Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.11.1996 - 

IT im Bauwesen

Flaute: Modernisieren und Konsolidieren angesagt

Mit einer Werkplanung, die "kapazitätsmäßig ohne CAD-Software für Architekten (CAAD) kaum machbar gewesen wäre", sprangen die Architekten Hilzinger, Bittcher und Habisreutinger vor zweieinhalb Jahren ins kalte Wasser, sprich direkt in die Tiefen der Allplan-Programmanwendung hinein. Keiner der acht Mitarbeiter des Büros hatte bis dato mit CAAD gearbeitet.

Christof Hilzinger fand es damals zumindest beruhigend, daß sich die 150000-Mark-Investition in zwei Unix-Arbeitsplätze durch den Auftrag halbwegs rechnete. Heute plant das Büro nahezu jeden Auftrag mit CAAD und durchgängig in 3D: "Wir können uns nicht mehr vorstellen, ohne zu arbeiten."

Diese Münchner Architektengemeinschaft steht stellvertretend für die meisten Planer ihrer Branche: Über 50 Prozent der mittleren und großen Büros in Deutschland - die großen in der Regel alle - verfügen aktuell über mindestens einen CAAD-Arbeitsplatz. Zählt man die alltägliche Büroorganisation, statische Berechnungen und die Anwendungen der Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung (AVA) dazu, ist fast jedes Büro mit einem PC ausgestattet. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nach Statik- und Berechnungsprogrammen nach der Finite-Elemente-Methode (FEM) hatten Anfang der 80er Jahre die ersten Programme für Architekten - zunächst nur sehr zögerlich - Einzug in die Büros gehalten. Und das Gerücht unter den "Noch-nicht-Anwendern", damit würde doch nur "Schuhkarton-Architektur" erzeugt, hielt sich erstaunlich lange. Die Realität indes konnte die Unkenrufe widerlegen.

Beispielhaft für erste spektakuläre Ergebnisse von computergestützten FEM-Berechnungen in Deutschland stehen komplexe Bauformen wie die Dächer des Münchner Olympiaparks. "Formsprachen und Geometrien, die es vorher gar nicht gab, wurden auf einmal konstruierbar", erklärt der Architekt Jens Guthoff, Professor an der Fachhochschule Dortmund. Guthoff beschäftigt sich seit 25 Jahren mit professionellen Computeranwendungen im Architekturbüro. Seiner Meinung nach erhöht der effiziente Einsatz eines solchen Systems das Leistungsangebot und die Planqualität und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Fachplaners entscheidend.

Bauträger machen sich unabhängig

Apropos Wettbewerbsfähigkeit: Eine Verschiebung bei der Vergabe der Planungsleistungen im AVA-Markt beobachtet der Architekt Bernhard Amend, Kundenbetreuer bei der Quadric Software GmbH in Taufkirchen, bereits seit etwa drei Jahren: "Ich habe mich gewundert, als sogar Bauträger oder die Schlüsselfertigabteilungen großer Bauunternehmen inzwischen Programme für Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung kauften." Um dem wirtschaftlichen Druck des Baumarkts auszuweichen und in Hinblick auf die größtmögliche Rendite, gehen viele dieser eher "kaufmännisch" orientierten Firmen dazu über, die Planungsleistungen selbst zu erbringen.

Chancen auch für kleine Büros

Viele Bauherren, zunehmend auch die im öffentlichen Bereich, setzen heute voraus, daß CAAD bei der Planung eingesetzt wird. Beispielsweise weil sie die Weiterverwendung der Planungsdaten in einem Gebäudeinformations- oder Facility-Management-System von vornherein einkalkulieren. Allein um konkurrenzfähig zu bleiben, sind Planer und Architekten zur Investition in Soft- und Hardware angehalten. Dazu kommt, daß mit CAD-Software für Architekten und komfortablen AVA-Programmen sowie Büroorganisationssystemen auch kleine Büros die Chance erhalten, den größeren Paroli zu bieten: Spitzenbelastungen lassen sich abfangen, bei schwankendem Arbeitsanfall bestehen bessere Ausgleichsmöglichkeiten.

