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02.06.2000 - 

Versorgungswirtschaft/Liberalisierung fordert erweiterte IT-Konzepte

Gasversorger verknüpfen Messdaten mit Abrechnungs- und CRM-Komponenten

Der europaweite Wettbewerb fordert auch im Energiemarkt seinen Tribut: Viele bewährte IT-Lösungen haben ausgedient. Lag der Fokus bisher auf der Mess- und Regeltechnik, so ist heute die Integration mit den kaufmännischen Lösungen gefragt. Frank Matthé* erklärt: Prozessoptimierung und Kundenorientierung sind - speziell bei den Gasversorgern - die treibenden Kräfte hinter den neuen IT-Konzepten.

Die Liberalisierung des Gasmarkts stellt die Energieanbieter vor neue Herausforderungen. Lag bislang der Schwerpunkt auf der Mess- und Regeltechnik und der einwandfreien Energiebereitstellung, muss nun die schnelle Reaktion auf Marktveränderungen und Kundenwünsche im Vordergrund stehen. So gehen unsere Energieexperten von einer Reduktion der Gaspreise in den nächsten zwei bis drei Jahren aus. Was zu Vorteilen für die Verbraucher führt, schlägt sich bei den Anbietern in geringeren Margen wieder, die aufgefangen werden müssen. Liquiditätsreserven sind zunehmend durch schnelle Fakturierung auszuschöpfen.

In Konsequenz führt dies zu erweiterten IT-Lösungen, die einerseits Rationalisierungspotenziale realisieren sowie andererseits wettbewerbsrelevante Informationen liefern. Die Messdatenerfassungssysteme, SAP RF sowie die weitverbreiteten Energie-Management-Systeme, etwa von PSI, werden von Abrechnungs- und Informationsanwendungen ergänzt. Customer-Relationship-Management (CRM) wird in diesem Zusammenhang auch in der Energieversorgungsbranche zum Thema. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Sonderverträgen, die in der Regel mit großen Kunden bestehen, deren Umsatzrelevanz hoch ist.

Der Umbruch ist bei den Energieversorgern bereits im Gange. Die Ferngas Nordbayern GmbH (FGN) in Bamberg ist nur einer von vielen Anbietern, die ihre IT-Struktur den neuen Marktgegebenheiten angepasst haben. Zum 1. Januar 2000 ging bei dem Energieversorger das neue Abrechnungs- und Informationssystem in den Produktivbetrieb - eine modulare Lösung unter IBM AIX / Windows NT- und Windows-95-basierender Benutzeroberfläche. Die schnelle Umsetzung innerhalb eines Jahres musste sein, da die Altsysteme nicht Jahr-2000-fähig waren. Im Fokus stand auch hier die Sonderkundenabrechnung. Sie stellt eine wichtige operative Kernfunktion eines Gasversorgers dar.

Doch die Optimierung der Gasabrechnung ist mehr als nur Prozessverbesserung. Die Rechnung hat eine wesentliche Bedeutung in der Außenwirkung gegenüber dem Kunden, schrieben beispielsweise die Mitarbeiter der Verbundnetz Gas AG (VGN AG), Angelika Letsch und Peter Heine, im Branchenblatt "GWF". Ihre Qualität beeinflusse das Image eines Energieversorgers, deshalb sei diesem Aspekt bei einem neuen Abrechnungssystem große Bedeutung beizumessen.

Auch die Verbundnetz Gas AG (VGN AG) lässt sich deshalb in den Reigen derer einordnen, die eine neue Informationsstruktur aufgebaut haben. Das Unternehmen, das Erdgas von Produzenten und Anbietern des In- und Auslandes bezieht und damit regionale Gasversorger, Stadtwerke, Industriebetriebe und Kraftwerke in den neuen Bundesländern und Berlin beliefert, war sogar einer der Vorreiter in Sachen moderner Informationstechnik und Kundenorientierung. Mittlerweile hat sich eine Kooperationsgemeinschaft GAS-X gebildet, der neben der Verbundnetz Gas AG und der FNG auch die Westfälische Ferngas-AG (WFG), die Erdgas Mark Brandenburg (EMB) sowie die VEW Energie AG angehören.

Gemeint ist, dass Gasrechnungen korrekt, termingerecht und nachvollziehbar sein müssen. Dies ist einfacher gesagt als getan. Neben den Daten aus den Messanlagen sind auch Vertragsinformationen und Globaldaten wie Löhne oder Ölpreise in ein Abrechnungs- und Informationssystem zu integrieren. Alle diese Daten sind erforderlich, um flexible, kundenspezifische Rechnungen zu erstellen. Als Anhaltspunkt für ein Abrechnungsprozedere kann hier das DVGW (Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserfaches e.V.)-Arbeitsblatt G 685 "Ermittlung der Arbeits- und Leistungsmengen" dienen.

