Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

09.03.2001 - 

Virtuelle Zusammenarbeit liegt im Trend

Freiberufler stemmen komplexere Projekte

Viele der gesuchten IT-Profis arbeiten lieber projektbezogen-freiberuflich, als sich auf einen einzigen Arbeitgeber festzulegen. Nun bieten im Internet immer mehr Börsen für Selbständige ihre Hilfe bei der Vermittlung geeigneter Fachleute an. Dabei reichen die Konzepte vom Online-Branchenverzeichnis bis hin zur persönlichen Projektbetreuung. Von Mirjam Müller*

Jede Website, die etwas auf sich hält, beschäftigt mittlerweile einen Avatar. Die Cyber-Wesen, die Besucher durch die virtuelle Welt führen, sind ihren Kinderschuhen entwachsen. Sie beraten beim Einkauf, helfen beim Online-Banking oder plaudern mit den Kunden. Damit die Dialoge der Bots mit ihren Gegenübern vor dem Bildschirm einen Sinn ergeben, müssen vorab spezielle Programme installiert und Unmengen von möglichen Fragen und Antworten formuliert werden.

Bundesweites Netzwerk aufbauen

Die Hamburger Kiwilogic AG hat mit ihrem "Lingubot Creator" eine Software entwickelt, mit der auch Ungeübte nach einer zweitägigen Schulung als Sprechtrainer für die Wesen aus Bits und Bytes arbeiten können. Um den Vertrieb der Software zu optimieren, brauchen die Hamburger Spezialisten, die für Kunden wie die Bausparkasse Schwäbisch Hall, Apollinaris oder Premiere die Cyber-Talks ausarbeiten. "Dafür kommen nicht nur Germanisten, Psychologen oder Sprachwissenschaftler in Frage", erklärt Julia Hachmann, Sprecherin bei Kiwilogic. "Für jeden Freelancer, der gerne mit Sprache und IT umgeht, ist das ein spannender Job."

Bei der Suche nach geeigneten Autoren hat sich Kiwilogic jetzt Hilfe geholt. Die Hamburger Projektwerk Unternehmensberatung soll bis Ende März ein bundesweites Netzwerk von qualifizierten Freiberuflern für die Softwarefirma aufbauen. "Derzeit treffen wir die Vorauswahl unter den Bewerbern", sagt Projektwerk-Geschäftsführerin Christiane Strasse. "Abgesehen von Fachfragen zum Lingubot Creator werden wir nach Abschluss des Auswahlprozesses als Ansprechpartner für Kiwilogic und die Freelancer die Pflege des Netzwerks übernehmen."

Die Projektwerk-Gründerin zählt zu den alten Hasen im Online-Geschäft mit Freiberuflern und kleinen Unternehmen. Sie hat den Trend zur Projektarbeit und zu Zusammenschlüssen auf Zeit, so genannten virtuellen Unternehmen, vor zwei Jahren erkannt und gehört damit zu den Pionieren der branchenübergreifenden Projektvermittlungsbörsen in Deutschland.

Headhunter sind zu teuer

Auf der Website www.projektwerk.de finden Angebot und Nachfrage zusammen: Auftraggeber können Anzeigen mit Kurzbeschreibungen der anstehenden Aufgaben und Anforderungsprofilen der gesuchten Freiberufler veröffentlichen. Ein Newsletter informiert die Mitglieder regelmäßig über neue Projekte.

Vor allem für junge Firmen sind solche Konzepte attraktiv. Im Kampf um die Schlüsselressource Mitarbeiter sind die Startups gegenüber großen Konzernen im Nachteil: Headhunter sind teuer, und das Geld ist knapp. Die Krisenstimmung verlangt von der New Economy auch in der Personalpolitik neue Wege. Was in den USA oder Großbritannien mit Anbietern wie Guru.com, Ants.com oder Elance.com längst erfolgreich ist, etabliert sich nun auch in Deutschland: Über ein Dutzend Firmen betätigen sich hierzulande als Schnittstelle zwischen Freiberuflern und Auftraggebern. Der Aufbau eines Netzwerks für Kunden oder die Übernahme komplett ausgelagerter Projekte ist dabei die hohe Schule der Internet-Vermittlung.

