chip "U 765" sei 1987 durch die mit einem Bugfix ausgerüstete Variante "U 765B" ersetzt worden. NEC habe die Abnehmer informiert und Anfang der 90er Jahre sogar eine Anzeigenkampagne gefahren, um Kunden davor zu warnen, Chips von Nachahmern des NEC-Designs zu verwenden.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, warum Toshiba dennoch den veralteten Mikrocode für die Controller einsetzte. Als NEC den Fehler erkannt und den Mikrocode geändert habe, flossen diese Modifikationen nicht in die Chips Toshibas ein, konzedierte Gary Elsasser, Vice-President der Information Systems Unit vom US-Ableger Toshibas. "Zu diesem Zeitpunkt glaubten wir, das sei kein Thema." Lohmann von Toshiba Europe bestätigt diese Aussage. Das Zusammentreffen der für eine Fehlfunktion erforderlichen Umstände sei "relativ unwahrscheinlich" (siehe Kasten). Die Toshiba-Ingenieure seien daher zu dem Schluß gekommen, daß dies für Anwender keine Auswirkungen haben werde, und hätten den alten Controller weiter eingesetzt.

Auch Intel, ebenfalls Hersteller von Controller-Chips auf Basis des fehlerhaften Mikrocodes, wäscht seine Hände in Unschuld. Hans-Jürgen Werner, Technical Programs Manager bei der deutschen Intel-Dependance, sieht den Chiphersteller "nicht involviert". Die in Frage stehenden Chips vom Typ "8272A" würden nicht mehr hergestellt.

Intel mag keine Versäumnisse erkennen

Bezüglich des nicht korrekt arbeitenden Floppy-Controllers mag er keine Versäumnisse von seiten Intels erkennen: "Wir haben es unseren Kunden mitgeteilt." Wenn Toshiba oder andere Hersteller trotzdem ältere Chips einsetzten oder einen in Lizenz genommenen veralteten Mikrocode zur Produktion eigener Komponenten nutzten, sei dies nicht Intel anzulasten. Werner: "Das ist ein Toshiba-Problem."

Daß der Intel-Manager mit letzterer Einschätzung gründlich danebenliegt, wird indes immer wahrscheinlicher. Unabhängig davon, wie aktuelle und zukünftige juristische Auseinandersetzungen ausgehen, ist das Ausmaß des Falls gegenwärtig überhaupt nicht abzusehen. Die sich ausdehnenden Ermittlungen in den USA sind Indizien dafür, daß bislang nur die Spitze des Eisbergs erkennbar ist.

Weder Intel noch NEC können (oder wollen) zudem mitteilen, welche Rechnerhersteller mit den fehlerhaften Chips beliefert worden sind. Unklar ist bislang auch, welche weiteren Halbleiterhersteller das fragliche Chipdesign in Lizenz genommen oder kopiert haben, um es in eigenen Produkten zu verwenden.

Toshiba-Manager Lohmann mag zwar nicht für andere Hersteller sprechen, sieht aber durchaus Risiken, die weit über das Notebook-Segment hinausgehen: "Das Problem beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Geräteklasse. Betroffen können alle Geräte sein, die ein Floppy-Laufwerk besitzen."

Die Folgen für Toshiba

Für Toshiba sind die finanziellen Folgen des Vergleichs mit US-Kunden erheblich. President Taizo Nishimuro erklärte in Tokio, der Konzern werde aufgrund der Einigung außerordentliche Aufwendungen in Höhe von einer Milliarde Dollar verbuchen. Für das zum 31. März 2000 abzuschließende Geschäftsjahr sei mit einem Nettoverlust in Höhe von umgerechnet 480 Millionen Dollar zu rechnen. Ursprünglich war der Konzern von einem Fehlbetrag von 144 Millionen Dollar ausgegangen. "Das ist eine bittere Pille, die wir schlucken müssen", so Nishimuro.

Noch offen ist, wie sich der Fall auf die Reputation des Herstellers im hart umkämpften US-amerikanischen Markt auswirken wird. Toshiba ist nach Marktanteilen der drittgrößte Notebook-Anbieter in den Vereinigten Staaten.

Das können Anwender tun

Wie können Notebook-Besitzer sichergehen, daß sie keinen fehlerhaften Floppy-Drive-Controller in ihrem System haben? "Bei Toshiba ist das recht einfach", sagt Lohmann. Alle Geräte, die ab dem 1. Dezember 1999 produziert werden, sind mit neuen Chips ausgestattet. Das Produktionsdatum lasse sich anhand der Seriennummer des Rechners feststellen. Hier kann der Händler helfen.

Sämtliche vor diesem Datum gebauten Systeme sollten mit dem von Toshiba zur Verfügung gestellten Software-Patch ausgestattet werden, rät Lohmann. Toshiba Europe verweist auf die seit 10. November im Web verfügbare Software (www.toshiba.de/pc/service/index.htm). Das Programm können Kunden auch telefonisch unter der Nummer 018 05/22 42 40 auf CD oder Diskette anfordern. Von dem Bug sind laut Hersteller ausschließlich Notebooks betroffen, andere Rechnersysteme wie Desktop-PCs enthielten die fraglichen Chips nicht.

Wie weit sich der fehlerhafte Mikrocode trotz aller Warnungen in der PC-Industrie verbreitet hat, ist gegenwärtig nicht abzuschätzen. Wer ganz sichergehen will, sollte sich an den Hersteller wenden.