Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Open-Source-Software

Freie Software gewinnt Vertrauen

21.08.1998

Von Bernd Broermann

Freie Software stand bis vor wenigen Jahren vor allem für "Public Domain". Solche Programme sind Allgemeingut, kostenlos und können beliebig eingesetzt werden. Gleichwohl gehört sie rechtlich der Person oder der Organisation, die sie entwickelt hat.

Daneben ist eine andere Richtung entstanden, die einen anderen Eigentumsbegriff festgehalten hat. Die Formulierung der GNU General Public License (GPL) stammt im wesentlichen von Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation. Sie beschreibt nicht das Besitzrecht an einer Software, sondern genau das Gegenteil: Sie garantiert die Offenlegung und Weiterentwicklung des Quellcodes, insbesondere bei Weitergabe an Dritte.

Diese Lizenz wird, um die konträre Position zum Copyright zu unterstreichen, auch als "Copyleft" bezeichnet. Die GPL verhindert, daß freie Software schon nach kleineren Änderungen durch kommerzielle Softwarefirmen plötzlich zu einem Produkt wird, für das zu bezahlen ist.

Seit Anfang dieses Jahres gibt es neben der GPL die Open Source Definition (OSD). Ihre Entstehung geht auf Eric Raymond zurück, der nach der Freigabe des Quellcodes des Netscape-Navigators die Open-Source-Gruppe gegründet hat. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, freie Software im kommerziellen Umfeld zu etablieren.

Gleichzeitig hat diese Gruppe den Begriff "freie Software" durch Open Source ersetzt, um sich vom Begriff "freie Software" abzusetzen, der in Chefetagen einen schlechten Leumund hat. Open Source ist das Marketing-Programm für freie Software. Ergo gilt im Prinzip: Nicht nur der Quellcode ist frei zugänglich, auch Modifikationen an ihm sind erlaubt, sofern die freie Weitergabe wiederum gestattet ist.

Unter die OSD fällt Software wie Linux, der GNU-Netzwerkdienst "Samba" für Datei- und Drucker-Sharing, der "Berkeley Internet Name Deamon" (Bind; eine BSD-Lizenz), das Sicherheitssystem "Pretty Good Privay" (PGP, eine MIT-Lizenz) sowie die Sprachen "Practical Extraction and Report Language" (Perl, eine Artistic License) und "MPL" von Modzilla, die nun eine Grundlage des Netscape-Navi-gators wird. Details zu OSD und rechtlichen Aspekten finden sich im Internet unter http://www.opensource.org.

Wichtigste der oben genannten Lizenzen ist die GNU Public Li- cense der Free Software Founda- tion (FSF). Unter ihr stehen für fast alle Betriebssysteme die sogenannten GNU-Tools zur Verfügung. Mit ihnen, vor allem mittels des GNU-C-Compilers und des Tools "./configure", läßt sich freie Software auf fast allen Unix-Derivaten kompilieren.

Daß die GNU-Tools, im Gegensatz zum Standardumfang der meisten Unix-Systeme, einen C-Compiler umfassen, ermöglicht es Unix-Anwendern, unmittelbar an Open Source zu partizipieren. GNU bietet ein Internet-fähiges Versions-Management-System namens "Concurrent Version System" (CVS). Damit lassen sich Softwareprojekte via Internet verwalten. Jeder Beteiligte an einer Entwicklung kann Veränderungen vornehmen, wobei allerdings dem Projektleiter die Entscheidung überlassen bleibt, diese Änderungen zu akzeptieren oder nicht. Globale Projekte wären ohne dieses Tool unmöglich.

Die bedeutendste Quelle freier Software sind nach wie vor die Universitäten. Zum akademischen Freigeist gehört es, alle an den Schöpfungen anderer teilhaben zu lassen. Im Rahmen von Diplom- und Doktorarbeiten werden Open-Source-Projekte vorangetrieben.

