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Führungshilfe vom Computer

30.04.1976

Nach Jahren der Ernüchterung über den Beitrag der elektronischen Datenverarbeitung zu rationeller Unternehmensführung leitet technologischer Fortschritt eine neue Ära ein. Über Nutzen und künftige Chancen der EDV als Lenkinstrument des Managements diskutierten in der mm-Redaktion: Walther A. Bösenberg, Chef der IBM Deutschland, Computerhersteller Heinz Nixdorf, Eberhard Elsässer, Managing Direktor der Software-Gruppe SCS, sowie Ulrich Kiel, EDV-Leiter des Großversandhauses Quelle.

mm: Elektronische Datenverarbeitung, das war für mehr als ein Jahrzehnt Lockruf und Zauberformel für eine wissenschaftlich-rationale Unternehmensführung, für abgesicherte Entscheidungen. Hat die EDV den Firmen in der Rezession - beim Krisen-Management - in diesem Sinne wirklich etwas genützt?

Walther A. Bösenberg: Da, wo sie richtig eingesetzt ist, ohne Zweifel.

Ulrich Kiel: Gerade in der Rezession, wo es darum geht, die schwerer werdenden Marktverhältnisse quantitativ zu bewerten, hat die EDV bewiesen, daß sie zu schnelleren und besseren Reaktionen verhilft. Die Qualität eines Managements kann geradezu daran gemessen werden, wie es in der Rezession die Möglichkeiten der EDV zu nutzen versteht.

Heinz Nixdorf: Wer die EDV nicht nachhaltig nutzt, wird sicher in dieser, spätestens in der nächsten Rezession in große Bedrängnis kommen. Allerdings glaube ich auch, daß diese Rezession durch die EDV größer geworden ist, weil die Firmen in der Lage waren, ihre Bestände klein zu halten und trotzdem lieferfähig zu bleiben.

Eberhard Elsässer: Mir ist diese Fragestellung zu global. Was heißt im bringen "richtig eingesetzt?" Je nach Branche kann das etwas völlig Unterschiedliches bedeuten. Meiner Meinung nach wird der Beitrag, den die EDV gegenwärtig für das Top-Management leistet, eindeutig überschätzt.

Heinz Nixdorf: Da bin ich anderer Meinung. Es hat sich doch herausgestellt, daß man mit Hilfe der EDV Schwachstellen im Betrieb viel schärfer erkennen kann als früher ohne dieses Instrument.

Walther A. Bösenberg: Das bezweifelt keiner, Herr Nixdorf. Aber Schwachstellen sind im Betrieb in erster Linie auf der operationellen Ebene erkennbar. Beim Stichwort "Top-Management" geht es um etwas anderes, nämlich um das Durchrechnen von Alternativen, so daß das Management entscheiden kann.

Heinz Nixdorf: Das Top-Management sollte schon dankbar sein, wenn das Tagesgeschäft rationell bewältigt wird.

Eberhard Elsässer: Zweifellos wird die Datenverarbeitung im strategischen Bereich noch kaum genutzt, etwa zur Beantwortung der Frage: "Was tut mein Unternehmen in drei Jahren?" Vielleicht ist die Mineralölindustrie eine der wenigen Ausnahmen, wenn sie sich zum Beispiel bemüht, eine Vorausberechnung der weltweiten Transportkapazitäten zu machen.

Heinz Nixdorf: Ein wunderbares Beispiel dafür, wie wenig Aussagen dieser Art hinterher taugen. Unser Leben ist weit vielfältiger, weit, komplexen strukturiert, als daß wir heute mittels Computer sichere Voraussagen auch nur für die nächsten acht bis zehn Monate machen können.

Walther A. Bösenberg. Das Ungewisse bleibt groß, das Gewisse wird größer. Fakten, die man definieren kann, sollte man auch definieren.

mm: Herr Kiel, können Sie als EDV-Verantwortlicher aus Ihrer Unternehmensgruppe ein konkretes Beispiel dafür geben, daß EDV bei Ihnen mehr ist als beschleunigter Durchsatz von Firmendaten, daß sie die Qualität der unternehmerischen Entscheidungen verbessert hat?

