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09.03.1984

"Für normale PC-Anwendungen ist das PABX das ideale LAN"

Mit Horst Nasko, Vorstandsmitglied der Nixdorf Computer AG, sprach Helga Biesel

- Nixdorf geht an die Börse. Wie groß ist das Stück vom Kapitalkuchen, den sich Ihr Bereich, Herr Nasko, die Nachrichtentechnik abschneiden kann, und für welche Zwecke werden Sie dieses Kapital einsetzen, speziell im Sektor Produktentwicklung?

Der Bereich Nachrichtentechnik ist in der Nixdorf Computer AG der Bereich, der in Zukunft vielleicht am stärksten forciert werden soll. Herr Nixdorf selbst hat mehrfach erklärt - auch in der Öffentlichkeit -, daß es unser Ziel ist, in einem nicht präzise zu definierenden Zeitraum und natürlich langfristig betrachtet, auf dem Gebiet der Nachrichtentechnik eine ähnliche Bedeutung zu erlangen und ein ähnliches Umsatzvolumen zu realisieren wie auf dem Gebiet der Computertechnik. Wobei natürlich die Frage besteht, ob man die beiden Gebiete zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch voneinander unterscheiden kann.

- Wie setzen Sie zur Zeit die nachrichtentechnischen Schwerpunkte?

Ein gegenwärtiger Schwerpunkt liegt zweifellos bei den digitalen Nebenstellenanlagen, die wir in ihrer Kapazität nach unten und nach oben erweitern wollen. Sie werden stärker eingebunden in Paketlösungen, das heißt Kombinationen von Nebenstellen mit Computeranlagen zum Beispiel für Hotels, für den Handel und für Versicherungen, wie wir sie zum Teil bereits verkaufen. Zweiter Schwerpunkt sind Datenanwendungen, also der Einsatz von Nebenstellenanlagen als LANs für Teletex, für Bildschirmarbeitsplätze und für die Bürokommunikation.

- Wollen Sie - Sie sprachen vorhin von der Erweiterung ihrer Nebenstellenanlagen nach oben - mit digitaler Vermittlungstechnik auch in die öffentliche Vermittlungstechnik gehen?

Unsere Strategie bezüglich öffentlicher Technik ist noch nicht endgültig festgelegt, deshalb möchte ich mich jetzt auch da nicht verbindlich äußern. Aber möglich ist es, daß wir in die öffentliche Technik gehen, zumindest dann, wenn es zum Breitbandnetz kommt. Weitere Gebiete der Nachrichtentechnik, auf denen wir uns betätigen wollen, sind alle die, die eine engere Verbindung mit der Datentechnik haben, zum Beispiel der Ausbau von Datex-P, von Btx. Der dritte Bereich ist der Breitbandsektor. Bekanntlich haben wir zusammen mit Fuba den Auftrag für das Kabelpilotprojekt Ludwigshafen erhalten. Auch das Pilotprojekt in München wird nach unserer Technik realisiert. Unser Lizenznehmer Kathrein-Werke AG, Rosenheinis hat - mit Zulieferungen von uns - den Auftrag erhalten. Überhaupt sieht es so aus, daß sich diese Technik, die wir zusammen mit Fuba entwickelt haben, zumindest in Deutschland, durchsetzt. Wir sind im Kontakt mit der Deutschen Bundespost, um zu

prüfen, wie man diese Technik weiterentwickeln, verbilligen und modular strukturieren kann.

Dann haben wir uns bei Bigfon beteiligt. Unser Projekt in Hannover, wieder mit Fuba zusammen, ist bereits in Betrieb und funktioniert. Jetzt gibt es Überlegungen, diese Bigfon-Inseln miteinander zu verbinden, um zum Beispiel Videokonferenzen zu ermöglichen. Das somit verfügbare Breitbandnetz wird zunächst als Overlaynetz für die wichtigsten Zentren in der Bundesrepublik bereitgestellt. Mit Fuba zusammen haben wir ein entsprechendes Angebot abgegeben. Wir hoffen natürlich, auch hier zum Zuge zu kommen Damit hätten wir den ersten Schritt in die öffentliche Breitbandvermittlungstechnik getan.

