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15.09.1978

Frankfurts Flughafen-Zöllner fahren Alfa

FRANKFURT- Speditionsarbeit ist wie Staffellauf: Die Übergabe muß klappen. Während Schiffsfrachten wochenlang unterwegs sind, Rollgut Tage braucht, ehe die Brummis in den Ladehöfen ankommen, wird's bei Luftfracht schnell kritisch: Hier schrumpfen die Dispositions-Fristen auf wenige Stunden zusammen, und wenn da an einem Umschlagplatz der Zoll zu Fuß kommt, bleiben verstopfte Laderampen nicht lange aus.

In Frankfurt drohte die Gefahr. Immerhin werden auf dem Rhein-Main-Airport 70 Prozent des bundesdeutschen Luftfracht-Volumens umgeschlagen. Zum Beispiel erreichten 1977 alle Pariser Flughäfen zusammen nicht das Frankfurter Frachtaufkommen von 541 094 Tonnen, das in diesem Jahr noch einmal um 110 000 Tonnen höher liegen soll. Auch Heathrow alleine hat weniger Umschlag als das zentrale europäische Luftverkehrskreuz (und auf allen Londoner Flughäfen wurden auch nur 20 000 Tonnen mehr Fracht angelandet).

Für den Zoll, der 1977 insgesamt aus Einfuhrabgaben 3,7 Milliarden Mark für die Bundeskasse abschöpfte, war deshalb gerade in Frankfurt der Schritt zu einem mit Computern automatisierten Abfertigungssystem ein Vorhaben, das auch eminente volkswirtschaftliche Bedeutung hat: Denn mit dem automatisierten Luftfrachtabwicklungssystem (Alfa), das in siebenjähriger Arbeit gemeinsam mit Siemens entwickelt worden ist, wurde die Gefahr abgewendet, daß Air-Cargo von Paris aus als Rollgut angekarrt wird, was ja innerhalb der EG ohne wesentliche administrative Probleme möglich wäre. Und in Paris nutzt der Zoll schon längere Zeit die EDV.

Nachdem IBM bei der Alfa-Ausschreibung aus dem Rennen war, kam Siemens zum Zuge; unter anderem auch mit einem nicht unerheblichen Software-Anteil von rund 4 Millionen Mark - bei insgesamt etwa 20 Millionen Mark Projektkosten.

Finanziert wurde Alfa ausschließlich vom Zoll, damit aus dem Etat des Bundesfinanzministers. Durch die breite Zusammensetzung des Alfa Ausschusses, in dem auch Spediteure, Luftfahrtgesellschaften und die Frankfurt mitwirkten, hätte die Möglichkeit bestanden, via Finanzierung Mitsprache-Rechte zu entwickeln und damit ein Luftfracht-System zu installieren. Diese Möglichkeit ist vertan worden. Allerdings blieb umgekehrt dem Zoll gar nichts anderes übrig, als konsequent den Schritt zu einem automatisierten Zollabrechnungssystem zu tun, das später flächendeckend Zollaufgaben wahrnehmen soll.

Im Dreischichtbetrieb wird seit dem 15. Juni 1978 nun erstmalig in der Bundesrepublik Deutschland mit dem System Alfa das aus den Flugzeugen entladene ausländische Luftfrachtgut unter Einsatz der EDV zollamtlich erfaßt und abgefertigt. Zeitraubende und aufwendige Arbeiten durch Zollbeteiligung und Zollverwaltung zur Erfassung und Kontrolle des Frachtgutes sowie bei der Abfertigung der Waren zum freien Verkehr sind jetzt automatisiert.

Die Frachtgutabfertigung läuft in zwei Phasen ab:

þDie entladenen Luftfrachtsendungen werden zunächst in einer EDV-Anlage, in der "Warendatei", erfaßt und gespeichert. Außerdem, wird Speichert, wem die Ware überlassen worden und wer für ist weitere Behandlung verantwortlich ist. Anhand der Ware überwacht, ob alle eingehenden Luftfrachtsedungen ordnungsgemäß zollamtlich abgefertigt wurden.

Das automatisierte Verfahren erfordert zunächst einen zusätzlichen Aufwand für die Dateneingabe. Diesem aufwand stehen jedoch eine Reihe von Vorteilen gegenüber:

-Durch automatische Hinweise auf Fehler wird die Arbeitsgenauigkeit verbessert,

- der Archivierungsaufwand wird erheblich reduziert,

- das "Gestellungsbuch" braucht von der Zollverwaltung nicht mehr geführt zu werden,

- für alle Luftfrachtsendungen gilt als einheitliches Erkennungszeichen die Warensatznummer (Luftfrachtbriefnummer),

- obgleich Sendungen, die an andere Flughäfen weitergeleitet werden sollen, in der Regel ohne Mitwirkung der Zollverwaltung behandelt werden, ist die zollamtliche Überwachung besser als bisher, da der Verantwortliche für die Sendung jederzeit aus der Warensatzdatei abgefragt werden,

- Aufteilungs- und Überlassungspapiere werden automatisch gedruckt.

