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18.09.1998 - 

Bedarf an IT-Spezialisten steigt bis ins Jahr 2010

Fundierte DV-Kenntnisse wichtiger als Schnellkurse

Für Informatikabsolventen ist die Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt keineswegs schlecht. Manch einer verzichtet gleich ganz auf die amtliche Befähigungsurkunde und läßt sich noch während des Studiums vom Arbeitgeber anheuern.

Seit gut 20 Jahren kann man Informatik an deutschen Hochschulen studieren. Den größten Boom erlebte das Fach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge zwischen 1988 und 1991. Pro Semester starteten in diesen Jahren an Universitäten und Fachhochschulen gut 10000 Studienanfänger. Seither geht es kontinuierlich bergab; im Schnitt werden inzwischen 8000 Neueinsteiger pro Halbjahr registriert.

Besonders auffällig ist der Rückgang bei der Zahl der Studentinnen. Machte ihr Anteil vor zehn Jahren noch etwa ein Fünftel aller Studierenden aus, so liegt er inzwischen teilweise unter zehn Prozent. Dieser Trend läßt sich auch in dem Spezialfach Wirtschaftsinformatik beobachten, das pro Semester inzwischen rund 2000 Studierende bundesweit wählen. Generell gehen die Statistiker davon aus, daß in der nächsten Zeit jedes Jahr rund 4500 Diplominformatiker und etwa 1200 diplomierte Wirtschaftsinformatiker erstmals dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen - viel zu wenig für die prognostizierte Nachfrage. Seit 1994 steigt der Anteil der von den Arbeitsämtern vermittelten Plätze für DV-Fachkräfte sprunghaft an. Die Auswertung von Stellenangeboten in Zeitungen ergibt ein ähnliches Bild: Eine Anzeigenanalyse vom EMC Medienservice ergab, daß allein die Anzahl der Job-Annoncen für Informatiker von 1996 auf 1997 um 46 Prozent gestiegen ist.

Software-Entwicklung, System-Management und Systemprogrammierung waren die wichtigsten Aufgaben, für die Personal gesucht wurde. Der Trend, akademisch gebildete IT-Spezialisten anzuwerben, verstärkt sich. Dennoch wird erst jede fünfte Stelle im Berufsfeld "Computer" von einem Informatiker besetzt; 80 Prozent der Fachleute kommen aus anderen Ausbildungsgängen. Insgesamt liegt derzeit der Anteil der Hochschulabsolventen bei 34 Prozent, das entspricht rund 110000 IT-Beschäftigten.

Nun bedeuten diese Zahlen und Tendenzen keineswegs, daß es auf dem IT-Stellenmarkt keine Bewerber im Wartestand gäbe. Vielmehr zieht Sigmar Gleiser von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit (ZAV) den "beinahe widersprüchlich klingenden Schluß, daß der Arbeitsmarkt für Informatiker und Datenverarbeitungsspezialisten in den vergangenen Jahren eine beachtliche Belebung, um nicht zu sagen einen Boom erlebt hat, daß aber dennoch die Zahl der Arbeitslosen zugenommen hat."

Immerhin konstatiert Gleiser, daß Hochschulabsolventen besser dran sind als Bewerber mit niedrigerem Ausbildungsniveau. Wichtig aber ist folgende Beobachtung des ZAV-Mitarbeiters: "Arbeitslosigkeit für Informatiker ist zunehmend ein Problem der mittleren und älteren Jahrgänge geworden", wobei zu betonen ist, daß bereits 35jährige zur kritischen Altersklasse gehören.

Der Sockel der IT-Arbeitslosen hat sich zwischen 1992 und 1994 aufgebaut. Der konjunkturelle Einbruch dieser Jahre hinterließ auch in der IT-Branche deutliche Spuren. Auf die schlechten Arbeitsmarktperspektiven antworteten die Abiturienten prompt, indem sie Informatik als Studienfach abwählten. So gesehen können die derzeitigen Engpässe auf dem DV-Arbeitsmarkt durchaus als Ergebnis des sogenannten Schweinezyklus gewertet werden.

