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06.06.2007

FOKUS: Experten räumen Siemens-VDO-Verkauf gute Chancen ein

Von Alexander Becker und Michael Brendel

Von Alexander Becker und Michael Brendel

DOW JONES NEWSWIRES

MÜNCHEN/HANNOVER (Dow Jones)--Ein Komplettverkauf der Automobilzuliefersparte VDO wird am Finanzmarkt als sinnvoller erachtet als der von Siemens geplante Börsengang. Für einen Verkauf sprechen nach Expertenmeinung vor allem die finanziellen Aspekte einer solchen Transaktion. Allerdings gibt es auch Argumente dagegen: Nämlich der mögliche "politische" Widerstand in der Öffentlichkeit und bei den Beschäftigten. Letztlich dürfte die Zahlungsbereitschaft möglicher Käufer, in erster Linie der Continental AG, entscheidend sein.

Das Siemens-Management wird generell gehalten sein, das höchste Angebot zu nehmen, sagte ein Frankfurter Analyst, der namentlich nicht genannt werden will. So sei mit einem Trade Sale wohl mehr Geld zu erlösen als mit einem Börsengang. Denn bei einem IPO gebe es immer gewisse Abschläge, um die Investition für Anleger attraktiver zu machen.

Im Gegensatz dazu sei es bei einem industriellen Käufer zu rechtfertigen, eine "strategische Prämie" zu zahlen. Hier verweist der Analyst auf die Verbesserung der Marktpositionierung und die möglichen Synergien, die einen Aufschlag auf den rein rechnerischen Unternehmenswert begründen können. "Finanziell spricht daher alles für einen Komplettverkauf", so der Analyst.

Der Hannoveraner Continental hat bereits, wie von Dow Jones Newswires aus gut informierten Kreisen erfahren hat, ein indikatives Angebot von gut 10 Mrd EUR vorgelegt. Offiziell hüllt sich der Konzern dazu aber in Schweigen. Analysten gehen bislang von einem Unternehmenswert von 6,5 Mrd bis maximal 9 Mrd EUR für die Siemens-Sparte aus.

Die Schmerzgrenze, bei der das Unternehmen und auch der Aufsichtsrat "zweimal über einen Verkauf nachdenken würde, liegt mindestens im zweistelligen Mrd-EUR-Bereich", sagte eine der mit dem Vorgang vertrauten Personen weiter. Der Preis würde sich bei einem Verkauf "wohl zwischen 10 Mrd und 15 Mrd EUR einpendeln" müssen, wobei die obere Grenze aber "unrealistisch" sei. Siemens wollte dies nicht kommentieren.

Die von Conti vorgelegten rund 10 Mrd EUR seien "ein guter Preis", findet Automobilexperte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Bei einem Angebot von 12 Mrd EUR "dürfte Siemens bei nüchterner Betrachtung nicht mehr 'Nein' sagen", so Bratzel. Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser hatte vor kurzem noch gesagt, dass Conti bislang "keine wettbewerbsfähige Alternative zu einem Börsengang vorgelegt" hat.

So sieht Siemens auch weiterhin - und hat dies wiederholt bekräftigt - ein IPO als höchste Priorität an. Dies soll bei einer endgültigen Entscheidung zu Gunsten des Börsengangs noch im laufenden Geschäftsjahr 2006/07 stattfinden, das am 30. September endet.

Diese Pläne sind aber nach Ansicht des Frankfurter Analysten eher eine "Back-up"-Lösung, sollte es nicht zu einer Einigung mit einem Käufer kommen. Dies stärke die Verhandlungsposition von Siemens in den Gesprächen mit potenziellen Interessenten. Der Analyst geht daher auch davon aus, dass der Münchner Konzern diese Position "bis zur letzten Minute" vor einem Börsengang ausreizen könnte: "Hier wird sich Siemens nicht so schnell aus der Deckung wagen."