Ulrich Kiel: Unsere Unternehmensentscheidungen bauen - das kann man gut am Ablauf von Geschäftsleitungs-Besprechungen verfolgen auf quantitativen Daten auf. Über alle Funktionen innerhalb des Unternehmens und über die wesentlichen Marktgegebenheiten wird auf der Basis quantitativer Unterlagen entschieden.

mm: Simulieren Sie auch -verschiedene Alternativen?

Ulrich Kiel: Wir simulieren nicht im Sinne eines Unternehmensplanspieles, das wir unter bestimmten Annahmen ablaufen lassen. Aber es gibt in unserem Unternehmen eine Reihe von sehr wichtigen Rechnungen, die nicht nur quantitative Darstellung sind, sondern die in der Kombinatorik bestimmter Daten und Erwartungsparameter beachtlich gute Entscheidungsunterlagen liefern.

mm: Für die Mehrzahl der Unternehmen mit eigener EDV-Abteilung scheinen solche computergestützten Entscheidungen noch nicht die Regel zu sein, warum nicht?

Walther A. Bösenberg: Darf ich einmal nicht als EDV-Hersteller, sondern als Anwender antworten. Bei uns ist es heute Brauch, daß jeder Teilbereich des Unternehmens monatlich an dem Ein- oder Zwei-Jahres-Ziel oder dem erwarteten saisonalen Monatsresultat gemessen wird. Über das Ergebnis gibt es eine völlig sachliche Management-Diskussion. Und daraus entsteht dann unmittelbar eine Aktion. Für solche Computerunterstützung könnte ich, Ihnen Beispiele aus den verschiedensten Branchen nennen. Aber das ist keine Anwendung, die Sie innerhalb von 12 oder 18 Monaten laufen haben. Wir kommen hier in graduelle Wachstums-, Planungs- sind Adjustierungsprozesse, die auch viel Pragmatismus enthalten.

Ulrich Kiel: Dabei stellt sich die Frage, meine Herren, inwieweit die Zukunftskomponente, die in diesen Planungen enthalten ist, überhaupt vom Computer kommen muß. Ob wir hier tatsächlich sozusagen das Knopfdruck-Management als Zukunftsbild malen müssen, malen dürfen? Oder ob wir nicht mit der quantitativen Analyse von Ist und Vergangenheit- in Kombination mit einem entscheidungsfähigen zukunftsgerichteten Management - schon die Optimallösung haben?

mm: Vergessen wir nicht - der EDV-Boom der 60er Jahre wurde von dieser Zukunftsvision des Knopfdruck-Managements, der nahezu automatisierten Verwaltungsabläufe, stark angeheizt.

Ulrich Kiel: . . .was von der Praxis nie ganz ernst genommen wurde!

mm: Immerhin, heute rüffelt die IBM in einer großen Anzeigenserie die deutschen Anwender wegen ihres unintelligenten Computereinsatzes und spricht von den "teuersten Buchhaltern der Welt". - Sind also, Herr Bösenberg, am Ende die Firmenschuld daran, daß in der Vergangenheit immer größere, teurere Maschinen für reine Verwaltungsarbeiten angeschafft wurden?

Walther A. Bösenberg: In den 60er Jahren haben wir mit der Bewältigung größer Datenvolumen begonnen. Später hat man versucht,, diese Datenvolumen zu strukturieren. Damit erst haben sich die Unternehmen die Voraussetzung geschaffen, aus operationalen Daten Entscheidungs- und Führungsinformationen abzuleiten. Selbstverständlich muß jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden, welche Führungsinformationen es im Sinne eines wirklichen Exekutive-Management benötigt.

Eberhard Elsässer: Es hat schon ein entsetzliches Overselling gegeben. Ich kenne eine Menge Fälle, wo man - etwas überzeichnet dargestellt - auf dem Vorstandslevel anspruchsvolles Operations Research verkauft hat und sich schließlich dann hat, wenn auf der neuen Anlage die Lohnabrechnung lief. . .

Heinz Nixdorf: . . . genau das ist der Punkt. So wurden Chancen vertan, mit Hilfe der EDV das Unternehmen besser zu strukturieren, produktiver zu arbeiten.

