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26.07.1991 - 

Übernahme läßt Konfrontation mit Microsoft erwarten

Fusion mit Digital Research ebnet Novell den Weg zu DOS

PROVO/DÜSSELDORF (gh) - Wenige Monate nach der spektakulären Vertriebsvereinbarung mit IBM sorgt Novell erneut für Aufsehen. Für knapp 80 Millionen Dollar will sich der Netzwerkriese aus Provo die Softwareschmiede Digital Research einverleiben. Branchen-Insider wittern in dem Deal eine mehr oder weniger offene Kampfansage an Microsoft. In jedem Fall aber kommt Bewegung in die Netzwerk-Szene: Zukünftig können Anwender komplette Netware-Installationen ohne Microsoft-Software realisieren.

Das Fusionsabkommen, daß Ray Noorda, Präsident und CEO der Novell Inc., und Dick Williams, President und CEO von Digital Research, gemeinsam vor der Presse erläuterten, sieht den Austausch der bestehenden Aktien, Optionsscheine und Schuldverschreibungen von Digital Research gegen 1,5 Millionen neu aufzulegende Novell-Aktien vor. Beim gegenwärtigen Kurs der Novell-Aktie ergäbe dies einen Kaufpreis von knapp 80 Millionen Dollar. Die Boards beider Unternehmen gaben bereits grünes Licht für das Verfahren. Bis zum Oktober, dem Ende des Geschäftsjahres bei Novell, soll der Merger abgeschlossen sein - allerdings fehlt noch die Zustimmung der Digital-Aktionäre. Das in Monterey beheimatete Unternehmen befindet sich im Besitz von überwiegend dem Management angehörenden privaten Aktionären .

Mit der Übernahme von Digital Research würde Novell ein gewaltiges Know-how auf PC-Betriebssystem-Ebene erwerben. Das Flaggschiff des kalifornischen Softwareveteranen, das Betriebssystem DR DOS, entspricht in großen Teilen der im Markt weitaus etablierten Microsoft-Entwicklung MS-DOS. DR DOS folgte dem Ende der 70er Jahre führenden PC-Betriebssystems CP/M, daß von Digital-Research-Gründer Gary Kildall entwickelt worden war. Vor allem die aktuelle Version 5.0 von DR DOS stieß auf großes Interesse in Fachkreisen, da mit ihr erstmals Multiuser- und Multitasking-Betrieb unter DOS ermöglicht wurde. Darüber hinaus bietet DR DOS nach Ansicht von Experten in der Speicherverwaltung mehr Features als die Microsoft-Variante.

Über die Auswirkungen des Deals auf die Branche kursieren derzeit Spekulationen - insbesondere in puncto Microsoft. Viele Insider sehen in dem Novell-Vorhaben eine offene Kriegserklärung an den Softwaregiganten, da Anwender dann Novells Netware ohne Microsofts MS-DOS als unabdingbarem PC-Betriebssystem installieren könnten. Noorda war denn auch sichtlich bemüht, die Angelegenheit auf entsprechen de Fragen hin herunterzuspielen. Für den Novell-Verantwortlichen ist die Eingliederung von Digital Research nichts weiter als ein wichtiger Schritt, "um mit geeigneter Software die Integration zwischen Arbeitsplatzsystemen, Netzwerken und Mainframes voranzutreiben". Entscheidend war letztlich, so Noorda, daß sein Unternehmen durch die Fusion mit Digital Research technologische Kompetenz in den Bereichen DOS, Multitasking, Echtzeit-Betriebssysteme sowie grafische Benutzeroberfläche erwerbe.

Dieses Unterfangen könnte, so wird in Fachkreisen gemunkelt, neben der DOS-Ebene zu einem weiteren Konflikt mit Microsoft im LAN-Bereich führen - vor allem, seitdem Gerüchte nicht verstummen wollen, daß die Mannen um Bill Gates wichtige Features des LAN Managers direkt in ein neues Upgrade von OS/2 implementieren wollen. Viele Marktbeobachter haben Mühe, den eigentlichen Sinn und Nutzen des Know-how-Transfers für Novell zu erkennen. Zwar hat Novells Netware als reine Serverplattform bei den genannten Features Defizite im Vergleich zu Microsofts LAN Manager und könnte durch die Grafik-Tools von DR DOS aufgewertet werden. Vielerorts wird aber befürchtet, daß der Marktführer bei Netzwerk-Betriebssystemen in dem Bemühen, ein eigenes und besseres PC-Betriebssystem zu entwickeln und zu etablieren, sein eigentliches Standbein - nämlich Netware - aus den Augen verlieren könnte.

