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22.07.1988

Flexible Arbeitszeit: Kulturelle Revolution findet nicht statt

Matthias Wissmann MdB, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Bonn

Die Anwendung der neuen Informations- und Kommunikationstechniken steckt erst in den Anfängen. Durch den Einsatz von neuen Technologien auf der Basis der Mikroelektronik werden die Produktionstechniken revolutioniert. Die Beherrschung der Fertigung von Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik entscheidet über den Wohlstand eines Landes. Dabei wird die Mikroelektronik nicht nur für die Elektroindustrie allein zukunftsentscheidend sein, sondern sie bestimmt vielmehr auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der größten Exportbranchen und strahlt somit auf die gesamte Volkswirtschaft aus. Sie ist damit eine Schlüsseltechnologie von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung.

Die Mikroelektronik entwickelt schon heute für alle Bereiche der Wirtschaft eine "Lokomotivfunktion", die mit der Ausbreitung der Elektrizität zu Beginn dieses Jahrhunderts vergleichbar ist. Wenn die Bundesrepublik Deutschland ihren international anerkannten Leistungsstandard halten und die industrielle Führungsrolle in Europa auch zukünftig wahrnehmen will, ist es notwendig, in der breiten Öffentlichkeit das Bewußtsein für die immer wichtigere Rolle der Mikroelektronik deutlicher als bisher zu stärken.

Zwar verfügen in der Bundesrepublik Deutschland nahezu alle Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten über eine DV-Anlage, aber die interne und die externe Vernetzung der verschiedenen Rechner und Terminals sowie die koordinierte Informationsausweitung ist noch wenig entwickelt. Etwa 5 Prozent der Betriebe haben bisher die interne Vernetzung erreicht. Die externe Vernetzung haben bisher die Kreditinstitute sowie einige Großunternehmen der Industrie, des Handels und des Verkehrs aufgebaut. Die Rationalisierungspotentiale der neuen Kommunikations- und Informationstechniken kommen erst in vollem Umfang zum Tragen, wenn die Vernetzung ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hat.

Ohne Fertigungskompetenz gibt es auch keine hohen Einkommen im Dienstleistungsbereich. Hohe Innovationsgewinne lassen sich nur mit der Produktion von Erzeugnissen in großem Umfang realisieren. Dabei ist die Beherrschung der Technologien zwar notwendig, aber nicht hinreichend. Die Verlagerung von Produktionsstufen ins Ausland und die Nutzung billiger Arbeitskräfte in Niedriglohnländern ist keine erfolgversprechende Langfriststrategie. Es genügt auch nicht, sich auf Aktivitäten mit hoher Wertschöpfung zu konzentrieren und die übrigen Komponenten bei ausländischen Anbietern zu ordern.

Längerfristig verlieren die Unternehmen die Kontrolle darüber, was nicht in eigener Regie hergestellt wird. Die zunehmenden Beschäftigtenzahlen und -anteile im Dienstleistungssektor großer Industrieländer verleiten vielfach zur Schlußfolgerung daß die Entwicklung von der Industrie zur Dienstleistungsgesellschaft einen folgerichtigen natürlichen und zudem erstrebenswerten Vorgang darstellt.

Wir befinden uns zur Zeit nicht im Übergang von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft, sondern vielmehr erfolgt eine Transformation in eine neue Qualität der Industriegesellschaft.

Wir brauchen daher über die zukünftige Entwicklung des Arbeitsmarktes eine sehr viel genauere Analyse. Wir brauchen aufgrund der Herausforderungen durch neue Fertigungsmethoden eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, insbesondere mehr Teilzeitangebote; verstärkte Maßnahmen beruflicher Qualifizierung und Stärkung der Arbeitsbereitschaft; eine stärkere Differenzierung und Flexibilisierung der Löhne. Pauschale Arbeitszeitverkürzungen sind wenig sinnvoll, wenn sie nicht gleichzeitig mit Qualifizierungsmaßnahmen verbunden werden. Schon heute verstärken die Arbeitszeitverkürzungen in der Metallindustrie den Mangel an Facharbeitern und Ingenieuren. Die dort entstehende höhere Nachfrage kann vom Arbeitsmarkt nicht mehr befriedigt werden. Bei den Forderungen nach der Einführung der 30- oder gar 20-Stunden-Woche ist zu berücksichtigen, daß in der Bundesrepublik Deutschland mittelfristig die Arbeitskräfte aufgrund der demographischen Entwicklung wieder knapp werden und wir in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach gezwungen sein werden, die Arbeitszeit wieder zu erhöhen, um die Alterssicherung auf eine solide Basis zu stellen.

