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29.03.1991 - 

Neues Qualifizierungskonzept im Modellversuch

Ganzheitliche Arbeitskompetenz wird für DV-Profis unerläßlich

Eine kritische Bestandsaufnahme von Qualität und Wirtschaftlichkeit der Software und System-Entwicklung offenbart alarmierende Probleme. Die Ursachen hierfür liegen in unzureichend qualifizierten Datenverarbeitungs- (DV-) Fachkräften. Um hier Abhilfe zu schaffen, entwickelt das ISF Marburg ein neues Qualifizierungskonzept für diese Berufsgruppe im Rahmen eines Modellvorhabens.

Tom DeMarco hat im Rahmen eines Vortrages einige Aspekte zur sogenannten "Software-Krise" und den möglichen Auswegen genannt. Der renommierte US-amerikanische DV-Autor und Unternehmensberater kommt auf der Basis der Analyse von über 500 Software-Projekten in den USA zu folgenden Ergebnissen:

- Jedes sechste Projekt wird ohne jegliches Resultat abgebrochen.

- Die abgeschlossenen Projekte überziehen den Zeit- und Kostenrahmen um 100 bis 200 Prozent.

- Auf hundert Programmierzeilen ausgelieferte Software kommen im Schnitt drei Fehler.

Insgesamt führe das zu jährlichen Kosten für die Unternehmen in den USA von fast 100 Milliarden Dollar wegen fehlerhafter Programme. Zum Vergleich: Das Marktvolumen für Software wird auf 300 Milliarden Dollar beziffert.

Die Ursachen für diese Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsprobleme sind vielfältiger Natur. Betrachtet man das Management von System- und Software Entwicklungsprojekten so sind folgende Aspekte zu nennen:

- eine unzureichende Aufwandsabschätzung zu Beginn der Software-Projekte;

- eine ungenügende Berücksichtigung der Wünsche und Anforderungen von Kunden und Benutzern hinsichtlich der zu erstellenden Produkte;

- schlechte Teamarbeit innerhalb der Projektgruppen und

- humanisierungsbedürftige Arbeitsbedingungen der DV-Fachkräfte.

Seine Erfahrungen faßt Tom DeMarco deshalb folgendermaßen zusammen:

"Kein einziges Software-Projekt ist an technischen Schwierigkeiten gescheitert. (...) Die meisten Probleme sind nicht technischer, sondern soziologischer Natur."

Hinter diesen Problemen stehen konkrete Qualifikationsdefizite. So sind die Unzulänglichkeiten bei der Abschätzung des Aufwands für ein Systementwicklungs oder Software-Projekt in der beruflichen Praxis oft die "logische Konsequenz" folgender Qualifikationsdefizite:

- Der Zeit- und Kostenrahmen wird nicht auf der Basis eines konkreten Modells festgelegt, wie es ein ingenieurmäßig "sauberes" Vorgehen eigentlich verlangt.

- Um den Aufwand eines Projektes richtig einschätzen zu können, muß die Komplexität des zu lösenden Problems nachvollzogen werden können. Hier fehlt oft ein Verständnis für die Arbeitsabläufe in der Verwaltung oder im Produktionsbereich.

- Bei der Erstellung von Modellen in der Planungsphase der System- oder Softwareentwicklung werden häufig die sozialen Prozesse nicht umfassend berücksichtigt. Die komplexen, sozio-technischen Arbeitssysteme werden vielmehr auf ein technisch-funktionales Zerrbild reduziert.

Ähnlich verhält es sich beim Problem der unzureichenden Kunden- und Benutzerbeteiligung:

- Die Einbeziehung der Kundenwünsche zu Beginn eines Projektes scheitert häufig schon daran, daß auf die Entwicklung eines vorzeigbaren Modells zur praxisnahen Demonstration der Funktionen des Programms kein Wert gelegt wird.

