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29.09.2000 - 

Vorreiter der geplanten Einführung beim Mutterkonzern

Gasag nutzt SAP-Lösung für Versorger in großem Stil

BERLIN (qua) - Die neuen Tarifformen im Energiemarkt lassen sich mit altgedienten Abrechnungssystemen nicht mehr bewältigen. In diese Marktlücke stößt SAP mit der Branchenlösung "Industry Solution Utilities/Customer-Care and Services" (IS-U/CCS). Der Berliner Dienstleister BAS will das Produkt nutzen, um 750000 Gaszähler abzurechnen.

Deregulierung bedeutet Veränderung. In kaum einer "Old-Economy"-Branche tut sich derzeit so viel wie bei den Energieversorgern. Fusionen und Übernahmen sind an der Tagesordnung, Firmenanteile werden hin- und hergeschoben, neue Markennamen verschleiern geänderte Beziehungen, und der Wettbewerbsdruck gebiert komplizierte Tarifstrukturen, die den Kunden die Orientierung und den Anbietern die Abrechnung erschweren.

Ein Ablese-Abrechnungs-Forderungs-Prozess kostet, das hat die Berliner Gaswerke AG (Gasag) errechnet, hierzulande 40 bis 70 Mark. Dass es auch billiger gehe, hätten die besser organisierten skandinavischen Unternehmen unter Beweis gestellt, die mit Prozesskosten von 15 Mark auskämen.

Um sich diesem Vorbild anzunähern, lagerte der kommunale Energieriese mit rund 1400 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 800 Millionen Mark vor etwas mehr als einem Jahr alle mit der Abrechnung von verbrauchsabhängigen Leistungen verbundenen Aufgaben an ein Tochterunternehmen aus: Die Berliner Abrechnungs- und Servicegesellschaft für Ver- und Entsorgung mbH (BAS) spielt, so die Überzeugung ihres Geschäftsführers Michael Woelki, den Vorreiter für eine ganz neue Art von Dienstleistungsgeschäft (siehe Kasten auf Seite 50).

Nach der Ausgründung seien die von der Gasag zu entrichtenden Prozesskosten immerhin auf 35 Mark gesunken. Um den Aufwand noch einmal zu halbieren, bedürfe es allerdings eines "Skaleneffekts", der sich erst ergebe, wenn BAS mindestens vier, besser fünf Millionen Zähler betreue.

Derzeit besorgt das junge Unternehmen die Abrechnung von knapp drei Millionen Verbrauchszählern: 750000 von der Gasag und 2,2 Millionen vom Berliner Stromlieferanten Bewag. Allerdings liegen, wie Woelki betont, bereits "eine Handvoll" Anfragen kleinerer Unternehmen vor.

Softwaretechnisch nutzt die BAS das SAP-Produkt IS-U/CCS. Damit ist sie zwar keineswegs das erste Unternehmen, das die auf R/3 basierende Branchenlösung produktiv verwendet (diesen Anspruch dürfen die Stadtwerke Lüdenscheidt erheben). Doch nach Auskunft der SAP handelt es sich um die bislang umfangreichste Installation der Software in Europa.

In den goldenen Zeiten der Gebietsmonopole und Einheitstarife hatten die großen Versorgungsunternehmen ihre Abrechnungssysteme in aller Regel - die Gasag bildet hier keine Ausnahme - selbst entwickelt. Auf Standardprodukte von Anbietern wie Command ("Frida/EVU"), Neutrasoft ("Diane"), Schleupen ("Integriertes Informationssystem für Versorgungsunternehmen"), Somentec ("XAP") und Wilken ("CS/2 Energy") setzten vorzugsweise mittlere und kleinere Stadtwerke. Daneben behaupteten sich immerhin das für Großanwender dimensionierte "Energie-Abrechnungs-System" (EAS) der zum Essener RWE-Konzern gehörenden IFS GmbH, das insgesamt knapp hundertmal installiert wurde, sowie das auf R/2 basierende Verbrauchsabrechnungs-System "Riva" von SAP.

IFS hatte eigentlich schon im vergangenen Jahr eine komplett neue Entwicklung mit der Bezeichnung "Cheops" vorstellen wollen. Auch die Münchner Siemens-Nixdorf AG kündigte vor einigen Jahren ein neues Abrechnungssystem an, dessen Ursprünge auf die Niederlassung in Malaysia zurückgehen, das es bislang aber ebenso wenig zur Marktreife gebracht hat wie Cheops. Bleibt einzig die SAP: IS-U/CCS soll Riva ersetzen und darüber hinaus ein Kundeninformations-System bieten.

