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10.07.1992 - 

Wachwechsel bei Bull

Franzosischer Rechnungshof übt Kritik an der Ära Lorentz

PARIS - Fast gleichzeitig mit der Ablösung von Francis Lorentz durch Bernard Pache als Vorstandsvorsitzem der Pariser Groupe Bull stellte der französische Rechnungshof in seinem jetzt vorgelegten Jahresbericht dem bisherigen Management des Konzerns ein eher betrübliches Zeugnis aus.

Der von Lorentz 1990 eingeleitete Sanierungsplan sei zwar als "ehrgeizige Anstrengung" zu bewerten. Doch kam das Maßnahmenbündel nach Ansicht der amtlichen Buchprüfer zu spät, und es mangelte ihm vielfach auch an Konsequenz. So habe zum Beispiel beim Austausch der eigenen PC-Linie "Micral" durch das zugekaufte Angebot von Zenith Data Systems ein entsprechendes Marketing-Konzept gefehlt: Die Zenith-Maschinen habe Bull anfangs versucht, bei den Kunden aus dem Öffentlichen Bereich abzusetzen, statt das Geschäft mit der Privatklientel zu forcieren. Dadurch sei 1990 der Umsatz bei Zenith von 1,4 auf 1,05 Milliarden Dollar geschrumpft und ein Verlust von 250 Millionen Dollar eingetreten.

Kritik übt der Pariser Rechnungshof auch am Rückzug von Bull aus dem Chip-Kartengeschäft. Die Tochtergesellschaft CP-8 habe in sechs Jahren 140 Millionen Franc Verluste angehäuft, weil Bull sich nur auf die Nutzung der Chip-Kartentechnologie in der Bankenautomation konzentrierte. 1990 wurde CP-8 dann verkauft, genau zum Zeitpunkt jedoch, so der Bericht, "als sich in anderen Marktsegmenten vielversprechende Chancen für das Produkt abzeichneten".

Die Rechnungsprüfer rügen ferner Miß-Management im Vertrieb von Bull, Mangel an effizientem Controlling und eine "zerfahrene Politik" beim Abschluß von Partnerschaften mit Softwarehäusern.

Gegen diese Vorwürfe wehrte sich der frühere Bull-Vorstand auch im Namen von Lorentz inzwischen mit dem Hinweis auf die "respektablen Leistungen", die das Unternehmen trotz weltweiter Wirtschaftsflaute vollbracht habe. So sei der Verlust der Gruppe im Ende März abgeschlossenen Geschäftsjahr 1991 von 6,8 auf 3,3 Milliarden Franc halbiert und die Verschuldung bei 11 Milliarden Franc "stabilisiert" worden. Die Tatsache, daß IBM künftig 150 000 portables der Marke Zenith pro Jahr abnehmen werde, beweise die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns in diesem wichtigen, neuen Markt.

Der Eintritt von IBM und NEC als Gesellschafter von Bull demonstriere ferner, daß "bedeutende Partner den Wert des Unternehmens erkannt haben, was ohne entsprechende Qualitäten der vom Vorstand früher beschlossenen Strategien wohl kaum denkbar wäre". Der Rechnungshof hält die beiden Bündnisse dagegen vor allem deshalb für "positive Elemente", weil Bull dadurch die finanzielle Unterstützung seines Hauptaktionärs gewann, "die zur Reduzierung der Schuldenlast des Unternehmens unerläßlich ist". Bull wird in der Tat 1992 sowohl zwei Milliarden Franc neue Eigenmittel aus dem Staatshaushalt als auch Zuschüsse für Forschung und Entwicklung (FuE) in Höhe von 2,6 Milliarden Franc erhalten. Die Zustimmung der EG-Kommission zu diesen Subventionen ist mittlerweile so gut wie sicher.

Nach Ansicht von Branchenkennern verlor Lorentz beim jetzt beginnenden Wachwechsel unter den Chefs der staatlichen Großunternehmen Frankreichs seinen Posten aber weniger aus wirtschaftlichen als aus politischen und psychologischen Gründen. Zum einen brüskierte er bei der Reorganisation des Konzerns zu oft Vorstandskollegen und Betriebsrat. An seinem Nachfolger Pache rühmen Beobachter dagegen gerade die Fähigkeit zum sozialen Dialog: Als Chef der staatlichen Kohlegruben Charbonnages de France S.A. schickte er 20 000 von einst 47 000 Bergleuten ohne den geringsten öffentlichen Wirbel in den vorzeitigen Ruhestand. Allein schon diese Leistung mag Industrieminister Dominique Strauss-Kahn zu der überraschenden Berufung von Pache veranlaßt haben.

Zum anderen stand Lorentz beim Beteiligungskarussell meist auf der falschen Seite. Mit seinem Liebeswerben um NEC erregte er den Zorn der ehemaligen Premierministerin Edith Cresson, die stets von einer "Bedrohung" der französischen DV-Industrie durch Japan gewarnt hatte. Und als es um die Wahl von IBM oder HP als Bull-Partner ging, zögerte Lorentz zu lange, ehe auch er sich auf die Seite von Big Blue schlug.

Die Beteiligungen der beiden Konzerne bei Bull wollen Pache und Strauss-Kahn übrigens auch künftig beibehalten.

Ebenso wird der neue Bull-Chef wohl die noch von Lorentz kürzlich bis 1995 skizzierte Strategie des Unternehmens im wesentlichen fortfahren. Danach soll sich Bull künftig von einem "Hersteller mittelgroßer DV-Anlagen" zu einem "Lösungsanbieter" mausern, ohne auf die Hardwareherstellung zu verzichten.

Weitere Bündnisse, vorrangig mit europäischen Unternehmen, aber nicht nur mit Gerätefabrikanten, sondern auch Systemhäusern und Telecom-Firmen, sind beabsichtigt. In drei Jahren soll die Gruppe - noch nach den Vorstellungen von Lorentz - bereits 35 Prozent vom Umsatz in Europa (ohne Frankreich) und weitere 25 Prozent in Nordamerika erlösen. Wichtige künftige Regionalmärkte für Bull seien Nordeuropa, Südostasien und Japan. Nach innen soll sich das Unternehmen in eine Gruppe von Profit-Centern umwandeln, die einen Teil der Produktpalette in eigener Regie organisieren, aber über gemeinsame FuE- und Fertigungseinrichtigungen verfügen.