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16.05.1997 - 

MigrationKritische Aspekte bei der Wahl des Migrationsziels

Für die meisten Anbieter geht es schon ums Überleben

Legacy-Systeme sind out, proprietäre sowieso? Das stimmt wohl allenfalls zum Teil, denn eine unglaubliche Vielzahl von Business-Anwendungen laufen nach wie vor auf solchen Systemen. Statt einzelne Architekturen zu verteufeln, wäre besser mit einer fünfjährigen Perspektive danach zu fragen, ob und welche Anwendungen oder Daten für ein Unternehmen wesentlich sind und wie es um die Zukunftsaussichten ihrer Systembasis bestellt ist.

DV-Abteilungen sind unmittelbar vom (Nicht-)Erfolg ihrer Lieferanten betroffen. Können diese Anbieter auch zukünftig einen ausreichenden Support anbieten, ohne dabei Weiterentwicklungen zu vernachlässigen? Können sie, realistisch betrachtet, ihren bisherigen Technologiekurs beibehalten? Und nicht zuletzt: Wie stehen die Chancen, daß sie auch weiterhin den richtigen Kurs durch die Konjunktur- und Modewellen der IT finden?

Drei historische Entwicklungslinien

Es wird auch zukünftig wesentliche Veränderungen in der IT-Industrie geben, die eine Vielzahl von Problemen für IT-Budgets und -Beschaffungspläne von Unternehmen aufwerfen werden. Drei Entwicklungen beeinflussen - im Prinzip seit Jahren, aber bis heute - große Bereiche der DV-Industrie ebenso wie fast jeden größeren Anwender:

Erstens hat IBM mit ihrer /360- und /370-Technologie den Mainframe-Bereich zu mehr als 90 Prozent beherrscht. Dann kam Wettbewerb in Form von Anbietern steckerkompatibler Systeme auf. IBM reagierte mit kräftigen und schnellen Preissenkungen.

Zweitens haben im Midrange-Bereich individuelle und teils sogar untereinander inkompatible Technologien und Anbieter das Geschehen bestimmt. Der Eintritt von Anbietern steckerkompatibler Produkte in diesen Markt sorgte für Verschiebungen. Nicht mehr der Wert eines einzelnen technischen Systems war nun entscheidend, sondern die Erwartungen der Kunden hinsichtlich des Erfolgs einer Systemfamilie. DEC, IBM und in geringerem Maße HP dominierten diesen Sektor.

Anders als im Mainframe-Markt kam es hier zu deutlichen Veränderungen in den Produktfamilien. DEC ersetzte die PDP-11-Familie durch die VAX-Systeme, und IBM machte den Schritt von den /3x-Systemen zur AS/400. In den 80er Jahren hat ein zusätzlicher Trend in Richtung Unix diesen stark umkämpften Midrange-Markt nochmals stark beeinflußt.

Die zeitweise rasanten Marktzuwächse von Unix-Systemen haben sich in einer dritten wesentlichen Veränderung im Markt partiell wiederholt: dem Aufstieg der PCs und dem dann vollzogenen Wechsel auf Wintel-Plattformen, wo nun eine Vielzahl von Anbietern miteinander im Wettbewerb steht.

Da diese Marktsegmente von unterschiedlichen Strömungen gekennzeichnet sind, werden sie im folgenden einzeln betrachtet.

Der Mainframe-Markt ist besonders dadurch gekennzeichnet, daß Rechenzentrums-Konsolidierungen, Migrationen und die Orientierung der Unternehmens-DV auf Client-Server-Modelle auf alternativen Plattformen die Nachfrage bei den einst allzu zahlreichen Anbietern stark gesenkt haben. Dies führte bei den meisten auch zu einer im Vergleich zum Unix- und PC-Markt wesentlich langsameren Innovation. Interessanterweise sind im Mainframe-Markt nur relativ junge Anbieter sonderlich erfolgreich, die keinen Überhang an Altlasten mit sich herumschleppen müssen. Ein Beispiel dafür ist EMC mit seinen Massenspeichersystemen.

Im Midrange-Markt wird sich Unix behaupten

ie Gartner Group geht deshalb mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit davon aus, daß bis 1999 mindestens ein Prozessorhersteller und zwei Massenspeicher-Anbieter vom Markt verschwunden sein werden. In den kommenden zwei Jahren wird es bei den Mainframes zu deutlichen Verbesserungen des Preis-Performance-Verhältnisses kommen, um wenigstens die Kundenbasis halten zu können.