Etwas mehr Klarheit - auch wenn er sich an die offizielle Sprachregelung aus Provo halten muß - bringt Bernd Buchholz, Geschäftsführer der deutschen Dependance, in die Strategie von Novell. Entsprechende Berichte, Novell würde mit der Übernahme von Digital Research die Entwicklung eines eigenen Netzwerk-Management-Systems forcieren, wollte der Düsseldorfer Novell-Manager gegenüber der COMPUTERWOCHE nicht direkt bestätigen. Woran sein Unternehmen derzeit interessiert ist, so Buchholz, sei der Zugriff auf ein Desktop-Operating-System wie DOS, um damit Applikationen zu realisieren, die auch unter dem Gesichtspunkt des Netz-Managements wichtig seien - vor allem auch, und da nimmt der deutsche Novell-Statthalter kein Blatt vor den Mund, um entsprechende Features sofort implementieren zu können und nicht mehr warten zu müssen, "bis ein Hersteller wie Microsoft diese bereitstellt".

Generell war man laut Buchholz seitens Novell an den traditionellen Erfahrungen von Digital bei grafischen Oberflächen interessiert, um diese in Netware einzubinden. Dies könne durchaus in die Entwicklung eines Management-Systems einmünden, jetzt aber schon von konkreten Plänen zu reden, sei deutlich zu früh. Erst einmal würden sich - wenn das Geschäft abgewickelt ist - die Arbeitsgruppen beider Unternehmen zusammensetzen und entsprechende Strategien ausarbeiten. Unabhängig davon mache das ganze, so Buchholz bedeutungsvoll, aber auch schon jetzt Sinn, "allein mit dem, was beide Firmen besitzen und können".

Bis die Fusion unter Dach und Fach ist, wird allerdings noch geraume Zeit vergehen. Nach Angaben von Norbert Christ, Geschäftsführer der deutschen Digital Research GmbH, liegt die Zustimmung des Managements und der Hauptaktionäre von Digital Research bereits vor. Die vorgeschriebene Prüfung der US-Aufsichtsbehörden werde sich aber noch einige Monate hinziehen, so daß der Board of Directors bei Digital sich voraussichtlich erst im Oktober endgültig mit der Angelegenheit befassen wird können. Wie sich der Board und die übrigen Aktionäre letztlich entscheiden, könne, so Christ, nicht vorhergesagt werden, alles andere als eine Zustimmung wäre aber ungewöhnlich.

Attraktiv ist der Deal schon aufgrund der Höhe des Preises, den Novell bezahlen will - immerhin fast das Doppelte des Digital Umsatzes von 40,9 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 1990. Abgesehen vom Verkaufserlös, scheint für die Digital-Verantwortlichen Novells längerer Arm im Markt von ausschlaggebender Bedeutung gewesen zu sein. Seit dem kometenhaften Aufstieg von Microsoft an Big Blues Seite blieb für die kalifornischen DOS-Spezialisten nur noch ein Nischenmarkt mit zehn bis 15 Prozent Marktanteil übrig. Entscheidend für das Digital Management war daher laut Christ "die Perspektive einer strategischen Allianz mit einer Marktgröße wie Novell".

Auch in diesem Punkt äußert sich Novell-Vertreter Buchholz deutlicher: "Mit Novell im Hintergrund bekommt ein Unternehmen wie Digital eine ganz andere Bedeutung im Markt." Vor allem auch für den deutschen Markt sieht Buchholz positive Auswirkungen, "weil der eine oder andere, der bereits mit Digital-Lösungen liebäugelte, bisher gesagt hat, die sind mir noch zu klein".

Auf den vermeintlichen Konfrontationskurs gegenüber Microsoft angesprochen, gibt sich der Novell-Verantwortliche pragmatisch. Es sei nicht zu leugnen, daß der Kunde jetzt auf systemtechnischer Seite eine Installation ohne Microsoft vornehmen könne und nunmehr erstmals effektiv über eine "Freedom of Choice" verfüge. Dies werde aber nichts daran ändern, so Buchholz, daß sein Unternehmen weiterhin erfolgreich mit Microsoft kooperieren werde, nicht zuletzt "weil der Markt es erfordert". Das sich dies aber zu keiner Einbahnstraße entwickeln darf, vergißt Buchholz nicht hinzuzufügen und verweist dabei auf Novells Position als Marktführer. Sein Unternehmen installiere in der Bundesrepublik allein in diesem Jahr rund 35 000 Netzwerke mit durchschnittlich rund zehn bis 20 PCs pro Netz. Für Buchholz Grund zu der Feststellung: "Wenn wir da nicht kooperieren, verliert Microsoft, unabhängig von Windows, diesen Markt."