Für Einführung und Betrieb der Software zeichnet eine andere Gasag-Tochter verantwortlich: die Berlindat Gesellschaft für Informationsverarbeitung und Systemtechnik mbH, ein im April dieses Jahres gegründetes Gemeinschaftsunternehmen mit der Bewag. Das 270 Mitarbeiter starke Systemhaus soll seine IT-Dienstleistungen auch anderen Ver- und Entsorgungsunternehmen anbieten.

Wie Geschäftsführer Uwe Dannenfeldt beteuert, hat er sich die Entscheidung für IS-U/CCS nicht leicht gemacht. Als das Thema Softwareumstellung vor etwa zwei Jahren akut wurde, habe die Gasag, in deren IT-Bereich er damals tätig war, durchaus mit Cheops geliebäugelt. Die im Auftrag des RWE-Konzerns und unter Mithilfe der Preussen-Elektra AG (heute Teil von Eon) unternommene Softwareentwicklung gefiel durch ihren "innovativen Grundgedanken" (Dannenfeldt). Sie gründet auf einer objektorientierten Architektur und der Programmiersprache Java. Den Ausschlag für die Entscheidung zugunsten der SAP-Software gab jedoch, so der Berlindat-Geschäftsführer, dass ihr Entwicklungsstand einem fertigen Produkt bereits deutlich näher war als der von Cheops.

So entschied sich die Gasag 1998 für den Einsatz von IS-U/CCS. Im Frühjahr 1999 startete das Einführungsprojekt. Nach 15-monatiger Laufzeit wurde es am 7. August mit einer Big-Bang-Umstellung abgeschlossen. Die Hardware- und Softwarekosten beliefen sich auf eine runde Million Mark, die Gesamtinvestition auf einen Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich. Zeitweilig waren bis zu 15 Berlindat-Mitarbeiter in das Projekt involviert.

Mehr als ein Terabyte an Daten

Mit dem Großvorhaben verfolgte das Versorgungsunternehmen drei Ziele: Zum einen sollten die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass 600 definierte und 250 gleichzeitige Nutzer auf hochverfügbare Anwendungen und Datenbanken zugreifen können.

Zum anderen mussten die Fachdaten aus der rund 30 Jahre alten, in Assembler prorammierten Eigenentwicklung, die auf dem Siemens-Betriebssystem BS2000 lief, in das von Oracle stammende Datenbanksystem der auf einem Windows-NT-Cluster basierenden SAP-Umgebung übertragen werden. Dafür bewegte Berlindat innerhalb von 14 Tagen und bis zu 30 parallelen Migrationsprogrammen insgesamt mehr als ein Terabyte an Daten.

Last, but not least zielte die Gasag mit dem neuen System auf ein Betriebsführungskonzept mit 7x24-stündiger operatorloser Online-Verfügbarkeit. Allerdings musste der SAP-Standard dafür modifiziert beziehungsweise ergänzt werden.

Batch-Verarbeitung war der Flaschenhals

Im Gegensatz zum "klassischen" R/3 schließt IS-U an und für sich einen erheblichen Anteil an Batch-Abläufen ein. Das fällt umso mehr ins Gewicht, als die nächtlichen Verarbeitungsvorgänge bei der BAS zu zeitlichen Engpässen mitsamt den daraus entstehenden "finanziellen Verwerfungen" (Dannenfeldt) geführt hätten.

Deshalb entwickelte Berlindat Zusatzprogramme, die einen vollautomatischen Betrieb sowie eine tägliche Offline-Sicherung ohne Unterbrechung des Online-Verkehrs ermöglichen sollten. Die Entwickler ergänzten den R/3-Standard um optimierte Auswertungsroutinen, die den Durchsatz erheblich verbesserten. Wie Dannenfeldt berichtet, gelang es ihnen beispielsweise, einen Zahlungsverkehrslauf von intolerablen vier bis fünf Tagen auf ein bis zwei Stunden einzudampfen. Um Statistiken zu erstellen, reichen zwei bis vier Stunden statt drei Tage.

Auch für die "bilanzielle Abgrenzung" hat Berlindat - in Zusammenarbeit mit Pricewaterhouse-Coopers - eine Zusatzapplikation entwickelt. Das von SAP angebotene Pauschalverfahren zum Ausgleich der rollierenden Zählerablesung reichte nicht aus, um die Ansprüche der Wirtschaftsprüfer zu erfüllen. Die Alternativlösung, die möglicherweise als Produkt vermarktet werden soll, bildet Kundensegmente, aus denen sie Stichproben entnimmt und Hochrechnungen bildet.

