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31.01.1997 - 

Thema der Woche

Finanzakademie - "Das ist ein bodenloser Sumpf"

Eines muss man Gernot Wappenhans lassen. Er tritt souverän auf und wirkt vertrauenswürdig. Mit Hilfe dieser Gabe hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Privaten Finanzakademie AG in München den Umschulungs- und Fortbildungsmarkt im Osten der Republik nach der Wende erfolgreich beackert. Einer, der ihm die Türen zu den Behörden öffnete, Hans Weber, erinnert sich, wie souverän und glaubhaft der Münchner Manager bei den Chefs der Arbeitsämter auftrat. Er stellte sich als Vertreter eines großen und namhaften Bildungsträgers im süddeutschen Raum vor.

Mehr noch, in einem Brief vom 9. April 1996 an künftige Kooperationspartner bezeichnete sich die Akademie als "einer der renommiertesten, alteingesessenen privatwirtschaftlichen Bildungsträger" mit 101 Niederlassungen in Deutschland.

Professoren mit guten Beziehungen

Als sich aber ein ostdeutscher Behördenvertreter beim Münchner Arbeitsamt nach der Finanzakademie erkundigte, mußte es passen, wie Weber erzählt, weil der Schulungsanbieter dort so gut wie nicht bekannt war. Eine Nachfrage der CW beim Münchner Arbeitsamt brachte das gleiche Ergebnis. Weber konfrontierte eigenen Angaben zufolge Wappenhans mit dieser Aussage. Daraufhin habe sich der Münchner damit herausgeredet, daß sein Unternehmen mehr im Firmenkundengeschäft tätig sei. Fakt ist aber, daß der Schwerpunkt der Finanzakademie bei arbeitsamtgeförderten Schulungen liegt. Das bestätigte indirekt Vorstandsmitglied Günter Hönig gegenüber der CW, als er dieser Tage sagte, daß sein Unternehmen dabei sei, ins Firmenkundengeschäft einzusteigen und namhafte Unternehmen wie die Deutsche Bank und die Telekom als Kunden habe gewinnen können.

Die ostdeutschen Aktivitäten der Finanzakademie begannen nach der Wiedervereinigung. In den neuen Bundesländern entstanden Bildungsgesellschaften, die in erster Linie auf dem weiten Feld des arbeitsamtgeförderten Trainingsmarktes agierten - von Betriebswirtschaftskursen über Krankenschwestern-Ausbildung bis hin zu zahlreichen Technik- und Computerseminaren reichte das Angebot.

Anders als viele Großunternehmen, die in Ostdeutschland lediglich Niederlassungen eröffneten, gründete Wappenhans selbständige Gesellschaften. Die Geschäftsführer vor Ort, meist Personen mit Professorentitel und guten Beziehungen zu Politik und Verwaltung, waren von diesem Konzept angetan. Sie sollten das Gefühl haben, eigenverantwortlich wirtschaften zu können. Dabei besaß die Zentrale in der Regel 75 bis 90 Prozent der Anteile und der Gesellschafter vor Ort den Rest. Die lokalen Geschäftsführer vertraten die GmbHs nicht allein, sondern bekamen einen zweiten Geschäftsführer aus der Zentrale zur Seite gestellt. In der Regel handelte es sich dabei um Gernot Wappenhans.

Um sich besser auf das Geschäft konzentrieren zu können und unnötige Reibungsverluste zu vermeiden, so habe Wappenhans argumentiert, wurden die Finanzen von der Zentrale in München aus verwaltet. Für jede Gesellschaft wurde ein sogenanntes Einzahlungskonto eingerichtet, auf das der lokale Geschäftsführer jedoch nur Zugriff hatte, wenn auch der Vertreter der Zentrale oder ein von ihm Bevollmächtigter unterschrieb. Umgekehrt aber konnte die Zentrale in München allein auf dieses Konto zugreifen.

