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01.09.2009

FOKUS: Deutschen Maschinenbauern steht eine Rosskur bevor

Von Nico Schmidt DOW JONES NEWSWIRES

Von Nico Schmidt DOW JONES NEWSWIRES

FRANKFURT (Dow Jones)--Der deutsche Maschinenbau steckt in der heftigsten Rezession seit Jahrzehnten, und eine Erholung ist nicht in Sicht: Der erfolgsverwöhnte Sektor, der lange eine der Stützen der größten europäischen Volkswirtschaft war, muss sich nach Einschätzung von Experten zumindest auf mittlere Sicht mit schrumpfenden Märkten abfinden. Besonders die krisengebeutelte Druckmaschinenindustrie hat mit enormen strukturellen Problemen zu kämpfen. Massive Strukturanpassungen scheinen geboten, um sich dieser Realität zu stellen.

Im ersten Halbjahr 2009 brachen die Auftragseingänge der deutschen Anlagen- und Maschinenbauer laut Branchenverband VDMA um fast die Hälfte ein - der stärkste Einbruch seit Beginn der Statistik Ende der 1950er Jahre. Selbst nun, da in einigen Branchen Hoffnungen auf ein Ende der Rezession aufkeimen, stehen die deutschen Maschinenbauer vor einer düsteren Zukunft: Die Talfahrt bei den Neuaufträgen wird nach Meinung von Branchenkennern noch eine ganze Weile anhalten.

Einer Studie der Managementberatung Oliver Wyman zufolge ist eine Trendwende erst 2011 wahrscheinlich. Selbst danach wird aber nicht wieder alles beim Alten sein: "Die Unternehmen müssen sich mittelfristig auf ein um 20% bis 30% niedrigeres Marktvolumen einstellen", heißt es in der Studie. Ähnlich düster sieht Analyst Thomas Rau von M.M. Warburg die Lage: "Es gibt immer noch Daueroptimisten, die davon ausgehen, dass wir 2011 wieder auf dem Niveau von 2008 sind". Doch in Wahrheit stehe die Branche viel schlechter dar: "Wir werden frühestens 2013 oder 2014 wieder auf dem Niveau von 2008 sein", so der Branchenexperte von der M.M.Warburg.

Angesichts der massiven Probleme des Sektors mahnen viele Branchenexperten, die Maschinenbauer hätten noch nicht genug getan, um sich für die schwierige Zukunft zu wappnen. "Es gibt nur wenige Unternehmen, die radikal genug auf die Krise reagiert haben", glaubt Thomas Rau. Lutz Jäde von Oliver Wymann fordert "strukturelle Veränderungen wie eine Anpassung der Standortstruktur und die Reduktion der Fixkosten um 20% bis 30%". Der Branche steht nach seiner Einschätzung "eine noch nie da gewesene Rosskur bevor".

Skeptisch werden vor allem die Zukunftsaussichten der Druckmaschinenindustrie gesehen, wo der Heidelberger Druckmaschinenhersteller HeidelDruck als besonderes Sorgenkind gilt. Zwar habe sich die Situation dort zuletzt leicht verbessert, es sei aber ungewiss, ob die Nachfrage in den Bereichen Werbe- und Zeitschriftendruck überhaupt noch einmal anziehen werde - auch nach der Krise, sagt Analyst Eerik Budarz vom Bankhaus Metzler.

HeidelDruck hält die Marktaussichten dagegen für intakt: Das weltweite Druckvolumen von jährlich rund 400 Mrd EUR entwickelt sich nach Schätzungen des Unternehmens trotz der Krise und trotz der Online-Medien stabil bis leicht wachsend. Daher könne der Druckmaschinenmarkt insgesamt mittelfristig wieder das Niveau von vor der Krise erreichen, glauben die Heidelberger. Allerdings werde es zu Verschiebungen der bisherigen Strukturen kommen, und zwar sowohl regional als auch in Bezug auf die einzelnen Segmente, hieß es bei HeidelDruck auf Anfrage.

So werden nach Unternehmensschätzungen vor allem die Märkte in großen Schwellenländern wie China oder Indien wachsen, die Märkte in den großen Industrienationen dagegen weniger. Zwar werde das Geschäft mit dem Werbedruck, in dem HeidelDruck aktuell rund zwei Drittel seines Umsatzes erzielt, wohl weniger zulegen als der Verpackungsdruck, wo der Konzern derzeit 15% seines Umsatzes verbucht. Doch auch darauf will das Unternehmen entsprechend reagieren: Durch den Ausbau des konjunkturunabhängigeren Verpackungsdruck-Segments soll das Umsatzverhältnis auf 50% zu 25% verschoben werden.

Die aufgrund der Nachfrageflaute schon prekäre Situation bei dem weltgrößten Hersteller von Bogendruckmaschinen wird durch ein hausgemachtes Problem noch verschärft: Die enorm hohen Finanzierungskosten. Die Heidelberger hatten in der Jahresmitte Staatsbürgschaften sowie einen KfW-Kredit beantragt. Das Volumen der Hilfen liegt bei rund 800 Mio EUR. Das Geld rettete den MDAX-Konzern zwar, die Inanspruchnahme der Staatsgelder kommt das Unternehmen aber teuer zu stehen.

