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12.01.1990

Flexible Allround-Talente mit guter Basis sind gefragt

Datenverarbeitungsberufe existieren jetzt schon mehrere Jahrzehnte, einheitlich geregelte Berufe oder Berufsbilder gibt es allerdings kaum. Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit umschreibt diese Tatsache mit fehlender "Konsolidierung" des Berufsfeldes. Nach Meinung von Ausbildern und DV-Praktikern werden zwar Spezialisten gesucht und im PC-Sektor neue Tätigkeitsbereiche entstehen, aber daß diese in geregelte Berufe überführt werden, bezweifeln die meisten.

Werner Dostal, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, bezieht seine Informationen über die momentan gängigen Berufsbezeichnungen teilweise aus Stellenanzeigen und aus den Ausbildungsabschluß-Bezeichnungen der Bildungsinstitute, die sich nicht selten als Berufsbezeichnungen eine Zeit lang halten.

"Das Berufsfeld", so Dostal, "hat sich noch nicht konsolidiert. Darunter verstehe ich, daß sich bestimmte Berufsbezeichnungen mit geregelten Ausbildungswegen - nach Dauer und Zugangsbedingungen - noch nicht etabliert haben." Innerhalb des gesamten Feldes existieren allerdings einige Berufe, die eine teilweise Festigung erfahren haben - obwohl auch hier der Zugang nicht geregelt ist (siehe Grafik auf Seite 26).

Die Bezeichnungen sind tätigkeitsbezogen: Den Organisations-, Anwendungs- oder den Systemprogrammierer kennt inzwischen jeder. Allerdings ist trotz gleicher Titel nicht gesagt, daß Organisationsprogrammierer in verschiedenen Unternehmen auch wirklich ähnliche Aufgaben haben.

Obwohl das die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern erschweren kann, haben Arbeitgeber im DV-Bereich nicht viel gegen den offenkundigen Definitionsmangel einzuwenden. Sie formulieren Tätigkeitsbereich und Anforderungsprofil in Stellenanzeigen. Wenn auch in mancher Ausschreibung die "Eierlegende Wollmilchsau" gesucht wird, scheinen sie doch damit am erfolgreichsten zu sein. Manche weigern sich sogar, detaillierte Stellenbeschreibungen zu formulieren. "Wir wollen, daß unsere Mitarbeiter über den Tellerrand schauen. Denn tun sie das nicht, ist ihr Wissen nach fünf Jahren eventuell schon veraltet", beschreibt Rüdiger Kamstieß, Geschäftsführer der IDB, dem zentralen Rechenzentrum für die deutschen Industrie- und Handelskammern, seinen Ansatz. Er ist - wie viele andere übrigens auch - davon überzeugt, daß es über das existierende Schema hinaus keiner weiteren Gliederung der DV-Berufe bedarf. "Erst im Zuge der zu bewältigenden Aufgaben ergeben sich Tätigkeitsbereiche, die von Spezialisten bearbeitet werden müssen. Die kommen alle aus dem großen Topf der Datenverarbeiter und haben sich im Laufe ihrer praktischen Arbeit und durch Weiterbildung(skurse) das notwendige Wissen angeeignet, das sie für ganz bestimmte Aufgaben qualifiziert. Neue Technologien ziehen immer auch Spezialisierungen nach sich." Im Moment sucht Kamstieß - da ist er kein Einzelfall - Netzwerk- und Kommunikationsspezialisten, weil ein größeres Projekt anstehe. "Aber", erläutert er, "ich glaube nicht, daß diese Bezeichnungen jemals zu geregelten Berufsbildern werden." Er halte die ganze DV; Branche für zu dynamisch in ihren technischen Entwicklungen als daß man dort Berufsbilder im klassischen Sinne festlegen könne.

Kamstieß ist davon überzeugt daß diejenigen, die ihre Flexibilität unter Beweis stellen, die besten Aussichten bei der Jobsuche haben. "Wenn ich zum Beispiel einen Programmierer suche, der Cobol beherrscht, dann nehme ich nicht unbedingt den Bewerber, der seit Jahren nichts anderes macht, sondern eher einen, der noch drei oder vier andere Sprachen kann. Denn bei dem bin ich sicher, daß er eine weitere mit links lernt."

Die Flexibilität, die von einem Arbeitnehmer in einem "nicht konsolidierten Berufsfeld" verlangt wird, kommt Arbeitgebern natürlich gelegen "Konsolidierung", erklärt Dostal, "heißt ja auch Erstarrung. Je flexibler die Branche bleibt desto besser. Denn wenn der Beruf nicht eindeutig geregelt ist, haben auch Leute mit krummen Berufswegen eine Chance." In anderen Bereichen stünden solche Bewerber vor der versperrten Tür.