Trotz der notwendigen Nacharbeiten sind Dannenfeldt und Woelki mit der neuen Abrechnungslösung zufrieden. Mit ihrer Hilfe hat die Gasag - ganz nebenbei - auch die Hürde der Währungsumstellung genommen. Der Euro, der ab dem 1. Januar 2001 die Hauswährung der Gasag sein wird, lässt sich in IS-U relativ problemlos abbilden.

Vor allem verfügen Gasag und BAS mit der modernen Softwareumgebung über ein Instrument für die Verbesserung ihrer Verarbeitungsprozesse. Auswirkungen sind beispielsweise im Eichwesen spürbar, wo wegen der fälligen Stichproben bislang etwa 100000 Zähler pro Jahr ausgewechselt und überprüft werden. Diese Zahl ließe sich durch geschicktes Bilden von Zählergruppen erheblich senken, was die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen würde, doch aufgrund der fehlenden technischen Unterstützung bislang nicht möglich war.

Positive Auswirkungen erwartet Woelki auch von dem integrierten Forderungs-Management. In den kommenden zwei bis drei Jahren hofft er, die Außenstände von bislang fünf bis sechs auf ein Prozent senken zu können. Dazu beitragen sollen nicht nur rechtzeitig ausgestellte Mahnbescheide, sondern auch die erhöhte Frequenz von Abschlagszahlungen. Wenn der Kunde nicht mehr sechs-, sondern elfmal im Jahr zur Kasse gebeten wird, bedeutet das für ihn niedrigere Rechnungsbeträge, für den Anbieter hingegen gesteigerte Reaktionsfähigkeit.

Abgesehen von den Routineservices erfüllt BAS für die Gasag eine weitere wichtige Funktion. Wie Woelki erläutert, verkörpert das von der Abrechnungsgesellschaft betriebene Call-Center quasi die Schnittstelle zu den Abnehmern des Versorgungsunternehmens. In der Energiewirtschaft resultierten vier Fünftel aller Kundenkontakte aus dem Abrechnungsbereich.

Da, wo es um konkrete Kundenkontakte geht, stößt die SAP-Software allerdings an ihre Grenzen. Anwendungen für das Customer-Relatonship-Management (CRM) sind von SAP frühestens im kommenden Jahr zu erwarten. Deshalb ergänzen einige Energieversorger ihre Abrechnungssoftware durch eine spezielle CRM-Software wie das auf die Versorgungsbranche zugeschnittene Produkt "Siebel Energy". Gasag und BAS haben hier allerdings noch keine Entscheidung getroffen.

"Die Sicherheit geht vor"

Aufgrund der zufriedenstellenden Erfahrungen plant Berlindat, IS-U/CCS im kommenden Jahr auch bei der Bewag einzuführen. Da diese Installation etwa den dreifachen Umfang des BAS-Projekts haben dürfte, hält Dannenfeldt einen NT-Cluster hier für die weniger wahrscheinliche Lösung.

Zwar wäre das für den Betreiber, also für Berlindat, die preisgünstigste Lösung, "aber Sicherheit geht vor". Deshalb werde die Bewag-Installation wahrscheinlich auf Unix laufen. Ob die BAS-Anwendungen dann ebenfalls auf die Unix-Maschinen übernommen werden, steht noch in den Sternen.

HIER WIRD ABGERECHNET

Die Berliner Abrechnungs- und Servicegesellschaft für Ver- und Entsorgung mbH, kurz BAS, versteht sich als "One-Stop"-Dienstleister, der den Lieferanten verbrauchsabhängiger Leistungen helfen will, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Gegründet wurde das derzeit 330 Mitarbeiter zählende Unternehmen am 1. Juli 1999 als Joint-Venture der Berliner Gaswerke AG (74,9 Prozent) und der Abrechnungsgesellschaft für Ver- und Entsorgungsleistungen (AVE) mit Sitz in Halle an der Saale (25,1 Prozent). Für die Gasag leistet die BAS die Abrechnung aller Kundengruppen. Die Dienstleistung erstreckt sich nicht nur auf das Ablesen von rund 750 000 Gaszählern sowie das Erstellen und Versenden der Abrechnungen, sondern auch auf das Forderungs-Management, also das Inkasso- sowie das gerichtliche Mahn- und Klagewesen. Mit dem Berliner Stromversorger Bewag AG, die 35 Prozent der Gasag-Anteile hält, ist der Dienstleister ebenfalls im Geschäft. Für ihn erledigt er allerdings nur das Ablesen der Stromzähler bei den 2,2 Millionen Tarifkunden. Dritter BAS-Kunde ist die Gasag-Tochter Fernwärme GmbH, Berlin.