Die durchschnittliche Hardwaregrundausstattung des kleinen Büros besteht derzeit aus einem PC mit mindestens 2,5 GB Festplatte, einem Pentium-Prozessor mit 133 Megahertz, 4-MB-Grafikkarte, 16 bis 32 MB RAM, 3,5-Zoll-Disketten-, CD-ROM- sowie DAT-Laufwerk, 20-Zoll-Bildschirm, A4-Laserdrucker und A0-Plotter. Alles in allem sind dafür rund 20000 Mark zu veranschlagen. Vor fünf Jahren kostete eine vergleichbare Ausstattung (mit Unix-Rechner) knapp 40000 Mark. Mit einer Ausgabe von rund 80 000 Mark mußte derjenige rechnen, der eine mit heute vergleichbare Geschwindigkeit erreichen wollte. Bei der Software fiel die Preissenkung zwar wesentlich moderater aus, dafür wurden die Leistungsumfänge um ein Vielfaches aufgestockt.

Modular aufgebaute CAAD-Softwarepakete kosten zur Zeit um 15000 Mark und sind bis zu 30000 Mark und mehr beliebig ausbaubar. Aus dem Rennen der Betriebssysteme im Architekturbereich ist Microsoft mit Windows NT beziehungsweise Windows 95 klar als Sieger hervorgegangen. Für die Softwareprodukte vieler Anbieter spielen DOS und Unix kaum noch eine Rolle.

Architekten im Anbieterdschungel

Der Architekt Mark Boschmann von Boschmann, Feth und Knapp in München will sich zwei Arbeitsplätze inklusive Visualisierung, AVA und Büroorganisation anschaffen. Seit Monaten kämpft er sich durch den Anbieterdschungel. Zwei Schwachstellen sieht er momentan noch bei fast allen Produkten, selbst bei seinen Favoriten: "Speziell bei Bedieneroberflächen und dem Datenaustausch, beispielsweise von der Massenermittlung zur AVA, muß sich noch einiges tun." Hier stimmen die Meinungen von Softwareberatern, Herstellern und Anwendern ausnahmsweise einmal völlig überein.

Zunehmend gefragt sind ein benutzerfreundliches und übersichtliches Handling, der verlustfreie Austausch von Daten und Informationen, intelligente Schnittstellen, die sinnvolle Verknüpfung von Arbeitsbereichen sowie eine übersichtliche Projektverwaltung und -dokumentation. Die Programme sollten durchgängig, einfach und intuitiv zu bedienen sein.

Siegmar Geiselberger kann das nur bestätigen: "Softwarelösungen müssen übergreifend und von einer solchen Effizienz sein, daß sich die Architekten, Ingenieure und andere Planungspartner ganz auf ihre Kernaufgaben des Entwerfens und Planens konzentrieren können." Als Leiter der CAD-Stelle der Bayerischen Bauverwaltung ist der Architekt zuständig für Softwarevergleiche, Einführung sowie Schulung von CAD- und FM-Programmen bei den Bauämtern des Bundeslands. Der AEC-Markt (Architectural and Engineering Computing) bewegt sich in Richtung 32-Bit-Windows-Produkte mit Office-Konformität. Bei den Architekturapplikationen geht der Trend in Richtung intelligente 3D-Gebäudemodelle. Neue Technologien ermöglichen objektorientierte Fachapplikationen, die Bauteilen wie Wänden, Türen oder Fenstern assoziative Intelligenz verleihen. Automatische Generierung von 3D-Modellen oder Schnitte sind heute so selbstverständlich wie die mitlaufende Massenermittlung oder die integrierte Visualisierung.

Datenaustausch und Interoperabilität

Spirit-Anwender Ludwig Karl vom Münchner Architekturbüro Karl und Probst sieht die Zukunft der CAAD-Systeme "in deren Flexibilisierung und Modularisierung. Neuentwickelte, integrierte Systeme sollten für alle Lebensphasen eines Gebäudes entsprechende Werkzeuge bereithalten. Die Kommunikation mit anderen muß nahtlos möglich sein."

Der Stellenwert des Datenaustauschs wächst. Im Vergleich dazu ist nach Meinung von Fachleuten ein Produktfeature eher von untergeordneter Bedeutung. Der Planer möchte die Daten mit wenig Aufwand von Partnern übernehmen oder an andere übergeben. Dabei spielen Faktoren wie Nacharbeiten, Konvertieren, Dateninkonsistenz oder verlorene Attribute eine erhebliche Rolle.