Von größter Bedeutung wird sein, wie sich die Arbeitszeit unsere Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt in den nächsten Jahren entwickelt. Die tarifliche Jahresarbeitszeit für einen Industriearbeiter betrug im Jahr 1987 in Deutschland 1716 Stunden, in Frankreich 1771 Stunden, in Großbritannien 1778 Stunden, in den USA 1912 Stunden und in Japan 2138 Stunden. Hiermit wird deutlich, daß in den anderen Industrieländern eine wesentlich höhere Arbeitszeit gilt. Wir müssen uns in der Frage der Arbeitszeit auch an unseren Mitkonkurrenten orientieren.

Wir brauchen gerade am Arbeitsmarkt eine konsequente Ordnungspolitik. Zu lange wurden Tarif- und Arbeitsmarktregelungen allein unter sozialpolitischen Gesichtspunkten getroffen. Die zu hohen Lohn- und Lohnzusatzkosten sind die Konsequenz kartellierter Märkte und können nicht als Versagen der Marktwirtschaft angesehen werden.

Es ist an sich Aufgabe der Tarifpartner, sich über flexiblere Beschäftigungsformen

und mehr Weiterbildungsprogramme zu einigen damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Bundesrepublik Deutschland erhalten werden kann.

Gerade aufgrund des wachsenden Informations- und Planungsbedarfs durch die Internationalisierung der Märkte sowie den vermehrten Verwaltungs- und Koordinationsbedarf aus der fortschreitenden Arbeitsteilung sind neue Arbeitszeitregelungen erforderlich, die diese Ansprüche befriedigen können, da auch der Anteil der in der Berufsarbeit verbrachten Lebenszeit wegen der höheren Lebenserwartung und der Arbeitszeitverkürzungen zurückgegangen ist. Gleichzeitig nahm bei den meisten Beschäftigten der Anteil der Tätigkeiten in der Freizeit zu, der mit der Berufsarbeit durchaus konkurriert.

In den letzten Jahren hat die Bedeutsamkeit der Berufsarbeit abgenommen und die Bedeutsamkeit der Tätigkeiten in der Freizeit zugenommen. Dies hatte die Folge, daß die neben der Berufsarbeit erschlossenen Einkommensquellen gestiegen sind. In der sogenannten Schattenwirtschaft werden heute etwa 10 Prozent unseres Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Auch die Mobilität hat in den letzten Jahren nachgelassen, was keinesfalls mit einem Verfall der Berufsmoral zu tun hat. Durch das Lebensniveau, das wir erreicht haben, wird eine zusätzliche Steigerung des Lebensniveaus, verbunden mit einem Arbeitsplatzwechsel unter materiellen Gesichtspunkten, immer weniger wichtig.

Diese Entwicklungen müssen wir stärker in unsere Wirtschafts-, Finanz-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik einbeziehen, da nur so die Herausforderungen und Chancen der Zukunft auch im Hinblick auf den europäischen Binnenmarkt gemeistert werden können.

Insbesondere auf dem Gebiet der Humandienste wie Gesundheit, Soziales, Kultur und Bildung muß zukünftig in höherem Maße darauf geachtet werden, daß zusätzliche Angebote über private Dienstleistungen erfolgen, als über eine Ausweitung des staatlichen Bereichs.

Eine kulturelle Revolution durch die Änderung der Arbeitszeit findet somit nicht statt, sondern es geht darum, die Arbeit besser, umfassender und flexibler zu organisieren. Hierbei besteht die Verpflichtung zur Solidarität mit denjenigen, die nicht in der Lage sind, die wie noch nie dagewesenen reichen Möglichkeiten unserer Gesellschaft adäquat zu nutzen.

Arbeitszeit flexibel gestalten?

Die Industrieländer werden um eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht herumkommen. Im nächsten Jahrhundert Ist eine zwanzigstündige Arbeitswoche durchaus denkbar, lautet die These von Arbeitsexperten des Club-of-Rome. Die produktive Arbeit, die mit der Automatisierung immer weniger wird, muß gerecht verteilt werden, erklärt Präsident Alexander Klug. Das Weltbild der kommenden Informationsgesellschaft wird sich nach Meinung der Club-of-Rome-Experten vom heutigen ähnlich unterscheiden wie das Mittelalter von der Industriegesellschaft. Fragen tauchen auf: Ist die Gesellschaft auf diese neue Situation Oberhaupt vorbereitet? Kann es sich ein Hochlohnland wie die Bundesrepublik denn überhaupt leisten, auf Dauer ohne flexible Arbeitszeit auszukommen? Bringt diese Änderung der Arbeitszeitgestaltung nicht eine kulturelle Revolution mit sich? In den nächsten Ausgaben der COMPUTERWOCHE nehmen Vertreter der SPD und der Grünen zu diesem Fragenkomplex Stellung.