Ulrich Kiel: Da muß doch stärker differenziert, werden, und zwar nach den drei hauptsächlichen EDV-Anwendungsbereichen: Technische Datenverarbeitung, kommerzielle Datenverarbeitung und Datenverarbeitung unmittelbar für das Management. Fehlentwicklungen und Ineffizienzen hat es - und dort nur - allenfalls im kommerzieller Bereich gegeben. Aber auch nur dort, wo das Top-Management versäumte, das Instrument "EDV" richtig einzusetzen.

Eberhard Elsässer: Es gibt viele Vorstände in deutschen Landen, die zwar wissen, daß sie einen Rechner im Unternehmen haben. mehr alle wissen, welches Fabrikat es ist. Und nur noch wenige sind engagiert genug, für den Einsatz dieses Rechners die übergeordnete Zielsetzung zu formulieren. Da fängt es doch zunächst einmal an.

mm: Das heißt, dem Management fehlt das Bewußtsein, daß Information eine ebenso zentrale Aufgabe der Unternehmensführung ist wie etwa Finanzen oder Produktion. Liegt hier der eigentliche Grund für Ineffizienz?

Eberhard Elsässer: Das ist keine Frage der Effizienz, es geht vielmehr darum, wie die Datenverarbeitung im Unternehmen etabliert wird. Der größte Fehler, den wir immer wieder feststellen, ist, daß die gesamte Angelegenheit fast ausschließlich und vollständig nur den EDV-Spezialisten übertragen wird. Der Vorstand kauft sich quasi frei, indem er einen fähigen Mann einstellt und sagt: "Jetzt habe ich mein Teil getan, der wird es schon machen." Schließlich überläßt er diesem auch die gesamte Aufgabendefinition der Datenverarbeitung mit dem Ergebnis, daß sich alle Fachabteilungen übergangen fühlen und frustriert sind. Dann hört man das bekannte "Ach, unsere Datenverarbeitung, was die da machen - nichts funktioniert".

Heinz Nixdorf: Es kann auch nichts funktionieren, Herr Elsässer, wenn EDV weiterhin so betrieben wird wie bisher - nämlich hauptsächlich für die Konzernhauptverwaltung und zentralistisch organisiert.

Ulrich Kiel: Soll eine Datenverarbeitung den Unternehmenszielen und -zwecken in allen Fachbereichen entsprechen, muß sich möglichst nahe an die stelle herangeführt werden, von der solche Ziele üblicherweise formuliert werden. Das ist die Unternehmensleitung. Umgekehrt ausgedrückt: Wenn Sie die Datenverarbeitung zu weit von der Entscheidungszentrale ansiedeln, ist es zwar möglich, technisch fehlerarme Programme zu produzieren. Es ist aber nicht, zu erwarten, daß brauchbare Systeme für die Fachbereiche des Unternehmens dabei herauskommen.

mm: Es ist doch so, daß die Firmenleitung jahrelang die Entscheidungskontrolle bei EDV-Maßnahmen aus der Hand gegeben haben. Kein Top-Manager wollte sich bei den Herstellern wie bei den Experten im eigenen Haus wegen mangelnder Sachkenntnis blammieren. Ist diese Angst jetzt gewichen?

Ulrich Kiel: Das Verhältnis zum Computer ist entkrampfter geworden.

Eberhard Elsässer: Die Mystifizierung des Rechners ebbt ab. Der Fehler früherer Jahre war den eigentlichen Anwender im Unternehmen von der Datenverarbeitung fernzuhalten. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob die EDV zentral dezentral organisiert ist; der Anwender muß verantwortlich partizipieren. Und das ist ja selten geschehen.

Walther A. Bösenberg: ich erinnere daran, wo der Computer seinen Anfang genommen hat - in den Labors den Labors der Ingenieure, Mathematiker und Physiker nämlich. Ehe er als gängiges Instrument der unternehmerischen Praxis akzeptiert konnte, mußte erst ein gewaltiger Lern- und Gewöhnungsprozeß

ablaufen.

Heinz Nixdorf: Das stimmt Herr Bösenberg. Dennoch ist die Frage erlaubt, ob nicht in den letzten 25 Jahren mancher Irrweg gegangen, weil sich die Benutzer samt ihrer Unternehmensstruktur dem Computersystem anpassen mußten, anstatt umgekehrt der Computer an die Benutzer.

mm: Was müssen die Firmen tun, Fehlentscheidungen und Fehlinvestitionen wie in der Vergangenheit vermieden und die Möglichkeiten der EDV für das einzelne Unternehmen voll ausgeschöpft werden?