Unter anderem aufgrund der hohen Finanzierungskosten rechnet HeidelDruck für das Geschäftsjahr 2009/10 mit einem neuerlichen deutlichen Verlust. Im Vorjahr hatte unter dem Strich ein Minus von fast einer Viertel Milliarde Euro zu Buche gestanden. Das Geschäft lief in den vergangenen Monaten sogar so schlecht, dass in den Medien wiederholt von einer Fusion mit dem Wettbewerber manroland berichtet wurde. Beide Unternehmen wollten diese Gerüchte nicht kommentieren.

Ohne weitere Restrukturierungsmaßnahmen wird HeidelDruck nach Einschätzung von Analysten auch auf absehbare Zeit weiter Verluste schreiben. Auf Basis aktueller Schätzungen von M.M. Warburg müssten die Umsätze jährlich um mindestens 15% steigen, um das zu erwartende negative Finanzergebnis von etwa 120 bis 130 Mio EUR jährlich auszugleichen und netto im Geschäftsjahr 2011/12 wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Angesichts der aber auch in den kommenden Jahren kritischen Marktsituation hält der Analyst dieses Szenario für unwahrscheinlich. Sein Fazit lautet daher: "HeidelDruck macht angesichts der teuren Restrukturierung der Finanzen noch nicht genug".

Dabei hatten die Heidelberger frühzeitig und umfassend auf die Krise reagiert und bereits Mitte 2008 den Rotstift angesetzt. Im Zuge des Sparprogramms wird bei dem MDAX-Konzern ein Viertel der ehemals 20.000 Stellen wegfallen; bis 2011 sollen die Kosten um 400 Mio EUR jährlich sinken.

Bei der Umsetzung sieht sich das Unternehmen nach eigenen Angaben im Plan. Zur Frage, ob weitere Sparmaßnahmen nötig und angedacht sind, bezog HeidelDruck auch auf Anfrage nicht konkret Stellung. Allerdings gestand der MDAX-Konzern ein, dass von einer nachhaltigen Erholung der Märkte noch keine Rede sein könne und mit einer Trendwende erst frühestens 2010 zu rechnen ist. Daher arbeite man mit Nachdruck daran, die Konjunkturabhängigkeit durch den Ausbau anderer Bereiche - vor allem des Verpackungsdrucks - zurückzufahren.

Die Restrukturierungsmaßnahmen gehen Experten auch bei anderen Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau nicht weit genug: "Krones ist da ein Beispiel", sagt Analyst Rau: "Die müssten viel mehr machen". Er hält den Abbau von mindestens jedem zehnten Arbeitsplatz für nötig, um den Spezialisten für Getränkeabfüllanlagen fit für die Zukunft zu machen. Insgesamt arbeiten mehr als 10.000 Menschen für Krones, ein Gros davon in Deutschland.

Bisher hielt sich der MDAX-Konzern im Vergleich zu anderen Unternehmen der Branche tatsächlich stark zurück, was die Restrukturierung angeht. Zwar drehte Krones im Zuge des Ende 2008 gestarteten Sparprogramms "Conversion" an der Kostenschraube, schloss Einschnitte bei der Stammbelegschaft aber stets aus.

Analyst Thomas Rau Warburg versteht, dass es der familiengeführten Krones AG aus dem kleinen Neutraubling schwerfällt, unpopuläre Maßnahmen wie Stellenstreichungen durchzusetzen. Am oberpfälzischen Stammsitz, einer 12.000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Regensburg, beschäftigt der MDAX-Konzern etwa die Hälfte der insgesamt gut 10.000 Arbeiter und hat somit auch eine große soziale Verantwortung. Diese müsse aber der wirtschaftlichen Notwendigkeit von Maßnahmen gegenübergestellt werden. "Krones wird unter dem Strich nicht ohne Einschnitte bei der Stammbelegschaft durch die Krise kommen", lautet das Fazit des Analysten.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Hans-Jürgen Thaus hält dagegen: "Wir werden die Stammbelegschaft halten", sagte der Manager. Schließlich sei die Talsohle erreicht. Krones werde schneller aus der Krise herauskommen als andere Maschinenbauer, da das Unternehmen kein klassischer Investitionsgüterhersteller sei, sondern sehr nah am Konsum. "So gesehen hat die Getränkeindustrie kein strukturelles Problem wie etwa Hersteller von Druckmaschinen".

Auch Analyst Eerik Budarz vom Bankhaus Metzler hält eine differenzierte Betrachtung des Maschinenbausektors für nötig. Mit Blick auf das Geschäftsmodell von Krones ist er vergleichsweise optimistisch, was die Zukunft des MDAX-Konzerns angeht: "Krones ist Weltmarktführer bei Getränkeabfüllanlagen und etwas platt gesagt: Auch in der Krise wird getrunken". Das lasse mittelfristig eine konstante Nachfrage erwarten.

Es gibt für die Analysten aber auch positive Beispiele von Maschinenbauern, die angemessen auf die Krise reagiert hätten. Thomas Rau denkt in erster Linie an die Gildemeister AG. Der Werkzeugmaschinenhersteller will bis zum Jahresende 1.000 der 6.500 Stellen abbauen und damit 150 Mio EUR einsparen. Das entspricht in etwa dem Betriebsgewinn der Bielefelder aus dem Vorjahr. "Gildemeister hat genug getan und ist für die schwierige Situation gewappnet", so Rau.

-Von Nico Schmidt, Dow Jones Newswires, +49 - (0)69 297 25 114; nico.schmidt@dowjones.com DJG/ncs/kgb/cbr Besuchen Sie auch unsere Webseite http://www.dowjones.de

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