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23.06.1989

Fruchtbaren Boden für ein kreatives Chaos schaffen

Dr. Karl A. Stroetmann Geschäftsführer Informationszentrum Sozialwluenschaften (IZ), Bonn

Das Fachinformationsprogramm 1985-88 der Bundesregierung" ist ausgelaufen, ein neues sollte schon verabschiedet sein. Das Programm "Informationstechnik 2000" zur Förderung der Informations- und Kommunikationstechniken Ist ebenfalls überfällig. Fehlt es an eindeutigen politischen Vorgaben oder überzeugenden Konzepten für staatliches Handeln? Oder nimmt angesichts einer sich verändernden innenpolitischen Landschaft und der fortschreitenden europäischen Integration die Entscheidungsbereitschaft im informationspolitischen Bereich ab?

Begrüßenswerter, nach dem Stand der Dinge aber wohl leider nicht richtig, wäre die Erklärung, daß sich die Einsicht durchsetzt, daß nur eine Integration beider Programme in ein breit angelegtes, langfristig ausgerichtetes Gesamtkonzept staatlicher Informationspolitik (hier nicht verstanden im Sinne von "Propaganda") eine adäquate Antwort auf die komplexen gesellschaftlichen Fragen bis ins nächste Jahrtausend wagen könnte.

Aber brauchen wir überhaupt regierungsamtliche Programme, die tendenziell eher auf die Begründung finanzieller Förderung als auf die Aufbereitung der politischen Programmatik und die Strategie exekutiven Handelns in allen seinen Facetten ausgerichtet sind? Betrachtet man den privatwirtschaftlich organisierten Teil unserer Gesellschaft, dann sicherlich nein, es sei denn, es handelte sich um ein regierungspolitisches Programm im echten Sinne.

Andererseits sind dem Staat weite Handlungsbereiche, sei es durch die Verfassung, sei es durch politischen Konsens, zugeordnet, in denen er nicht nur eine Rahmenzuständigkeit, sondern eine viel weitergehende Kompetenz beanspruchen kann und muß. Es sei nur auf Bereiche wie Bildung und Wissenschaft, innere und äußere Sicherheit verwiesen.

Auch wenn eine solche Trennung analytisch zunächst vollziehbar ist, läuft sie in vielen Technikbereichen angesichts der finanziellen Dimensionen und der gesellschaftlichen Implikationen mehr und mehr ins Leere.

Ein immer wieder aktuelles Beispiel ist die Diskution um die Kernenergie. Ulrich Beck spricht in diesem Kontext von Forschung im Bereich gesellschaftsexperimenteller Großtechniken. Er folgert, daß Forschung sozusagen implizit vergesellschaftet wurde: "Die Öffentlichkeit, die Politik, die Wirtschaft, die Bestandteil des Experimentes sind, nehmen interne Mitsprache in Anspruch". Damit wird ein ohnehin bestehendes Problem verstärkt, das einem mündigen Staatsbürger, für den und Über den hinweg entschieden und dessen (Steuer-)Gelder verwandt werden, nicht gleichgültig sein kann: Politiker aller Couleur streben nach Mitsprache und Lenkung (gerade auch durch Fördermittel) im privatwirtschaftlichen Bereich; anderslautende, in der Opposition gemachte Äußerungen sind da nicht sehr ernst zu nehmen.

Manche Mitarbeiter der Exekutive sehen ihre Existenzberechtigung ebenfalls in der direkten Einwirkung auf Entscheidungsprozesse und nicht in der Setzung langfristig verläßlicher Rahmenbedingungen. Erstaunlich ist, daß sogar Wirtschaftsverbände nach staatlichen Vorgaben und direkten Fördermaßnahmen rufen - vielleicht, damit ihre Mitglieder sich dann um so leichter an öffentlichen Finanzquellen laben können. Wie Daniel Bell kürzlich so zutreffend kommentierte: Wir haben den Sozialismus, von dem er in seiner Jugend träumte und den er heute massiv kritisiert, in unseren westlichen Industriestaaten weitgehend realisiert. Und gleichzeitig schwindet in den Staaten mit "real existierendem Sozialismus" rapide der Glaube an die Planungsvollkommenheit und Voraussicht der Staatsdiener.