Die an den Unis gepflegten Verhaltensweisen setzen sich manchmal auch in jungen Kleinunternehmen fort. Sie folgen dem Ansatz, durch kostenlose Bereitstellung einzelner Softwaremodule ein anderes Hauptgeschäft, beispielsweise Service, zu fördern.

Vor allem Internet-Software wie Web-, E-Mail-, DNS- und News-Server kommen aus dem Open-Source-Lager. Aus ihm stammen die meisten Pioniere des Internet. Nicht von ungefähr ist Linux die meistgenutzte Server-Basis im Internet.

Inzwischen haben auch die Softwareriesen begriffen, daß sie nur ein Teil der Welt sind, und das Internet als gemeinsamen Nenner zur Datenübertragung akzeptiert. Microsoft hat erst kürzlich seinen proprietären Ansatz MSN aufgegeben. Jetzt gewinnen die auf dem Internet basierenden Dienstprogramme an Bedeutung. In der Folge haben wiederum auf Unix basierende Betriebssysteme, insbesondere Linux, und Anwendungen durch das Wachstum des Internet an Bedeutung gewonnen.

An Open-Source-Softwareprojekten sind Menschen aus unterschiedlichsten Ländern beteiligt. So kommen die Leiter der rund 130 Projektgruppen, die am Linux-Kernel arbeiten, aus 22 Ländern. Sie stammen vor allem aus den USA und Deutschland (40 beziehungsweise 24 Prozent). Zudem sind Kanadier, Holländer, Australier, Briten, Franzosen, Finnen und Italiener vertreten (siehe /usr/src/linux/CREDITS).

Nicht mehr zu überschauen ist die Zahl der Programmierer in Open-Source-Projekten, die Feh- ler aufspüren und Verbesserungen anbringen. Eric Raymond berichtet in "The Cathedral and the Ba- zaar", daß er in seinem Projekt "Fetchmail" eines Tages 249 Beteiligte festgestellt hat.

Derart viele Programmierer auf eine begrenzte Aufgabe zu konzentrieren kann sich kaum ein Softwarehaus leisten. Und das macht den Unterschied aus. Raymond zitiert einen Beteiligten mit den Sätzen: "Debugging ist parallelisierbar. Mehr Anwender finden mehr Fehler."

Dank Internet erhalten die freien Softwareprojekte ungefragt neue Mithelfer. Wie viele letztlich am gesamten Projekt beteiligt sind, wird nirgendwo dokumentiert. Um sich die Dimensionen vorzustellen, eine Linux-Version, wie sie auf CD-ROM im Fachhandel erhältlich ist, umfaßt je nach Umfang der Tools 1500 bis 2000 Softwarepakete.

Das Open-Source-Modell nutzen vor allem Firmen, die sich nicht mehr in der Lage sehen, ihre Produkte im fairen Wettbewerb gegen die Marketing-Macht und -Versprechungen von Microsoft zu vertreiben. Der bekannteste und aktuelle Fall ist die Firma Netscape, die trotz ihrer Dominanz auf dem Browser-Markt umgeschwenkt ist. Dieses Unternehmen hat damit einen Präzedenzfall für die Software-Industrie geschaffen.

Hätte Microsoft sich in seinem Machtstreben ein wenig zurückhaltender gebärdet, könnte sich gute Software auch weiterhin am Markt behaupten, und dementsprechend hätte das Open-Source-Modell weniger Anklang gefunden. Open Source repräsentiert damit einen Gegenpol zur kommerziellen Software, dessen Einfluß sich nicht an Börsenkursen messen läßt.

Ohne Zweifel liegt eine Kraft von Open-Source-Software auch in antimonopolistischem Idealismus. Ein Ausdruck dieser Leidenschaft ist das Logo von Modzilla (siehe http://www.modzilla.org), der Kopf des Monsters steht in einem roten Fünfzackstern. Che Guevaras Barett läßt grüßen. Der "virtuelle Kommunismus" der Open-Source-Gemeinde wird jedoch im Gegensatz zum realen Kommunismus von der Masse getragen.

