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01.09.2000 - 

Arbeiten im Open-Source-Umfeld

Freiräume zählen mehr als schnöder Mammon

Die Personalchefs der meisten Linux-Firmen müssten sich eigentlich auf der Insel der Glückseligen versammeln: Sie können im Gegensatz zu ihren restlichen Kollegen in der IT-Branche fast schon aus einem Meer von gut qualifizierten Bewerbern auswählen. Und das, obwohl sie nur durchschnittliche Gehälter zahlen. CW-Bericht, Alexandra Mesmer

"Wir sind der Gemeinde verpflichtet." Ein Stoßgebet muss Dirk Spilker, Personalchef von Suse Deutschland, dennoch nicht gen Himmel schicken, wenn er neue Programmierer braucht. Der Linux-Distributor hatte bisher bei der Suche nach IT-Experten keine größeren Schwierigkeiten - der "Gemeinde" sei Dank. Das Nürnberger Unternehmen ist nicht das einzige, das aus dem internationalen virtuellen Verbund der Open-Source-Entwickler neue Mitarbeiter für sich gewinnen kann und bei der Personalsuche vom guten Image des freien Betriebssystems profitiert. Die Marke Linux nützt Distributoren, Dienstleistern und auch IT-Riesen wie IBM und HP, die sich ebenfalls in diesem Bereich engagieren.

Erst kürzlich hat IBM angekündigt, 200 Millionen Dollar in den nächsten vier Jahren zu investieren, um in neuen Linux-Centern in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Ungarn und Polen die Anwendungsentwicklung zu unterstützen. Mittlerweile sind rund 60 Mitarbeiter im Böblinger Entwicklungszentrum mit dem Thema Linux beschäftigt, weitere 20 portieren das Betriebssystem auf die S/390-Großrechner. Aktuell werden drei Linux-Entwickler gesucht. Michael Kiess, Sprecher des Entwicklerzentrums in Böblingen, ist optimistisch, dass die offenen Stellen zügig besetzt werden können. Auch Daniel Riek, Vorstandssprecher der ID-Pro AG in Bonn, kann sich nicht über mangelndes Interesse beklagen: "Unsere Bewerber kommen oft aus etablierten IT- oder Anwenderfirmen und wollen nicht mehr mit Windows arbeiten, nachdem sie schon erste Erfahrungen mit Linux gemacht haben."

Eine solche Zufriedenheit hinsichtlich der Personalsituation erlaubt aber nicht den Rückschluss, dass der Linux-Arbeitsmarkt stagniert. Im Gegenteil, ein Blick auf die Auswertung von 3000 IT-Stellen im ersten Quartal dieses Jahres zeigt, dass Linux-Wissen gefragter ist als je zuvor. Nach einer Analyse des Münchner Schulungsunternehmens CDI wurde im Bereich Betriebssysteme bereits in 35 Prozent der untersuchten Fälle Unix-/Linux-Wissen gefordert, was einer Steigerung von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht. Damit wurde Linux fast genauso oft nachgefragt wie Windows NT (35,7 Prozent). Da man davon ausgeht, dass sich der Trend zu Linux noch verstärken wird, bietet CDI künftig auch eine herstellerunabhängige Zertifizierung zum Linux-System- und -Netzwerkadministrator an, die auf ein Jahr angelegt ist. Als potenzielle Arbeitgeber für die Absolventen hat das Schulungsinstitut Internet-Service-Provider sowie große und mittelständische Anwender im Visier.

Auch Distributor Suse setzt auf die herstellerunabhängige Zertifizierung, die das Linux Professional Institute (LPI) seit Anfang des Jahres anbietet. Um eine größere Transparenz gegenüber dem Kunden zu schaffen, will man alle Mitarbeiter mit Außenwirkung wie zum Beispiel im Second-Level-Support zertifizieren. Auch gegenüber der herstellerabhängigen Qualifizierung ist Suse-Personalchef Spilker aufgeschlossen: "Bis jetzt hat sich zwar noch niemand mit einem Red-Hat-Zertifikat bei uns beworben. Aber es ist immer besser, eine Zertifizierung nachzuweisen als gar keine."