Eberhard Elsässer: Vor allem nicht erst den Rechner oder sonstige Hardware kaufen und dann fragen: Was machen wir damit?" Vielmehr sollte das Management eines Unternehmens erst einmal seine Probleme, die es zu meistern gibt, definieren und dann darüber nachdenken, welche Hilfsmittel zu deren Lösung eingesetzt werden können und sollen.

Walther A. Bösenberg: Richtig. Auf diese Weise zeigt sich der Computer als das, was er ist - als Werkzeug.

mm: Das Problem blieb, wie das Management sicherstellen kann, daß die definierte Aufgabe ökonomisch gelöst wird.

Ulrich Kiel: Das ist die Fachaufgabe.

mm: Wie ist zu kontrollieren, daß die Spezialisten diese Fachaufgabe lösen?

Ulrich Kiel: EDV-Experte sind kontrollieren wie alle anderen Spezialisten auch. Nicht indem die Einzelentscheidungen bis ins letzte nachvollzogen wird, sondern über Ergebnisse und vor allem die Budgets.

Auch das kontinuierliche Gespräch als Führungsmittel tut da seine Wirkung.

mm: Muß das ganze Top-Management in diesem Sinne EDV-bewußt sein, oder genügt es, wenn einer oder wenige im Top-Management diese Sehweise haben?

Ulrich Kiel: Mindestens ein Vorstandsmitglied sollte sich mit der EDV-Materie hauptamtlich beschäftigen und in dauernder Kommunikation mit seinen Vorstandskollegen die entsprechende Sensibilität für die EDV wecken.

Eberhard Elsässer: Das Problem der Datenverarbeitung auf der Vorstandsebene besteht in Großunternehmen oft schon darin, daß an jedes Vorstandsmitglied ein eigener Rechner berichtet. Die größten Schlachten müssen geschlagen werden, bis man erreicht hat, daß alle Rechner nur noch an ein Vorstandsmitglied berichten - meist mit dem Ergebnis, daß dann nur noch ein Teil der Rechner benötigt wird.

Heinz Nixdorf - Die Kosten für die Rechner sind nicht einmal das Schlimmste. Viel stärker sind die Personalkosten gestiegen, besonders in unseren Verwaltungen. Überhaupt ist das der Hauptvorwurf, den man unserer eigenen Industrie machen kann: Alle unsere guten Automaten waren nicht gut genug, die Verwaltungskosten, auch nur um ein Jota zu senken.

mm: Was mit ihr ursprünglicher Sinn war. . .

Ulrich Kiel:. . . Dann würde ich Sie doch bitten, Herr Nixdorf, einmal als Denkspiel zu überlegen, wie hoch die Verwaltungskosten wohl wären, wenn man auf die Unterstützung durch Computer verzichten würde?

Heinz Nixdorf: Das ist doch kein Argument. Sie tun so, als sei der Verwaltungsaufwand durch EDV wenigstens anteilig zurückgegangen. Dieser Aufwand ist doch überall angeschwollen wie ein Krebsgeschwür

Ulrich Kiel: Das hat aber andere Ursachen

mm: Herr Nixdorf, Sie sagten, vor einiger Zeit, die Zukunft habe bei der elektronischen Datenverarbeitung erst begonnen. Bei den Kleincomputern, auf ihrem ureigensten Feld, hat sie sicher angefangen. Aber auch die Weltmacht IBM mit ihrem System 32 ist auf diesem Markt zum Angriff angetreten. ist damit die Zukunft für kleinere MDT- und Minicomputer-Hersteller nicht schon wieder fast zu Ende?