- Weil die Kunden und Benutzer die Programmfunktionen und -modelle anhand ihrer konkreten Arbeitssituation nachvollziehen, benötigen DV-Fachkräfte fundiertes Wissen über kaufmännische Abwicklungen oder Fertigungsprozesse. Diese fachübergreifenden Qualifikationen sind notwendige, aber häufig nicht vorhandene Grundlagen für die praxisnahe Präsentation der entwickelten Lösungen oder Zwischenprodukte.

- Die Verständigung mit Kunden und Benutzern ist darüber hinaus in hohem Maße abhängig von den sozialen Kompetenzen der DV-Fachkräfte. Die Tatsache, daß ein Drittel der Nachbesserungen für Programme deshalb notwendig wurden, weil die Entwickler von falschen Anforderungen ausgegangen sind, ist in hohem Maße auf eine gering ausgebildete Kommunikationskompetenz der DV-Fachkräfte zurückzuführen.

Diese Qualifikationsdefizite von DV-Fachkräfte sind nicht durch einzelne, isolierte Qualifikationsmaßnahmen zu beheben. Sie erfordern vielmehr eine veränderte Ausrichtung der Praxis der Aus- und Weiterbildung dieser Berufsgruppe. Dies zeigt auch eine Untersuchung der Aus- und Weiterbildungspraxis.

- Maßnahmen zur Vermittlung fachübergreifender und sozialer Qualifikationen fehlen im Aus- und Weiterbildungsangebot gänzlich oder sind nur in geringem Umfang vorhanden. Dementsprechend äußern DV-Fachkräfte in diesem Bereich deutliche Qualifikationsdefizite.

- Die Vermittlung sozialer Qualifikationen geht nicht von einem ganzheitlichen Verständnis der vielschichtigen Handlungssituation bei der Optimierung von sozio-technischen Arbeitssystemen aus. Vermittelt werden vielmehr lediglich Sozial-"Techniken" .

- Die DV-fachlichen Inhalte werden isoliert von den sozialen und fachübergreifenden Inhalten mit einem technisch-reduktionistischen Verständnis der konkreten Arbeitswelt vermittelt.

Angesichts dieser Defizite ist ein neues Konzept zur Vermittlung eines modernen Qualifikationsprofils überfällig.

Das zentrale, übergeordnete Ziel dieses Qualifizierungskonzepts ist die Vermittlung einer "Ganzheitlichen Arbeitsgestaltungskompetenz" für DV-Fachkräfte.

Dies setzt voraus, daß die einzelnen Qualifikationsmaßnahmen für DV-Fachkräfte so aufeinander abgestimmt sind, daß sie insgesamt die Fähigkeit zur ganzheitlichen Gestaltung komplexer (DV-unterstützter) Arbeitssysteme vermitteln. Erforderlich ist dafür die systematische Verknüpfung der drei Qualifikationsmomente

- DV-fachliche Qualifikationen;

- fachübergreifende Qualifikationen;

- soziale Qualifikationen (etwa die Fähigkeit zur zielgerichteten und interessenbezogenen Kooperation und Kommunikation mit Benutzern von IuK-Systemen).

Die Umsetzung dieses Qualifizierungskonzepts in die Personalentwicklungs- Aktivitäten von Unternehmen oder die Bildungsarbeit von Aus- und Weiterbildungsinstitutionen erfordert konkrete Schritte auf den Ebenen:

- Qualifikationsangebot ("Angebotsinnovation") und

- Qualifikationsnachfrage ("Nachfrageinnovation").

Für die Angebotsinnovation sind zentrale Maßnahmen zur Vermittlung von DV-fachlichen, fachübergreifenden und sozialen Qualifikationen so aufeinander abzustimmen, daß sie insgesamt zur Vermittlung einer ganzheitlichen Arbeitsgestaltungskompetenz beitragen. Dafür ist die Vernetzung folgender "Schlüsselbereiche" der Qualifizierung von DV-Fachkräften notwendig:

- Systementwicklung, Projektmanagement und Systems-Engineering (hier werden die Qualifikationen zur DV-fachlichen Gestaltung von IuK-Systemen vermittelt) und

- Soziale Kompetenzen/Führungskompetenzen (hier werden in der Regel die sozialen Qualifikationen vermittelt).