- Zurück zur digitalen Nebenstellenanlage und damit zur Situation des Anwenders im Hinblick auf ihren Einsatz. Im großen Marktpotential der Erstanwender stellen sich viele die Frage, wie und wann automatisiere ich mein Büro, meine Verwaltung Alternativen sind lokale Netze, LANs mit PCs als vorherrschenden Endgeräten plus Nebenstellenanlagen für die reine Sprachkommunikation - irgendeine -oder die Segnungen der ISDN-fähigen Nebenstellenanlagen abzuwarten. Welche Strategie ist empfehlenswert, auch im Hinblick: auf die Marketing-Gepflogenheiten der nachrichtentechnischen Industrie? Wie lange soll man sich derzeit mit welcher Technik binden?

Wenn der Kunde sich für eine Nixdorf-Nebenstellenanlage entscheidet, dann braucht er die Segnungen der vierten Generation nicht mehr abzuwarten; er kann sie heute schon kaufen.

- Gerade bei Nixdorf aber hat er die Qual der Wahl, schließlich bieten Sie ein anderes Bürokommunikationssystem, das 88 BK auch noch an.

Da sehe ich kein Problem. Eine PABX der vierten Generation bietet ja jedem Teilnehmer eine transparente Verbindung entsprechend dem ISDN-Standard mit 64 beziehungsweise 144 KBit. Die Frage ist eigentlich nur, reichen zweimal 64 KBit Bandbreite für den jeweiligen Anwendungsfall aus. Wenn es das tut, besteht überhaupt keine Veranlassung parallel oder zusätzlich zur PABX ein weiteres LAN-System zu installieren. Wenn es das nicht tut, dann muß man sich für ein breitbandiges LAN entscheiden. Aber der 144-KBit-Kanal ist ja, wenn man sich die heutigen Anwendungsfälle von Büro-Endgeräten ansieht, mächtig denn wir arbeiten heute in der Regel mit 9,6 beziehungsweise mit 19,2 KBit, und das ist schon eine sehr mächtige Übertragungsrate, so daß die 144 KBit für die meisten Anwendungen auch in Zukunft ausreichen werden.

- Warum ist dann in Heidelberg als Pilotinstallation ein 86-BK-System installiert und nicht ihr PABX-System?

Hier handelt es sich nicht um ein LAN-System oder eine Nebenstellenanlage, sondern um ein unabhängiges Bürokommunikationssystem für die integrierte Bearbeitung von Texten, Daten, Grafik und Sprache. Die einzelnen Arbeitsplätze sind an einen Controller angeschlossen, der wiederum mit einer Nebenstellenanlage verbunden werden kann, um damit Zugang zum öffentlichen Netz zu erhalten.

- Sie waren aber doch auch einmal sehr mit Ethernet und Bussystemen etc. zugange. Ist das Thema völlig im Hintergrund verschwunden?

Nein, das machen wir auch heute noch, aber Ethernet geht in den 10-MBit-Bereich. Das sind verschiedene Welten. 10 MBit werden wir nicht über die PABX übertragen können. Für normale PC-Anwendungen, Bildschirmarbeitsplätze, wie unsere 8270, ist nach unserer Ansicht - und da stehen wir nicht alleine - die PABX das ideale LAN. Sie brauchen keine Koax-Verkabelung. Sie können die bestehenden Zwei-Draht-Leitungen nutzen. Und das ist ja auch der Hintergedanke der ganzen ISDN-Philosophie, auch im öffentlichen Bereich.

- Nixdorf hat also schon einige oder sogar viele PABX-Kunden, entnehme ich Ihren Ausführungen. Die Unentschlossenheit vieler ist offensichtlich die Chance für den Ersten. Aber die alten Hasen der Datenkommunikation schauen doch in ihrer Mehrheit routinemäßig auf den Marktführer der klassischen EDV, die IBM. Bevor sie nicht gesprochen hat, entscheiden sich diese Anwender und auch die konkurrierenden Hersteller eben nicht zu größeren Investitionen. Immernoch ist der Eindruck weitverbreitet, daß jeder, der jetzt über eine Pilotinstallation hinaus investiert, eine Mutprobe ablegt.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß unsere vielen Kunden von PABX-Anlagen sich als Pilotkunden fühlen. Wir verkaufen die Anlagen in der Regel, obwohl wir sie auch vermieten, weil der Kunde überzeugt ist, ein zukunftsorientiertes System zu erwerben. Ich finde es sehr erfreulich daß wir endlich einmal beweisen können, daß nicht unser großer Konkurrent die Weichen stellt und die De-facto-Standards setzt, wie sonst üblich bei den großen Datenverarbeitungssystemen, sondern daß wir avantgardistisch einen Schritt voraus sind.

