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10.08.1990 - 

EG-Behörden müssen Vergabe von Fördermitteln überdenken

Fujitsu macht mit ICL-Kauf erste fette Beute in Europa

MÜNCHEN - Die Würfel sind gefallen - der britische Computerhersteller ICL geht zu 80 Prozent in den Besitz der japanischen Fujitsu Ltd. über. Damit hat der Tokioter Elektronikkonzern einen großen Sprung in den europäischen, vor allem in den britischen DV-Markt getan. Die bisherige ICL-Mutter STC, die den Mainframer 1984 übernommen hatte, wird sich künftig ganz auf den Telecom-Sektor konzentrieren.

Vor gut einem Jahr machten in der europäischen Wirtschaftspresse die ersten Gerüchte die Runde, der britische Elektronikkonzern STC Plc. suche einen "Partner" für die lukrative Computertochter ICL. Zunächst heftig dementiert, gaben STC-Sprecher schließlich Anfang dieses Jahres zu, zumindest über Kooperationsmöglichkeiten mit anderen europäischen DV-Unternehmen zu verhandeln. Vor allem der italienischen Olivetti, so erklärte Ken Gardner, bei STC verantwortlich für Fusionen und Aufkäufe, sei man im vergangenen Jahr "sehr nahe gekommen" mit der Idee, die Computeraktivitäten beider Anbieter in einem gemeinsamen joint-venture zusammenzulegen. Anfang 1990 habe man die Verhandlungen jedoch endgültig abgebrochen, da man sich nicht einig werden konnte, wer in diesem Gemeinschaftsunternehmen die Führungsrolle übernehmen sollte. Darüber hinaus hätten auch Gespräche mit Philips, Siemens und Bull stattgefunden, die aber ebenfalls im Sande verlaufen seien.

Da die Europäer einmal mehr nicht "zu Potte kamen" und auch, so Gardner, Verhandlungen mit dem US-Hersteller Digital Equipment scheiterten, sei STC schließlich an die finanzstarke Fujitsu herangetreten, die schon seit Anfang der 80er Jahre eine enge Zusammenarbeit mit ICL unterhält. Ende dieses Jahres sollte der Vertrag auslaufen, der die Lieferung von Chips für die ICL-Mainframes regelt.

Dem japanischen Elektronik- und Computerkonzern kam die Offerte von STC gerade recht. In Europa tauchte der Name Fujitsu in Sachen Computer nämlich bislang nur im Zusammenhang mit Siemens - die Münchner kaufen von den Japanern Großrechner zu, Stückzahl pro Jahr etwa 20 bis 25 - und den europäischen Amdahl-Aktivitäten auf, dessen 1370-kompatible Maschinen mit Fujitsu-Bauteilen ausgestattet sind. Der Tokioter Konzern ist zu 44,8 Prozent an der Amdahl Corp. in Sunnyvale/USA beteiligt und kooperiert mit der amerikanischen Company in Forschung und Entwicklung. Darüber hinaus liefert Fujitsu den Großteil der Peripherie, vor allem Platten, die von Amdahl an die /370-Gegebenheiten angepaßt werden.

Künftig wird der Name Fujitsu in Europa wesentlich häufiger in Erscheinung treten. Die Zustimmung der STC-Aktionäre, der Regierungen und zuständigen Behörden in Großbritannien und Übersee vorausgesetzt wird ICL ab dem 1. Dezember 1990 definitiv zu 80 Prozent im Besitz des japanischen Computerkonzerns sein. 742 Millionen Pfund (rund 2,2 Milliarden Mark) will sich Fujitsu diesen Deal kosten lassen. Dabei schließt die Kaufsumme 4298 Millionen Pfund ein, die ICL der Erwerb der nordamerikanischen Holdinggesellschaft ICL Inc. - sie vertreibt in den USA Unix-Rechner und Systeme für den Einzelhandel) - von STC kostet.

Fujitsu-Präsident Tadashi Sekizawa erklärte zu dem Abkommen, ICL werde unter dem Dach seines Unternehmens eine europäische Gesellschaft bleiben. Management und Name würden beibehalten. Somit bekleidet Peter Bonfield auch weiterhin das Amt des ICL-Vorsitzenden und -Hauptgeschäftsführers. Allerdings, so Sekizawa, werde Fujitsu von den zukünftig neun Vorstandsmitgliedern nach Abschluß der Transaktion

Ende November sieben ernennen. Die restlichen zwei wird STC bestellen.

Darüber hinaus will Fujitsu den britischen Mainframe-Spezialisten in den kommenden fünf Jahren an die Londoner Börse bringen. Voraussetzung dafür ist, daß für die ICL-Aktie ein Preis von nicht weniger als 225 Pence erzielt wird. Ob STC dann noch die 20 Prozent an ICL hält, ist fraglich. Denn das Unternehmen, das mit einem Teil des ICL-Geldes erst einmal aufgenommene Kredite zurückbezahlen wird, will sich fortan ganz auf den Telecom-Markt konzentrieren und hat die Gründung einer europäischen Kommunikationsgruppe im Auge. Arthur Walsh, STCs Groupe Executive Chairman, deutete an, daß er sich dabei Philips, Bosch, die italienische Telettra und Nokia aus Finnland als Partner vorstellen könnte.

