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06.07.2009

FOKUS: Deutsche Stahlhersteller stehen vor Kapazitätsabbau

Von Martin Rapp DOW JONES NEWSWIRES

Von Martin Rapp DOW JONES NEWSWIRES

FRANKFURT (Dow Jones)--Der Einbruch des Stahlmarkts ist heftig, eine schnelle Erholung nicht in Sicht. Experten rechnen nicht damit, dass sich die Nachfrage in den nächsten drei Jahren auf alte Rekordniveaus aufschwingen wird. Den im DAX notierten deutschen Herstellern könnten somit weitere Kapazitätsanpassungen und womöglich damit einhergehende Stellenstreichungen nicht erspart bleiben.

Dirk Nettling, Analyst bei der Commerzbank, sieht die gesamte Industrie in eine Phase von Kapazitätsanpassungen hineingetrieben. Er geht davon aus, dass die bisher etwa von ThyssenKrupp angekündigten Maßnahmen nicht reichen werden. Der in Duisburg und Essen ansässige Stahlkonzern will seine Konzernstruktur vereinfachen und in der Stahlsparte bis zu 2.000 Stellen abbauen. "Nach der Bundestagswahl, wenn nicht sogar um die Weihnachtszeit, wenn die Unternehmen anhand der Auftragslage ihre Mittelfristprognosen anpassen, rechne ich mit der Bekanntgabe weiterer Schritte in dieser Richtung", erwartet Nettling.

Die Wirtschaftskrise hinterlässt tiefe Spuren in der Stahlbranche. Hier potenzieren sich die Probleme mehrerer Wirtschaftsbereiche. Die Auftragseingänge halbierten sich, die Produktion von Rohstahl sank in Deutschland von Januar bis Mai um fast 45%. Die Auslastung lag teilweise unter 50%. Für das Gesamtjahr geht die Wirtschaftsvereinigung Stahl von einem Rückgang der Erzeugung in Deutschland um deutlich mehr als 25% aus - was dem Niveau von Anfang der 1960er Jahre nahe käme.

Dass sich in jüngster Zeit die Stimmung wieder etwas aufgehellt hat und Salzgitter und ThyssenKrupp die Preise angehoben haben, führt Nettling auf eine technische Reaktion der Nachfragekurve zurück: Die geleerten Läger der Kunden würden nun wieder aufgefüllt. Auch wenn sich die Lage also etwas zu entspannen scheint, ist die Branche noch weit entfernt von einem Aufatmen.

Die Experten bezweifeln, dass sich die Hoffnungen der Unternehmen auf einen schnellen Aufschwung erfüllen. In der Diskussion über die zu erwartende Geschwindigkeit der Erholung, die die Nachfragekurve in Buchstabenformen übersetzt, sehen sie nach dem scharfen Absturz eher einen langsamen Anstieg. "Ich rechne beim Verlauf der Stahlkonjunktur eher mit einem L", sagt etwa Ralf Dörper, Analyst bei der WestLB.

Dass das Rekordniveau der weltweiten Nachfrage von 2007 schnell wieder erreicht wird, schließen die professionellen Marktbeobachter aus. Nettling hält die damals erzielte Menge erzeugten Rohstahls von 1,35 Mrd Tonnen (t) nicht vor 2012 oder 2013 erreichbar. "2010 wird definitiv nicht das Rekordniveau erreicht, 2011 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht", sagte der Analyst.

Das stellt die gesamte Industrie vor große Herausforderungen, zumal in den Boomjahren die Kapazitäten enorm ausgebaut worden sind. Christian Obst von UniCredit zum Beispiel schätzt die weltweiten Kapazitäten zur Rohstahlerzeugung auf über 1,5 Mrd t. Die globale Nachfrage erwartet er in diesem Jahr bei rund 1 Mrd t, was eine durchschnittliche Auslastung von rund 65% ergäbe.

In naher Zukunft sieht Obst keine auf vollen Touren laufenden Werke: "Solange Überkapazitäten im Markt bestehen, müssen wir mit einer durchschnittlichen Auslastung zwischen 70% und 75% rechnen." Bei solchen Werten erwartet Robert Greil von Merck Finck & Co rote Zahlen in der Branche. "Als Faustregel gilt: Bei einer Auslastung von 75% wird in etwa die Gewinnschwelle erreicht", sagte der Analyst.

ThyssenKrupp will die Kosten im bis Ende September laufenden Geschäftsjahr um 1 Mrd EUR drücken und durch die Vereinfachung der Konzernstruktur weitere 500 Mio EUR einsparen. Rund 5.000 Zeitarbeiter sind nicht mehr im Unternehmen, in der Verwaltung sollen einige hundert Stellen wegfallen, im Stahlbereich werden bis September 2010 rund 2.000 Arbeitsplätze gestrichen. Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres hat das Unternehmen die Zahl der Mitarbeiter bereits um 3,4% auf über 192.000 reduziert.

