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29.02.1980

Für die Hochschule ist Zusammenarbeit mit der Industrie eine Existenzfrage

- Herr Professor Zorn, Beispiele für eine erfolgreiche öffentliche DV-Projektförderung mit anschließendem Know-how-Transfer in die Industrie kann man an einer Hand abzählen. Nun hat die Informatik-Rechnerabteilung der Universität Karlsruhe einen X.25-Umsetzungsbaustein entwickelt den Siemens vermarkten will. Ist dies ein Zufallstreffer?

Für uns ist dies sicherlich kein Zufallstreffer, sondern das Ergebnis einer langfristigen, praxisorientierten Aufbauarbeit, speziell einer Intensivierung unserer Kontakte zur Industrie.

- Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Den Erfolg dieses Projektes haben sicherlich einige Randbedingungen begünstigt, insbesondere die Tatsache, daß wir quasi auf der grünen Wiese mit einer Entwicklung beginnen konnten, die in einen sehr zukunftsträchtigen Bereich der Datenkommunikation vorstößt.

- Von wem ging die Anregung aus, sich auf dem Gebiet der Paketvermittlung zu betätigen?

Die Idee zu dieser Entwicklung kam von uns. Wir selber sind seit 1972 auf dem Gebiet der Datenkommunikation - speziell der Terminalanschlüsse - intensiv tätig und hielten im Jahre 1976/77 Ausschau nach zukunftsträchtigen Entwicklungs- und Projektförderungsmöglichkeiten. Schon damals zeichnete sich die Entwicklung auf dem Paketvermittlungssektor ab, und wir setzten - im Gegensatz zu einigen anderen Projekten - auf die Möglichkeit, die Umsetzungen, die am Netzrand erforderlich sind, mit leistungsfähigen Mikroprozessorsystemen zu realisieren.

- Wieviel Manpower steckt in diesem Projekt?

Wenn wir die Vorarbeiten und Projektvorsondierungen zunächst einmal außer acht lassen, stecken rund sechs bis sieben Mannjahre an Entwicklungszeit in diesem Projekt, was wir - gemessen an industriellen Maßstäben - als vergleichsweise gering ansehen.

- Glauben Sie, daß sich das, was Sie realisiert haben mit Produktenwicklungen in der Industrie messen kann?

Ja, wir haben den Markt im Verlauf der Projektentwicklung aufmerksam beobachtet, insbesondere den internationalen Markt, das heißt also die X.25-Produkte, die speziell aus den USA und aus Kanada angeboten werden, und wir meinen, daß dieses Produkt voll konkurrenzfähig ist.

- Was ist das Besondere an dem von Ihnen entwickelten X.25-Baustein?

Wesentliche Merkmale dieser Entwicklung sind ein integrierter Hardware-/Software-Entwurf. Das heißt, anstelle der bisher überwiegend hardwareorientierten Entwurfsmethoden wurde dieser Baustein unter dem Aspekt der Software- und der Betriebssystem-Entwicklung begonnen Dieser Baustein, in dessen Kern sich ein Intel 8080-Mikroprozessor verbirgt, enthält ein komplettes Betriebssystem mit mehreren Prozessoren, die die einzelnen Ein-/Ausgabeleitungen bedienen. Hierbei wurden Kenntnisse aus der Betriebssystementwicklung und der stukturierten Programmierung erfolgreich eingesetzt. Die Hardware ist im Grunde nur das Abfallprodukt eines integrierten Entwurfs.

- Zurück zum Know-how-Transfer in die Industrie. War denn bei Projektbeginn etwas derartiges beabsichtigt oder hat sich das einfach so ergeben, als ein vermarktungsfähiges Produkt Konturen annahm?

Ich glaube, das war von seiten unseres Kooperationspartners Siemens erhofft, aber nicht abzusehen, während wir mit dieser festen Absicht angetreten sind. Mit Sicherheit ist es so, daß Entwicklungen, die auf einen unmittelbar erkennbaren Marktbedarf ausgerichtet sind, von der Industrie selber vorgenommen werden. Ich schätze in unserem Fall die Situation so ein, daß wir zunächst einmal die Chance hatten, im Verborgenen eine Entwicklung durchzuführen, die sich hinterher im Zuge des Aufbaues der neuen Paketvermittlungsnetze für die Industrie als außerordentlich interessant herausgestellt hat, und daß man sich unserer Aktivitäten erinnert und diese gerne aufgegriffen hat, um sie produktmäßig umzusetzen.