Heinz Nixdorf: Keineswegs. In der bin ich der Meinung, daß die eigentliche EDV-Revolution, jetzt erst beginnt. Die Leistungsfähigkeit der Hardware und ihre Preiswürdigkeit ist so phänomenal angestiegen, daß wir viele neue Aufgaben lösen und eine ganz andere Unternehmensstruktur möglich machen werden. Das IBM-System 32 ist in meinen Augen nur das letzte einer alten Reihe. Es zeigt in keiner Weise die wirkliche Leistungsfähigkeit zukünftiger kleiner Automaten, die wohl auf der Hannover-Messe 1976 erstmals vorgeführt werden.

mm: Sie fühlen sich also nicht in einem Zwei-Fronten-Kampf zwischen IBM und den heraufbringenden Kleincomputer-Herstellern eingeklemmt?

Heinz Nixdorf: Eingeklemmt nicht. Zweifellos ist ein ganz reger Wettbewerb vorhanden.

mm: Ein reger. Aber auch ein echter?

Heinz Nixdorf: Ein sehr echter Wettbewerb.

mm: Nicht irgendwie verzerrt?

Heinz Nixdorf: O doch! Jeder Markt ist verzerrt, wenn ein Unternehmen mehr als die Hälfte davon sein eigen nennt. Aber darüber wollen wir lieber nicht reden.

Walther A. Bösenberg: Doch, doch, Herr Nixdorf, reden wir ruhig darüber. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir das Stichwort geben. Vor 25, Jahren gab es maximal fünf Computerhersteller und -anbieter in der Bundesrepublik. Und was ist Datenverarbeitung heute? Für Hardware, Software, Beratung gibt es Hunderte von Anbietern. Eine rein numerische Betrachtung, wie sie etwa das Zählen der Zentraleinheiten darstellt, ist zu simpel. So können Autos gezählt werden, aber keine Computer. Die EDV aber ist kein Auto mehr, sondern ein Transportsystem. Deshalb müssen Brücken, Ampeln und Meilensteine in die Rechnung mit einbezogen werden. Und deshalb auch wehre ich mich nachdrücklich gegen die These, die IBM sei marktbeherrschend.

Heinz Nixdorf: Wir sollten jetzt nicht die Anzahl der Lampen zählen, sondern die Marktanteile in Prozenten vom Umsatz nennen. Da haben Sie als Einzelfirma doch weit mehr als die Hälfte des deutschen Marktes. Oder ein anderer wichtiger Punkt: Was hat Ihre Firma für die deutsche Volkswirtschaft bei der Bereitstellung von Arbeitsplätzen getan, wie viele Mitarbeiter finden heute in Ihrem Haus einen Arbeitsplatz, bei fünf Milliarden Mark Umsatz?

Walther A. Bösenberg: Auch darauf antworte ich gern. Mitte der 50er Jahre hat unsere Firma 5 000 Menschen beschäftigt, heute das Fünffache, 25 000 Menschen. Mitte der 50er Jahre hatten wir ein Labor in der Größenordnung von 150 Mitarbeitern. Heute sind im Labor rund 1500 Menschen tätig. Wenn übrigens von Wettbewerbsverzerrung geredet wird, sollte man eher das Thema "staatliche EDV-Förderung" aufgreifen. Das ist in dieser Hinsicht ergiebiger. Unsere Mitarbeiter jedenfalls sind verwundert darüber, daß soundso viel Geld in reine Hardware-Entwicklung geht, ohne daß darüber Rechnung abzulegen ist.

Heinz Nixdorf: Solange die Struktur in der EDV-Industrie noch so ist wie heute, ist eine kraftvolle staatliche Förderung in dieser Hinsicht leider notwendig!

Walther A. Bösenberg: Das Rennen geht doch heute um das optimale Wissen im Umgang mit dem Rechner und nicht darum, daß ein vorhandenes Hardware-System zum 95. Male nachgebaut, nachempfunden und weiterentwickelt wird.

mm: Die staatliche DV-Förderung geht Ihrer Meinung nach also an den eigentlichen Bedürfnissen der Firmenanwender vorbei, weil zu wenig Anwendungs-Know-how dabei herauskommt?

Walther A. Bösenberg: Da mein Haus nicht Empfänger, von - Förderungsmitteln ist, kann ich schlecht ein Urteil, abgeben. Ich kann mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, daß für den Benutzer, für den Steuerzahler, dessen Mittel es ja sind, zur Zeit relativ wenig dabei herauskommt.

