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02.05.2005

Für coole Websites: Ajax, Tags und RSS

Neue Firmen und Online-Services nutzen die sozialen und technischen Möglichkeiten des Netzes immer besser.

Das Platzen der Dotcom-Blase schien all jene Skeptiker zu bestätigen, die dem Web mit seiner wuchernden Kreativität und seiner schier grenzenlosen Innovationsfähigkeit immer misstraut hatten. Mit dem Bankrott zahlreicher Startup-Firmen, die zum Teil auf unseriöse Geschäftmodelle gebaut hatten, schien das neue Medium entzaubert. Im Web bildet sich aber seit einiger Zeit eine neue Gründerwelle, die laufend Firmen mit pfiffigen Ideen hervorbringt - allerdings fast nur in den USA. Den Newcomern ist mit den Großen des E-Business gemeinsam, dass sie die Möglichkeiten des Mediums besser verstehen und ausnutzen als die Pioniere der Dotcom-Zeit. Ironischerweise entstanden die Technologien und Konzepte, die momentan besonders Furore machen, schon vor dem Goldrausch der Jahrtausendwende.

Eine Reihe von Firmen erprobt Methoden, die das Wissen ihrer Anwender akkumulieren. Als Vorreiter auf diesem Gebiet gilt del.icio.us, eine Site, die ihren Dienst als "Social Bookmarks" beschreibt. Bereits in den 90er Jahren gab es Firmen, die Web-Surfern das Speichern ihrer Bookmarks auf einem Server anboten. Der Vorzug dieser Services sollte darin bestehen, dass die Browser-Lesezeichen nicht bloß auf einem bestimmten PC zur Verfügung stehen, sondern sich von überall abrufen lassen. Diesen Diensten war indes nur wenig Erfolg beschieden.

Social Bookmarks wie del.icio.us, Furl oder Spurl entwickeln sich hingegen zu Rennern. Was unterscheidet sie von den erfolglosen Pionieren? Anstatt ihren Service als privaten Stauraum für Bookmarks zu betrachten, bedienen sie sich geschickt der Netzwerkeffekte, die durch große Teilnehmerzahlen entstehen. Im Fall der Social Bookmarks profitieren alle Nutzer von der Tätigkeit aller anderen. Wer eine URL im System hinterlegt, kann sofort sehen, wie viele andere Anwender dieselbe Seite vorgemerkt haben. Aus der aktuellen Bookmark-Hitparade lässt sich leicht erkennen, die Inhalte welcher Sites gerade stark beachtet werden.

Viele sind schlauer als wenige

Der eigentliche Clou der Social Bookmarks besteht aber darin, dass Benutzer angehalten werden, ihre favorisierten Seiten zu beschreiben. Dazu bedienen sie sich einer freien Verschlagwortung. Firmenintern, etwa bei der Auszeichnung von Texten in Content-Management-Systemen, hat sich dieses Verfahren keinen besonders guten Ruf erworben. Weil die Anwender Synonyme und unterschiedliche Flexionsformen verwenden sowie Kategorien eng oder weit fassen, entstehen nur bedingt verwertbare Metadaten. Bei großen Gruppen mit mehreren tausend Benutzern lassen sich aber aus solchen inkonsistenten Daten verwandte Begriffe und thematische Schwerpunkte ermitteln sowie Ausreißer eliminieren, die nur von wenigen Anwendern eingegeben wurden. Die Schlagwortlisten sind im Gegensatz zu kontrollierten Vokabularen, wie sie etwa in Bibliotheken verwendet werden, flach, das heißt, es gibt keine hierarchische Abhängigkeit zwischen Begriffen. Daher sind sie für eine heterogene Benutzerschaft einfacher zu handhaben. Für die freie Verschlagwortung von Inhalten durch eine große Anwenderschaft hat sich das Kunstwort Folksonomy eingebürgert. Es setzt sich aus den englischen Begriffen "Folks" und "Taxonomy" zusammen. Häufig ist einfach nur von Tagging (Tag = englisch für Etikett, Marke) die Rede.

Die Benutzerscharen von del.icio.us und vergleichbaren Diensten verfolgen ähnliche Ziele wie die Initiative des Semantic Web von Tim Berners-Lee. Der President des W3C propagiert seit Jahren maschinell auswertbare Web-Inhalte, deren Bedeutung sich über standardkonforme Metadaten erschließen lässt. Die um sich greifenden Folksonomies bedienen sich indes nicht der W3C-Empfehlungen Resource Description Framework (RDF) oder der Web Ontology Language (OWL), die als kompliziert gelten. Sie sind auch nicht Teil einer öffentlichen Infrastruktur, wie es den Schöpfern des Annotea-Projekts vorschwebte, sondern geballtes Wissen in privaten Datenbanken. Andererseits sind Social-Bookmarks-Anwendungen sehr einfach bedienbar und belohnen die Eingabe von Metadaten unmittelbar. In del.icio.us kann der Eingebende nämlich sofort sehen, welche URLs andere Benutzer mit den von ihm verwendeten Schlagwörtern ausgezeichnet haben. Umgekehrt lässt sich einfach nachschlagen, wie eine bestimmte Web-Ressource von anderen verschlagwortet wurde. Auf diese Weise erhält man vielfältige Hinweise auf Web-Seiten, die den eigenen Interessen entsprechen.