In einer Konzernrichtlinie vom 1. März 1994 heißt es unter dem Stichwort "Unterschriftsberechtigung: Es dürfen jeweils nur zwei Personen gemeinsam über die Unterschriftsberechtigung verfügen. Dem Vorstand der AG ist es vorbehalten davon abzuweichen."

Nach Aussagen von Weber und Hans-Jürgen Haupt, Ex-Geschäftsführer des Zentrums für Unternehmensführung und Technologie GmbH (ZUT), Berlin, ebenfalls einer Finanzakademie-Tochter, flossen von diesen Einzahlungskonten die Einnahmen der örtlichen GmbHs auf ein Auszahlungskonto (intern auch als Cash-pool bezeichnet), für das nur der Mehrheitsgesellschafter aus München, der Vorstand der AG und seine Bevollmächtigten unterschriftsberechtigt sind.

Wenn also Rechnungen zu begleichen waren, unterzeichnete sie der Geschäftsführer vor Ort und schickte sie in die bayerische Hauptstadt. Die Münchner ließen sich aber bei der Überweisung oft Zeit. "Nicht selten mußten wir zehn bis 15 Mahnungen an die Zentrale richten, weil sich unsere Dozenten über das verspätete Eintreffen der Honorare beschwerten", so Haupt.

Laut einem "Zusammenfassenden Bericht über die Ergebnisse der Untersuchung der Fortführungsprognose der Deutschen Privaten Finanzakademie AG München" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Haarmann, Hemmelrath & Partner hatte der Akademieverbund im Dezember 1995 Schulden von 10,2 Millionen Mark. In dem Gutachten steht, daß der Vorstand plant, neun Gesellschaften "zu liquidieren" beziehungsweise in ein Insolvenzverfahren zu führen, weitere elf als "inaktiv" und 16 "aktiv" fortzuführen.

Auf die "Liquidation" dieser Unternehmen angesprochen, sagte Vorstandsmitglied Hönig, daß diese keinesfalls von der Zentrale gezielt herbeigeführt wurde, sondern daß die jeweiligen Geschäftführer schlecht gewirtschaftet hätten.

Unter anderem gegen diese Behauptung wehrt sich nun Ex-ZUT-Geschäftsführer Haupt, für dessen Firma am 10. Mai 1996 der Konkursantrag gestellt wurde. Haupt hat im Dezember Strafanzeige gegen die Finanzakademie-Zentrale eingereicht, unter anderem wegen vorsätzlicher Schädigung des Unternehmens. Außerdem prozessiert er um die bisher ausgebliebene Auszahlung seines Geschäftsführergehaltes, da er eigenen Angaben zufolge einen gültigen Vertrag bis zum 30. Juni 1998 hat. Hönig seinerseits ist auf Haupt nicht gut zu sprechen. Nach seiner Darstellung hätte die ZUT für die Zeit von 1990 bis 1993, als sie Haupt allein gehörte, 600000 Mark Steuern nachzahlen müssen. An der ZUT waren etwa ab 1994 zu 75 Prozent die Akademie, zu 20 Prozent Haupt und zu fünf Prozent Weber beteiligt.

Immer wieder kam es zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschafter zum Streit wegen offener Rechnungen. Haupt vermietete Büroräume an weitere Finanzakademie-Töchter, die aber seiner Darstellung nach die Mieten nicht bezahlten. Als er deswegen bei der Zentrale Beschwerde einlegte, kündigte diese ihm kurzerhand den Geschäftsführervertrag.

Nicht anders erging es einer weiteren ostdeutschen Geschäftsführerin. Sie gewährte der Zentrale ein Darlehen, das diese nicht zurückzahlte. Als die Münchner wieder Geld brauchten und sie ihnen ein weiteres Darlehen verweigerte, setzten sie die Managerin vor die Tür. Nun klagt sie gegen die Einziehung ihrer Geschäftsanteile und gegen die Abberufung als Geschäftsführerin.