Nach unseren bisherigen Untersuchungen sind diese Bereiche nicht oder nur unzureichend aufeinander bezogen.

Die Kernaufgabe des Modellvorhabens bezogen auf die Veränderung des Qualifizierungsangebots besteht darin, diese bisher getrennt agierenden Bildungsbereiche (beziehungsweise die entsprechenden Fächer oder Weiterbildungsmaßnahmen) so miteinander zu vernetzen, daß ein systematisch abgestimmtes und ganzheitliches Bildungsangebot in den Schlüsselbereichen erreicht wird. Diese Vernetzung der beiden Schlüsselbereiche erfordert einen gemeinsamen Diskussions- und Gestaltungs-Prozeß zwischen den Vertretern beziehungsweise Dozenten und den Verantwortlichen dieser Schlüsselbereiche.

Diese Verbindung der Schlüsselbereiche bewirkt:

- eine dauerhafte Vernetzung bisher getrennt agierender Bildungsbereiche mit entsprechend positiven Effekten für die ganzheitliche Gestaltung;

- eine schrittweise Veränderung der einzelnen Bildungsmaßnahmen im Sinne einer Erweiterung der Bildungsziele, -inhalte und -methoden der einzelnen Fächer bezüglich der Vermittlung von Kompetenzen zur ganzheitlichen Arbeitsgestaltung;

- eine schrittweise Schaffung von Bewußtsein und Kompetenzen im Sinne einer ganzheitlichen Gestaltung komplexer Arbeitssysteme auf seiten der Dozenten, der Schüler und Weiterbildungsteilnehmer sowie der jeweiligen Führungskräfte.

Die Veränderungsprozesse auf der Nachfrage-Seite ("Nachfrageinnovation") soll eine Nachfrage nach solchen Bildungsmaßnahmen und Maßnahmeprogrammen bewirken, die zur Vermittlung einer ganzheitlichen Arbeitsgestaltungskompetenz geeignet sind. Dementsprechend besteht die Hauptaufgabe darin, die Kooperationspartner zu unterstützen

- bei der Bestimmung vom Qualifikationsbedarf;

- bei der Entwicklung von Qualifizierungsprogrammen und

- bei der Orientierung auf dem Bildungsmarkt.

Dazu ist die Initiierung und Begleitung eines Prozesses notwendig, an dessen Anfang das nach unseren Erfahrungen reduzierte Qualifizierungsverständnis bei den Weiterbildungs- und Personalentwicklungsverantwortlichen sowie den DV-Fachkräften selbst problematisiert wird. Auf der Grundlage der Untersuchung der komplexen Arbeits- und Handlungssituation von DV- Fachkräften gilt es, das Qualifizierungsziel "Ganzheitliche Arbeitsgestaltungskompetenz" bezogen auf die konkrete Situation in den Partnerunternehmen zu operationalisieren.

Diese Anforderungen zur Qualifizierung von DV-Fachkräften werden zu einer Optimierung des innerbetrieblichen Qualifikationsangebots und einer gezielteren Nachfrage nach überbetrieblichen Maßnahmen genutzt.

Insgesamt sind auf seiten der Qualifikationsnachfrage folgende Effekte - ein erweitertes Bewußtsein auf seiten von Weiterbildungs- und Personalentwicklungsverantwortlichen und der Weiterbildungsentscheider über ganzheitliche Qualifikationsanforderungen;

- geeignete Instrumente zur Bestimmung dieser ganzheitlichen Qualifikationsanforderungen und deren Umsetzung in Qualifizierungsprogramme;

- geeignete Kriterien zur Bewertung des innerbetrieblichen und überbetrieblichen Weiter bildungsangebots.