Die eigene Arbeitskraft versteigern

Neben solchen beratungsintensiven Dienstleistungen existieren aber auch verschiedene standardisierte Angebote. Schnelle Online-Hilfe bei Computerproblemen verspricht beispielsweise Expertcity.com. Die Internet-Branchenauskunft der Yellout AG bietet seit Mitte letzten Jahres unter www.yelloutPRO.de auch Geschäftskunden Hilfe bei der Suche nach passenden Dienstleistern an. Unter www.visual-data.de/lance-a-lot/ können sich Multimedia- und Internet-Experten über aktuelle Projekte informieren, und wer seine eigenen Fähigkeiten vermarkten will, hat unter www.monster.com sogar die Möglichkeit, im Talent-Market seine Arbeitskraft meistbietend zu versteigern. Auf der deutschen Monster-Site allerdings besteht derzeit lediglich die Möglichkeit, das eigene Profil in die Datenbank einzutragen und auf Angebote zu hoffen.

3000 vermittelte Projekte pro Monat

Im IT-Sektor gilt die 1996 gestartete Gulp Information Services GmbH (www.gulp.de) als Marktführer. Über 20000 der deutschlandweit rund 30000 freiberuflichen IT-Spezialisten treffen hier auf 700 Projektanbieter. Durchschnittlich 3000 Projekte pro Monat haben die Münchner nach eigenen Angaben im letzten Jahr vermittelt. Dabei ist Gulp vor allem durch zahlreiche Features wie den Stundensatz-Kalkulator, Trendanalysen oder Informationen zu rechtlichen und Steuerfragen für die Freischaffenden attraktiv. Etwas bescheidener im Umfang, aber ebenfalls mit zahlreichen Services und Tipps für Freiberufler sind freelance.com, freelance-job.de, www.it.ascena.de oder freiberufler.de.

Während die genannten Börsen vor allem in Deutschland aktiv sind, sind die Konzepte von Telinex.de und Smarterwork.de international. Dabei wurden bei Telinex bislang 580 Projekte ausgeschrieben und 226 abgewickelt. Smarterwork hat Niederlassungen in acht Ländern, und in der Datenbank sollen sich Spezialisten aus mehr als 130 Ländern tummeln. "Wir sehen uns mehr als Outsourcing-Agentur und nicht als Gelbe Seiten", erklärt Oliver Köhler, bei Smarterwork zuständig für Market Operations. "Als Ansprechpartner sind wir für unsere Kunden erreichbar und helfen bei der Auswahl unter den über 4500 deutschsprachigen Experten."

Weniger Geld für schlechte Leistung

Die müssen allesamt einen Qualitätstest durchlaufen und werden - ebenso wie die Auftraggeber - nach Abschluss eines Projekts benotet. "Das ist ein selbstreinigender Prozess. Wer einmal schlecht bewertet wurde, wird kaum einen weiteren Auftrag bekommen", sagt Köhler. "Wer schlechte Arbeit abliefert, fliegt raus." Vor allem für die Online-Abwicklung internationaler Projekte sehen sich die Münchner mit ihrem länder- und sprachübergreifenden Ansatz als geeigneter Ansprechpartner. Bislang wurden allerdings weltweit erst 2000 Projekte abgewickelt. Dabei liegen die Projektwerte zwischen 50 Euro für einfache Übersetzungsaufträge und 20 000 Euro für komplexe Website-Gestaltungen. Laut Köhler müssen die Kunden nur bei Zufriedenheit bezahlen. In der Praxis sieht das so aus, dass der Auftraggeber überweist, sobald er den Experten bucht. Bis zum Abschluss des Projekts lagert das Geld auf einem Treuhandkonto. Tauchen Probleme auf, kann der Kunde diese vom Smarterwork-Moderationsteam klären lassen und eventuelle Preisabschläge aushandeln.