- Wie begegnen Sie Hinweisen von Mitbewerbern auf angebliche Störanfälligkeit, auf Übergangsschwierigkeiten, auf Normierungsüberraschungen, die beim Einsatz von PABX-Systemen zu erwarten seien?

Ich widerspreche massiv, was Störanfälligkeit betrifft. Wir haben damit keine Probleme. Unser System ist sehr modular aufgebaut, und es ist selbstverständlich, daß, wenn die Deutsche Bundespost oder auch ausländische Postverwaltungen einmal einen ISDN-fähigen Anschluß anbieten, wir dann die Schnittstelle zum Amtssystem austauschen. Wenn nötig, stellen wir eine PCM-30-Schnittstelle zu der Ortsvermittlungsstelle zur Verfügung. Da wir intern schon digital sind und von vornherein in der Bitstruktur sowie in der Datenrate die ISDN-Struktur gewählt haben ist dieser Schritt auch für bereits installierte Systeme vollziehbar.

- Auch Realtime-Sprachübertragung wird als problematisch dargestellt. Was hat es mit derartigen Aussagen auf sich?

Es gibt ja auch Anbieter in der Bundesrepublik, die sagen, es wäre zu früh für die digitalen Anlagen hierzulande, die aber in anderen Ländern sehr wohl digitale Anlagen verkaufen.

- Anderes Thema: Sie hatten schon auf den Produkt- sowie Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt Breitbandverteilnetze hingewiesen, auf die Aufträge für die Kabelpilotprojekte Ludwigshafen und München. Erwarten Sie aus diesen Anwendungen auch Anstöße für Produktentwicklungen im Office-Bereich, also für die geschäftliche Kommunikation?

Das möchte ich nicht ausschließen wenngleich im Moment in der Tat diese Technik eine reine Breitbandfernsehtechnik ist.

- . . . mit Rückkanal!

. . . mit schmalbandigem Rückkanal. Man ist dabei, sich Büroanwendungen zu überlegen, wobei es allerdings auch fernmelderechtliche Probleme gibt, weil die Deutsche Bundespost zur Zeit noch den Standpunkt vertritt, daß alles was im schmalbandigen Bereich realisiert werden kann auch dort, sprich im Telefon- oder im späteren ISDN-Netz, realisiert werden soll und nicht über diese Breitbandnetze. Wenn diese Auffassung sich ändern sollte, dann gibt es sicherlich zusätzliche Möglichkeiten, dieses Netz auch für Büroanwendungen zu erschließen.

- Herr Nasko, wie beurteilen denn Sie das Auftreten von AT&T auf dem europäischen Markt, speziell im Bereich der digitalen Nebenstellentechnik?

Das wird man abwarten müssen. Wir sind dabei, uns zu überlegen, auch auf dem amerikanischen Markt mit unserer PABX tätig zu werden.

- Und wieviele Anwender Ihrer PABX zählen Sie bereits in der Bundesrepublik?

Wir sind ja erst seit gut einem Jahr auf dem Markt. In dieser Zeit haben wir über 300 Anlagen verkauft, zirka 150 davon sind bereits installiert.

- Schlußfrage: Welche Frage stellen Sie sich, wenn Sie an PABX denken?

Wann wird die Konkurrenz nachziehen? Und da wird sicherlich die diesjährige Hannover-Messe ein Datum sein, wobei ich allerdings eher glaube, daß es doch l985 werden wird.

Dr. Ing. Horst Nasko, 50, war nach Studium und Promotion an der Technischen Universität Graz, seit 1958 bei AEG-Telefunken in verschiedenen Bereichen tätig. Seit 1972 zeichnete er als Mitglied des Vorstands für Forschung und Entwicklung und zuletzt die gesamte Technik verantwortlich. In den Jahren 81 und 82 gehörte er verschiedenen Aufsichtsräten von Tochtergesellschaften und unabhängigen Konzernen an. Seit Anfang 1983 Mitglied des Vorstands der Nixdorf Computer AG. zuständig für den Bereich Nachrichtentechnik und Unternehmensverbindungen.