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27.05.1988

Für DV-Nachwuchs gilt die Parole "Technik-Kultur"

Andreas Schleef Mitglied des Vorstands Personal- und Sozialwesen AUDI AG, Ingolstadt

Die deutsche Wirtschaft ist tot, es lebe die deutsche Wirtschaft - so oder ähnlich könnte man die Statements vieler Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik zusammenfassen, wenn es um die Zukunft der deutschen Wirtschaft, der deutschen Industrie, um die Zukunft des Standorts Bundesrepublik geht. Wenig hilfreich für Studenten und Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen ist es, daß sie bei ihrem Berufseinstieg, bei ihrer individuellen Lebens- und Karriereplanung statt Orientierungshilfen oft nur ein hilfloses, gelähmtes Starren auf die asiatische, amerikanische, oder gar britische "Schlange" geboten bekommen.

Wesentlich fruchtbarer erscheint mir eine Besinnung und Konzentration auf die Faktoren, die den Erfolg der deutschen Wirtschaft bisher bestimmten: auf die hohe Qualität der Produkte und Dienstleistungen, auf den hohen Stand der Ingenieurleistungen, auf das große Engagement und die enorme Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer. Und nicht zuletzt auf den hohen Ausbildungsstand. Verbunden mit den so oft belächelten, aber nichtsdestotrotz so wichtigen "deutschen Tugenden" wie Pünktlichkeit, Gründlichkeit und Zuverlässigkeit.

Daß diese Erfolgsfaktoren auch zukünftig uneingeschränkt Bedeutung besitzen, wird jeder unterschreiben, der mit den heutigen Marktverhältnissen auch nur einigermaßen vertraut ist. Mehr Bedeutung als je zuvor aber wird die ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens gewinnen. Immer wichtiger wird die optionale Steuerung der Material- und Informationsflüsse ebenso wie der gezielte Einsatz der menschlichen Ressourcen - des Unternehmens-Know-how.

In der Fabrik der Zukunft produzieren neue Generationen von Technologien automatisch, flexibel und kontinuierlich. Material- und Informationsflüsse werden integriert sein. Die künftige Entwicklung wird geprägt werden von intelligenten Maschinen und Systemen, Kommunikationsnetzen, Simulations- und Planungssystemen zur Unterstützung von Managementfunktionen, vollautomatisierten, flexiblen Bearbeitungssystemen, Robotern mit verfeinerter Sensorik und schließlich flexiblen Montagesystemen.

Teilweise heute schon bekannte und als "Insellösungen" eingesetzte rechnerunterstützte Technologien in den Bereichen Produktentwicklung (CAD, CAE), Produktionsplanung, Fertigungsvorbereitung und -steuerung (CAM) Qualitätssicherung (CAQ), Logistik und Transport, Einkauf und Vertrieb werden weiterentwickelt, verknüpft und schließlich weitgehend integriert werden zum "Computer Integrated Manufacturing" (CIM).

Diese Entwicklung erfordert vom Mitarbeiter - vom Ingenieur ebenso wie vom Informationsverarbeitungs-Spezialisten - sowohl hohes fachliches Wissen und Können und ausgeprägtes technisches Verständnis als auch in zunehmendem Maße die Fähigkeit, nicht nur in Ursache/Wirkungs-Zusammenhängen, sondern vor allem auch systemübergreifend, "vernetzt" zu denken und dabei die Rückwirkungen des eigenen Handelns auf das Unternehmensganze und die außerhalb des eigenen Arbeitsbereiches liegende Zusammenhänge zu berücksichtigen.

Daß die Anforderungen an den Mitarbeiter in der Fabrik der Zukunft, gerade in überfachlicher Hinsicht, noch zunehmen werden und daß davon Hochschulabsolventen mit ihren originären Aufgabenschwerpunkten der Gestaltung, der Disposition, Integration und Entscheidung stärker als andere betroffen sein werden, ist in meinen Augen eine große Chance.

Die Arbeit ist unverzichtbarer Bestandteil von Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung jedes einzelnen Menschen; und unsere täglichen Erfahrungen zeigen es: Von einer Leistungsfeindlichkeit gerade der qualifiziert ausgebildeten Jugend kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Der Wille, sich tätig selbst zu verwirklichen, sich weiterzubilden, Verantwortung aktiv zu übernehmen, mitzudenken konstruktive Kritik zu äußern wertvolle Anstöße in der Interaktion mit anderen durchzusetzen, ist bei einem großen Teil der Studenten so ausgeprägt wie selten zuvor.

Gerade darauf kommt es in Zukunft in immer stärkerem Maße an; auf das Wollen und Können, Schnittstellenprobleme integrativ zu lösen, Konflikte durch Verhandlungen und Argumente zu bewältigen, zu überzeugen statt zu überreden, in der Gruppe, im Team zu lernen und Erfahrungen auszutauschen, für andere ein verläßlicher Partner zu sein, für andere einzuspringen, und wenn es sein muß, mehr als nur das absolut Notwendige einzubringen.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, sich als technischer Hochschulabsolvent nicht zu früh auf ein enges Spezialgebiet zu konzentrieren, sondern sich einen Überblick über angrenzende Fachgebiete zu verschaffen, gewissermaßen zum "Generalisten der technischen Kultur" zu werden. Dies ist um so wesentlicher für Spezialisten der Informationsverarbeitung, da diese Disziplin ihre Bedeutung gerade aus ihrer Komplementarität zu den Ingenieurwissenschaften und zur Betriebswirtschaft gewinnt.

Das gilt in umgekehrter Richtung natürlich auch für Ingenieure und Betriebswirte. Denn gerade Entwicklung, Einführung und Anwendung neuer Technologien erfordern immer wieder Qualifikationen, für die es (noch) keine Ausbildungs- oder Studiengänge gibt, die also nur durch zusätzliche Studienleistungen, zum Teil aus "fremden" Studiengängen und beruflichen Erfahrungen erworben werden können. Gerade in der Automobilindustrie entstanden in den vergangenen Jahren vermehrt Tätigkeiten, die quasi eine "Doppelqualifikation" erfordern, insbesondere in der Verbindung von Maschinenbau und Informatik Als Beispiel sei die System- und Methodenplanung von Berechnungssystemen für die Fahrzeugentwicklung genannt. Grundvoraussetzung hierfür ist ein Studium in der Technischen Mechanik und der Numerischen Mathematik; darüber hinaus sind umfassende Informatikkenntnisse und Anwendungserfahrungen notwendig. Ähnlich "kombinierte" Qualifikationen sind auch in weiten Bereichen der CIM-Technologie erforderlich Hinzu kommt, daß gerade in diesen neuen Aufgabengebieten die bereits angesprochenen überfachlichen, persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten in besonderem Maße gefordert sind.

Nur mit solchem Hintergrund werden die zukünftigen technischen Fach- und Führungskräfte in der Lage sein, für ihren Bereich unternehmerisch zu denken, die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern, Mitarbeiter richtig einzusetzen und ihnen Ziele zu geben, die diese verstehen und für deren Verwirklichung sie bereit sind, sich mit ganzer Kraft einzusetzen.

Und schließlich gilt: Je fundierter und umfassender das Hintergrundwissen hochqualifizierter Nachwuchskräfte, um so größer die Chance eines rationalen und handlungsorientierten Umgangs mit den verschärften Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt.