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05.03.1999 - 

Früherer Shooting-Star am Scheideweg

Früherer Shooting-Star am Scheideweg Cabletron: Führt nur der Verkauf aus der Krise?

Von Angelika Keller MÜNCHEN - Die Geschichte von Cabletron Systems las sich bis vor kurzem wie eine Erfolgsstory aus einem US-amerikanischen Spielfilm. Von der Garagenfirma zum Milliarden-Dollar-Unternehmen hatten es die beiden Gründer Robert Levine und Craig Benson in 15 Jahren gebracht. Verlustmeldungen und andere negative Schlagzeilen werfen jetzt die Frage auf, ob der "Film" der Netzwerk-Company gerissen ist.

Hat Cabletron die besten Tage hinter sich? Zu lange Produktzyklen, Marketing-Fehler und eine handfeste Führungskrise nennen Insider als Gründe für den Umsatz- und Gewinneinbruch, der den Internetworking-Spezialisten just vor Weihnachten schwer zu schaffen machte. Glaubt man jedoch dem deutschen Country-Manager Albert Müller, erfreut sich das Unternehmen noch immer des Zuspruchs vieler Kunden.

Rückblende: Jahrelang wurde Cabletron in einem Atemzug mit anderen Branchengrößen wie Cisco Systems, Bay Networks (jetzt Nortel) und 3Com genannt. Zu Recht: Das 1983 von Levine und Benson in Rochester/New Hampshire gegründete Unternehmen gehörte durch seine Erzeugnisse schnell zu den "Musts" in der internationalen Netzwerkszene, etwa mit seiner "MMAC"-Serie (Multimedia Access Center) oder seinen "Shared-Media"-Produkten. Zum Begriff für viele Anwender wurde Cabletron vor allem durch das Netzwerk- Management-System "Spectrum", das sich neben Wettbewerbsprodukten von IBM, Computer Assocciates (CA) und Hewlett-Packard (HP) im Markt behaupten konnte. Doch trotz vieler "Branchen-Oscars" scheint die Erfolgsgeschichte der Netzwerker derzeit nicht weiterzugehen. Ende Dezember 1998 mußte Cabletron für das am 30. November abgeschlossene dritte Quartal seines Geschäftsjahres 1999 bei einem Umsatz von 329,9 Millionen Dollar einen Verlust von 21,2 Millionen Dollar beziehungsweise zwölf Cent pro Aktie bilanzieren. Damit wurden trotz einer Gewinnwarnung selbst die schlimmsten Erwartungen der Analysten (elf Cent Minus je Aktie) übertroffen.

Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum hatte Cabletron noch 331,6 Millionen Dollar eingenommen und seine Aktionäre mit einem Gewinn von immerhin 19,9 Millionen Dollar (zwölf Cent pro Aktie) erfreut.

Das Unternehmen selbst führte das enttäuschende Ergebnis auf zwei wesentliche Faktoren zurück. Zunächst habe man sich, anders als in früheren Jahren, nicht von einem traditionell schwachen zweiten Quartal in den Sommermonaten Juni bis August erholt. Darüber hinaus sei der Netzwerkmarkt in den vergangenen Jahren durch einem "Nachfrage-Swing" von Shared-Media-Hubs zu Switched-Media- Komponenten geprägt gewesen. Was sich zumindest gravierend in den jüngsten Cabletron-Zahlen niedergeschlagen hat: Mit ihrem einstigen Produkt-Flaggschiff "Shared Media" erzielen die US- Amerikaner gegenwärtig nur noch zehn Prozent des Umsatzes, vor zwei Jahren waren es noch 70 Prozent.

Klassische Telco-Supplier werden zur Konkurrenz

Zudem spielte auch der Verlust einiger wichtiger Kunden aus der TK-Branche eine Rolle. Anbieter wie Cabletron werden hier bekanntlich durch klassische Telco-Supplier wie Nortel (das sich Bay Networks einverleibte) und Lucent Technologies (kaufte Ascend) bedrängt, die selbst in den Datenkommunikationsmarkt ("Voice over IP") vorstoßen. Mit fatalen Folgen: Aus früheren Kunden wie Nortel, die man zum Teil als Zulieferer bediente, wurden Wettbewerber. Last, but not least hat sich auch die Geschäftsbeziehung mit OEM-Partner Compaq bisher als entäuschend erwiesen. Die Vertriebspartnerschaft mit den Texanern, die im Zuge der Übernahme von Digital Equipment (DEC) durch Compaq entstanden ist - Cabletron hatte zuvor für 430 Millionen Dollar DECs Business Unit Networking Products gekauft - sollte zusätzliche Umsätze in die Kasse bringen. Cabletron-Netzprodukte im Bundling mit Compaq- Server lautete die entsprechende Erfolgsformel. Doch die Sales- Mannschaft von Compaq blieb bis dato vieles schuldig; Insider sprechen von einer gravierenden Fehleinschätzung des Netzmarktes durch die Eckkard-Pfeiffer-Company, die sich anstatt auf das lukrative Großkundengeschäft eher auf kleine und mittelgroße Unternehmen konzentrierte.

Cabletron hat jedoch Grund genug, in Sachen Strategiefehler zunächst vor der eigenen Tür zu kehren. So hat man sich, wie bereits in der offiziellen Ursachenforschung des Unternehmens durchschimmert, viel zu lange auf den früheren Lorbeeren (Shared- Media-Hubs) ausgeruht und die rechtzeitige Entwicklung von Switching-Produkten versäumt. "Cabletron wollte immer sowohl die Technik als auch den Markt selbst entwickeln", erklärt der deutsche Country-Manager Albert Müller mit einer gewissen Selbstironie das mangelnde Time-to-market seiner Company. Erst mit den im vergangenen Jahr überstürzt abgewickelten strategischen Zukäufen (Netvantage, Yago oder Flowpoint) sendete CEO Craig Benson Signale, die zeigen sollten: Mit Cabletron ist beim Switching und anderen Zukunftstechnologien wie Digital Subscriber Line (DSL) wieder zu rechnen.