Ulrich Isermeyer, AEC Sales Development Manager bei Autodesk, stellt fest: "Der Trend geht weg von proprietären Systemen hin zu Standardlösungen mit möglichst verbreiteten Schnittstellen und Datenformaten." 1995 hat Autodesk die weltweite Industrie Allianz für Interoperabilität (IAI) ins Leben gerufen, um die Generation des Datenaustauschs nach DXF (Data Exchange Format) zu definieren. Ziel ist es, daß Bauindustrie und (normalerweise miteinander konkurrierende) Software-Anbieter als unabhängiger Verein gemeinsam einen neuen Standard, die Industrie Foundation Classes (IFC), definieren und nutzen. Die Projektkosten könnten bis zu 30 Prozent gesenkt werden.

Internet und Workflow-Management

Mit der Planungskultur verändert sich die Bürokommunikation. Viele Planungsfirmen, Bauunternehmer oder Ingenieurbüros arbeiten heute räumlich verteilt. Unterschiedliche Projektteams müssen auf den gleichen Datenstamm zugreifen. Der Einfluß der organisatorischen Formen der Kommunikation wächst, denn, so Oliver Riedel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart: "Verteiltes Arbeiten an gleichen Daten mit den Mechanismen des CSCW (Computer Supported Cooperative Work, die Red.) sichert die Konsistenz der Daten und erhöht die Effizienz der Weiterplanung. Spezialwissen ist jederzeit vor Ort verfügbar. Mit den neuen Technologien lassen sich erhebliche Einsparungspotentiale nutzen." Die Rede ist von Telekommunikations- und Kooperationssystemen, Intranet und Internet, die die Zusammenarbeit zwischen allen am Bau beteiligten Partnern grundlegend beeinflussen werden. Die ISDN-Anbindung vieler Büros wird hier für einen gewaltigen Schub sorgen. Bei standortübergreifenden Projekten unterstützt die neue Technologie Aufgaben der Hotline und Schulung ebenso wie Netzwerkadministration, Konfiguration oder Daten-Management.

Räumlich getrennte Planungspartner nutzen das virtuelle Büro für ihre Teamarbeit. Sie sparen Zeit und Reisekosten. Beliebige Pläne lassen sich via Online-Konferenz am Bildschirm anhand eines aktuellen Datenbestands detailliert abstimmen. Die zusätzlichen Hardware-Anforderungen sind verhältnismäßig gering. Der Planer stattet seinen PC einfach mit Modem- oder ISDN-Karte und -Anschluß, der entsprechenden Software und, falls gewünscht, Kopfhörer mit Mikrofon und einer Kamera für die Videokonferenz aus. Auch über firmeneigene Intranets oder über das Internet - die meisten Anbieter sind im WWW inzwischen auch mit eigenen Seiten vertreten - könnten Projekt- oder Herstellerdaten in Zukunft projektübergreifend ausgetauscht werden.

Ein Vorreiter in diesem Marktsegemt für Architectural and Engineering Computing ist die Bentley Systems Inc., die ihren Web-Browser mit einem Engineering Link direkt in die Micro-Station-Applikationen integriert hat. Ohne den Plan zu verlassen, navigiert der Anwender im Netz, beispielsweise um Objekte aus den Produktkatalogen oder Teilebibliotheken von Zulieferern direkt in seine CAAD-Anwendung zu importieren. Autocad-Zeichnungen lassen sich mit dem proprietären Whip-Plug-in von Autodesk über Internet-Homepages publizieren.

Für Bernhard Bayer von der EDV-Beratungsgesellschaft BIB GmbH in Offenburg ist die Diskussion der Planer über den Einsatz von CAAD heute kein Thema mehr. Bayer plädiert für die Verbindung der einzelnen Softwareprogramme in einer Prozeßkette: "Vor dem Hintergrund der schwachen Baukonjunktur avanciert Workflow-Management zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor." Voraussetzungen dafür sind allerdings das Vorhandensein eines stabilen Workflows, beispielsweise bei großen Bauplanungsunternehmen oder Bauträgern, und eine gleichbleibend strukturierte Projektorganisation. Deshalb ist die überwiegende Mehrheit der kleineren Architekturbüros mit einer guten Projektverwaltung wohl immer noch am besten beraten.

