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06.12.1985

Für HW- Limits ist User-Sensibilisierung nötig

Die Grauzone um den Begriff hat es möglich gemacht: Computer besitzen nun - bald - auch Intelligenz. So behaupten wenigstens einige Fachleute. Ob diese allerdings auch nur entfernte Vorstellungen davon haben, wie viele Generationen von Philosophen und Psychologen sich über den Inhalt dieses Wortes das Hirn zermartert haben, ohne zu abschließenden Definitionen zu kommen, darf fraglich bleiben. Nun gut sollen sie intelligent sein, die Computer der fünften Generation. Sollen sie als Experten auftreten und mit mehr Erfolg diejenigen Probleme lösen an denen unsere heutigen Fachleute schlecht und recht herumstümpern. Sollen sie einem blutigen Laien ermöglichen, als Spezialist aufzutreten. Sollen sie schließlich aus ihrem eingegebenen Wissen neues wissen schöpfen - soweit dies ohne Institution und Kreativität eben möglich ist - zur höheren Ehre der Menschheit.

Um die Ehre scheint es wirklich zu gehen: Die gewaltigen Anstrengungen und der gigantische Mitteleinsatz nur Entwicklung künstlicher Intelligenz sind aus heutiger Sicht wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen, denn nach einem schönen alten Brauch kassiert man zuerst die großen Rationalisierungspotentiale und zum Schluß die kleinen. Mit Expertensystemen kann man in 15 Jahren kleine Rationalisierungen durchführen - keine großen. Warum dann dieser Eifer?

Warum wünschen und entwickeln Menschen im Jahre 1985 eine Lösung für das Jahr 2010 und merken nicht, daß um sie herum Zustände von 1925 herrschen? Warum bemüht man sich nicht, das vorhandene - billige - Instrumentarium erst so breit wie möglich zu nutzen und damit die Basis für neue Entwicklungen zu festigen? Mit immer kürzeren Innovations- und Genezationszeiten nimmt die Neigung entsprechend zu, die eine oder andere Stufe zu überspringen.

Abhilfe kann hier nicht die künstliche Intelligenz schaffen, sondern eher die natürliche. Sie muß eingesetzt werden, um den "gap" zu verkleinern und die "Sprungkraft" zu erhöhen. Das erstere bedeutet, daß die Ausgangssituation für den Einsatz modernster Technologie dadurch verbessert wird, daß man mit moderner oder schon etwas veralteter Technik "seinen Laden auf Vordermann bringt".

Nun gut, man stelle sich vor, eine Kfz-Werkstatt zu betreten, in der ein Diagnosegerät für Motor- und Getriebeschäden (ein Expertensystem also) steht, und im Büro einen chaotischen Papierberg zu sehen, in dem eine Schreibkraft Zahlenkolonnen mittels Taschenrechner zu bewältigen sucht. Man stelle sich weiter vor, in einem Maschinenbauunternehmen sei CAD und CAM installiert, die Fertigungspapiere aber durchliefen die Produktion wie eine Blackbox. Das heißt, wenn überhaupt, so steuert sich die Fertigung selbst, und was fertig ist, weiß man nicht vorher, sondern erst nachher. Würde man in diesen beiden Fällen einerseits die Büroarbeit andererseits die Fertigungssteuerung auf das Niveau des Jahres 1970 bringen, stahlt eine Insel des Jahres 2000 zu schaffen, so könnten Rationalisierungserfolge eingespielt werden, die einen das Staunen lehren würden.

Mit Erhöhung der Sprungkraft ist der Ausbildungs-, Kenntnis- und Erfahrungsstand der Menschen gemeint, die die Zukunftstechnologie anwenden sollen. Nach einer Studie, die 1985 im Auftrag von IBM durchgeführt werde, haben 40 Prozent der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland noch nie mit Computern zu tun gehabt und auch keine Ahnung, wozu sie nützlich sind; und von der Mehrheit der restlichen 60 Prozent ist zu vermuten, daß sie bei der dritten Fachfrage spätestens ins, Stottern kommen. Mit diesen Truppen ist die Schlacht um die Technologie des 21. Jahrhunderts nicht zu gewinnen!

Hier ist ein vernünftiger Bildungsprozeß in Richtung auf "Computer-AIphabetisierung" einzuleiten und vor allem das Gefühl der Menschen für die Grenzen der Maschinen zu schulen. Geschieht dies nicht, tritt eine Situation ähnlich der ein, daß ein Kraftfahrer des Jahres 1910 in einen Wagen des Jahres 1985 gesetzt wird. Das Resultat läßt sich unschwer prognostizieren. Das sei übertrieben? Nun gut, man stelle sich den Laien vor einem Expertensystem zu Krankheitsdiagnose vor, und das Ergebnis lautet Krebs; Zweifel sind nicht vorgesehen der Patient hat zu sterben.

All diese Überlegungen laufen auf die Forderung hinaus, mehr als bisher natürliche, menschliche Intelligenz zu fördern und zu nutzen, unter anderem zu Beurteilung der künstlichen. Wenn es gelingt, die Nebelschwaden zu vertreiben, die heute bei so vielen den Blick für das Nächstliegende und das Einfachste trüben dann kann es gelingen, eine Gesellschaft zu formen, in der der Einsatz künstlicher Intelligenz ein Segen wird; wenn es nicht gelingt, droht uns noch mehr Enttäuschung, als sie mit den ersten DV-Erfahrungen einherging.

-Dr. Gerhard Sauerbrey ist Leiter Org.-Beratung der Weigang-Organisation GmbH, Würzburg