Pragmatisch begegnen die jungen Linux-Firmen auch der Frage, welche Qualifikationen die Bewerber mitbringen müssen. Während IBM in ihren Stellenanzeigen für Linux-Entwickler noch traditionell auf ein "überdurchschnittlich abgeschlossenes Studium" setzt, macht der Berliner Linux-Dienstleister Innominate hier Zugeständnisse. Personal-Managerin Annett Schöneberg: "Natürlich hätten wir am liebsten diplomierte Mathematiker und Informatiker, aber ein Hochschulstudium ist kein Muss. Wichtiger ist, dass man schon als freier Mitarbeiter oder als Student in der eigenen Firma Projekterfahrung gesammelt hat." Auch das Thema Berufserfahrung wird in vernünftige Relation gesetzt. "Bei einem Produkt, das erst sieben Jahre alt ist, gibt es keine Leute mit großer Berufserfahrung", räumt Spilker ein. "Bei FH-Studenten kann auch die Diplomarbeit belegen, dass sie in ein Softwareprojekt involviert waren oder es verantwortet haben." Suchen die Unternehmen neue Mitarbeiter, die Basiswissen in Sachen Linux mitbringen, können sie sich über das Angebot nicht beklagen. Viele Informatikstudenten haben sich schon zu Hause ein Linux-Netzwerk aufgebaut, und auch an den Hochschulen wird der Open-Source-Gedanke unterstützt, wovon die Personal suchenden Unternehmen wieder profitieren. "Wenn ein Bewerber schon ein Linux-Netz an der Uni verwaltet hat, bringt er gute Voraussetzungen für den Job als Systemadministrator mit", findet Schöneberg.

Damit der Nachwuchspool Hochschule erhalten bleibt, nehmen viele Linux-Firmen schon früh Kontakt zu den Studenten auf, bieten ihnen Praktika oder Werkstudentenverträge an, betreuen Diplom- und Doktorarbeiten. Suse hat bereits vor fünf Jahren mit dem Hochschul-Marketing angefangen. Mittlerweile arbeiten im Durchschnitt 30 Werkstudenten in Nürnberg, von denen später 95 Prozent übernommen werden. Darüber hinaus setzen sie auf die neuen IT-Ausbildungsberufe.

Linux-Dienstleister wie ID-Pro sind auch bereit, gewisse Abstriche bei der Qualifikation zu machen. "Die Distributoren brauchen sehr gute Hacker. Für unsere Beratung sind Programmierkenntnisse nicht alles. Wir sind auch aufgeschlossen gegenüber Unix-Leuten. Wer bei Unix in die Tiefe geht, kommt an Linux nicht vorbei", sagt Riek. Linux gut, alles gut? Diese Frage beantwortet Riek trotzdem mit einem klaren Nein: "Wer das Etikett Linux nur verwendet, ohne die entsprechenden Aufgaben zu bieten, verliert die Mitarbeiter so schnell, wie er sie gewonnen hat." Bei dem Bonner Dienstleister liegt der Schwerpunkt auf der Beratung und der Umsetzung von Open-Source-Lösungen beim Kunden. Die Aufgabengebiete erstrecken sich von der Entwicklung einer System-Management-Lösung über den Aufbau einer Firewall bis zum Anwendungs-Support auf Kernel-Level.

Hewlett-Packard sucht in erster Linie Administratoren, die das freie Betriebssystem bei Kunden anpassen, und im Support und der Anwenderbetreuung arbeiten. Auch der Karlsruher Internet-Provider Schlund und Partner sucht neben Linux-Entwicklern vor allem Systemadministratoren für sein Internet-Rechenzentrum, das fast nur noch auf Linux läuft und mit dem 40000 Web-Präsenzen betreut werden.

Ob Internet-Provider, Dienstleister oder Distributor - die jungen Linux-Firmen expandieren, sagen aber gleichzeitig, dass sie nicht bereit sind, die Profis mit viel Geld zu locken. Von sechsstelligen Jahresgehältern für Hochschulabsolventen, die in die Softwareentwicklung einsteigen wollen, sind diese Unternehmen noch weit entfernt. Die Spanne beträgt nach einer CW-Umfrage zwischen 70000 und 85000 Mark, wobei Softwareentwickler in der Regel höher einsteigen als Systemadministratoren.

Dass die Entwickler den Firmen trotz dieser durchschnittlichen Bezahlung die Stange halten, liegt nach Meinung der Firmen an den Freiräumen, die sie den Mitarbeitern gewähren. "Die Entwickler, die aus dem Open-Source-Umfeld kommen, bleiben auch als unsere Angestellten Mitglieder der Gemeinde. Sie können sich zum Beispiel weiter um die KDE-Entwicklung kümmern", sagt Suse-Personaler Spilker. Ein Teil der Programmierer war auch nicht zu einem Umzug nach Nürnberg zu bewegen und ist darum nur virtuell in die Suse-Labs eingebunden. Auch IBM hat erkannt, dass Linux-Programmierer mitunter anders zu motivieren sind. Kiess: "Wir wollen zwei Welten miteinander vereinen. Zu der Arbeit am konkreten Projekt kommt der Austausch mit der weltweiten Open-Source-Gemeinde." Die Plattform dafür bildet das IBM Linux Technology Center, für das man sich intern bewerben kann oder in das man berufen wird. Intern hat dieses Center einen hohen Stellenwert, da es nicht nur die Kommunikation mit der Gemeinde ermöglicht, sondern Linux auch IBM-intern zum selbstverständlichen Thema machen soll.