Ohne das Open-Source-Modell mit seinen unzähligen Helfern und Helfershelfern hätte Linux nicht in vier Jahren das erreichen können, was all den "eigensinnigen" kommerziellen Unix-Anbietern in 20 Jahren nicht gelungen ist: ein Betriebssystem zu schaffen, das auf den unterschiedlichsten Plattformen läuft.

Ursprünglich entstand Linux für 80386-CPUs, heute läuft es auf allen Intel-Plattformen und ihren Clones. Hinzu kommen Rechner auf Basis von

- Digitals Alpha-Chip (siehe http://www.azstarnet.com/ axplinux),

- M68k (zum Beispiel Atari, Amiga, Sun 3 und Next, siehe http://www.clark.net/pub/lawrencc/linux/faq/faq.html),

- MIPS http://www.fnet.fr/ linux-mips/ ,

- Power-PC http://www.linuxppc.org/ ,

- Sparc http://www.geog.ubc. ca/s_linux.html

- Macintosh http://shadow. cabi.net/MacLinux/ ,

- Acorn http://www.ph.kcl.ac. uk/amb/linux.html sowie

- HP PA-RISC-Chips http://www.osf.org/mall/os/pa-mk- linux/index.html .

Für Intels 64-Bit-Entwicklung Merced ist eine Portierung schon in die Wege geleitet.

Immer wieder wird auch angeführt, daß freie Software ein Sicherheitsrisiko für geschäftskritische Anwendungen sei. Schließlich könne jeder den Quellcode einsehen, ein böswilliger DV-Experte durch eine Analyse der Sourcen Sicherheitslücken entdecken und Schaden anrichten.

Zwei Gründe widerlegen diese Skepsis: Moderne Sicherheitskonzepte gründen gerade auf der Veröffentlichung ihrer Methode, etwa die PGP-Verschlüsselung. Zweitens basiert ein Teil der Netzwerkfunktionen aller kommerziellen Unix-Hersteller auf den BSD-Utilities. Sie fallen unter die BSD-Lizenz und unterscheiden sich darin nicht von der Open-Source-GPL. Wer grundsätzlich keine Software aus freier Hand einsetzen möchte, müßte folglich auch auf wichtige Teile seiner Netzwerkdienste verzichten.

Die Behauptung, mit Open Source hole man sich Software ins Unternehmen, die im Internet irgendein chaotischer Haufen entwickelt habe, ist durchaus nicht falsch - aber auch kein Argument dagegen. Beispielsweise organisiert eine Internet Engineering Task Force (IETF) die Entwicklung des Internet, insbesondere des TCP/IP-Protokolls (siehe http://www.ietf.org). Es handelt sich dabei um eine locker selbstorganisierte Gruppe.

Es gibt in der IETF keine formale Mitgliedschaft. Jeder kann mitmachen, er muß sich nur in ihre Mailing-Liste eintragen. Die Gruppe trifft sich dreimal im Jahr. Die für Entwickler wichtigen Programmier-Schnittstellen werden regelmäßig in Requests for Comments (RFC) dokumentiert. Faktisch sind sie ab diesem Moment für jedes Softwarehaus verbindlich.

Ein Großteil der Bedenken gegen Open-Source-Software hängt allerdings nicht mit technischen Fragen zusammen, sondern gilt den Prinzipien der Entstehung solcher Programme: Wie kann ein lose organisierter Verbund von Programmierern für ein Projekt effektiver sein als ein kommerzielles Softwarehaus, das alle Ressourcen bis auf die Sekunde genau einsetzen kann?

