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27.08.2009

Flops der IT-Geschichte

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Wer kennt sie nicht? Die mit viel Marketing-Hype und Wortgeklingel angekündigten IT-Errungenschaften, die zu elementaren Rohrkrepierern verkümmerten? Wir haben Anwender gefragt, welche ihnen einfallen.

Fragt man Jesper Doub nach seinem Lieblingsflop aus der IT-Branche, dann fällt ihm ein Produkt ein, das er so charakterisiert: "Gute Idee, aber ein System, für das es kaum Applikationen gab und das enorme Hardwarevoraussetzungen verlangte." Unklar, so der Geschäftsleiter Bauer Media Group, war auch, ob das Produkt für den Business-Bereich gedacht war oder seinen vermeintlichen Siegeszug doch eher auf Vobis- und Escom-PCs in privaten Haushalten antreten sollte.

Dabei war das Produkt seiner Zeit voraus. Einige Ideen wie Multitasking oder die Unterstützung mehrerer virtueller Maschinen – unter anderem für die Betriebssysteme DOS, Windows oder auch OS400 – durften als avantgardistisch gelten.

Problem: kaum native Applikationen

Zu allem Überfluss gab es kaum originäre Applikationen für das System.

Spätestens jetzt ist klar, dass es sich bei dem Betriebssystem um OS/2 oder "OS-halbe", wie es in Branchenkreisen tituliert wurde, handelt. Roland Schopp von der Arachno GmbH hat vorsichtshalber einen großen Bogen um OS/2 gemacht. Auch für Claudius Kempe von der Piening GmbH Services oder für Jens Geyer von der VSX Vogel Software GmbH war OS/2 eine Totgeburt.

Grandios gescheitert: Nextstep

Kempe und Geyer zählen aber auch Nextstep zu den grandios Gescheiterten der IT-Szene. Das Betriebssystem wurde von der Firma Next ab 1988 entwickelt. Es war bedienerfreundlich – was kaum verwundern konnte, stammte es doch von niemand anderem als Steve Jobs.

Auf Basis des Unix-ähnlichen Betriebssystems 4.3 BSD und eines Mach-2.5-Kernels schrieb Next möglicherweise das seinerzeit fortschrittlichste Betriebssystem.

Apropos Steve Jobs

Überhaupt Jobs: Der viel Gelobte und heute manchem schon zum Mythos Entrückte hatte es verstanden, mit Next und Nextstep eine halbwegs erfolglose Firma zu führen. Allerdings ließ er sich samt seinem Unternehmen 1996 von Apple kaufen, betätigte sich zunächst als Berater innerhalb der Apfel-Firma, bevor er sukzessive wieder die Alleinherrschaft in dem von ihm gegründeten Unternehmen übernahm. Nextstep überlebte als Weiterentwicklung im Apple-Betriebssystem Mac OS X – und wurde so gesehen doch noch ein Erfolg.

Nicht von Jobs zu vertreten, weil der 1993 bei der Mac-Company noch als persona non grata geführt wurde, war die Entwicklung des "Newton"-PDA. Ähnlich wie bei heutigen Produkten veranstaltete Apple auch mit diesem einen veritablen Marketing-Hype. Aber, wie Arachno-Mann Schopp befindet, der Newton war seiner Zeit voraus.

Doub erklärt sich das Scheitern des Apple-PDA auch so: "Apple hatte damals schon visionäre Vorstellungen von einem digitalen Personal Digital Assistant. Der konnte sich aber wegen des ungünstigen Preis-Leistungs-Verhältnisses nie am Markt durchset-zen und war deshalb bei weitem nicht so verbreitet wie seinerzeit Palm oder Psion."

Überhaupt durchliefen die ersten Generationen der PDAs eine steile Lernkurve. "In dieser Ära der nutzlosen, passiven, schwarz-weißen PDAs war jede Datensynchronisation die reine Mühsal. Zudem waren die Akkus ständig leer – natürlich vor allem dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte", erinnert sich Andreas Dietrich, Noch-CIO der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB).

Offenbarungsversuch WAP

Im Gefolge der PDAs und zu Beginn der Handy-Erfolgsstory verkauften die Marketiers auch den Begriff WAP wie eine Offenbarung des Technikzeitalters. Das Wireless Application Protocol sollte via eine Sammlung von Protokollen Internet-Inhalte für Mobiltelefone bereitstellen – und das bei lahmer Übertragung.

Oliver Stöckli von der Bison Schweiz AG fällt zur WAP-Entwicklung ein: "Alle sprachen davon, viele haben jede Menge Geld in dafür gedachte spezielle Applikationen investiert. Aber: Wer hat WAP-Dienste überhaupt jemals verwendet?"