Beispiele für einen so genannten Dual-Track von IPO und möglichem Verkauf mit letztendlicher Entscheidung zu Gunsten eines Trade Sales gab es in jüngerer Vergangenheit mehrere. So sagte der niederländische Chemie- und Pharmakonzern Akzo Nobel den Börsengang seiner Pharmatochter Organon BioSciences NV (OBS) überraschend zwei Wochen vor dem geplanten IPO ab und verkaufte die Sparte komplett für 11 Mrd EUR an den US-Konzern Schering-Plough. Auch die Linde Group entschied sich bei der Trennung von ihrem Gabelstaplergeschäft Kion für einen Verkauf an Private-Equity-Firmen statt eines ebenfalls angedachten Börsengangs der Sparte. Linde erlöste rund 4 Mrd EUR und damit mehr als von den meisten Analysten erwartet.

Nach Einschätzung von Branchenexperten hat Siemens aber in jüngster Zeit die Bereitschaft des Unternehmens zu einem Verkauf als Alternative offener als bisher kommuniziert. So hatte der scheidende Siemens-Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld vor Analysten gesagt, dass der neue Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme "alle Optionen" unterstützt, die "Wert aus VDO" für Siemens generieren würden.

Dass mit einem IPO ein geringerer Erlös erzielt wird, scheint klar. Sollte trotzdem der Börsengang den Vortritt vor einem Verkauf erhalten, "ist das sicherlich fragwürdig", meint M&A-Experte Christopher Kummer vom Wiener Institut für Fusionen, Akquisitionen und Allianzen. "Strategie kann keine Ausrede für Verzicht auf Wertschaffung sein", fügt er hinzu.

Problematisch könnten dennoch Themen wie die Arbeitsplatzsicherung werden. Bei einer Entscheidung für den Verkauf seien neben der Transaktionssumme zudem Absicherungen für die Beschäftigten erforderlich, um die Zustimmung der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat zu erhalten, sagte die informierte Person zu Dow Jones Newswires. Dazu würden Beschäftigungs- und vor allem Standortgarantien gehören. Der Eintritt in einen Verkaufsprozess erfordere zudem die Zustimmung des Aufsichtsrats. Diese müsste vor dem Hintergrund des IPO-Zeitplans wohl spätestens auf der nächsten ordentlichen Aufsichtsratssitzung Ende Juli erfolgen.

Analyst Marc-Rene Tonn von M.M. Warburg verweist angesichts der anstehenden Entscheidung ebenfalls auf die Interessenlage der Arbeitnehmer in dem Prozess. "Die weichen Faktoren wie etwa die öffentliche Meinung sprechen eher für einen Börsengang, die finanziellen Aspekte für einen Trade Sale", so der Experte. So dürften die bisherigen Planungen - IPO und Erhalt der industriellen Führerschaft - wesentlich vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem Verkauf der Handy-Sparte zu sehen sein. Hier könnte Siemens die negativen Effekte in der Öffentlichkeit scheuen, die ein Verkauf mit sich bringen würde. Allerdings geht auch Tonn davon aus, dass mit einem Verkauf mutmaßlich mehr Erträge zu erzielen sind.

Zuvor hatte sich bereits herausgestellt, dass auch die Kunden beider Unternehmen einen Zusammenschluss wünschen: "Die deutsche Automobilindustrie würde Conti gerne in der Führung bei VDO sehen", hatte eine weitere mit der Situation vertraute Person zu Dow Jones Newswires gesagt. Dafür hatten sich in informellen Gesprächen führende Manager der deutschen Hersteller ausgesprochen und dies auch Siemens zur Kenntnis gegeben.

Eine Übernahme von VDO durch den derzeit zweitgrößten deutschen Automobilzulieferer würde ein weiteres Schwergewicht gegen die japanischen und US-Wettbewerber stellen, die ansonsten an Dominanz gewönnen, sagte die Person. Bosch ist derzeit gemessen am Umsatz von 27,2 Mrd EUR der weltweit größte Automobilzulieferer. Conti würde bei einer Komplettübernahme von VDO nahezu die gleiche Größenordnung erreichen und die japanische Denso (3,6 Bill JPY entsprechend rund 22 Mrd EUR) und die US-Gruppe Delphi (26,4 Mrd USD entsprechend rund 19,6 Mrd EUR) überholen.

Webseite: http://www.siemens.com

http://www.siemensvdo.com

http://www.conti-online.com

-Von Alexander Becker und Michael Brendel, Dow Jones Newswires,

+49 (0)40 3574 3115, industry.de@dowjones.com

DJG/abe/mbr/smh

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