Der Midrange-Markt ist in einem Stadium des Übergangs von den proprietären Umgebungen in offenere (Unix-)Systeme. Heute hat nach Ansicht der Gartner-Analysten nur noch die AS/400-Familie Aussichten auf eine gewisse Stabilität. Der einzige weitere Überlebende wird Open VMS sein, wobei die Terminalzahlen erheblich zurückgehen dürften. Die anderen proprietären Anbieter haben diese Phase bereits seit Jahren hinter sich.

Unix bleibt ein Reizwort im Midrange-Markt. Erstmals seit Jahren prognostiziert die Gartner Group gegen Ende dieses Jahrtausends eine Verschlechterung der Chancen für dieses Betriebssystem. Der Grund ist Windows NT. Diese Entwicklung wird aber dem Markt einige Schwierigkeiten bereiten, da NT-fähige Midrange-Systeme Schwierigkeiten haben werden, sich leistungsmäßig von reinen NT-Super-Servern abzuheben, die dem LAN-Server-Segment des PC-Markts entstammen.

Die Gründe sind einfach: Die anfänglichen Implementierungskosten von Midrange-Computern sind zu hoch, und die Geräte passen nicht mehr so recht in die heterogenen und zerklüfteten Unternehmenskulturen. Unterstrichen wird diese Tatsache dadurch, daß infolge vieler Business-Re-Engineering-Projekte immer mehr Unternehmen Gewinne und Verluste nach Abteilungen oder Profit-Centern aufschlüsseln.

Die Gartner Group erwartet daher erstens eine Konsolidierung der Unix-Anbieter im Midrange-Sektor und zweitens Einbußen gegenüber NT im Midrange-Einstiegssegment, also bei den Desktop-Workstations und kleinen Workgroup-Servern.

Während Unix-Systeme deutlich an Leistungsfähigkeit zulegen, gehen die Verkaufsmöglichkeiten für entsprechende Systeme zurück. Bei sinkenden Verkaufsvolumen wird es für die Anbieter schwerer, stets rechtzeitig Innovationen vorzubereiten.

Etwa 1999 werden nur diejenigen Anbieter im leistungsschwächeren Unix-Segment überlebt haben, deren Hybridlösungen PC-Software umfassen. Nur sie dürften noch die Kraft für entscheidende Produktinnovation besitzen.

Etliche Anbieter dürften zu Windows NT wechseln, andere werden versuchen, Intel-Technik zu verwenden. Insgesamt dürfte das Unix-Segment Anteile am IT-Markt verlieren. Die derzeitige jährliche Verbesserung des Preis-Leistungs-Verhältnisses von 45 Prozent wird schon vor dem Jahr 2000 nicht mehr zu verzeichnen sein.

Im Desktop-Markt bestanden die Herausforderungen im Preis-Leistungs-Verhältnis und in der Etablierung von Markennamen. Das wird sich ändern. Faktoren wie Bauteilezulieferung, Partnerschaften und Vertriebskanäle gewinnen an Bedeutung, um sich von Wettbewerbern abzuheben.

Künftig wird sich der Wert eines Produktes wieder mehr an seinem Nutzen und dessen Dauer bemessen, während sich das Preis-Leistungs-Verhältnis weniger dramatisch verbessern dürfte. Dieser Trend zeigt sich in verschiedenen - teilweise von den Herstellern selbst offerierten - Modellen für die Verwaltung der PC-Anlagen (Asset-Management) schon heute. Der PC-Markt tritt in eine Phase der Restrukturierung ein.

Die Gartner Group geht daher von einer 70prozentigen Wahrscheinlichkeit dafür aus, daß sich in zwei Jahren nur noch eine Handvoll Anbieter 60 Prozent des PC-Marktes bei professionellen Anwendern teilen werden.

Vorteile für finanziell starke PC-Anbieter

PCs und LAN-Server entwickeln sich von undifferenzierten Produkten zu hochwertigen nutzenbestimmten Lösungen. Dies könnte sogar zu leicht steigenden Preisen führen. Soweit die Anbieter auch Asset-Management offerieren, müßten sie ein massives Interesse an stabilen Produktlinien und Kompatibilität haben.

In allen DV-Segmenten gewinnt die finanzielle Stabilität der Anbieter an Wichtigkeit. Es ist insgesamt unwahrscheinlich, daß Unternehmen ihre Abhängigkeit von den einzelnen Herstellern vermindern können. Auch die sogenannten offenen Systeme haben die Abhängigkeiten nicht senken können. In vielen Fällen ist die Bindung an die vermeintlich offenen Anbieter sogar noch größer als jede andere zuvor.

Bei Investitionen, die entweder relativ wenig kosten oder wenig Abhängigkeiten vom Anbieter schaffen, muß letzterer nicht rigoros überprüft werden. Auch Fehlentscheidungen lassen sich in solchen Fällen ohne beträchtliche Verluste revidieren. Wichtig ist die sorgfältige Auswahl besonders bei Anbietern, für deren Produkte Unternehmen viel investieren. Mindestens ebenso wichtig sind kritische Analysen dann, wenn spätere Umstellungen besonders teuer, langwierig oder manchmal fast unmöglich sein werden.

Vorsicht vor neuen Abhängigkeiten!

Es ist derzeit noch keine Abnahme der Instabilität auf der Anbieterseite zu erkennen. Deshalb ist jedes Unternehmen gut beraten, sich ihre Lieferanten über deren Funktion und Technologien hinaus anzuschauen. Wenn diese Lieferanten in der engeren Wahl für Produkte stehen, die große Abhängigkeiten mit sich bringen, ist Vorsicht geboten.

Anwender sollten die Anbieter nicht nach technischen Begriffen bewerten. Auch wenn ein gesundes Unternehmen keine Garantie für eine langanhaltende Geschäftsbeziehung darstellt - auch große Hersteller nehmen schließlich Produktfamilien manchmal unvermittelt vom Markt -, ist bei fehlender Finanzstärke Vorsicht ratsam. Wenn ein Technologie-Anbieter übernommen wird, geht dies immer auch mit Wirkungen auf die Kunden einher - und diese sind meist negativ.

Da sich auch bei großen und starken Unternehmen oder Produkten nicht sicher voraussagen läßt, ob sie in den nächsten fünf Jahren noch am Markt sind, empfiehlt sich eine Strategie für den Fall einer kritischen Entwicklung. Dies ist besonders wichtig, wenn die Abhängigkeiten der Unternehmen durch nichtportable Features oder herstellereigene Erweiterungen der Produkte besonders hoch sind.

Finanzielle Durchhaltefähigkeit und Vertriebskanäle werden zunehmend darüber entscheiden, welche Hersteller überleben werden. Laut Gartner Group ist mit 70prozentiger Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß mindestens die Hälfte der heutigen DV-Anbieter bis 2001 ihre Geschäfte aufgeben oder von anderen übernommen werden.

Dies läuft auf das Szenario einer IT-Industrie mit einigen leistungsfähigen Großanbietern hinaus, die diejenigen aufsaugen, denen es an Liquidität, Vertriebskanälen und neuen Ideen fehlt. Gleichzeitig dürften viele neue Hersteller auftreten, die unter der Leitung größerer Gruppen entstehen.

Dementsprechend muß sich jedes Unternehmen, das heute mit einem kleinen neuen Anbieter verhandelt, darüber im klaren sein, daß es in drei bis sieben Jahren eventuell mit einem anderen Partner zu tun hat.

Angeklickt

Kaum eine Migration dürfte gänzlich frei sein von emotionalen Einflüssen, die vordergründig sachliche Motive eines Rechnerwechsels mitbestimmen. So mag es unterschwellig mitschwingen, daß man glaubt, zu einem gefühlsträchtigen Jahreswechsel wie dem ins Jahr 2000, nicht einmal mehr einen Keller mit DV-Gerät aus den 70er Jahren schmücken zu können. Wenn schon das Motiv für einen Rauswurf nicht rein sachlich ist, sollten es möglichst die Überlegungen über das neue System sein. Denn andernfalls droht die Gefahr, wieder in technologische Sackgassen und in neue Abhängigkeiten von einem oder wenigen - möglicherweise sogar finanziell gefährdeten - Hard- und Softwarelieferanten zu geraten. Der Autor faßt eine Prognose der Gartner Group zusammen.

*Stephan Gursky ist freier Journalist in Leidersbach.