Zu Ende ist die Kooperation auch mit Hannelore Werner seit September 1996. Die Geschäftsführerin der Akademie für Hotel und Tourismus (AHT) in München hatte aber insofern Glück, als Wappenhans und Hönig kein Interesse mehr an ihrem Unternehmen zeigten, da es nicht zu den Großen in der Konzerngruppe gehörte. Auch mit Werner eskalierte der Streit, als andere Finanzakademie-Töchter nicht in der Lage waren, Rechnungen für Leistungen zu bezahlen, die die AHT erbracht hatte. Als sie mit der Einziehung der Anteile des Mehrheitseigners drohte, zeigte sich dieser bereit, Werner aus dem Verbund zu entlassen.

Eine weiteres erfolgreiches Mitglied des Trainingsanbieter-Verbundes hat reichlich Erfahrung im Streit mit dem Mehrheitsgesellschafter gesammelt - auch was das Einziehen von Anteilen betrifft.

Das Computerbildungsunternehmen CDI, das die Finanzakademie stolz als "in Europa führendes privates Bildungsunternehmen im Bereich EDV-Qualifizierung" bezeichnet, hat erreicht, daß es seit November 1995 keine Gelder an die Mutter abführt.

Aufgrund von laufenden Verfahren blockieren sich Mehrheits- und Minderheitseigentümer, in diesem Fall die Mitarbeiterbeteiligungs-Gesellschaft "EFA". CDI agiert seit Mitte 1996 selbständig, bezieht keine Akademiedienstleistungen und ist auch nicht am Cash-pool beteiligt.

"Keinerlei Belege für die Unterschiede"

Seine liebe Not mit der Buchhaltung hat ein anderer Beteiligter und zwar der bereits genannte Claus Dietz, Geschäftsführer und Gesellschafter (15 Prozent Anteile) der Deutschen Privaten Finanzakademie GmbH Sachsen in Zwickau. In einer Vorlage vom 21. Februar 1996 für die Gesellschafterversammlung bemängelt er das Fehlen von 4,4 Millionen Mark im Zeitraum 1991 bis 1995. Er vergleicht die von der Zentrale genannten Umsatzzahlen seiner GmbH mit den von ihm ermittelten Einnahmen und schreibt, daß er "keinerlei Belege für diese Unterschiede vorlegen kann". Und weiter: "Mit den bisherigen lapidaren Erklärungen, die Lösung läge in der Unterscheidung von Geldfluß und Abgrenzung, kann ich leider nichts anfangen." Auf den möglichen Fehlbetrag angesprochen, sagte der Professor, der als Minderheitsgesellschafter noch an weiteren Akademietöchtern beteiligt ist, daß ein Rechtsanwalt gerade dabei sei, die Ungereimtheiten zu prüfen. Er sei überzeugt, daß er sauber gearbeitet und sich nichts zuschulden habe kommen lassen.

Hans Weber, ebenfalls Minderheitsgesellschafter bei mehreren ostdeutschen Trainingsunternehmen des Akademieverbundes, trat im Herbst freiwillig von seinen Geschäftsführerämtern zurück. Er sagt heute, daß er bei den Abrechnungsmodalitäten der Akademie nicht immer ein gutes Gefühl hatte. Kaum war Weber nicht mehr im Konzern, erhielt er Hausverbot, für das er bis heute die Gründe nicht kennt.

Haupt erzählt, er habe zusammen mit Akademie-Aufsichtsratsmitglied Volker Ohlenschlager in Würzburg Betriebswirtschaft studiert und sich mit ihm immer gut verstanden: "Wir duzen uns seit dreißig Jahren." Nun hat gerade das Unternehmen des Freundes aus Studienzeiten ihn fast in den wirtschaftlichen Ruin getrieben.

Enttäuscht ist der Berliner, der mittlerweile gemeinsam mit Weber wieder ein Dienstleistungsunternehmen im Umfeld von Informations-Management gegründet hat, über die Arbeit des Aufsichtsrates insgesamt. "Das ist ein bodenloser Sumpf", kommentiert der Berliner die ganze Situation.