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01.09.1978 - 

Hauff: Die Mlikroelektronik könnte zur Bedrohung werden

Fünf Fragen der Computerwoche an Bundesforschungsminister Dr. Volker Hauff

- Schaffen Mikroprozessoren Strukturprobleme oder werden durch den Einsatz von Mikroprozessoren Strukturprobleme erst sichtbar?

Der Mikroprozessor ist eine Komponente in der Mikroelektronik, die insgesamt in schneller Entwicklung begriffen ist. Die rasche Ausbreitung der Mikroelektronik, besonders in bisher überwiegend mechanisch-konventionell orientierten Industriezweigen, schafft neue Strukturprobleme, verstärkt aber auch die teilweise latent vorhandenen strukturellen Schwierigkeiten. Vor allem der Mikroprozessor ist aufgrund seiner Anwendungsflexibilität und -vielfalt und der für viele Anwender neuartigen Softwareproblematik mit großen Umstellungsproblemen verbunden, die bei vielen Unternehmen an die Substanz gehen.

- Produziert technischer Fortschritt durch den Einsatz von Mikroprozessoren sozialen Rückschritt?

Ob technische Neuentwicklungen auch zu sozialem Fortschritt führen oder eher negative Wirkungen haben, hängt davon ab, ob der Einsatz neuer Techniken von den dafür verantwortlichen Kräften auch in voller Kenntnis der vorhandenen Chancen und Risiken gesteuert wird.

Zweifellos verändert die Anwendung von Mikroprozessoren, von moderner Elektronik überhaupt, einen Teil der Arbeitsplätze in unserer Wirtschaft ganz erheblich und führt bei konstanter Nachfrage auch zum Abbau von Arbeitsplätzen. Die enormen Kostensenkungen in der Mikroelektronik bringen aber auch neue Nachfrage-Impulse und eröffnen konkrete Möglichkeiten zur Energieeinsparung, zur Konzipierung neuer Produkte und Dienstleistungen etwa im Zusammenhang mit dem Kabelfernsehen oder zum Abbau von Belastungen an monotonen Arbeitsplätzen in der industriellen Produktion. Ich betrachte den technischen Fortschritt in der Mikroelektronik als eine Herausforderung, die nur zur Bedrohung werden könnte, wenn wir ihre Sprengkraft und ihr Veränderungspotential unterschätzen und wenn Tarifvertragsparteien, Wissenschaft und Staat sich nicht über die sozial verantwortbare Richtung technischer Neuerungen verständigen.

- Wenn die Aufnahmefähigkeit von Märkten schrumpft oder bisher betreute Märkte verlorengehen - sollte dann in den betroffenen Branchen der Einsatz von Mikroprozessoren als Vehikel der Produktivitätssteigerung notfalls gebremst werden, um mit herkömmlichen Arbeitsmethoden mehr Arbeitsplätze existent zu erhalten?

Es wäre kurzsichtig und würde zur Massenarbeitslosigkeit fuhren, Produktivitätssteigerung durch technischen Fortschritt nicht zu nutzen. Von der Erhaltung der Wettbeverbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft hängen die Erhaltung und Verbesserung unseres Lebensstandards ab, insbesondere weil wir mit der internationalen Wirtschaftsentwicklung auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Herkömmliche Arbeitsmethoden genügen nicht, um Produkte zu international wettbewerbsfähigen Preisen anbieten zu können. Die Wettbewerbsfähigkeit läßt sich nur durch fortlaufende technische Neuerungen sichern, zumal wir unsere Grenzen ohnehin nicht gegen das Eindringen technischer Neuerungen aus dem Ausland schließen können.

-Läßt sich durch Fakten belegen, daß Mikroprozessoren mehr Arbeitsplätze vernichten, als durch sie und ihre Folge techniken (bis hin zur Software) entstehen, daß Mikroprozessoren zahlenmäßig genausoviel Arbeitsplätze, wie durch sie verschwinden, beziehungsweise entstehen qualitativ um soviel hochwertigere Arbeitsplätze, daß die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung positiv saldiert?

Von der Mikroelektronik werden in den nächsten Jahren rund 3 Millionen Arbeitsplätze nachhaltig verändert. Über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren dürfte sich der technische Fortschritt in der Mikroelektronik auf etwa 50 Prozent aller Arbeitsplätze nachhaltig auswirken. Wo infolge dieser Entwicklung zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und wo Arbeitsplätze abgebaut werden, läßt sich nicht in einem einfachen Modell berechnen. Was sich aber zeigen läßt, ist, wie schnell ein Unternehmen, daß notwendige Umstellungsprozesse zu lange hinausschiebt, keinen einzigen Arbeitsplatz mehr bieten kann.

- Halten Sie die gegenwärtige Diskussion um Auswirkungen und Notwendigkeit von Mikroprozessoren für in der Sache begründet oder für emotionelle Spiegelfechterei. Welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um zu einem sachlichen Konsens zu kommen?

Manche Ökonomen sind versucht, die gegenwärtige Diskussion um die Auswirkungen der Mikroelektronik nur als eine Neuauflage der Automatisierungsdiskussion der fünfziger Jahre abzutun, deren düstere Prognosen nicht eingetroffen sind. Ich bin da etwas vorsichtiger.

Die Breitenwirkung des technischen Fortschritts ist zwar immer langfristiger Natur und wird überdeckt vom Auf und Ab der internationalen Konjunktur, aber wir leben nicht mehr in den Zeiten, in denen große Nachfragepotentiale gerade erst entstehen und durch ihr Wachstum bedeutende Produktivitätssteigerungen ohne weiteres ausgleichen könnten. Wir müssen heute etwas genauer darüber nachdenken, wo Wachstum machbar ist und zur Wohlstandsmehrung beitragen kann und wo nicht. Dabei wird auch die Frage der unter den veränderten Bedingungen noch angemessenen Arbeitszeit für die notwendige Diskussion an Bedeutung gewinnen. Das Eindringen der Elektronik in fast alle Bereiche der Produktion von Gütern und Dienstleistungen zieht strukturelle Auswirkungen nach sich, die größere gesellschaftliche Gruppen betreffen.

Die konkreten Auswirkungen und möglichen Problemlösungen müssen von den Betroffenen gemeinsam erörtert werden. Hierzu wurden inzwischen Ansätze gemacht. Auch im Bundesministerium für Forschung und Technologie.

Vor einiger Zeit habe ich einen Gesprächskreis einberufen, der sich speziell mit den Auswirkungen des durch die Elektronik hervorgerufen technischen Fortschritts auf Produktivität und Arbeitsmark beschäftigt. In diesem Gesprächskreis arbeiten Praktiker aus der Industrie und den Gewerkschaften sowie Wissenschaftler aus den einschlägigen Fachgebieten mit. In mehreren Besprechungen sollen nach einer Problemanalyse bis zum Herbst 1978 Alternativen für das weitere Vergehen erarbeitet werden, die allerdings mit Sicherheit über den engeren Rahmen der Technologiepolitik hinausgehen werden.