Eric Raymond hat mit seinem berühmten Beitrag, dessen deutsche Fassung "Die Kathedrale und der Basar" unter http://www.linux-magazin.de/ausgabe. 1997.08/Basar/basar.html vorliegt, die Grundlagen zusammengefaßt. Demnach leben wir heute in einer Zeit, in der die Zahl der am Internet teilhabenden Programmierer eine kritische Masse erreicht hat. Mit Internet ist dabei nicht das World Wide Web gemeint, auf das manche das Internet verkürzen, sondern Dienste wie E-Mail, Mailing-Listen, Usenet und Anonymous FTP.

Große Softwarehäuser müssen einen verhältnismäßig großen Etat für Vertrieb und Marketing aufwenden, um ihre lizenzierte Software verkaufen zu können. Dazu kommen noch die Kosten für komplizierte Auslieferungsverfahren. Proportional zu deren Höhe müssen Vertriebsmög- lichkeiten erschlossen werden. Immer neue Features eignen sich dafür als ein Mittel, weil sie dem Kunden ständig neuen Bedarf suggerieren. Letztlich zahlt der Kunde dafür, daß eine Softwarefirma vom Lizenzgeschäft lebt.

Open-Source-Software hingegen kennt bisher kaum Vertrieb oder Marketing. Der Vertrieb läuft hauptsächlich über Newsgruppen und spezielle Seiten im Internet sowie seit neuestem über Softwarebeilagen in der Computerfachpresse. Das Problem liegt in der Erwartungshaltung der IT-Entscheider. Sie erwarten einen Marketing-Apparat für ein "anständiges" Produkt, Namen und Gesichter der VBs.

Auf den einfachen Bezug von Software via Internet zu verweisen wird also nicht ausreichen, um den mit Hochglanzfolien verwöhnten IT-Entscheider von der Leistungsfähigkeit der Open-Source-Alternativen zu überzeugen. Spezielle Berater und entsprechend ausgerichtete Softwarehäuser haben noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um als Ansprechpartner beim Einsatz von Open Source ernst genommen zu werden. Der Zugang zu einem großen Teil der deutschen DV-Abteilungen scheint über den klassischen Weg Support und Beratung zu gehen, über einen Informations-Broker, der die letzten Winkel des Internet kennt.

Daß Institutionen Open-Source-Software auch für kritische Anwendungen einsetzen, läßt hoffen. So nutzt die NASA Linux-Systeme für ihre Space-Shuttle-Flüge (siehe http://cesdis.gsfc.nasa.gov/ linux/ linux.html). Solche Beispiele sind aber noch kein manifester Trend.

Einige Einwände lassen sich aufgrund der Prinzipien freier Software-Entwicklung nicht aus dem Weg räumen. So gibt es keine Garantie für ihre Funktionalität, wen sollte man im Schadensfall auch haftbar machen? Daß die meisten Softwarehäuser für ihre Produkte effektiv auch keine Gewähr übernehmen, müssen Anwender erst einmal einsehen. Gleichwohl wird es für sie zunächst gewöhnungsbedürftig sein, mit einem virtuellen Partner zusammenzuarbeiten.

Eine andere Kritik gilt der Freizügigkeit, den Aufbau und den Umfang eienr Linux-Auslieferung selbst zu bestimmen. Strenge Kontrollen sind nicht im Sinne der Open-Source-Protagonisten. In der Tat führt dies zu uneinheitlichen Entwicklungen.

Gremien wie Linux International http://www.li.org sollten klare Linien in den Wirrwarr der entstehenden Softwarepakete bringen. Eine dem IETF vergleichbare lockere Institution könnte das Linux-Umfeld übersichtlich halten.

Die Zahl der Open-Source-Anwendungen wird mit Sicherheit schnell wachsen. Oracle und Informix werden ihre Datenbanken auf Linux portieren. Wenn solche Branchengrößen dem freien Betriebssystem vertrauen, werden ihnen auch die Hersteller anderer Anwendungen folgen.

Bernd Broermann, Hamburg, berät Unternehmen über den Einsatz von Open-Source-Software.