Ulrich Kiel: Ich würde mich der Meinung von Herrn Bösenberg nicht in dieser Weise anschließen. Ich glaube, daß wir doch noch eine gewisse Förderung der Hardware-Entwicklung in Deutschland brauchen, um einen Standard auf allen Sektoren der Computerherstellung zu erreichen, der uns stärker absichert für die Aufgaben, die wir als eine Volkswirtschaft, die im wesentlichen zu geistiger Leistung gezwungen ist, in Zukunft bewältigen müssen. In der Tendenz stimme ich allerdings zu, daß man sich von der reinen Hardware-Förderung allmählich wegentwickeln sollte. Aber noch haben wir Deutsche in dieser Technologie nicht den Stand erreicht, der uns Deutsche sicher in die 90er Jahre bringt.

mm: Da wir schon beim Prognostizieren sind: Welche Auswirkungen auf die Unternehmenssteuerung werden die billigen, aber leistungsfähigen Minicomputer haben?

Heinz Nixdorf: Die einzelnen Abteilungen des Unternehmens, und damit die Manager vor Ort, werden in Zukunft über weit leistungsfähigere Instrumente verfügen - und deshalb selbständige, und verantwortlicher agieren können. Die Computer, die dafür nötig sind - man könnte auch sagen: Die sehr intelligenten Terminals -, haben schon in den nächsten zwei, drei Jahren eine Leistungsfähigkeit, die - in Preisen ausgedruckt - nur ein Zehntel dessen kostet, was 1970 üblich war.

Ulrich Kiel: Der Trend, den Herr Nixdorf aufzeigt, ist absolut unstrittig - eine recht sichere Prognose. Es gibt Vorhersagen, daß im Jahre 1985 bereits 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den Industrienationen in irgendeiner Weise direkt mit dem Computer in Verbindung stehen. In unserem Unternehmen sind wir schon mitten in diesem Prozeß. Die Computerleistung am Arbeitsplatz ist bei uns in vielen Funktionen realisiert, und zwar in unterschiedlichste Weise. Das heißt, wir haben Computerleistung am Arbeitsplatz sowohl in der direkten Verbindung zum Großrechenzentrum, etwa im Einkauf oder in der Auftragungsabwicklung.

Und wir haben Intelligenz vor Ort, so zum Beispiel in unseren Warenhäusern, in denen Kleincomputer installiert sind, die mit der Zentrale Fernverarbeitung kommunizieren und an die elektronischen Kassen angeschlossen sind.

Eberhard Elsässer. Am Trend - weg von der, Zentralisierung, hin zur Intelligenz am Arbeitsplatz - ist nicht zu zweifeln. Aber ich warne vor einer neuen Euphorie unter dem Slogan: An jedem Arbeitsplatz ein Computer! Ich warne davor, in diese Umstrukturierung ohne Konzept und Koordination hineinzuschlittern. Sonst haben wir eines Tages im Unternehmen eine Vielzahl völlig unverträglicher, und nicht mehr integrierbarer schlaue, kleiner Rechner.

Heinz Nixdorf: Herr Elsässer, das wird viel einfacher vonstatten gehen, als Sie das befürchten, weil ja dieses Gesamtsystem modular zusammensetzbar ist.

Eberhard Elsässer: Modular hin, modular her. Hüten wir uns vor neuer Euphorie.

Heinz Nixdorf: Ich würde schon sagen, daß vor 1990 jeder Sachbearbeiter so selbstverständlich ein Terminal an seinem Arbeitsplatz stehen haben wird wie heute ein Telephon.

Ulrich Kiel: Das ist keine Frage der Euphorie, sondern das ist die Frage einer relativ sicheren Prognose unter Berücksichtigung der Kostenbestandteile eines Arbeitsplatzes im Jahre 1990. Aufgrund der sich immer mehr verbringenden Hardware werden wir in zehn Jahren für einen großen technischen Support am Arbeitsplatz etwa - aus dem Handgelenk gesagt - weniger als fünf Prozent der Jahreskosten des Mitarbeiters, der durch das Terminal mit entsprechender Intelligenz unterstützt wird, ausgeben.

Eberhard Elsässer: Ich betone noch einmal: Die Forderung darf nicht lauten, jeden, müsse Hardware am Arbeitsplatz haben sondern die Devise kann nur sein: "Jeder soll die Hardware bekommen, die er wirklich braucht und die das Unternehmen sich auch leisten kann."

