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05.12.1980

Führt "Volksnahe Programmierung" in neue Sackgasse?

Die Gastkommentare der COMPUTERWOCHE-Ausgaben Nr. 44 vom 31. 10. 1980 und Nr. 47 vom 21. 11. 1980 über den derzeitigen Programmierer-Engpaß schlugen hohe Diskussionswellen. "Ich bin fest davon überzeugt", orakelt DV-Chef Karl-Heinz Aufermann (Deutsche Rockwool GmbH), "daß uns die Computer-Hersteller schon bald vor vollendete Tatsachen stellen werden." Aufermann meint damit, daß die Mainframer aus Marketing-politischen Gründen beabsichtigen, die Programmierung an den End-User in die Fachbereiche zu tragen. Trotz dieser Entwicklung glaube er jedoch, daß "wir weder ein Volk von Programmierern werden", noch, daß die heutigen Softwerker "irgendwann um ihren Job bangen" müßten. Auch der DV-Leiter des Hamburger Grossohaus Wegner & Co., Carsten Diercks, vertritt diese Ansicht: "Die Voraussetzungen, die zu einer volksnahen Programmierung führen, müssen erst durch die jetzigen Programmer geschaffen werden." Dies sei aber nur eine vordergründige Alternative, die das Software-Debakel nur noch verstärke.

Karl-Heinz Aufermann

Deutsche Rockwool Mineralöl GmbH, Gladbeck (IBM /3-15d, 7 Systeme /32)

Die wirtschaftliche Profitlage aller Computerhersteller in den Geschäftsjahren 79/80 hatte nicht die hohen überdimensionalen Ergebnisse wie in den siebziger Jahren. Begründung: Preisverfall, weniger und langsamer angehende Vertragsabschlüsse, schließlich breitere verstreutere Marktanteile auf kleinere und mehrere Computerfirmen. Clevere Marketing-Politiker im Haus der Computerhersteller haben jedoch das Geschäft innerbetrieblich entsprechend nachgeheizt. Wenn ich davon ausgehe, daß hochqualifizierte Techniker in den Entwicklungslaboratorien nicht schlafen, sondern entsprechend ihrer Aufgabe entwickeln, dann können und müssen wir erkennen, was entwickelt wird: Immer noch mehr Hardware-Funktionen anstatt eine durch Software gesteuerte Nutzung der Hardware.

Hier muß ich fragen: Werden wir wirklich ein Volk von Programmierern? Sicherlich fehlt derzeit in unserem Land eine große Anzahl von Programmierern unterschiedlicher Qualifikation. Besonders stark ist dies zu spüren, je höher man die Anforderungen an einen neuen Mitarbeiter stellt.. Um so schlimmer ist es jedoch, überhaupt einen zu finden.

Nachwuchsleute werden zwar heute zuhauf in Tages- und Abendschulen ausgebildet. Aber der Prozentsatz derer, die durchhalten, um nach vollzogener Ausbildung in der EDV zu bleiben, ist sehr gering. Softwarehäuser haben heute gute Programmierer für den Nutzermarkt blockiert, und zwar durch extrem hohe, beim Anwender teilweise nicht zu zahlende Supergehälter. Dieses "Einsacken von Know-how" ist jedoch legitim, weil der Ruf nach kauffähiger Software in Deutschland überdimensional gestiegen ist Gute Programmierer machen sich nicht selten selbständig und bieten sich frei dem Markt an, um gekaufte Software mit unternehmensspezifischen Wünschen, vielleicht sogar mit Lizenzverträgen zu Softwarehäusern, beim Benutzer zu implementieren. Trägt diese inzwischen nicht unübliche Handhabung von Software-Projekten zur Verknappung des EDV-Personalmarkts (Beispiel: Programmierer) bei? Auch diese Frage muß gestellt werden.

Nun zum Kern dieser Aussage. Ich glaube weder, wir werden ein Volk von Programmierern, noch, daß gute Programmierer in Zukunft arbeitslos oder "fremd" in der EDV sein werden. Ich glaube auch nicht, daß die Entscheidung, heute Programmierer zu werden, falsch sein kann. Vielmehr bin ich überzeugt daß uns die Computerindustrie in der nächsten Zeit vor vollendete Tatsachen stellen wird. Sie wird Hardware mit extremer Nutzung für den Benutzer anbieten - und das muß dann nicht immer der EDV-Spezialist sein.

