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27.07.1990 - 

Mainframer wohl bald unter japanischer Flagge

Fujitsu verhandelt mit STC über Mehrheitsanteil an ICL

LONDON/MÜNCHEN (bk) - Immer wahrscheinlicher wird eine Beteiligung der japanischen Fujitsu an Englands größtem Computerhersteller ICL. Ein Sprecher der Muttergesellschaft STC bestätigte jetzt, daß zwischen beiden Unternehmen Verhandlungen laufen, die zu einer Mehrheitsbeteiligung des japanischen Elektronikkonzerns an ICL führen könnten. Ein Ergebnis der Gespräche wird bis Ende Juli erwartet.

Katerstimmung herrscht in der britischen DV-Industrie. Japanische und europäische DV-Unternehmen haben zum Sturm auf die Insel-Hersteller angesetzt. Ende Mai kaufte die japanische Mitsubishi Electric Co. die Hardwaredivision des PC-Herstellers Apricot Computers Ltd. Das Birminghamer Unternehmen konzentriert sich seitdem auf Software und Service.

Kaum hatten die Briten diesen Deal verdaut, begannen die Gerüchte um eine mögliche Beteiligung Fujitsus an ICL. Doch zuvor meldete noch die französische DV-Dienstleistungs- und Beratungsgruppe Cap Gemini Sogeti SA, daß sie von der Plessey Overseas Ltd. deren Anteile an der Hoskyns Group Plc., der führenden britischen DV-Dienstleistungsgesellschaft, übernehmen würde. Plessey war bislang mit 69,5 Prozent an Hoskyns beteiligt.

Beide Unternehmen könnten profitieren

ICL wiederum, Großbritanniens Aushängeschild im Computersektor, weil einziger Mainframe-Hersteller, scheint sich nun tatsächlich an einen neuen Teilhaber gewöhnen zu müssen. Der Elektronik- und Computerriese Fujitsu, der schon vor einigen Wochen Interesse an ICL bekundet hatte (siehe auch CW Nr. 28/90 vom 13. Juli 1990, Seite 1), steht mittlerweile in konkreten Verhandlungen mit der Muttergesellschaft STC, die ICL 1984 übernommen hatte, aber bereits seit Monaten auf der Suche nach einem Partner für die Tochter ist. Fujitsu strebt eine Beteiligung von mindestens 50, möglicherweise sogar 60 Prozent an. Dafür, so schätzen britische Analysten, werden die Japaner an die 650 Millionen Pfund (knapp zwei Milliarden Mark) berappen müssen.

Von dem Deal könnten beide Unternehmen, die bereits seit Anfang der 80er Jahre eine enge Zusammenarbeit verbindet, durchaus profitieren. Der britische Computerhersteller käme vor allem in den Genuß der finanziellen Stärke von Fujitsu die ICL braucht, um die enormen und ständig steigenden Kosten für Forschung und Entwicklung bei gleichzeitig industrieweit sinkenden Margen auch zukünftig aufbringen zu können. Zudem wäre eine Erweiterung der Zusammenarbeit im Peripherie-Sektor denkbar.

Fujitsu ist vor allem an der wachsenden Präsenz in Europa interessiert. Bislang operieren die Japaner vorwiegend über ein Distributorennetz, womit Fujitsu aber noch nicht groß in Erscheinung treten konnte. Das Bündnis mit ICL würde dem japanischen Unternehmen mit einem Schlag eine dominante Position im britischen Computermarkt bescheren. Für die restlichen europäischen Länder indes sieht es schlechter aus. Zwar gründete ICL einige Auslands-Joint-ventures, doch konnte das Unternehmen beispielsweise im westdeutschen DV-Geschehen nie richtig Fuß fassen. Derzeit unterhält die ICL Deutschland GmbH mit rund 230 Mitarbeitern neben der Hauptverwaltung sechs Niederlassungen mit Vertrieb, Support und Programmierung und darüber hinaus rund 20 technische Stützpunkte im Bundesgebiet.

ICL ist das beste Pferd im Stall

Sollte die Fujitsu-Mehrheitsbeteiligung zustandekommen, erhebt sich die Frage nach der Zukunft von STC. Immerhin ist ICL das beste Pferd im Stall, trug es doch zum STC-Gesamtumsatz 1989 von 2,6 Milliarden Pfund allein 1,6 Milliarden bei. Ähnlich sieht es beim Betriebsgewinn aus. Von 279 Millionen Pfund kamen 145 Millionen von der Computertochter. STC wiederum mußte im vergangenen Monat vor sinkenden Umsätzen warnen. Britische Analysten befürchten nun, daß der Mischkonzern bei steigenden Entwicklungskosten und rückläufigen Einnahmen zum Übernahmekandidaten wird.

Dennoch könnte auch STC aus dem Fujitsu-Engagement bei ICL seinen Vorteil ziehen. Beide Unternehmen sind im Bereich der Telekommunikation aktiv. Würden sie sich zusammentun, wären sie nicht nur in mehreren Märkten präsent, sondern könnten sich auch die Kosten für Forschung und Entwicklung teilen. Allerdings hätte bei einer solchen Allianz auch der kanadische Telecom-Anbieter Northern Telecom ein Wörtchen mitzureden. Die Kanadier nämlich halten an STC einen Anteil von 27 Prozent.

In der europäischen DV-Industrie sind die Verhandlungen zwischen Fujitsu und STC/ICL derzeit Hauptgesprächsthema. Während ein ICL-Mitarbeiter den Deal als "nationale Tragödie" bezeichnete, scheint in Europa nun die Angst um die DV-Zukunft umzugehen. Nicht nur die britische Computerindustrie, so befürchten Insider, werde nach der Fujitsu-Beteiligung nicht mehr dieselbe sein. Auch Europa laufe Gefahr, mehr und mehr die Kontrolle über strategisch wichtige Bereiche im Elektroniksektor zu verlieren.