Kehren wir zur (Fach-)Informationspolitik zurück. Wo drückt der Schuh? Es fehlt an umfassenden, eine politisch begründete Zukunftsperspektive erschließenden Leitlinien für den Gesamtbereich staatlicher Informationspolitik. Weiterhin werden eindeutige, auch noch in ein paar Jahren auf ihre Einlösung hin überprüfbare Zielvorgaben schmerzlich vermißt - an ihnen mußten sich ja die Realisierung von Politik und die Handlungen der Exekutive messen lassen. Formulierungen von unverbindlicher Beliebigkeit, die in fast jede Großwetterlage passen, sind wenig hilfreich.

Aber hat Fachinformation im herkömmlichen Sinne überhaupt noch eine Zukunft, lohnt sich ein neues Programm? Teil unseres Demokratieverständnisses ist es, daß Forschung, Wissenschaft und Bildung öffentlich verfaßt und jedem Bürger zugänglich sind; in diesen und anderen Aufgabenfeldern kommt dem Staat eine originäre Verantwortung für die Versorgung mit Fachinformation zu.

Konzeptionell wie inhaltlich besteht ein großer Bedarf, die - zum Teil widersprüchlichen und unabgestimmten - Zielvorstellungen der Bundesregierung fortzuschreiben und absehbaren Entwicklungen anzupassen. Baden-Württemberg hat hier mit einer Studie zur mittelfristigen Informationsversorgung eine bemerkenswerte Vorreiterrolle übernommen.

Was jedoch vor allem not tut, ist eine weitsichtige, integrative Konzeption einer umfassenden Informations-"Politik" im Sinne von "policy", eine tragfähige Programmatik, die ins nächste Jahrtausend fährt, und nicht ein kurzatmiger Maßnahmenkatalog. Eine Reduktion von "Fach"-Information auf wissenschaftlich-technische Information greift viel zu kurz, eine Förderung von Informations- und Kommunikationstechniken ohne Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext, ohne inhaltlichen und Anwendungsbezug ebenso. Wissenschaftlichtechnische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und ökologische Aspekte sind perspektivisch zu verarbeiten, Veränderungen wie die Postreform und innovative Telecom-Dienste zu berücksichtigen.

Intelligente Benutzeroberflächen und Netze, Übersetzungssysteme, wissensbasierte Systeme in Verbindung mit technischen Weiterentwicklungen wie neuen Computerkonzeptionen, immer leistungsfähigeren PCs, kostengünstigeren Massenspeichern, weltweiten digitalen Netzen werden zu neuartigen Lösungen führen, die im Moment vielleicht noch nicht einmal als Idee existieren.

Die politische Herausforderung besteht nicht darin, diese Vielfalt von Ansätzen, Möglichkeiten, Alternativen in einen strategischen Langfristplan zu gießen. Turbulente Märkte, neue Werthaltungen der Bürger, politische Systeme im Umbruch machen dies ohnehin zu einem hoffnungslosen Unterfangen.

Die Herausforderung besteht vielmehr darin, einen fruchtbaren Boden für ein "kreatives Chaos" im Sinne von Tom Peters zu bereiten. Gefordert sind langfristige, aber flexibel orientierte Rahmendaten, die Vorgabe unspezifischer Anreize, die nicht eine einseitige technische oder inhaltliche Entwicklung determinieren, die Unterstützung der Flexibilität und des Reaktionsvermögens aller Beteiligten.

Nicht bürokratische Vorgaben ohne eine entsprechende Übernahme staatlicher Verantwortung tun not, sondiert die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit und die Ausweitung des Handlungsspielraums des Schumpeterschen Innovators, in privaten Unternehmen wie in öffentlichen Institutionen.

Weder werden eine euphorische Online-Mentalität noch die vielbeschworene Informatisierung postindustrieller Gesellschaften den komplexen Kommunikations-, Wissensproduktions- und Entscheidungsprozessen der Zukunft gerecht. Unsere Dienstleistungsgesellschaften werden sich zu "Intellektuellen Servicegesellschaften" entwickeln, in denen nicht Information als Produkt, sondern Handlungs- und Lösungswissen als Service zum dominanten Faktor werden. Öffentliche Aufgabe ist es - und hierfür benötigen wir dringend eine tragfähige Informations-politik - sicherzustellen, daß neben technisch-wirtschaftlichen auch gesellschaftlich-demokratische, kulturelle, wissenschaftliche und ökologische Entwicklungsperspektiven aufgezeigt werden.