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Für Red Hat beginnt eine neue Ära

18.04.2006
Die Reaktionen der Analysten auf die Übernahme von Jboss durch den Linux-Distributor sind überwiegend positiv. Aber in einzelnen Punkten gibt es Bedenken.
Red Hat darf die Windows- und Solaris-Anwenderschaft von Jboss nicht vergrätzen.
Red Hat darf die Windows- und Solaris-Anwenderschaft von Jboss nicht vergrätzen.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

Tiraden von gestern

Jboss-Chef Marc Fleury hat kurz vor der Übernahme durch Red Hat einen Eintrag in seinem Blog gelöscht. Vergeblich, Google-Cache vergisst nichts. Am 28. September 2004 hat Fleury geschrieben: "Red Hat ist ein Verpacker, keine Technologiefirma." "Red Hat wickelt Linux in proprietäre Scheiße ein." "Red Hat entwickelt keine nennenswerte Technologie." Seit der Übernahme nennt Fleury Red Hat übrigens "Big Brother".

Jonas oder Jboss?

Bislang ist Red Hat ein bedeutender Unterstützer des von Europäern initiierten Konsortiums "Objectweb". Der Linux-Distributor hat dessen Projekt "Java Open Application Server" (Jonas) kräftig gefördert. Auf Jonas basierte Red Hats eigener Application Server. Was wird aus dem Engagement, wenn Red Hat nun mit Jboss eine weiter entwickelte Open-Source-Alternative besitzt? Firmenchef Matthew Szulik versichert, sein Unternehmen habe "signifikant in Jonas investiert, und wir gehen davon aus, dass es dabei bleibt".

Francois Letellier, Mitglied der Leitung von Objectweb, hält die Jboss-Übernahme für eine "hervorragende Neuigkeit". Schließlich sei Red-Hat-Entwicklungschef Paul Garnier im Aufsichtsrat des Konsortiums und bilde damit einen "privilegierten Kommunikationskanal" zwischen Jonas und Jboss. Er erhofft sich bessere Kompatibilität und denkt sogar an Codeaustausch. Beobachter sind skeptischer. So Michael Goulde von Forrester Research: "Langfristig ist es für Red Hat sinnlos, etwas zu unterstützen, das mit Jboss konkurriert."

So hatte es keiner von denen erwartet, die seit Anfang dieses Jahres davon reden, der Open-Source-Landschaft stehe eine Konsolidierungswelle bevor. Alle dachten, die großen Player der IT-Branche würden die jungen und kleinen Anbieter von quelloffenen Produkten schlucken. Doch Konsolidierung ist auch innerhalb der Open-Source-Szene möglich: Red Hat übernahm Jboss.

Die Umstände des überraschenden Manövers sind kaum bekannt. Klar ist, dass die Aktion in aller Eile stattfand. Hektik ist gemeinhin kein gutes Vorzeichen bei Firmenzusammenschlüssen. Überraschenderweise ignorieren die Analysten diesen Aspekt. Sie trauen Jboss unter dem Dach von Red Hat große Sprünge zu.

"Jboss bekommt Zugang zu größeren Ressourcen. Sie können jetzt besser mit IBM und den anderen Anbietern konkurrieren", kommentiert der Redmonk-Analyst Stephen O’Grady. Das sei keinesfalls garantiert, hält Anne Thomas Manes von der Burton Group entgegen: "Die Frage ist, wie lange das Marketing-Team von Red Hat brauchen wird, die Kompetenz für den Verkauf einer Applikationsplattform zu gewinnen, die viel höher im Software-Stack angesiedelt ist als ein Betriebssystem."

Das Portfolio erweitert

Doch eins ist unumstritten: Red Hat wächst über sein klassisches Betätigungsfeld Linux-Betriebssystem hinaus in die Ebene der Middleware. Scott Donahue von Tier 1 Research, einer Tochtergesellschaft von The 451 Group, meint beispielsweise, der Kauf werde "Red Hats Portfolio nennenswert über seinen angestammten Linux-Server-Markt hinaus erweitern, Umsatz und Gewinne erhöhen sowie die Position des Unternehmens als wichtigster kommerzieller Open-Source-Anbieter untermauern".

Auch Michael Goulde, ein leitender Analyst von Forrester Research, bestätigt diese Einschätzung: "Dies ist ein guter Schachzug von Red Hat. Die IT-Kunden wollen One-Stop-Shopping, besonders bei Open Source. Denn Support ist ihnen ein Anliegen, und mit diesem Deal bekommen die Unternehmen alles, was sie brauchen." Gordon Haffa von Illuminata formuliert es krasser: "Red Hat wird zur Microsoft der Open-Source-Welt. Wenn man einen kompletten Open-Source-Stack möchte, dann wende man sich an Red Hat."

Den Ball flach zu halten, empfiehlt indes Carlo Velten, Senior Advisor bei der Experton Group. Zwar habe Red Hat jetzt ein Angebot für die Implementierung von Service-orientierten Architekturen (SOA). "Aber SOA-Projekte dauern meist sehr lange. Deshalb wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis Red-Hat-Jboss entsprechende Projekte vorweisen kann." Und das zählt bei den Anwendern. Anders als in den USA werde es Jboss in Deutschland schwer haben, Projekte zu gewinnen.