Im Gasmarkt beeinflussen unterschiedlichste Kriterien letztlich den Endpreis. Beispiel Ferngas Nordbayern: Mehr als 430 Rechnungen und Preismitteilungen werden pro Monat erstellt, meist mit mehreren Positionen. So initiiert eine Rechnungsstellung zwei grundlegende Prozesse: die Preisbildung und die Mengenermittlung.

Erstere nutzt primäre Variablen, um auf Basis aktueller Werte die Preise zu errechnen. Immerhin ist die Energieversorgungsbranche verglichen mit anderen Industrien stark von Preisschwankungen geprägt, die in einem Abrechnungssystem zu berücksichtigen sind. Wesentliche Informationen über den genauen Kalkulationszeitpunkt liefern zudem die Vertragsdaten. Preisformeln und Vertragsinformationen sind damit untrennbar verknüpft.

Für die Übergabe der Messdaten hat sich die Digitale Schnittstelle für Gasmessgeräte (DSfG) als großer Schritt nach vorn erwiesen. Das Projekt wurde von der Verbundnetz Gas AG gemeinsam mit der Westfälischen Ferngas-AG ins Leben gerufen.

Die Einflussgrößen sind sehr dynamischDie DSfG ermöglicht einen herstellerunabhängigen Datenaustausch zwischen der Gasmessanlage und Datenverarbeitungssystemen. Denn gerade bei der automatischen Übernahme der "Produktionsdaten" in die Abrechnung liegt ein hohes Optimierungspotenzial. Bei der Ferngas Nordbayern nutzen beispielsweise 777 Mess-Stationen diverse Rechenverfahren, um die abzurechnenden Kilowattstunden zu ermitteln, da der Energiegehalt vom Gaszustand (Druck, Temperatur, K-Zahl) abhängt und entsprechend die Mengen variieren. Diese Informationen werden unter anderem via Datenfernübertragung in das Abrechnungssystem übergeben und ermöglichen letztlich die konkrete Rechnungsstellung.

Bei der Realisierung eines Abrechnungssystems ist zudem auf die Möglichkeit zu achten, dass sich auch Informationen über die Vergangenheit und die Zukunft ablegen lassen. Denn die Einflussgrößen einer Gasabrechnung sind sehr dynamisch, sowohl was die Messtechnik als auch die Vertragsvereinbarungen betrifft. Die Verarbeitung von physikalischen Rohdaten zu fakturierbaren Mengen sowie von Vertragskonditionen und Referenzen zu Abnahmemengen und Preisen muss sich jederzeit nachvollziehen lassen, so die Gasabrechnungsspezialisten der Verbundnetz Gas AG. Dies erfordert eine historische Stammdatenverwaltung, auf die auch trotz des damit verbundenen Overheads nicht verzichtet werden sollte. Außerdem muss im Hinblick auf die Revisionen eine Änderungsmarkierung und -protokollierung erfolgen, um Zwischenstände in den Datensätzen jederzeit aufzeigen zu können.

In der Datenbank des Abrechnungssystems laufen damit alle wichtigen Informationen über Gasabgaben, Kunden, Fremdleistungen etc. zusammen. Das System lässt sich so nicht nur im operativen Bereich zu einem der wichtigsten Datenlieferanten ausbauen, sondern auch als Grundlage für neue Anforderungen wie Customer Relationship Management oder Online Analytical Processing (OLAP) einsetzen.

Als mögliche Mittel zur genauen Analyse eines Kunden stehen damit Schnellübersichten für Abnahme, Erlös- und Preisverläufe zur Verfügung. Diese Informationen können zum einen kundenbezogenen Rentabilitätsberechnungen grundsätzlicher Art dienen, ermöglichen aber zum anderen auch die schnelle Reaktion auf neue Wettbewerbssituationen. Darüber hinaus gestatten sie, neue Services zur Kundenbindung anzubieten - sei es in Form gesonderter Aktionen oder durch ein Plus an Information.

Potenzialermittlung für NeukundenEin CRM-System sollte allerdings nicht nur die bestehenden Kunden berücksichtigen, sondern zum Beispiel auch Potenzialermittlungen für Neukunden gestatten. Derartige Wirtschaftlichkeitsanalysen, die auf bestehenden Informationen wie Umsatz, Branchen, Zahl der Besuche, Beteiligungsstrukturen etc. beruhen, liefern ideale Hinweise zur Klassifizierung eines möglichen Kunden. Somit dient das Kunden-Management nicht nur als Servicekomponente, sondern unterstützt unternehmerische Entscheidungen. Dennoch steht bei den Gasversorgern derzeit die Rationalisierung durch Integration von Verbrauchsdaten und kaufmännischen Informationen im Vordergrund - nicht zuletzt deshalb, weil die vollständige Liberalisierung des Markts noch nicht abgeschlossen ist.

*Frank Matthé ist Principal Consultant im Geschäftsfeld Enterprise Applications bei der Mummert + Partner Unternehmensberatung in Leipzig.