Mancherorts haben Berufsverbände bereits erfolgreich versucht, alternative Zugangswege abzuschneiden. Beim Zahnarzt beispielsweise gab es früher neben dem wissenschaftlich ausgebildeten Zahnarzt, den handwerklich geschulten Dentisten. Dieser Beruf ist im Zuge der Konsolidierung verschwunden. Allerdings werden auch in DV-Abteilungen verstärkt Arbeitskräfte eingestellt, die eine Ausbildung nachweisen können. Autodidakten haben das Nachsehen.

Position des IS-Managers noch nicht verwirklicht

Auf der anderen Seite hält Dostal Ordnungskriterien in den EDV-Berufen für notwendig, um auch Außenstehenden oder Berufseinsteigern Orientierungshilfen geben zu können. Solange sich die Datenverarbeitung so rapide weiterentwickelt, sieht er allerdings keinen Anhaltspunkt für eine Erstarrung des Berufsfeldes. So kreierten neue Technologien zwar immer wieder neue Tätigkeiten in der DV - jedoch seien sie, wenn sie "als erstes Wort die Technik und als zweites den Spezialisten" in ihrer Bezeichnung führen würden, nicht eindeutig definiert. "Schaut man sich die Curricula der Ausbildungsinstitute an, dann sind diese Spezialistenausbildungen alle ähnlich aufgebaut", berichtet Dostal. Am Anfang stehe eine Einführung in die EDV, dann folgten Programmiersprachen und Betriebssysteme auf dem Stundenplan. Erst nach diesem allgemein gehaltenen Ausbildungsabschnitt würde eine bestimmte Technik oder ein Spezialgebiet vermittelt.

Eine Spezialisierung setze, so Dostal weiter, sinnvoller Weise auf eine allgemeine Qualifikation auf. "Denn die Qualifikation eines Menschen muß ja relativ lange halten und da sich die Techniken schnell ablösen, ist es wenig sinnvoll, die Identifikation eines Berufes von einer bestimmten Technik abhängig zu machen." Dostal hält es für sehr viel adäquater, die globale Qualifikation zur Definition eines Berufes heranzuziehen. Denn schließlich bilde diese die Grundlage für den ständig notwendig bleibenden Kenntniserwerb in Spezialgebieten.

Bei einer guten allgemeinen DV-Ausbildung und durch ständiges "training on the job" hält Dostal die Weiterbildungsanforderungen für nicht so dramatisch. "Neue Techniken kündigen sich meistens eine Zeit lang vorher an, so daß sich die DV-Leute darauf vorbereiten können. Kritisch wird es nur dann, wenn auf einen Schlag sehr viel nachgeholt werden muß." Das sei dann oft nicht die Schuld des Arbeitnehmers, sondern des Vorgesetzten. Wenn sich das Management in einem Unternehmen jahrelang nicht um die Entwicklung der DV gekümmert hat und der Arbeitnehmer keine Möglichkeit hatte, sich durch seine Arbeit vor Ort weiterzubilden beziehungsweise sich auf dem neuesten technischen Stand zu halten, dann sei er natürlich überfordert, wenn zum Beispiel eine neue DV-Anlage installiert und betreut werden solle.

Auch in den oberen Rängen der DV-Hierarchie herrscht Definitionsmangel. Die in letzter Zeit vielzitierte Position des Informationsmanagers (IS-Manager) sieht Dostal noch nicht verwirklicht. Seiner Meinung nach wäre ein echter IS-Manager, der Zugriff auf alle Informationen eines Unternehmens hat und damit jonglieren kann, viel zu machtvoll, als daß andere Führungskräfte Interesse an der Einführung einer solchen Position haben könnten. "Deswegen wird es den IS-Manager in Reinkultur nicht geben. Wenn überhaupt werden ähnliche Positionen in solchen Unternehmen geschaffen, deren Ziel sehr stark informationsorientiert ist - also zum Beispiel in Versicherungen oder Handelsunternehmen." Dort erhalten DV-Verantwortliche Dostal zufolge weiterreichende Kompetenzen, als das im Fertigungsbereich der Fall sein wird.