Folksonsomies kommen in Mode

Die amerikanische CW-Schwesterpublikation "Infoworld" traut Social Bookmarks mehr zu als die Verwaltung von persönlich bevorzugten Web-Inhalten. Sie nutzt seit kurzem del.icio.us, um ihre eigenen Inhalte zu kategorisieren. Die Website der Publikation gruppiert anschließend verwandte Artikel auf Basis der Schlagwörter aus dem Online-Dienst.

Die Nutzung von Folksonomies kommt immer mehr in Mode, und viele neue Sites experimentieren mit diesem Instrumentarium. Eine Reihe von Web-Companies verspricht sich von anwendergenerierten Metadaten erhebliche Vorteile und weist ihnen eine zentrale Rolle für ihre Services zu. Dazu zählt etwa Flickr mit seinem Dienst zum Austausch von Fotos, der RSS-Aggregator Rojo oder Vimeo, das private Videoclips beherbergt.

Einen gewissen Kultstatus erlangte bereits 43Things, eine Site, auf der Besucher ihre persönlichen Wünsche und Ziele eingeben können. Das Spektrum des Inputs reicht von guten Vorsätzen über Konsumwünsche und Urlaubspläne bis hin zu privaten Sehnsüchten. Auch hier hilft die Kategorisierung der Inhalte bei der Suche nach Gleichgesinnten. Der Klick auf ein bestimmtes Schlagwort öffnet die Liste mit all jenen, die ihre Ziele und Vorsätze damit beschrieben haben. Im nächsten Schritt kann der Besucher einsehen, welche weiteren Wünsche oder Vorhaben diese Personen formuliert haben, und möglicherweise zusätzliche Übereinstimmungen mit den eigenen Vorhaben finden. Auf diese Weise eröffnen sich ungeahnte soziale und geschäftliche Möglichkeiten.

Die meisten der genannten Sites werden häufig mit dem Etikett der Social Software versehen. Es handelt sich dabei um eine relative vage Charakterisierung. Sie bezieht sich im Allgemeinen aber darauf, dass Dienste die Netzwerkeffekte zu nutzen wissen, die durch große Benutzergruppen entstehen können. Der amerikanische Medientheoretiker Clay Shirky definierte Social Software als alles, was unter Spam zu leiden hat. Noch lässt sich kaum Missbrauch der innovativen Dienste beobachten, er dürfte aber nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Die kontinuierliche Aktivität einer großen Benutzergemeinde, die Inhalte über Metadaten beschreibt, erzeugt einen beständigen Datenstrom. Dessen Kategorisierung durch Schlagwörter generiert themenspezifische Informationsflüsse, die man als Channels betrachten kann. Wer an ihnen partizipieren will, kann sich nicht auf traditionelle Nutzungsgewohnheiten wie Website-Besuche oder Newsletters beschränken.

Ein Pull-Mechanismus wie RSS eignet sich dafür wesentlich besser. Del.icio.us bietet deshalb die Möglichkeit, neue Einträge über fast beliebige Kriterien zu filtern und als RSS-Feed abzurufen. Man kann beispielsweise sämtliche Bookmarks einer bestimmten Person abonnieren oder all jene, die von allen Benutzern mit einem bestimmten Schlagwort ausgezeichnet wurden. Nach dem gleichen Muster verfahren auch 43Things und Flickr.

Später Durchbruch für RSS

Diese Anwendungen geben all jenen Recht, die schon länger darauf insistieren, dass RSS zu mehr geeignet ist als zum Abrufen von Online-News. Auch diese Technik gab es übrigens schon während der Dotcom-Ära. Sie wurde etwa von Netscape eingesetzt, um Inhalte von Drittanbietern auf dem Netcenter-Portal zu aggregieren. Ihren großen Durchbruch erlebte sie aber erst in den letzten zwei Jahren.

Den Startups der neuen Generation ist gemeinsam, dass sie im Gegensatz zu ihren Dotcom-Vorgängern keine phänomenalen Börsengänge hinlegen konnten und daher nicht mit üppigen Finanzmitteln ausgestattet sind. Die Großen des E-Business sehen deshalb ihre Chance, viel versprechende Companies aufzukaufen. Sie haben es besonders auf jene abgesehen, die es auf Basis der neuen Ansätze schaffen, pfiffige Geschäftsideen umzusetzen. Für potenzielle Käufer sind die Newcomer wichtig, weil die Netzwerkeffekte von Social Software schnell zu einer Konsolidierung bestimmter Segmente führen. Wenn eine Website viele Nutzer gewonnen hat, dann wird es auch für große Unternehmen schwer, diesen Rückstand noch aufzuholen. Yahoo griff daher zu, als die Popularitätskurve von Flickr steil anstieg, und übernahm den Schöpfer des Dienstes, die Firma Ludicorp. Der RSS-Aggregator Bloglines fiel kürzlich an Ask Jeeves, und Netscape-Gründer Marc Andreessen investierte in den Konkurrenten Rojo. Amazon stieg als Mehrheitseigner bei Robot Co-op ein, der Firma hinter 43Things, und Looksmart kaufte Furl. Sie und andere innovative Startups haben wesentlich dazu beigetragen, Services zu entwickeln, die dem neuen Medium mit seinen enormen Möglichkeiten gerecht werden. Darin unterscheiden sie sich ebenfalls von den Dotcom-Vorgängern, die darin primär einen Vertriebskanal oder ein Mittel zur Publikation traditionell aufbereiteter Inhalte sahen.