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14.11.1997 - 

Re-Design und Integration in einem Aufwasch

Filenet gibt den Desktop-Monolithen auf

Für Gerhard Wachter von der Allianz Lebensversicherung kam Filenets Technologiewechsel am Front-end nicht unerwartet. Die Stuttgarter gehören in Deutschland zu den Pionieranwendern des Herstellers und haben ihren engen Kontakt zu dessen Entwicklungsabteilungen bereits frühzeitig genutzt, um die mangelnde Flexibilität beziehungsweise Skalierbarkeit des Systems zu beanstanden. Der Branchenriese unter den Assekuranzen bildet mit den Filenet-Lösungen seine stark strukturierten Prozesse (Production-Workflow) ab, angefangen von Scan- und Indizierungsverfahren für den Posteingang über die elektronische Verteilung und Bearbeitung der Dokumente bis hin zu deren Archivierung.

Die Allianz-Kritik an der statischen Ausprägung der Filenet-Front-ends teilen viele Anwender. Die vom Hersteller gelieferten Basis-Desktops bestehen aus einer monolithischen Kernanwendung, die im Lauf der Jahre beispielsweise um Protokolle, Benutzer- Schnittstellen und Maskengeneratoren erweitert wurde. Das Ergebnis war ein voluminöses Grundsystem, das überdies von Anwendern um die jeweils benötigten Funktionsaufrufe für Imaging oder Dokumenten-Mangement aufgestockt werden mußte. Die Benutzererweiterungen erfolgten in den 80er Jahren über die proprietäre Entwicklungsumgebung von "Workflo-Skript", später konnten Standardsprachen wie Visual Basic verwendet werden.

Auf den mittlerweile lauten Ruf nach modularen, skalierbaren und weitgehend vorgefertigten Lösungen hat Filenet nun mit einem objektorientierten Re-Design der Client-Lösungen reagiert. Erste "entrümpelte" Produkte sollen voraussichtlich ab der CeBIT 1998 verfügbar sein. Den Start macht eine speziell auf die Belange von Scan-Operatoren zugeschnittene Erfassungssoftware, mit der sich neben Scan-Vorlagen auch elektronische Dokumente unterschiedlicher Formate importieren und indizieren lassen. Das Programm wird das bisherige System "Workflo/Scan" ablösen.

Für den Bereich Sachbearbeitung kommt der "IDM-Desktop" auf den Markt. Er integriert die bislang getrennt verfügbaren Clients für Imaging und Dokumenten-Management. Ersetzt werden demnach die "Workforce/Desktop"-Produktfamilie (Imaging/ Archiv) sowie der "Saros Document Manager" (Dokumenten-Management). Außerdem sollen sich künftig Client-Module des Workflow-Produkts "Visual Workflo" an den IDM-Desktop ankoppeln lassen.

Die neue Software verwendet Microsofts Komponentenmodell Active X, um eine Skalierung vom Einzelplatz bis hin zum Masseneinsatz zu ermöglichen.

Damit hat die Filenet-Strategie in zweierlei Hinsicht Bedeutung: Neben der Zerschlagung der monolithischen Basissysteme soll vom Desktop ausgehend ein Portfolio zusammengeführt werden, das inzwischen selbst von Experten als verwirrend und komplex empfunden wird. Analysten fragten sich schon seit geraumer Zeit, wie der Hersteller seine eigene Produktpalette und die in den letzten Jahren mit den Firmen Saros (Dokumenten-Management) und Watermark (Imaging) übernommenen Lösungen zu einer integrierten, Web-fähigen Plattform verknüpfen will.

Standards als Middleware

Über den IDM-Client erfolgt nun ein transparenter Zugriff auf die derzeit noch getrennten Repository-Server für Imaging (einschließlich Workflow) und Dokumenten-Management. Die Server-Seite soll zu einem späteren Zeitpunkt zusammengeführt werden, wie Jordan Libit, Filenets Senior Vice-President für strategische Geschäftsentwicklungen, gegenüber der CW erklärte.

Systemoffenheit, betont Libit, schlage sich nicht nur in der Möglichkeit nieder, Komponenten von Drittanbietern oder Inhouse-Entwicklungen anzukoppeln, sofern sie als Active-X-Komponenten vorliegen. Das Bekenntnis zu den jungen, teilweise noch unreifen Standards der Document Management Alliance (DMA regelt die Server-Integration) sowie des Open Document Management API (ODMA steuert die Client-Kommunikation) soll sich in den Schnittstellen der kommenden Produkte widerspiegeln. Dann wären sowohl Client als auch Server mit entsprechend standardkompatiblen Lösungen anderer Hersteller kombinierbar.

Den im kommenden Jahr anstehenden Wechsel Filenets auf reine Microsoft-Client-Techniken beobachtet Allianz-Mitarbeiter Wachter eher gelassen. Die meisten Anwendungen seines Hauses seien ohnehin in Visual C++ geschrieben und sollten sich nach Angaben von Filenet unproblematisch in die kommende Produktgeneration übernehmen lassen. Lediglich im Bereich der Scan-Arbeitsplätze laufen noch Anwendungen, die auf dem proprietären Workflo-Skript basieren. Diese können laut Filenet entweder im Parallelbetrieb mit den neuen Produkten laufen oder müssen umprogrammiert werden - die Allianz hat sich für letzteres entschieden.