Computer-Hersteller, die heute bereits erheblich in ihre Entwicklung investieren, werden irgendwann den ersten Schritt machen und die Programmierung (hier nicht jeden Programmierer als Handlanger der Computerfirma hinstellen) auf dem Arbeitsplatz im Gesamtunternehmensverbund wird den Programmierer sowie den EDV-Fachmann alter Garnitur überflüssig machen. Programmierung wird dann zur reinen Spezialistenaufgabe und das Management von Hardware und Datenbeständen wird in den Vordergrund rücken Diese Aufgaben werden dem Programmierer, ob er es nun erkennen will oder nicht, einzigste Garantie sein, seinen Job zu wahren. Spezialist ist heute schon nicht mehr der perfekte Assembler-Programmierer, der gute Cobol-Experte oder der qualifizierte PL/1-Softwerker, sondern der Manager im Zwischenspiel von Daten und Hardware.

Wir sollten es endlich erkennen: DV-Spezialisten werden zwar gesucht, aber der Markt braucht vielmehr den DV-Manager mit unternehmerischen Aktivitäten. Insofern werden wir also kein Volk von Programmierern, sondern im Unternehmensverbund ein Volk von BDV-Spezialisten. Diese Zahl wird zwar je nach Größe eines Unternehmens sehr gering sein, aber Spezialisten braucht man halt weniger als viele gute Programmierer.

Es ist bereits jetzt zu erkennen, daß viele Unternehmensleitungen Fehler der Vergangenheit erkannt haben. Noch vor ein paar Jahren war der Programmierer ein Star im Unternehmen. War er krank oder wollte er kündigen, löste das ein Chaos im Unternehmensverbund aus. Das Problem war meistens nur durch die Entscheidung zu lösen, neu zu programmieren und einen neuen Programmierer einzustellen. Und wieder wurde ein Star geboren.

Heute bauen die Unternehmensleitungen mehr auf Sicherheiten. Sie verlangen eine Garantie der automatisierten Funktionsfähigkeit ihrer EDV. Wirtschaftsprüfer sollten daher die Grundsätzlichkeiten der EDV erforschen. Sie sollten, ab tatsächlich alles so ist, wie der EDV-Mann es sagt. In der Vergangenheit konnten die DV-Leute ihre Fehler kaschieren, denn ihr Wort war ungeschriebenes (Spezialisten-)Gesetz.

Früher verkauften die DV-Anbieter ihre Produkte über den EDV-Leiter an das Management Heute sind findige Marketing-Leute dazu übergegangen Datenverarbeitung über breitgestreute Werbemaßnahmen am EDV-Manager vorbei direkt in der Unternehmensleitung anzubieten. EDV-Verantwortliche, die diese Marketing-Strategien (aller Computer-Hersteller) erkannt haben, bieten inzwischen unaufhörlich ihrem Management die Hardware, die sie haben wollen, selbst an.

Ich bin der Meinung, daß wir heute ein Volk von gesteuerten EDV-Spezialisten sind. Manager von Daten und Hardware regieren in unseren Unternehmungen. Sie sind in der Lage, die Arbeit des Programmierens auf den Arbeitsplatz des Sachbearbeiters zu verlagern und delegieren bereits jetzt Benutzeraufgaben aus der EDV heraus in andere Unternehmensbereiche.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis diese Spezialisten allein für ihr Unternehmen die Entscheidung über das Zusammenspiel der Informationstechnologien treffen werden. Bei ihnen werden die Fäden des Ja oder Nein bei der Anschaffung von Hard- und Software zusammenlaufen. Sicherlich eine neue Herausforderung für Die Computer-Hersteller, aber die sind bereits vorbereitet. Sie suchen sich ihre Programmierer schon jetzt auf dem Markt, um diese Ziele durchzusetzen. Der Benutzer selbst steht wie immer hinten an. Wer von uns EDV-Leuten hat schon erkannt, daß dies eigentlich unsere Zeit ist. Wenn das Verständnis vorhanden wäre, gäbe es nicht die Frage, ob wir ein Volk von Programmierern werden.

Carsten Diercks,

EDV-Leiter, Grossohaus Wegner & Co., Hamburg (Siemens 7.541, BS2000)

Frage: Werden wir ein Volk von Programmierern? Antwort: Nein, aber es gibt schon zu viele von ihnen.