þBei der Abfertigung zum freien Verkehr werden über EDV die Zollanträge, die wie bisher mit den entsprechenden Vordrucken abzugeben sind, zunächst rigistriert. Anhand der gespeicherten Daten prüft die EDV-Anlage die Zollantrags- und Zollanmeldungsdaten auf Zulässigkeit, Vollständigkeit und - soweit möglich - sachliche Richtigkeit; sie ermittelt dann die anzuwendenden Abgabensätze, berechnet die Abgaben und druckt die Zollbescheide aus.

Auch in diesem Bereich ist als zusätzlicher Aufwand zu dem herkömmlichen Verfahren die Dateneingabe über Terminal gekommen. Diesem zusätzlichen Eingabeaufwand stehen jedoch ebenfalls Vorteile gegenüber:

- Da in der Tarifdatei stets die aktuellen Abgabensätze gespeichert sind, wird die Anzahl der später zu berechtigenden Zollbescheide gesenkt. Der: Abfertigungsbeamte braucht im Regenfall nicht mehr im Deutschen Gebrauchszolltarif nachzuschlagen.

- Dem Abfertigungsbeamten werden automatisch Hinweise mit Entscheidungshilfen für die Abfertigung geliefert. Dadurch werden - mehr als bisher- Fehler vermieden.

- Die Abgaben werden automatisch berechnet. Die bislang erforderliche Eingabe in Berechnungsautomaten entfällt.

- Bei Inanspruchnahme von Zahlungsaufschub werden automatisch Aufschubbelege, Aufschub- und Ablieferungsnachweise gedruckt.

- Die Inanspruchnahme des Zahlungsaufschubs kann bereits im Zeitpunkt der Abgabe des Zollantrags beantragt werden. Zusätzliche Aufschubanmeldungen oder Anrechnungsanträge sind vom Zollbeteiligten nicht mehr zu erstellen

- Durch das tägliche Zusammenfassen der Aufschubanmeldungen und der Anrechnungsanträge mit gleicher Kontonummer und gleicher Aufschubfrist fallen weniger Aufschubbelege an. Dadurch verringert sich die Anzahl der Buchungen der Bundeskasse.

Nach einigen Anfangs-Schwierigkeiten erreicht das System nun eine Gesamtverfügbarkeit von "99,2 Prozent" wie Joseph Kütter, Siemens-Vertriebsleiter, Bundesbehörden und Wissenschaft nicht ohne Stolz bei

der offiziellen Inbetriebnahme erklärte. Es war ja offensichtlich keine leichte Aufgabe, den Zugriff von den 118 jetzt angeschlossenen Terminals auf Rechner und Speicher störungsfrei zu koordinieren, vor allem, weil bei Alfa hauptsächlich I/0-Blöcke transportiert werden.

Die Siemens AG konnte hier allerdings aus der Erfahrung schöpfen:

Denn die Organisation und Hardware bei Alfa entsprechen weitgehend dem beim Bundeskriminalamt realisierten System. Und das hat seine Feuerprobe schon bestanden. Allerdings: Ob auch die Kriminaler so wie die Zöllner über die "nicht blendfreien" Datensichtgeräte (von Siemens) klagen, ist bislang noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen.

Bundesfinanzminister Hans Matthöfer sagte denn auch den Alfa-Fahrern persönlich zu, daß es künftig vorsorgliche Augenuntersuchungen geben werde, auch, "um festzustellen, ob nicht einer schon was hat" (Matthöfer).

Duet im Duett

Ein klassischer Anwendungsfall für Front-End-Prozessoren ist das zollamtliche automatisierte Luftfrachtabwicklunssystem Alfa für den Flughafen Frankfurt: Hier steuern zwei (aus der Transdata Serie weiterentwickelte) "Duet"-Front-End-Prozessoren 9687 die Leitungen und arbeiten Prozeduren ab. Die 9687 - theoretisch bis 512 KB ausbaufähig - haben bei der Alfa-Anwendung 128 KB Arbeitsspeicher-Kapazität. Im heißen Betrieb ist jeweils nur immer einer der DUET-Rechner, da es ja das Ziel der Duplex-Auslegung bei Alfa war, daß auf dem zweiten System Programmtests gefahren werden. Die Umschaltung im Notfall erfolgt manuell: Denn selbst eine Viertelstunde Wartezeit - um das heiße System auf die Redundanz-Maschine zu nehmen kann nichts vom Vorteil schmälern, im Normalfall mit der zweiten Maschine unabhängig arbeiten zu können. Es hätte sich bei Alfa auch nie gelohnt, hot stand by zu fahren.

Bei den Transdata 96XX Prozessoren setzt Siemens ab der 9687 übrigens 16 K-Chips aus der Serienfertigung ein, die wegen der hohen Arbeitsspeicher-Möglichkeiten eine recht komfortable DÜ-Steuerung zulassen.