Daß die alte Scan-Software zu wünschen übrigließ und dringend erneuert werden mußte, bestätigt auch Willi Martens von der Hamburg-Mannheimer Versicherungs AG. Das Unternehmen ist Betatester der neuen Erfassungssoftware und setzt zudem seit Anfang September das aktuelle Image-Verwaltungssystem von Filenet, den Image Viewer sowie Teile von Visual Workflo ein.

Überraschend kam für Martens deshalb die Ankündigung des IDM-Desktop. Ob man mit den Imaging- oder Workflow-Komponenten auf den neuen Client umsatteln wird, hänge von den Lizenzoptionen Filenets und dem Migrationsaufwand ab. Grundsätzlich hält Martens jedoch aus Gründen des Supports und der Systempflege nichts davon, zwei unterschiedliche Versionen im Mischbetrieb laufen zu lassen.

Gerade noch rechtzeitig kommt die Ankündigung der Filenet-Produktstrategie für Dagmar Sulenski von der Deutschen Leasing AG, Bad Homburg. Die Projektleiterin hat bei der Tochter LGS GmbH, einer Servicegesellschaft für Sparkassen, ein elektronisches Archiv auf Filenet-Basis eingeführt. Um das Ziel der dezentralen Verfügbarkeit aller Vertragsdaten abzurunden, will Sulenski auch eine Vorgangssteuerung einführen. Dieser Ausbau wird nun überdacht, da man sich soweit wie möglich auf die neuen Produkte einstellen will.

Bezüglich des Archivs setzt die LGS die 16-Bit-Version von Workforce/Desktop 4 (WFD) ein. Ärgerlich wäre es gewesen, so Sulenski, hätte man noch vor der Filenet-Ankündigung eine Entscheidung für den Wechsel auf die aktuelle 32-Bit-Variante von WFD 5 getroffen. Welcher Aufwand entsteht, wenn man die vorhandenen Visual-Basic-Applikationen von WFD 4 auf den IDM-Desktop umstellt, muß noch abgeschätzt werden. In finanzieller Hinsicht macht sich Sulenski zumindest bei den Scan-Arbeitsplätzen keine Gedanken, da ein Systemwechsel im Rahmen von Wartungsverträgen abgedeckt ist. Bei den übrigen Produkten vertraut sie auf die Aussagen des Herstellers, wonach über Tauschprogramme und günstige, wenn nicht gar kostenlose Upgrade-Lizenzen nachgedacht werde.

Ein Bruch ist nicht zu befürchten

Jürgen Rentergent, Europa-Chef für Produkt-Marketing, sprach mit CW-Redakteur Stefan Ueberhorst über den künftigen Filenet-Kurs:

CW: In Ihrer jüngsten Kundenbefragung beklagen Anwender deutliche Schwächen bei den Produkten.

Rentergent: Unsere jetzt vorgestellte Produktstrategie wird hier sicher einiges ändern. Den bislang monolithischen und aufwendig anzupassenden Frontends steht mit IDM-Desktop eine objektorientierte Architektur gegenüber. Sie wird Anwendern die Möglichkeit bieten, aus mehreren Modulen eine individuelle, aber weitgehend fertige Lösung zusammenzustellen. Zudem erlaubt der Weg über Microsofts Komponententechnik eine Systemskalierbarkeit, so daß wir künftig außer für den High-end-Markt auch Lösungen für mittlere und kleinere Unternehmen anbieten können.

CW: Wann laufen die bisherigen Systeme aus?

Rentergent: Wir entwickeln die Workforce/Desktop-Familie noch bis Ende 1998 weiter, danach bieten wir nur noch Support.

CW: Befürchten Sie nicht, daß laufende Projekte jetzt erstmal gestoppt werden könnten?

Rentergent: In einigen Fällen kann das zutreffen. Im allgemeinen sieht es jedoch so aus, daß die Implementierung von High-end-Workflow, Dokumenten-Management oder Imaging durchschnittlich neun bis zwölf Monate dauert und oft mit einer Unternehmensreorganisation einhergeht. Solche Projekte lassen sich zumindest organisatorisch nicht einfach auf Eis legen. Außerdem ziehen wir bei den laufenden Vorhaben den Einsatz der neuen Techniken in Betracht.

CW: Trotzdem, müssen die Anwender nicht einen Bruch befürchten?

Rentergent: Nein, da alle Desktop-Produkte, ob alt oder neu, weiterhin auf die existierenden Server zugreifen können. Selbst wenn wir in den nächsten Jahren mit der Modularisierung der Back-ends beginnen, wird es aufgrund der DMA- und ODMA-kompatiblen Schnittstellen eine Koexistenz aller Komponenten geben. Außerdem werden wir im Gegensatz zu einigen unserer Konkurrenten die Produktlinien für Unix-Plattformen wie HP-UX, AIX oder Solaris nicht einstellen.

CW: Ihre Services werden von den Anwendern ebenfalls beanstandet.

Rentergent: Ja hier haben wir einiges aufzuholen. Im Zusammenhang mit der unternehmensinternen Reorganisation in diesem Jahr haben wir eine erhebliche Aufstockung des technischen Supports auch in Deutschland beschlossen. Außerdem entsteht in Irland ein European-Support-Center. Es ist Teil unseres Programms "Follow-the-Sun", bei dem Einrichtungen in den USA, Europa und Asien einen 24-Stunden-Service rund um den Globus gewährleisten. Die Techniker haben dabei Zugriff auf eine zentrale Datenbank, in der die anwenderspezifischen Installationen gespeichert sind.