Heinz Nixdorf: Nein, Herr Elsässer jeder kann die Hardware haben, weil sie so billig wird.

mm: An der zukünftigen Dezentralisierung der EDV scheint also nicht zu deuteln zu sein. Für, den Anwender hat das aber den fatalen Beigeschmackes "Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln". Wann schlägt die Lehrmeinung ein weiteres Mal um?

Walther A. Bösenberg: Ihre Wertung trifft nicht zu. Vor 30 Jahren begann man mit den wissenschaftlichen Rechnern, wuchs dann in kommerzielle Anwendungen hinein. Es war logisch, daß man die Verarbeitung der Daten erst einmal an einem Ort zusammenfaßte. Das ging einfach nicht anders.

Eberhard Elsässer: Das war damals keine falsche Entscheidung, sondern eine Preisfrage. Die Verbilligung der ganzen Technologie ermöglicht heute natürlich neue Denkansätze.

Heinz Nixdorf: Da muß man prüfen, wieso die Preise damals so hoch waren.

Eberhard Elsässer: Alle Hersteller waren teuer. Deshalb war die ganz natürliche Konsequenz: Dann kaufen wir uns gleich einen etwas größeren Rechner und versuchen den vollzupaken. Nur wäre es heute, falsch, nicht den Mut zu haben zu sagen: Das müssen wir ändern.

mm: Herr Kiel, handeln sich die Unternehmen mit dem konsequenten Ausbau der elektronischen Datenverarbeitung eindeutig Wettbewerbsvorteile ein, oder werden Sie auch anfälliger für Fehlleistungen durch zuviel Technik?

Ulrich Kiel: Zunächst einmal ist die Aufgabenstellung für ein Unternehmen, das Computer einsetzt, nicht die, den Computereinsatz konsequent auszuweiten. Die Aufgabenstellung müßte man so formulieren, daß alle Funktionen, die durch Computereinsatz verbessert werden können, unter Berücksichtigung der Kosten-Leistung-Relation im Rahmen einer Gesamtstrategie auch tatsächlich verbessert werden. Damit ist heute sicherlich in starkem Maße die Chance einer entsprechenden Marktposition verbunden.

mm: Mit dem Preis höherer Verletzlichkeit.

Ulrich Kiel: Zweifellos spielt für die Verantwortlichen der EDV die Frage der möglichst absoluten Absicherung gegen den großen Risikofall eine zunehmende Rolle. Entsprechend wachsen auch die Aufwendungen, um diesen Risikofall nicht eintreten zu lassen.

mm: Könnte der Wettbewerbsvorteil wieder aufgezehrt werden durch Maßnahmen zur Sicherung vor dem "größten anzunehmenden Unfall"?

Ulrich Kiel: Nein, die große Chance. wettbewerbsfähig zu sein, hat nichts zu tun mit der Management-Aufgabe "Sicherheit der Datenverarbeitung".

Eberhard Elsässer: Da liegt jeder Fall anders. Es wäre sicher Verschwendung, wenn für das Haus Quelle dieselbe Ausfallsicherheit angestrebt würde wie für ein computergesteuertes Stahlwerk, dessen Stillstand jede Sekunde ungeheuer viel Geld verschlingt. Im übrigen ist ein EDV-System mit dezentraler Struktur, natürlich nicht mehr so anfällig.

Walther A. Bösenberg: Insgesamt sind die Möglichkeiten, Daten und Abläufe, zu sichern, heute relativ preiswert. Natürlich bleibt ein Risiko, und es muß abgewogen werden: Wie weit sichert man die Datenverarbeitung für welches Gebiet einfach oder mehrfach ab? Das ist eine ganz normale Risiko-Evaluierung und unternehmerische Entscheidung.

mm: Wird nicht Unternehmensführung durch die EDV letzten Endes komplizierter?

Heinz Nixdorf: Ihre Sorge ist unbegründet. Das Managen wird durch EDV einfacher. Richtig eingesetzt, ermöglicht sie eine stärkere Delegation von Aufgaben - was doch eine Erleichterung bedeutet!