- Sie sagten, dieses Produkt sei voll konkurrenzfähig. Führen Sie den Erfolg darauf zurück, daß in einem vergleichsweise kleinen Team von zwei bis vier Mitarbeitern gearbeitet wurde?

Hier gibt es sicherlich mehrere Gründe. Zunächst mal hängt das mit der Qualifikation der Mitarbeiter zusammen und mit dem glücklichen Umstand, daß in diesem Projekt aus den verschiedensten Bereichen qualifizierte Absolventen zusammentrafen. Und zwar Mitarbeiter mit Kenntnissen über Betriebssysteme, die in höheren Programmiersprachen realisiert wurden, das heißt, in transparenten und überschaubaren Strukturen, andererseits Mitarbeiter mit speziellen Kenntnissen in Mikroprozessor- und Prozeßrechner-Entwicklung; ferner Mitarbeiter mit Erfahrung auf dem DFÜ-Sektor sowie einen Nachrichtentechniker, was sich ebenfalls als sehr nützlich erwiesen hat. Das war sicherlich ein Grund. Ein weiterer Grund ist der geringe Koordinierungs- und Abstimmungsaufwand, den wir haben - im Gegensatz zur Industrie, die ein Projekt mit allen möglichen Abteilungen abstimmen muß; bevor eine Entwicklung beginnen kann.

- Herr Professor Zorn, der Informatikforschung wird vorgeworfen, sie bewege sich in luftleerem Raum, sie sei zu wenig praxisbezogen. Stört Sie das?

Sicherlich bin ich in der Richtung sensibilisiert. Nun beziehen wir in meiner Abteilung eine überwiegend praxisorientierte Stellung. Natürlich ist es erforderlich, Grundlagenforschung zu betreiben, um die ganze Breite der Informatik abzudecken. Der generelle Vorwurf, die Informatik sei praxisfern, trifft für unseren Bereich jedenfalls nicht zu. Wir haben eine Reihe von produktorientierten Entwicklungsaufträgen aus der Industrie durchgeführt und hierbei meines Erachtens ein ausreichendes Maß an praktischer Qualifikation bewiesen.

- Die erwirbt man nicht hinter dem Schreibtisch...

Das hängt damit zusammen, daß wir über sehr gute Arbeitsmöglichkeiten verfügen, vom Großrechner mit zahlreichen Terminals, die an den einzelnen Arbeitsplätzen stehen und auch den Studenten zugänglich sind, über Prozeßrechner, Grafikrechner bis hin zu Mikroprozessor-Entwicklungssystemen. Studenten, die dies im Verlaufe ihres Studiums ausnützen, sind am Ende ihres Studiums so praxisnah ausgebildet, daß sie in kürzester Zeit in Entwicklungsabteilungen von Herstellern oder Softwarehäusern sehr gut einsetzbar sind.

- Herr Professor Zorn, der X.25-Baustein soll helfen. Netzwerk Inkompatibilitäten, die durch die unterschiedlichen Systeme der verschiedenen Hersteller entstehen, auszugleichen. Nun haben die Hersteller aus Wettbewerbsgründen ein legitimes Interesse an einer Geräteunverträglichkeit Geben Sie vor diesem Hintergrund Ihrem Produkt eine Chance?

Hierzu gibt es mehrere Aspekte. Zunächst ist ein Aspekt die Unterstützung auf dem Markt befindlicher Terminals, die einem möglichst schnellen Anschluß an die entstehenden Paketvermittlungsnetze suchen. Dabei ist es einfach notwendig, bisher nicht kompatible Geräte X.25-fähig zu machen. Dies geschieht im vorliegenden Fall durch eine transparente Umsetzung am Netzein- und -ausgang, wobei alle Funktionen der angeschlossenen Endgeräte voll erhalten bleiben. Ein zweiter Aspekt ist, daß die Hersteller aus Konkurrenzgründen an Inkompatibilitäten in diesen Bereichen - ebenso wie in anderen - interessiert sind. Hier laufen also individuelle Wettbewerbsinteressen übergeordneten Standardisierungsinteressen zuwider. In Zukunft wird es vermutlich so sein, daß Teile dieser Umsetzungsbausteine, wie sie jetzt noch erforderlich sind, in die Endgeräte beziehungsweise in die Rechner integriert werden.