Der Begriff kommt tatsächlich aus der Landwirtschaft: Schweinemäster beobachteten nach einem besonders guten Verkaufsjahr die Zunahme der Konkurrenz - und im Gefolge davon einen massiven Preisverfall. Übertragen auf das Studierverhalten und den Arbeitsmarkt beschreibt der "Schweinezyklus" folgendes Phänomen: Eine Vielzahl von Studienanfängern reagiert in gleicher Weise auf einen aktuellen Notstand (schlechte Jobchancen). Sie meiden also das Fach Informatik. Das daraus resultierende (wenig Informatikstudenten), wirkt sich erst Jahre später bei wiederum veränderten Rahmenbedingungen (jetzt: guter Stellenmarkt) aus. Doch spätestens seit 1994, seitdem also qualifiziertes IT-Personal wieder verstärkt gesucht wird, hätte der klassische "Herdentrieb" eigentlich umschlagen und das Studierverhalten des Nachwuchses diesmal pro Informatik beeinflussen müssen. Doch die Kehrtwende blieb aus.

"Die Gründe für diesen Widerspruch - wachsende Berufschancen, aber eine schrumpfende Zahl an Interessenten - sind vielschichtig und lassen sich nicht völlig aufklären", stellt Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dazu fest. Er hat ein paar Erklärungsansätze zusammengetragen: Die Berufswahl trifft eine Generation, in der die technischen Interessen nicht so stark dominieren wie noch bei früheren Jahrgängen. Informatik gilt als schwieriges Fach mit hohen Durchfallquoten und begrenzten Erfolgsaussichten. Wer hier weiterkommen will, muß seine volle Kraft aufs Studium konzentrieren. Informatik ist nach wie vor eine junge Disziplin. Im Familien- und Bekanntenkreis der Abiturienten, der erfahrungsgemäß eine wichtige Rolle bei der Berufsfindung spielt, sind IT-Spezialisten noch die Ausnahme.

Für Dostal handelt es sich aber auch um eine "selbstgemachte Krise der Branche": Wegen der Knappheit des Personals werden die vorhandenen Fachkräfte oft über Gebühr strapaziert; so verliert das Berufsbild in der Öffentlichkeit noch mehr an Anziehungskraft. Schließlich signalisieren die Arbeitslosenzahlen, sagt der IAB-Forscher, "daß die Computerberufe offenbar eher jüngeren Leuten offenstehen und daß ab einem gewissen Alter der Arbeitsplatz nur noch schwer zu halten ist."

Zwei weitere Branchenbeobachtungen geben wichtige Hinweise darauf, daß der derzeitig leichte Einstieg für Berufsanfänger in die Computerarbeitswelt nicht automatisch mit dem ersten gelungenen Schritt auf der Karriereleiter gleichzusetzen ist. In seiner ZAV-Untersuchung kommt Gleiser zu dem Schluß, daß die expandierende DV-Branche weniger Führungskräfte sucht als jede andere Wirtschaftssparte, unter anderem deshalb, weil die "klassische hierarchische Struktur" im Bereich Informationsverarbeitung zugunsten wechselnder Projektteams aufgelöst wurde.

Ein weiteres Phänomen beschreibt Werner Dostal: "Da Informatiker rar sind, werden sie dort eingesetzt, wo auf sie nicht verzichtet werden kann. Sie werden mit anspruchsvollen und schwierigen Aufgaben beladen, unter Zeitdruck gesetzt und in spezialisierte Bereiche gedrängt, wo kaum Aufstiegsmöglichkeiten bestehen. Als Spezialisten werden sie hochgeschätzt und auch gut bezahlt. Doch sie bleiben überwiegend gehobene Sachbearbeiter."

Bis zum Jahr 2010 - also weit über die Euro-Einführung und die Jahrtausend-Umstellung hinaus - wird der Bedarf an qualifizierten Computerfachleuten zunehmen. Darin stimmen die meisten Prognosen überein. Die nachgefragten Qualifikationen werden sich indes schnell verändern. Der Trend bewegt sich weg vom Alleskönner und hin zum Spezialisten. Längerfristig erfolgreich im Beruf sind diejenigen, die sich profunde Kenntnisse in einem DV-Bereich verschaffen, der auch ihren Eignungen und Neigungen entspricht. Wer sich dagegen mal eben in SAP oder in Netzwerktechnik einarbeitet, weil da gerade Stellen vakant sind, landet womöglich in einer Sackgasse. Er muß damit rechnen, sehr rasch auf der Straße zu stehen, sobald der personelle Engpaß durchschritten ist und besser qualifizierte junge Bewerber nachdrängen.

Helga Ballauf ist freie Journalist in München.