"Also entweder kennt er den Markt nicht oder er reagiert hier chronische Antipathie ab", werden Sie sagen. Im Gegenteil: Ich suche gerade jemand aus diesem elitären Kreis, womit Sie voraussetzen können, daß die aktuelle Lage des Stellenmarktes einen ausreichenden tiefen Eindruck hinterlassen hat. Warum also eine so widersinnig scheinende These?

An der Vorstellung,, daß bereits die nahe Zukunft in immer stärker werdendem Maße Berührungspunkte mit computergesteuerten Abläufen in Lebens- und Arbeitsbereichen bringen wird, zweifeln nur wenige. Geht man von der simplifizierten Erklärung aus: Der Systemprogrammierer bestimmt, wie der Computer arbeiten soll, der Anwendungsprogrammierer bestimmt, was der Computer arbeiten soll, der Anwender bestimmt, wann der Computer arbeiten soll, so bedeutet dies, daß wir vermutlich ein Volk von Anwendern werden.

Der Anwender erwartet im Computer ein Werkzeug, das einfach und komfortabel zugleich ist. Allein die konsequente Realisierung dieser Anforderung verschlingt heute den Großteil der Programmierkapazität. Wollte man versuchen, den Anwender auch noch in die Lage zu versetzen, selbst bestimmen zu können, was der Computer arbeiten soll, um somit die Manpower-Lücke zu schließen, so muß dies an zwei Punkten scheitern: 1. Die "OS- oder BS2OOO-fähige" Halbtagsbürokraft ist heute einfach noch nicht vorstellbar und die Vision für 1990: "BS9OOO für den Hausgebrauch" ebensowenig.

Der Benutzer hat heute bei mangelnder Handlichkeit von Programmen bereits Schwierigkeiten, sie zu nutzen - und er beschwert sich mit Recht darüber. Ihm, die in keinem Fall einfachere Programmierung zu übertragen (somit die Verantwortung für die Richtigkeit des Programmablaufes zusätzlich aufzubürden), wird ihn überfordern. Wohlgemerkt, wir

reden vom Volk der Benutzer, nicht von dem Kreis technischwirtschaftlicher Anwender, die ihre Probleme durchaus mit geeigneten Mitteln, zum Beispiel APL, selbst lösen können.

Die Voraussetzungen, die bis zu einer "volksnahen Programmiermöglichkeit" geschaffen werden, müssen wiederum durch Programmierer geschaffen werden. Eine Problemlösung, die zuvor das Programmierer-Problem nur noch verstärkt. Meine Antwort: Nein wir werden kein Volk von Programmierern.

Wie aber könnte nun der Ausweg aus der Programmer-Misere gefunden werden? Hierzu eine Vorabüberlegung: Wie sähe es aus, wenn alle Probleme, für die Prgrammierer bereits schon Lösungen geschaffen haben, nicht an anderen Stellen wieder ganz vorne angedacht würden? Techniker haben ihre Erkenntnisse in Normen festgelegt, Buchhändler haben sich zu einer Vereinigung zusammengeschlossen und sind im Moment dabei, ihr Verzeichnis lieferbarer Bücher online-fähig zu gestalten. Ist denn eine Vereinigung von EDV-Anwendern schier undenkbar, die einen Zugriff zu allen getesteten

Programmen bietet? Noch steht der Stolz auf Entwickeltes und Erreichtes vor der Bereitschaft, die Erkenntnis zu teilen, also mitzuteilen. Die Programmierbüros sind schließlich aus dieser Sicht gesehen zu modernen Alchimistenstuben geworden. Ich räume ein, daß diese Abkopplung nicht bewußt produziert wird, sondern als eine Folge des Mangels an Möglichkeiten öffentlicher Kommunikation zu sehen ist. Nicht zuletzt hierin ist der Grund zu suchen warum es so vielen Programmierern gelingt, mit relativ begrenztem Angebot selbständige Software-Vertriebe aufzuziehen. Sie praktizieren die Kommunikation bereits heute unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Nutzung. Eine Lösung des Programmier-Engpasses könnte lauten: Kommunikation unter dem Aspekt der gemeinsamen Nutzung.

Nur bei noch knapper werdenden Programmierkapazitäten kann eine Konzentration der Kräfte realisierbar und eine Bewegung in Richtung Know-how-Austausch stattfinden. Aus dieser Sicht heraus gibt es momentan noch zuviel Programmierer.