- Befürchten Sie nicht, daß Sie jetzt für die Industrie ein interessanter Mann werden oder wollen Sie's vielleicht gar?

Ja, wir wollen interessant für die Industrie sein. Für uns an der Hochschule ist die Zusammenarbeit mit der Industrie eine Existenzfrage. Das wird vielleicht an der Angabe anschaulich, daß wir 60 Prozent unserer derzeitigen wissenschaftlichen Mitarbeiter aus Industrie- und Fördermittel-Projekten finanzieren. Vor dem Hintergrund begrenzter Stellen- und Finanzpläne ist es für uns in der Tat eine Existenzfrage, uns eine dauernde Kooperation mit der Industrie zu sichern - und das natürlich auch durch nachweisbare Erfolge.

- Nun muß der Nachweis, daß ein DV-Entwicklungsprojekt mit geringen Mitteln und mit geringer Manpower durchgezogen werden kann, wie eine Backpfeife sein für große Konzerne, die Vergleichbares offenbar nicht zustande bringen.

Ich würde das nicht als Backpfeife sehen, sondern als sinnvolle Arbeitsteilung. Wir selber können uns aus den verschiedensten Gründen sicherlich nur kleineren Entwicklungen zuwenden. Große Entwicklungen, beispielsweise komplette Rechnersysteme mit Betriebssystem, sind an einer Hochschule allein von der Personalstruktur her schwierig durchzuführen. Ich meine, wenn wir es schaffen, das Vertrauen der Industrie in die Leistungsfähigkeit der Hochschulen zu stärken und wenn wir es weiterhin schaffen, isolierbare Einzelprojekte an die Hochschulen zu verlagern, so sehe ich darin eine Möglichkeit für eine gute Zusammenarbeit.

- Entwicklungen in Richtung X.25-Umsetzung sind auch in der Industrie gelaufen, zum Teil mit Fördergeldern. Wußten Sie davon und gab es da einen kleinen Wettlauf?

Die Hauptkonkurrenz kommt zur Zeit ohne Frage aus USA und Kanada. Zwar gibt es auch auf dem deutschen Markt Entwicklungen, teils an Hochschulen, teils in der Industrie. Sie basieren jedoch zum großen Teil auf aufwendigerer Hardware, sprich Prozeßrechnersystemen oder Kompaktrechnern, die als Protokollumsetzer verwendet werden. Wir haben seinerzeit die Meinung vertreten, die Umsetzung muß mit einem Mikroprozessorbaustein lösbar sein und darf nicht mehr kosten als beispielsweise 10 000 Mark. Sicher ist es nicht sinnvoll, zum Beispiel ein 3000-Mark-Terminal über einen 100 000-Mark-Umsetzbaustein anzuschließen. Deswegen habe ich Entwicklungen mit aufwendigen Vorrechnern in diesem Bereich keine allzu großen Chancen eingeräumt.

- Nochmal zu unserer Eingangsfrage Daß es bisher so wenig Beispiele für einen geglückten Know-how-Transfer zwischen Hochschule und Industrie bei öffentlich geförderten Projekten gibt, führen Kritiker unter anderem darauf zurück, daß für die Fördererseite der Begriff "Markt" ein Fremdwort zu sein scheint.

Ich meine, daß es im Sinne der Förderung liegt, solche letzten Endes nutzbaren Produkte zu fördern. Wenn es Einzelfälle sind, so mag das daran liegen, daß die direkte Vermarktbarkeit in vielen Bereichen nicht in Sinne der Hochschulen liegt. Wir dürfen uns auch nicht als verlängerte Werkbänke der Hersteller betrachten, die für diese, weil sie Bundeszuschüsse erhalten, kostengünstige Alternativen zu Softwarehäusern oder zu Eigenentwicklungen darstellen. Ich meine, wir sollten die Tatsache ausnützen, daß hier an den Hochschulen ein sehr großes und breites und überwiegend auch herstellerneutrales Know-how verfügbar ist. Das führt in seiner Mischung zu neuen kreativen Ansätzen, die vielleicht in abgeschlossenen Entwicklungsabteilungen bei Herstellern in dieser Form nicht möglich sind. Insgesamt sehe ich gute Möglichkeiten einer Arbeitsteilung zwischen Hochschule und Industrie, bei der sich beide Seiten optimal ergänzen können.