Neue Jobs durch Eindringen von PCs in die DV

Wirklich neue Jobs glaubt Frank Beutling, Geschäftsführer der Berliner Gesellschaft für neue Berufe, ausmachen zu können. Sie entstünden durch das Eindringen von PCs in die professionelle DV. Ab Frühjahr 1990 will sein Haus deshalb einen Lehrgang zum "PC-Techniker" anbieten. Damit wird für den Wartungs- und Operatingbereich bei Stand-alone und vernetzten PCs ein neues Tätigkeitsfeld geschaffen. Nach Abschluß der halbjährigen, ganztägig durchgeführten Ausbildung soll der PC-Techniker in der Lage sein, den störungsfreien Betrieb von PCs und Netzen sicherzustellen. Zugangsberechtigt sollen vor allem Leute mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in einem der einschlägigen Bereiche - wie Elektronik oder Elektrotechnik - sein. Andere sind aber bei

Eignungsnachweis nicht vom Lehrgang ausgeschlossen Denn alle Bewerber müssen sich vorher einem Test unterziehen. "Mit der Industrie- und Handelskammer stehen wir zwar in Kontakt", berichtet Beutling, "aber bis sich aus einem Lehrgang ein regelrechter Beruf entwickelt, das kann - wenn es überhaupt dazu kommt - Jahre dauern."

PC-Techniker werden ab der Jahreswende auch vom Control-Data-Institut ausgebildet. Neben dieser neuen, zehnmonatigen Ausbildung versucht das Institut mit Qualifikationsangeboten zum "PC-Fachmann" und "PC-Fachberater" der wachsenden Nachfrage an gut ausgebildetem Personal in diesem Bereich gerecht zu werden. Die PC-Fachleute sollen nicht nur in der Lage sein, Programme zu entwickeln, sie müssen auch Standardsoftware den firmeneigenen Anforderungen anpassen können.

Dieter Blume, am Bundesinstitut für Berufsbildung in Berlin zuständig für Weiterbildung beschäftigt sich zur Zeit ebenfalls mit dem PC-Fachberater - allerdings in Form einer Studie, die Auskunft über den tatsächlichen Bedarf des Handels an solchen Fachberatern geben soll. "Die ersten Ergebnisse werden etwa Ende Juni vorliegen" berichtet Blume. An diese Untersuchung soll sich ein Modellversuch anschließen, auf dessen Basis die Qualifizierungsseite - also Inhalte und Durchführung - des Ausbildungsganges geplant werden sollen.

Blume ist trotz dieser Initiative davon überzeugt, daß es in der Datenverarbeitung nur einige wenige "Orientierungsberufe" geben wird, deren Inhalte und Zugangswege eindeutig festgelegt sind. "Denn das Feld der Datenverarbeitung ist so heterogen, daß mir etwas anderes nicht möglich erscheint. Man kann ja bisher nicht einmal mit Sicherheit sagen, wieviele Leute überhaupt in der Datenverarbeitung tätig sind."

DV-Randberufe ändern sich mehr als Kerntätigkeiten

Selbst CIM-Papst Professor August Wilhelm Scheer, Direktor des saarländischen Instituts für Wirtschaftsinformatik, sieht zwar das Feld der Datenverarbeitung in einem ständigen Wechsel begriffen, aber das Aufkommen regelrechter neuer Berufe hält auch er für fraglich. "Durch neue Organisationsformen in den Unternehmen kommt es zu neuen Berufsbildern." Als Beispiel führt er den "CIM-Designer" an, ein Mischberuf aus Konstrukteur und Arbeitsvorbereiter, der durch die DV-Technik zu einem neuen Tätigkeitsbereich integriert worden ist.

Dieses Zusammenwachsen vorher getrennter Berufe hält Scheer für einen Trend -

zumindest in der Fertigungstechnik. Die Ausbildung für solche Tätigkeiten müsse die Industrie heute allerdings noch weitgehend selbst übernehmen.

In allen Bereichen der Datenverarbeitungsszene tun sich neue Jobs auf. Nach Frank Beutling, von der Berliner Gesellschaft für neue Berufe, wandeln sich die sogenannten DV-Rand und Mischberufe auf Anwenderseite ebenfalls - und zwar stärker als die DV-Kernberufe "Im Dialog mit mächtigeren Softwarewerkzeugen werden in Zukunft auch unbedarftere Anwender in der Lage sein, ihre Probleme selbst zu lösen." Der Kompetenzanstieg auf Anwenderseite hat laut Beutling Auswirkungen auf die Qualifikation von Softwareentwicklern. "Dort werden dann Leute gebraucht, deren Wissen und

Qualifikationsniveau ausreicht, um mächtige und anwenderfreundliche Tools zu entwickeln.

Bei so viel Ungeregeltem kann nur eines als Orientierung dienen: Der Beruf eines wie auch immer gearteten "Datenverarbeiters" unterliegt einem ebenso dynamischen Wandlungsprozeß wie die DV-Branche als ganzes auch.