Branchenforum ACS 96 auf Vorjahresniveau

Die Veranstalter der ACS, der jährlich stattfindenden Messe für Computersysteme im Bauwesen, erwarteten zwischen dem 13. und 15. November in Frankfurt rund 200 Aussteller. Das sind, trotz der spürbaren Flaute im Bauwesen, annähernd so viele wie im vergangenen Jahr.

Mit dem Schwerpunkt "Online-Erfolg im Netzwerk" widmete sich der Fachkongreß dem Thema Datenaustausch und Kommunikation im digitalen Netz. Und die Softwarehersteller konnten zeigen, ob sie ihre Lektion in Sachen Datenaustausch und Bedienerfreundlichkeit gelernt hatten. Autodesk demonstrierte die ersten Prototypen der IFC-Implementierung beim objektorientierten Datenaustausch zwischen verschiedenen Autocad-Applikationen der Architektur zusammen mit Acad-Graph, CAM Muigg, der Haustechnik mit Ro-CAD, der Statik mit Sofistik und des Facility-Managements mit Naoki. Präsentiert wurde auch Walk-through, eine Virtual-Reality-Software für Windows NT/95, mit deren Hilfe der Anwender ein Gebäude in Form einer 3D-DWG- (Drawing, 3D-Autocad-Zeichnung) oder DXF-Datei im schattierten Modus erkunden kann.

Aufschwung nur bei FM-Systemen

Die Mensch und Maschine AG aus Weßling stellte ihre Acadbau-Version "6.5RX" vor, die erstmals die ARX-Technologie (Autocad Runtime Extension ist eine Technologie für objektorientierte Programmierung) von Autocad 13 nutzt und dadurch, so der Hersteller, eine deutlich höhere Arbeitsgeschwindigkeit aufweist. Anbieter wie die Frankfurter Hochtief Software GmbH oder die Nemetschek Programmsystem GmbH bewegten sich in Richtung Gesamtdienstleister fürs Planen, Bauen und Bewirtschaften.

Neben verschiedenen Telekommunikationssystemen zeigte Nemetschek in Frankfurt sein neues CAD-System "Allplan FT" mit kontextsensitiver, objektorientierter Bedienoberfläche. Mit zwei Versionen seiner Softwarelösung "PC-CAD400 Bau für Architekten", begibt sich H.A.N.Dataport aus München in das Marktsegment unter 10000 Mark.

Der Generationswechsel findet aber auch anderswo statt. So ersetzt der gemeinsame Ausschuß für Elektronik im Bauwesen (GAEB) nach 30 Jahren sein altes Standardleistungsbuch (STLB) durch das neue objektorientierte Datenbanktextsystem STLB-Bau mit Anbindung an AVA-Programme.

Die Rezession im Bauwesen in Deutschland und eine gewisse Marktsättigung sorgen bei CAAD- und AVA-Anbietern seit Mitte 1995 für ein stagnierendes, teils sogar schwindendes Marktvolumen. Die Investitionsfreudigkeit hat spürbar nachgelassen. Eine Sonderstellung nehmen lediglich Gebäudeinformations- und Facility-Management-Systeme (FM) ein, die momentan einen Aufschwung erfahren.

Den Druck spüren auch die AEC-Software-Anbieter, bei denen sich die Marktbereinigung weiter fortsetzt. Es wird mehr Firmenzusammenschlüsse geben. Kleinere Hersteller bleiben nur mit Speziallösungen konkurrenzfähig. Von dieser Entwicklung profitiert wiederum der Anwender: Die Systeme werden leistungsfähiger, preiswerter und - hoffentlich - noch bedienungsfreundlicher.

Angeklickt

Nahezu jedes zweite Planungsbüro in Deutschland arbeitet heute mit professioneller Konstruktions- und Ausschreibungssoftware. Für viele Bauzeichner und Studenten der Fachrichtung Architektur oder Bauwesen gehört die CAD-Ausbildung inzwischen zum Alltag. Entsprechend steigt die Qualifikation der Anwender und deren Anspruch an die Software. Die soll nicht mehr "nur" umfangreich sein, sondern modular aufgebaut, möglichst erweiterbar und bedienerfreundlich. Im Zusammenhang mit integrierter Planung und Bewirtschaftung gesellt sich dazu die massive Forderung nach gängigen Schnittstellen und Datenformaten. Damit können auch die Projektkosten enorm verringert werden.

*Heike Kappelt ist freie Journalistin in München.