Eberhard Elsässer: Die EDV bietet vereinfacht ausgedrückt - die Möglichkeit, bessere Informationen aktueller am Schreibtisch zu haben. Nicht mehr und nicht weniger. Man muß nur zusehen, daß durch die Installation von EDV-Systemen der normale, natürliche Fluß der Information im Unternehmen nicht blockiert, sondern gefördert wird. Bei stärkerer Dezentralisierung muß man zudem aufpassen, daß nicht einzelne Unternehmensbereiche Daten-Fürstentümer aufbauen und dadurch Informationsblockierung betreiben. Dem Management fällt hier die Aufgabe zu, für eine klare Struktur und Koordination zu sorgen,

mm: Wir kommen aus der Rezession. Werden die Unternehmen 1976 und in den kommenden Jahren wieder verstärkt in den Ausbau der EDV investieren?

Heinz Nixdorf: Wir haben gerade deshalb heute einen hervorragend großen Auftragsbestand, weil die Rezession so groß ist. Das klingt eigenartig. Aber weil es den Unternehmen so schlecht geht, ist der Zwang zur Rationalisierung groß. Und weil wir entsprechende Werkzeuge bieten können, ist es sinnvoll, angesichts der starken Kostenbelastung verstärkt in EDV zu investieren.

Walther A. Bösenberg: Ich kann das nur unterstreichen. Die Entwicklung des Jahres 1975, das darf man wohl für die Branche sagen, hat durchaus gezeigt, daß sich die Investitionen für die Datenverarbeitung fortgesetzt haben. Es hat hier und da mal ein Zögern gegeben, aber keines der markanten Unternehmen, welcher Branche auch immer, hat den Ausbau der EDV merklich abgebremst, In den kommenden Jahren wird sich dieser Trend fortsetzen.

Ulrich Kiel: EDV ist im Unternehmen inzwischen Infrastruktur. Infrastrukturelle Entwicklungsprozesse aber können nicht kurzfristigen Konjunkturzyklen unterworfen werden. Das ist von den Unternehmen voll erkannt worden.

Eberhard Elsässer: Das würde ich auch so sehen. Die Wirtschaftskrise hat eindeutig bewirkt, daß die Firmen konzentrierter rationalisieren. Allerdings dürften auch hier keine Bäume in den Himmel wachsen - zumindest, was die Hardware angeht. Denn die Firmen gehen natürlich auch dazu über die vorhandene Ausstattung noch besser zu nutzen.

mm: Mit EDV verstärkt rationalisieren - heißt das nicht auch die Arbeitslosigkeit vergrößern?

Walther A. Bösenberg: Nein, lassen Sie uns doch mal die Sache, richtig sehen: Ein Unternehmen muß wirtschaftlich arbeiten. Dabei helfen Datenverarbeitungsanlagen. Wie sollten wir sonst im internationalen Wettbewerb bestehen können? Sollten etwa die Computer zurückgegeben? Das wäre doch wohl absurd.

Ulrich Kiel: Es wäre eine volkswirtschaftliche Fehlentscheidung größten Ausmaßes. Es ist gar, keine Frage, ob es geht oder nicht geht, sondern eine Frage, inwieweit wir international wettbewerbsfähig bleiben. Kein Unternehmen - und sei es noch so klein kann es sich auf die Dauer leisten, auf den Einsatz der Elektronik zu verzichten.

Heinz Nixdorf: Ich persönlich glaube, daß die strukturelle Arbeitslosigkeit in den verwaltenden Berufen zunehmen wird, weil das Instrument "Computer" schärfer genutzt werden kann. . .

mm: . . . und das nachholen was im Produktionsbereich bereits geschehen ist?

Ulrich Kiel: Ich möchte Herrn Nixdorf zustimmen. Wir haben sicherlich in diesen Bereichen einen entsprechenden Trend. Den darf man aber nicht einfach tatenlos hinnehmen, sondern hier ist die Politik aufgerufen, für diesen Teil der arbeitenden Bevölkerung neue Aufgabenstellungen zu finden. Das müssen Aufgabenstellungen sein, die wiederum unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zuträglich sind. Eine schwierige wirtschaftspolitische Aufgabe, gewiß. Sie muß aber ganz energisch angegangen werden.