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10.08.1990 - 

Europas Computerindustrie kurz vor dem Ausverkauf

Fujitsu/ICL-Deal ist nur die Spitze des Eisberges

In der europäischen Computerindustrie hat das große Zittern begonnen. Durch den Einstieg von Fujitsu bei ICL konnte sich erstmals ein japanisches Unternehmen einen Kontrahenten vom Alten Kontinent einverleiben. Nun steht durchaus zu befürchten, daß auch die verbleibenden vier großen Hardwarehersteller in Europa schneller unter Nippons Kontrolle geraten, als ihnen lieb ist. Die aber wollen davon nichts wissen.

Vor knapp 20 Jahren hatten drei europäische Computerhersteller ein lobenswertes Ziel: Die französische CII, die deutsche Siemens und die niederländische Philips gründeten die "Unidata" mit der Absicht, gemeinsam Universalrechner zu entwickeln und zu vertreiben, um auf diesem Sektor ein europäisches Gegengewicht zur amerikanischen Dominanz zu schaffen. Was so hoffnungsvoll begann, endete 1976 in einem stillen Begräbnis. Das Trio scheiterte an nationalen Interessen, aber auch am Starrsinn der Beteiligten: Denn eine Fusion kam weder für CII noch für Philips noch für Siemens in Frage - und so jagten sie sich im DV-Geschäft trotz des Bündnisses lustig weiter.

Einmal mehr werden die Europäer heute dem Unidata-Debakel nachtrauern. Dabei sind es längst nicht mehr die Amerikaner, die ihnen Kopfzerbrechen bereiten. Die Japaner haben Geschmack an Europas Computerindustrie gefunden, nachdem sie bereits in der Unterhaltungs- und Mikroelektronik ihre Kontrahenten auf dem Alten Kontinent zum Zuschauen verurteilten und sie zum Teil auch in der Automobilindustrie das Fürchten lehrten. So wird denn auch von manchem DV-Anbieter in Europa eingeräumt, daß der Fujitsu-Coup mit ICL durchaus erst der Anfang weiterer Übernahmeaktionen seitens der Japaner sein könnte.

Bestätigte ein Sprecher von Olivetti in Ivrea: "Die Japaner waren schon immer sehr geschäftstüchtig, sind geduldig und können warten, bis die Zeit günstig ist. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, daß der Fujitsu-Deal das letzte Beispiel einer sich in Europa einkaufenden japanischen Computerfirma war." Auch Wolfgang Welke, Marketing- und Vertriebsleiter der Bad Homburger Norsk Data GmbH, sieht die Gefahr, daß es der europäischen Computerindustrie ähnlich ergeht wie der Unterhaltungselektronik-Branche: jahrzehntelang hatten vor allem die deutschen Produzenten einen hervorragenden Namen in diesem Bereich. Überlebt hat letztlich keiner."

Fujitsu-Chairman Takuma Yamamoto selbst goß Öl ins Feuer, als er anläßlich der ICL-Übernahme verkündete, in Europa noch weiter expandieren zu wollen. Dabei hoffe er vor allem auf eine Kapitalbeteiligung an der Siemens AG oder zumindest auf ein Joint-venture mit dem Münchner Elektronikgiganten. Konkrete Pläne existierten derzeit aber noch nicht. Ein Siemens-Mitarbeiter tat Yamamotos Vorstellungen indes als "Träumerei" ab. Auch sehe man momentan keinen Anlaß, die Kooperation mit Fujitsu auszudehnen. Seit Ende der siebziger Jahre beziehen und vertreiben die Münchner Rechner der oberen Kategorie von dem japanischen Computerproduzenten.

Doch Fujitsu ist auch nur ein japanischer Hersteller unter vielen. Hitachi und NEC, die ebenfalls kräftig im Konzert der weltweit zehn größten Computerhersteller mitmischen, machten bereits in der Vergangenheit in Europa von sich reden. Hitachi verkauft seine PCM-Rechner über die BASF-Siemens-Gesellschaft Comparex, kooperiert zudem mit Olivetti und ist seit Ende letzten Jahres selbst namentlich im europäischen /370-kompatiblen Geschäft vertreten, indem es zusammen mit der General Motors-Tochter EDS die National Advanced Systems (NAS) kaufte und in Hitachi Data Systems umtaufte. NEC wiederum pflegt gute Kontakte zur französischen Gruppe Bull. Unter anderem ist das Unternehmen mit 15 Prozent an der amerikanischen Bull-Division Bull HN Information Systems beteiligt. Wer nun sollte diese finanzkräftigen Konzerne aus Nippon daran hindern, es Fujitsu gleichzutun und sich einen der verbleibenden Computergrößen in Europa einzuverleiben?

Die wiederum tun sich mit Auskünften zu diesem Thema recht schwer. "Olivetti", so der Sprecher aus Ivrea, "wird eigenständig bleiben. Zumindest ist dies zum jetzigen Zeitpunkt unsere Absicht." Bull-Sprecher Jörg M. Pläsker zum Fall NEC: "Die Japaner haben vor drei Jahren erklärt, kein Interesse an einer höheren Beteiligung zu haben." Horst Hüniken, stellvertretender Unternehmensbereichsleiter Büro- und Informationssysteme der Philips Kommunikations Industrie AG in Siegen, umgeht dieses für seine Company "heiße Eisen" mit der Bemerkung: "Ein Alleingang der Europäer wird wohl auf jeden Fall immer schwieriger."