Auch Doub von der Bauer Media Group erinnert sich noch lebhaft an WAP: "Was es da nicht alles für bahnbrechende Ideen geben sollte – etwa für Location-based Services. Welche tollen Premium-Dienste da auf den Markt kommen würden!" Problem nur: Die Anwender haben die Technik nicht angenommen. Denn das A und O des Erfolgs von WAP, die hohen Bandbreiten für den schnellen Datentransport, gab es noch nicht.

Neben solcherlei vorgeblich solitären Produkten kreierte die IT-Branche aber auch Konzepte. Alles wird gut, war das Versprechen, wenn man diese Konzepte verwirklicht. Kleiner Haken an der Geschichte: Oft existierten sie nur als Theorie.

Zauberworte der Industrie

Eines der Zauberworte der Softwareindustrie lautet Wiederverwendbarkeit, damit verbunden auch das Versprechen der Interoperabilität – also der einfachen Kopplung von Software und insularen Anwendungen verschiedener Hersteller. Gerhild Aselmeyer, als Selbständige seit über zwei Jahrzehnten mit Analysen, Konzepten und Anwendungsentwicklungen für IT-Belange befasst, wird von dem Begriff "Wiederverwendbarkeit begleitet, solange ich mich mit IT befasse – seit Mitte der 80er Jahre also. Die Interoperabilität als Versprechen kam etwas später dazu, als sich IT in den Firmen endgültig durchsetzte und die Anwendungslandschaften vielfältiger wurden."

Substanzlose Versprechen

Zunächst, so Aselmeyer, habe es Libraries/ Bibliotheken für bestimmte Einsatzbereiche gegeben. Softwarehersteller boten APIs an. Später kamen die Objekte und die komponentenbasierte Entwicklung hinzu. Es folgte Enterprise Application Integration mit Messaging und Servern als Datendrehscheibe (Message-Broker). Aselmeyer: "Heute haben wir es mit Web-Services und SOA zu tun."

Jede dieser Techniken und jedes Konzept ständen auch heute noch im Dienste von Wiederverwendbarkeit und Interoperabilität. "Die optimale oder eine endgültige Lösung für alle IT-Belange habe ich in diesem Potpourri von Optionen noch nicht gefunden", sagt die freiberufliche IT-Beraterin.

Hanseat Doub ergänzt Aselmeyers Gedanken mit der Bemerkung, aktuelle Themen wie SOA oder – "auch sehr schön" – die Enterprise-SOA-Versprechungen der SAP seien "klassische Beispiele von Neuaufgüssen beziehungsweise substanzlose Marketing-Versprechen".

Schweine können fliegen

Ganz groß in Mode war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts auch das Thema CASE (Computer Aided Software Engineering). Cornel Brücher von der Valentia GmbH weiß noch sehr gut: "Was war das für ein Hype damals! Endlich ingenieurmäßige Softwareentwicklung, dazu eine aktuelle und hochwertige Dokumentation, ein durchgängiges Design." Programmieren – so das Credo – sei völlig unwichtig. Der Quellcode generierte sich nach dieser Theorie wie von selbst. "Und Schweine können fliegen", ätzt Brücher.

Über wundersame Wandlungen

Derlei Wunder der Technik kommen auch Dietrich von den Schweizerischen Bundesbahnen bekannt vor. Im Zuge der Transformation von Legacy-Systemen "gab es plötzlich prima Tools, die auf Knopfdruck Cobol- in Java-Code umwandeln würden!" Wirklich jeder habe ihm dieses Märchen verkaufen wollen. "Da wäre ich über Nacht alle meine Legacy-Anwendungen losgeworden. Mit einem Schlag, so das Versprechen, hätte ich mir mit diesen Softwarewerkzeugen hochleistungsfähige, Multitier-fähige, moderne und wartbare Software eingehandelt."

Der Klassiker: das papierlose Büro

In der Hitliste der schönsten Flops der IT-Geschichte darf eine Vision nicht fehlen: das papierlose Büro. Doub von der Bauer Media Group findet es zwar fast schon "abgedroschen, aber es ist immer noch eine der größten Enttäuschungen". Schmunzelnd meint er: "Ich bin sicher, die Papierhersteller haben interessante Statistiken über ihre Absatzentwicklung, seit sie von der modernen IT bedroht werden."

Second Life – das wahre Leben

Ein veritabler Flop war für Roland Schopp von der Arachno GmbH die virtuelle Lebenswelt von Second Life. Ein Jahr lang war es hip, sich in der virtuellen Gegenwelt als so genannter Resident eine Social Community aufzubauen.

Doch Schopp, der in Second Life selbst Rundgänge organisierte, ging es ähnlich wie vielen kritischen Geistern: Nach kurzer Zeit fragte man sich, welchen Nutzen es bringt, sich in der von Linden Lab kreierten Online-Welt zu tummeln. Schopps Antwort: keinen. So sahen es bald die meisten User.