Zudem hat STC auch Gespräche mit der kanadischen Northern Telecom aufgenommen, die einen Anteil von 27 Prozent an dem Insel-Unternehmen hält. Walsh: "Wir haben darüber gesprochen, unsere Unternehmen enger zusammenzubinden." Ein Übernahme-Angebot indes sei von den Kanadiern nicht eingegangen. "Würde aber Northern Telecom mehr Anteile von uns kaufen wollen, würde ich wohl nicht unbedingt nein sagen", signalisiert der STC-Manager. "Es ist eine Frage des Preises." Sollte STC allerdings bei einem anderen Computerhersteller, der Mitbewerber von ICL ist, unterschlüpfen wollen, müßten die Briten ihren Restanteil an ICL sofort an Fujitsu verkaufen. Dies ist im Übernahmevertrag festgehalten.

All das ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt Zukunftsmusik. Vorerst sind alle Beteiligten noch damit beschäftigt, ihre Zufriedenheit über diesen Deal zu versichern. Daß sich Fujitsu-Chairman Takuma Yamamoto über den ICL-Coup freut, ist verständlich. Zum einen konnte erstmals ein japanischer Computerkonzern einen europäischen Kontrahenten einfangen. Zum anderen hat sich Fujitsu damit das Tor zu Europas DV-Markt weit aufgestoßen. Kleines Bonbon dazu: Mit ICL, die 1989 immerhin 1,6 Milliarden Pfund Umsatz machte, rückt der Tokioter Konzern hinter der IBM zur Nummer zwei in der Computerweit auf.

In diesem neuen Glanze sonnt sich auch die ICL Deutschland GmbH, Fürth. So betont Eckhard Wetzold, Marketing-Leiter bei der deutschen Tochter: "Wir machen Fujitsu zum zweitgrößten Computerhersteller der Welt - das ist doch etwas." Darüber hinaus müsse man sehen, daß auf der europäischen DV-Industrie ein ungeheurer Druck laste. Alle verbleibenden Computerhersteller seien auf der Suche nach Kooperationen, um sich zu verstärken. "Finanzstarke Partner aber, die benötigt werden, um die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten decken zu können, sind rar geworden. Deshalb hat ICL mit Fujitsu einen hervorragenden Deal gemacht."

Auch erhofft sich Wetzold von dem neuen Eigentümer mehr Unterstützung für die hiesigen Aktivitäten. Im deutschen Markt machten die Fürther, immerhin seit mehr als 25 Jahren präsent, nur wenig von sich reden. Zwar sieht Wetzold ICL Deutschland als Vorreiter im Unix-Geschäft an und verweist darauf, daß das Neugeschäft, das derzeit gut 50 Prozent des Umsatzes ausmache, zu 85 Prozent im Unix-Bereich ablaufe. Doch gesteht er auch ein, daß man von der Mutter auf der Insel teilweise im Stich gelassen worden sei. "Die Briten haben sich mit dem deutschen Markt immer schwer getan. Als wir 1986 die Notwendigkeit erkannten, möglichst schnell in den Unix-Bereich einzusteigen, mußten wir dies ohne Hilfestellung unserer Mutter tun. Zu jener Zeit war in Großbritannien nämlich gerade das Geschäft mit den Mainframes in vollem Gange." Außerdem hätten sich die Briten von jeher nur ungern mit dem Wettbewerbsdruck und den organisatorischen Voraussetzungen im deutschen Markt auseinandersetzen wollen.

Weniger glücklich über den Fujitsu/ICL-Deal ist währenddessen manch anderer europäische Computerhersteller. So erklärte Francis Lorentz, Chef der französischen Gruppe Bull, gegenüber dem "Wall Street Journal", aufgrund der neuen Situation sollten für ICL künftige EG-Forschungsprojekte verschlossen bleiben. Dabei geht es Lorentz nicht nur um die Gefahr eines möglichen Know-how-Transfers durch ICL nach Japan. Vielmehr käme das Unternehmen weiterhin in den Genuß von EG-Fördergeldern für die Beteiligung an Projekten, mit denen sich die Europäer gegen die Abhängigkeit von amerikanischer oder japanischer Technologie (beispielsweise Chips) zu wehren versuchen - nur daß ICL jetzt in japanischer Hand ist.

Betont auch Hans-Dieter Wiedig, Vorstandsvorsitzender des Bereiches Daten- und Informationstechnik der Siemens AG, München: "Bezüglich der Konsequenz für die europäischen EDV-Förderungsprogramme werden die nationalen und europäischen Institutionen zu entscheiden haben, welche Formen sie wählen, um die für die europäische DV-Industrie gedachte Förderung auch wirklich auf diese zu beziehen." Die EG-Kommission in Brüssel signalisierte bereits, die Konsequenzen der Fujitsu/ICL-Fusion für die europäischen Forschungsvorhaben prüfen zu wollen.

Wolfgang Welke, Marketing- und Vertriebsleiter bei der Bad Homburger Norsk Data GmbH, hält diese Angelegenheit für nicht ganz so dramatisch. Zwar sieht auch er die Gefahr, daß "Europa nun den Know-how-Transfer nach Japan finanziert", doch sei zu berücksichtigen, daß von europäischen Steuergeldern ohnehin nur der geringste Teil auf dem Alten Kontinent verbleibe. "Das beste Beispiel sind die deutschen Universitäten. Dort ist der Einsatz von DEC-Rechnern die Norm." Darüber hinaus könne man einen Wissens-Transfer durch Verbote sicher nicht verhindern. ICL-Chef Peter Bonfield kann sich ebenfalls nicht vorstellen, zukünftig von EG-Forschungsprojekten ausgeschlossen zu werden. Schließlich bleibe ICL ein hier ansässiges und von einem europäischen Management geführtes Unternehmen.