Die Online-Vermittlungsdienste erleichtern Firmen den Schritt in die digitalisierte Arbeitswelt. Gerade in der IT- und Multimedia-Branche revolutionieren innovative Arbeitsstrukturen die alten Geschäftsmodelle. Die Zusammenarbeit über Firmen- und Standortgrenzen hinweg gehört längst zum Alltag. Dabei liegen die Vorteile der Kooperationen mit Selbständigen für Firmen auf der Hand: Freiberufler sind bei Bedarf verfügbar und günstig. Sie benötigen keinen eigenen Schreibtisch, Sozialleistungen fallen nicht an, und die teuren Experten werden nur so lange bezahlt, wie der Auftraggeber sie tatsächlich braucht.

"Die Zusammenarbeit mit Selbständigen hat für Unternehmen nur Vorteile", erklärt Andreas Vichr, Arbeitskreisleiter Projekt-Management beim Deutschen Multimedia Verband (dmmv). "Sie verfolgen ein unternehmerisches Eigeninteresse und versuchen, ihre Chancen zu nutzen. In solchen Strukturen entwickelt sich keine Angestelltenmentalität. Außerdem hat das Vorhalten von personellen Ressourcen ein Problem: Es sind meist die falschen."

Erfahrene Experten sind rar

Beim Branchenverband sieht man Human Resources als Kernproblem der Mitgliedsunternehmen. "Nachwuchs gibt es zwar reichlich, begehrt sind aber Experten mit Berufserfahrung", erklärt Lutz Goertz, Referent für Aus- und Weiterbildung beim dmmv. Doch gerade die scheuen oft eine Festanstellung.

100000 Mitarbeiter zählt die Internet- und Multimedia-Branche, jeder Fünfte davon arbeitet als Freelancer auf eigene Rechnung. Im deutschsprachigen Raum beschäftigte jede Multimedia-Firma im Jahr 2000 durchschnittlich acht freie Mitarbeiter. Dabei übernehmen die Freiberufler immer weitreichendere Aufgaben: Outsourcing liegt im Trend. "Noch vor zwei Jahren war das bei Internet-Projekten kaum machbar. Unternehmen mussten die Kompetenz im eigenen Haus vorhalten, da keiner so genau wusste, wie die Prozesse ablaufen", erklärt Lutz Goertz. "Mittlerweile sind in vielen Bereichen die Abläufe standardisierter, der Auslagerung steht nichts mehr im Wege.

Vermittler bei Problemen

Voraussetzungen für die erfolgreiche Zusammenarbeit sind dabei neben einem Pflichtenheft vor allem ein gutes Briefing und die Koordination durch erfahrene Fachleute." Projektwerk-Chefin Strasse sieht das ähnlich: "Neben der strukturierten Projektbeschreibung sind feste Abmachungen über die Konditionen und klare rechtliche Vereinbarungen zentral. Außerdem muss es einen Ansprechpartner für Probleme geben." Die Mitarbeiter von Projektwerk etwa stehen ihren Pool-Teilnehmern mit Rat und Tat zur Seite. Sie akquirieren neue Projekte und übernehmen in Konfliktfällen die Moderatorenrolle. Die Mitgliedschaft im Pool ist kostenlos, für die Veröffentlichung und Vermarktung einzelner Projekte bezahlen die Mitglieder nur, was sie für angemessen halten. Bei der Konkurrenz von Telinex.de fallen nach einer kostenlosen Probezeit 250 Mark für jede Projektveröffentlichung und jährlich 50 Mark für die Nutzung des Service an. SmarterWork.de behält vom Honorar der vermittelten Fachkräften zehn Prozent als Provision ein.

*Mirjam Müller ist freie Journalistin in Hamburg