Kritisch müssen auch verschiedene personelle Entscheidungen bei Cabletron beurteilt werden. Firmengründer Levine, der sich im September 1997 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte, galt als das Herz von Cabletron, Benson als das Hirn. Levine hat dem Unternehmen, wie Insider betonen, "die Seele" eingehaucht. Mit diesem Motivationskünstler, so ein ehemaliger Mitarbeiter, habe das Unternehmen unwiederbringliche Energie verloren, die Luft sei raus. Levine folgte jedenfalls für ein kurzes Gastspiel Don Reed, der bei seinem Amtsantritt Ende 1997 versprach, Cabletron zur Nummer eins der Branche zu machen.

Der ehemalige Nynex-Manager ließ sich dieses Ziel unter anderem besagte 430 Millionen Dollar kosten, die er für DECs Netzwerk- Business ausgab. Besonders die Servicetruppe von Digital hatte es ihm angetan, sie sollte Cabletrons Position bei Großkunden und Internet-Service-Providern stärken. Der Rest dieser Episode ist bekannt. Bereits im Frühjahr 1998 mußte Reed seinen Hut nehmen, nachdem das vierte Quartal 1998 gegenüber dem Vorjahr mit einen gravierenden Umsatzeinbruch und einem Verlust von 6,3 Millionen Dollar völlig danebengegangen war. Konsequenz: Die Company hatte eine handfeste Führungskrise, die letztendlich nur dadurch gelöst werden konnte, daß sich Mitgründer Benson in die Pflicht nehmen ließ und seither als CEO verantwortlich zeichnet.

Auch deutsche Kunden mußten sich in den letzten Jahren flexibel zeigen, was ihre Bindung an den jeweiligen Country-Manager angeht. Seit 1989 haben sich nicht weniger als sechs Geschäftsführer auf dem Cabletron-Chefsessel in Dreieich bei Frankfurt abgewechselt. Der einzige mit respektabler Verweildauer war Torsten Scheuermann, unter dem Cabletron in den Jahren von 1992 bis 1995 seine beste Zeit in Deutschland erlebte und den Umsatz nahezu verfünffachte. Nach Schätzungen von Insidern wohlgemerkt, denn offizielle Zahlen zum Deutschland-Geschäft gibt Cabletron nicht bekannt.

Prinzipiell gelten unter Branchenkennern neben dem zuletzt fehlenden Gespür für wichtige Markttrends vor allem die Bereiche Sales und Marketing als die Schwachstellen der einstigen Highflyer. "Cabletron ist in einigen Marktsegmenten das am besten gehütete Geheimnis", gibt denn auch der amtierende Deutschland- Chef Müller freimütig zu. Was sich nun aber ändern soll - zumindest in Nord- und Südamerika, wo ein ein neuer Executive Vice-President Sales das Ruder herumreißen will. Auch im Europa- Management kam es zuletzt zu einem Großreinemachen.

Schlechte Geschäftszahlen, Lücken im Produktportfolio, Unruhe in der Führungsmannschaft - all diese Faktoren haben in den letzten Monaten die Gerüchte um einen möglichen Verkauf des Unternehmens geschürt. So wollte die "New York Post" bereits im Januar wissen, daß das Cabletron-Management selbst die Investmentbank Merrill Lynch mit der Suche nach einem Interessenten beauftragt habe. Die Cabletron-Führungsriege erhoffe sich, so das Blatt, einen Kauferlös von 2,5 Milliarden Dollar, was deutlich über dem aktuellen Börsenwert der Company liegen würde. Das Topmanagement käme dadurch, so Insider, dank lukrativer Stcok-Options in jedem Fall auf seinen Schnitt. Für die Börsianer an der Wallstreet ist Cabletron spätestens seit dieser Meldung ein potentieller Übernahmenkandidat. Beobachter gehen davon aus, daß sich besonders die großen Telco-Supplier aus Europa und Asien für den "leckeren Happen" interessieren könnten. Cabletrons Stärken im Netz- Management und (neuerdings) auch im Layer-3-Switching wären für Ericsson, Alcatel, Nokia, NEC, Hitachi & Co. eine durchaus überlegenswerte Investition. Auch Compaq oder Wettbewerber wie Fore Systems wurden zeitweise gehandelt.

Noch wird ein Verkauf entschieden dementiert

Noch allerdings zeigt sich das Cabletron-Management vom Brodeln in der Gerüchteküche unbeeindruckt. "Cabletron steht nicht zum Verkauf", wiederholte CEO Benson in den letzten Wochen gebetsmühlenhaft. Schon bald werde die Talsohle durchschritten sein, und eine Überarbeitung der Verträge mit Compaq in der Hinsicht, daß Cabletron alle Vertriebskanäle dieses bedeutenden OEM-Partners nutzen kann, werde die Umsätze schon ankurbeln. Die Kunden geben dem Unternehmen eine Chance, wenn es aufhöre, sich mit sich selbst zu beschäftigen, zeigte sich der Cable- tron-Chef überzeugt. Doch nicht alle Anwender und Experten teilen seinen Optimismus. Die Geschichte Cabletrons wäre jedenfalls nicht die erste, bei der das Happy-End ausbleibt.

Angelika Keller ist freie Journalistin in München.