IBM hat die Nase vorn

Velten erwartet keine hektische Reaktion der Jboss-Konkurrenz. Vor allem IBM habe in Sachen SOA bei den großen Anwendern einen "riesigen Vorsprung". Der Analyst verweist darauf, dass in komplexen SOA-Projekten der Beratungsanteil an den Gesamtkosten bei 70 Prozent liegen dürfte, während nur 30 Prozent auf Produkte für die Implementierung entfallen. Velten: "Hier hat IBM schon wegen seiner großen Servicemannschaft die Nase vorn."

Von IBM gibt es keinerlei Stellungnahme zu dem Deal zwischen Red Hat und Jboss. Das Unternehmen ist ohnehin auf die aufkommende Open-Source-Konkurrenz in Sachen Application Server eingestellt. Der mit der Firma Gluecode gekaufte Application Server "Geronimo" wurde als "Websphere Application Server Community Edition" direkt gegen den Jboss Application Server positioniert. Angriff ist die beste Verteidigung.

Oracle - gerade noch als Jboss-Käufer gehandelt - interessiert sich jetzt für den Kauf einer Linux-Distribution. Firmenchef Lawrence Ellison möchte den Software-Stack erweitern. Auch wenn daraus nichts werden sollte: Alle Analysten erwarten, das breitere Angebot von Red Hat werde letztlich den Trend zu Linux verstärken. Davon würde auch Oracle profitieren, denn das Unternehmen ist der gefragteste Anbieter von Datenbanken für Linux-Umgebungen.

Alarm bei Bea und Sun

Ein klarer Verlierer dürfte Bea sein. Das Unternehmen hat, wie inzwischen bekannt wurde, eine Übernahme des Konkurrenten Jboss zumindest erwogen. Ein Bea-Manager hat sich dazu bei Jboss umgetan. Heute behauptet Jboss-Chef Marc Fleury: "Ich hätte Jboss niemals an eine Firma wie Bea verkauft. Es wäre der Tod unseres Entwicklungs- und Distributionsmodells und unserer Supportstruktur gewesen." Offiziell zeigt sich Bea von dem Red-Hat-Jboss-Duo unbeeindruckt.

Gar nicht angetan wird Sun von dem Firmenzusammenschluss sein. Red Hat bedroht das Solaris- und Risc-Geschäft des Herstellers - vor allem bei Banken, Versicherungen und institutionellen Anlegern. Finanzdienstleister dürften sich für das um Jboss erweiterte Angebot interessieren.

Hewlett-Packard und Dell dürften von dem Zusammenschluss erfreut sein. HP hat auf einen eigenen Application Server verzichtet und kooperiert eng mit Jboss. Jetzt ist ein breiteres Angebot vorkonfigurierter HP-Red-Hat-Jboss-Maschinen zu erwarten. Gleiches gilt für Dell.

Bei Novell, das angeblich von Oracle umworben wird, dürfte indes Ratlosigkeit herrschen. Das Unternehmen hat sehr eng mit Jboss zusammengearbeitet. Seit Juli 2004 bietet es Support für dessen Application Server an, hat in der Folge den eigenen "Extend Application Server" wieder fallen gelassen und seit März 2005 sogar Code zur Jboss Enterprise Middleware Suite (Jems) beigetragen. Jetzt aber gehört Jboss dem wichtigsten Konkurrenten der eigenen Linux-Distribution Suse.

Sogleich trat Novell-Sprecher Bruce Lowry mit moderaten Tönen an die Öffentlichkeit: "Wir haben einen Vertrag mit Jboss und werden ihn einhalten. Wir wollen weiterhin den Stack an Komponenten anbieten und supporten, den die Kunden wünschen." Novell werde wie bisher außerdem die Applikations-Server "Websphere" von IBM, "Weblogic" von Bea, "Apache Tomcat" und "Geronimo" unterstützen.

Jboss-Chef Fleury versicherte, sein Unternehmen stehe zu laufenden Verträgen. Er nannte dabei auch ausdrücklich Microsoft, mit dem seine Firma wichtige Verträge unterhält (siehe Grafik "Jboss-Anwenderbasis"). Der Antagonismus zwischen dem Windows-Imperium und dem Linux-Marktführer Red Hat muss gegenseitige Geschäfte nicht verhindern.

Bleibt die Frage, ob Red Hat und Jboss gut zusammenpassen. "Das ähnliche Subskriptions-basierende Geschäftsmodell beider Unternehmen und ihre Open-Source-Basis machen sie zu exzellenten Partnern", meint Analyst Michael Azoff von der Butler Group. Eine verbreitete Ansicht unter Marktbeobachtern. Vereinzelt gibt es allerdings auch andere Stimmen. So sei Red Hat offener im Umgang mit einer Community, während Jboss die Produktentwicklung eher in einem geschlossenen Zirkel betreibe. Diesbezüglich unterschieden sich die Unternehmenskulturen.

Wer hat wen übernommen?

Und Fleury, der als Leiter der Abteilung Jboss an Red-Hat-Chef Matthew Szulik berichten muss, werde sich kaum unterordnen. Der Konflikt zwischen dem überaus selbstbewussten und leicht aufbrausenden Fleury und dem kompromissbereiteren, coolen Taktiker Szulik sei abzusehen, meint unter anderem ein Berichterstatter des Nachrichtendienstes "Client Server News": "Red Hat könnte sich eines Tages fragen, wer hier wen übernommen hat."