Somit sieht es für die Zukunft einer unabhängigen europäischen DV-Industrie düster aus. Selbst wenn Hüniken zu bedenken gibt, daß "eine völlige Unabhängigkeit in dem Sinne eigentlich nie bestanden hat", stehen Siemens, Bull, Philips, Olivetti oder auch Norsk Data vor ganz neuer Herausforderungen. "Die Öffnung des Ostens hat den Computermarkt in Europa noch attraktiver gemacht", meint Norsk Datas Marketing-Mann Welke. "Es wäre schade, wenn wir von diesem Kuchen zuviel abgeben müßten. Deshalb sollte sich die europäische Computerindustrie langsam etwas einfallen lassen." Der Übermacht Japans, so Welke weiter, könne man nur entgegentreten, wenn man künftig verstärkt gemeinsam forsche, gemeinsam entwickle und sich auch gegenseitig die Labors zur Verfügung stelle. "Kocht weiterhin jeder sein eigenes Süppchen, stehen die Chancen schlecht."

Verstärkte europäische Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung, aber auch in der Produktion fordert Bull-Chairman Francis Lorentz schon lange. So führte er erst vor einigen Monaten wieder in einem Vortrag zu den "Chancen für Europas Computerindustrie" aus: "In einer so schnellebigen Branche wie der DV-Industrie erscheint es einzig und allein vernünftig, Wirtschaftsbündnisse einzugehen, bei denen jeder Partner sein Eigenprofil behält, jedoch weiß, daß sein Überleben von der Fähigkeit abhängt, mit anderen zusammenzuarbeiten: gemeinsame Forschungszentren, Produkt-Transfer durch Lieferabkommen, Arbeitsteilung bei der Entwicklung von Produkten, die der Standardisierung unterliegen, gemeinsame Investitionsprojekte etc." Die wichtigste Initiative in den kommenden Jahren werde deshalb die Bildung eines dichten Netzes aus Partnerschaften und Kooperationsverträgen sein, um eine ähnlich solide, gemeinsame Know-how-Basis zu entwickeln wie beispielsweise die japanische Industrie. Die alten Träume von der Bildung internationaler Industrie-Giganten indes sollte man sich aus dem Kopf schlagen.

Immerhin gingen die Franzosen bereits Anfang der Achtziger Jahre tatkräftig voran, indem sie 1983 mit ICL und Siemens in München das gemeinsame Forschungszentrum ECRC errichteten. Dort befassen sie sich seitdem vordringlich mit den Bereichen Wissensverarbeitung und künstliche Intelligenz. Dieses Projekt ist jetzt allerdings gefährdet. Francis Lorentz nämlich erklärte, er wolle mit Siemens erörtern, inwieweit nach dem Einstieg Fujitsus bei ICL eine Zusammenarbeit mit den Briten noch möglich sei. Siemens wiederum signalisierte bereits, diese Angelegenheit nicht so dramatisch zu sehen.

Gewandelt haben einige Computerhersteller in Europa mittlerweile auch ihre unternehmerische Struktur. Siemens (mit Nixdorf), Bull und Norsk Data tendieren deutlich in Richtung Generalanbieter, wobei die Norweger im Gegensatz zu den Deutschen und den Franzosen die teure Entwicklung und Produktion eigener Rechner längst aufgegeben haben. Welke: "Wir sehen uns heute mehr als Systemhaus denn als Computeranbieter. Die Hardware, die wir mit unseren Lösungen anbieten, kommt von unserer Tochter Dolphin Computers AS." Auch Bull-Chef Francis Lorentz widmete diesem Thema in seinen Ausführungen zu den "Chancen für Europas Computerindustrie" reichlich Aufmerksamkeit. Ein Kunde kaufe heute nicht mehr nur einen Computer, sondern ein komplettes Lösungs- und Dienstleistungspaket. "Dieser neue Trend - hin zur Implementierung komplexer Lösungen - in der DV-Industrie bietet der europäischen Industrie weit mehr Chancen, als es die reine Hardwaretechnik je konnte", ist sich Lorentz sicher.

Doch auch hier werden sich die verbleibenden vier großen Hardwarehersteller zu Kooperationen und Zusammenschlüssen durchringen müssen, um dem wachsenden Druck aus Japan standhalten zu können. Sinniert Welke: "Gerade durch die zunehmende Vereinheitlichung der Betriebssysteme fallen Kooperationen, ja sogar Aufkäufe künftig leichter. Und: "Im Moment haben wir noch die Zeit, aus vielen Kleinen einen Großen zu machen. Dies sollten wir nutzen."

Wie immer die europäischen Computergrößen in den nächsten Jahren taktieren werden fest steht auf jeden Fall: Die Zeiten, da sie sich mit der nationalen Führungsrolle zufriedengeben konnten, sind unwiederruflich vorbei. Ziehen sie künftig nicht an einem Strang, werden sie sich - und damit die gesamte europäische Computerindustrie - noch weiter in die Hände ihrer amerikanischen, vor allem aber japanischen Widersacher treiben. Beate Kneuse