Bei Salzgitter, wo am Ende des ersten Quartals nahezu unverändert knapp 26.000 Menschen beschäftigt waren, setzt man bislang auf Kurzarbeit. Im Juni waren rund 9.000 Mitarbeiter davon betroffen, mehr als 5.000 davon in den Stahlbereichen.

Hermann Reith, Analyst bei der BHF Bank, sieht Salzgitter unter geringerem Druck als den größeren Wettbewerber. "Der Kostenabbau ist nicht so nötig wie bei ThyssenKrupp, da keine fusionsbedingten Überhänge bestehen", weist Reith auf die Spätfolgen des Zusammenschlusses von Thyssen und Krupp vor zehn Jahren hin.

Analyst Dörper sieht in der geringeren Zahl langlaufender Kontrakte noch einen weiteren Vorteil bei Salzgitter. ThyssenKrupp dagegen sei zu stark mit der Autoindustrie verbunden. Deshalb "habe ich dort am ehesten Bedenken, was die Notwendigkeit weiterer Sparmaßnahmen betrifft", sagte Dörper. Doch auch Salzgitter wird um weitere Maßnahmen wohl nicht herumkommen, wenn sich die Lage nicht schnell und nachhaltig bessert. "Wenn die Krise auf dem Niveau der letzten 12 Monate noch ein Jahr anhält, werden härtere Kostenschnitte auf Mitarbeiterseite kaum noch vermeidbar sein", schätzt Analyst Greil.

Salzgitter selbst sieht nach Aussagen eines Sprechers derzeit keine Notwendigkeit für weitere Maßnahmen. Im Moment beobachte man eine spürbare Belebung der Nachfrage. "Wir hoffen, dass sich diese Entwicklung als nachhaltig erweist", sagte der Sprecher. Allerdings müsse das Unternehmen schauen, wie sich der Herbst entwickele.

Für ThyssenKrupp könnte weiterer Anpassungsdruck auch aus den laufenden Verhandlungen über die Eisenerzlieferungen erwachsen. Die ersten wegweisenden Abschlüsse von Konkurrenten haben Preissenkungen um rund ein Drittel gezeigt. ThyssenKrupp hatte - öffentlich zumindest - eine Halbierung der Preise angestrebt. Weil auch das Einsparziel des Konzerns früher formuliert wurde, sieht Dörper die Gefahr, dass auf der Beschaffungsseite die Rechnung nun nicht mehr aufgehen dürfte.

Trotz der bereits "zahlreich ergriffenen Maßnahmen" bei ThyssenKrupp will Analyst Greil "nicht ausschließen, dass noch weitere, härtere Maßnahmen folgen". Sein Kollege Reith geht zumindest davon aus, dass der Konzern bei den derzeit im Bau befindlichen Werken den Produktionsstart flexibel handhabt. Im Edelstahl-Bereich werde die Kapazitätserweiterung mit Sicherheit geschoben, urteilt Reith.

Auch der Chef des österreichischen Stahlkonzerns voestalpine hat die Überkapazitäten als Problem ausgemacht. In einem kürzlich in der "Financial Times Deutschland" erschienenen Interview forderte Wolfgang Eder die europäische Stahlindustrie zum Schrumpfen auf. Mindestens 10% der Kapazitäten in der EU seien überflüssig. Alexej Mordaschow, der Mann an der Spitze des größten russischen Herstellers Severstal, hat die weltweiten Überhänge jüngst auf 300 Mio bis 400 Mio t beziffert.

Auf das Missverhältnis haben Konkurrenten der beiden größten deutschen Hersteller drastischer reagiert. So hat der Marktführer Arcelor Mittal bereits Ende vergangenen Jahres den Abbau von 9.000 Stellen in der Verwaltung angekündigt. Das entspricht rund 3% aller Beschäftigten. Auch auf der Arbeiterseite hat das Unternehmen Streichungen vorgenommen und im ersten Quartal die Zahl der Lohnempfänger auf 305.000 von 316.000 reduziert sowie weitere Schnitte angekündigt. Auch der zweitgrößte europäische Hersteller Corus streicht kräftig. Insgesamt sind dort fast 15% der Belegschaft von Abbau bedroht.

ThyssenKrupp geht vorerst davon aus, dass die beschlossenen Maßnahmen ausreichen. Wie bei Salzgitter wird auf die derzeitige Belebung verwiesen, auch hier bezeichnete ein Sprecher die Frage als entscheidend, ob der aktuelle Schwung über den Sommer hinweg anhält. "Wenn nicht, dann muss man über Kapazitätsanpassungen nachdenken", sagte der Sprecher. "Das aktuelle Niveau ist auf Dauer nicht auskömmlich", ergänzte er.

-Von Martin Rapp, Dow Jones Newswires; +49 (0) 69 29725 108; martin.rapp@dowjones.com DJG/mmr/bam

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