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08.03.1991

Gebrauchte IBM-43xx ersetzen die ESER-Rechner

ESER ist tot. Neues beziehungsweise anderes Equipment muß her, das die fossilen /370-Clones des "Einheitlichen Systems der Europäischen Rechentechnik" bei Anwendern im Osten ersetzt. Deren Aufforderung an die Lieferanten lautet Besorgt uns billige Maschinen! DV-Investoren zwischen Ostsee und Thüringer Wald können es sich noch lange nicht leisten, das Neueste vom Neuen zu kaufen, zu leasen oder zu mieten.

Neben anderen betonte daher vor kurzem die schweizerische COS AG, Baden, ihr künftiges Engagement im Absatzmarkt der ehemaligen DDR. Im Durchschnitt der osteuropäischen Staaten, will COS herausgefunden haben, würden DV-Anlagen in vier Jahren abgeschrieben und nach sechs Jahren ersetzt. Der Branchenagentur vwd zufolge schätzt der Leasing- und Gebrauchtmaschinen-Anbieter die Erfolgsperspektive positiv ein, denn es seien in den Ostmärkten kaum Schwierigkeiten durch Fachkräfte-Mangel zu erwarten: Die Erfahrungen der Ost-Informatiker mit den alten ESER-Anlagen befähigten sie zur Handhabung von IBM- und steckerkompatibler Technik.

Hohes Gebrauchtwert-Ansehen genießen daher zur Zeit im Westen längst ausgemusterte oder nur noch zäh gehandelte Maschinen, etwa aus der langlebigen 43xx-Familie. Offenbar eine Ausnahme ist die unter MVS betriebene IBM 4381, die sich auch im Westen noch reger Nachfrage erfreut.

Der Grund für die Beliebtheit der 43er liegt auf der Hand: Die ESER-Architektur, so ein ehemaliger RZ-Leiter aus dem Dresdner Raum, ist "fast ein Abziehbild" der IBM-370-Technik, allerdings auf einem Stand, der dem von IBM zu Anfang der siebziger Jahre entspricht. Der Geschäftsführer einer inzwischen privatisierten Rechenzentrums-GmbH führt aus: "Wir gehen davon aus, daß wir die IBM-Strecke weiterfahren sollten, weil unsere Mitarbeiter in der 370-Architektur und im MVS-Clone SVS geschult sind. IBM ist also die einzige Möglichkeit, die wir haben." Im Vorfeld der Entscheidung für den blauen Weg, so der RZ-Chef, habe man sich auch mit anderen Systemen beschäftigt, etwa mit BS2000. Die vorhandenen Erfahrungen mit den MVS-ähnlichen Systemen hätten jedoch den Ausschlag gegeben.

4381-Modelle sind auch im Westen vielfach noch im Einsatz, und aufgrund einer Nachfragespitze stieg der Preis zwischenzeitlich schwindelerregend an, wie Broker berichten. Inzwischen werden jedoch, so Anna Björklund von der CMA Trading GmbH in München, immer mehr 4381-CPUs gegen neue Systeme ausgetauscht. Dadurch und durch den Abbau der anfänglichen Nachfragespitzen im Osten seien die Maschinen wieder billiger geworden.

Das bestätigt auch Klaus Messelhäußer, Geschäftsführer der Mannheimer CVR GmbH: "Vor Weihnachten waren die Preise relativ hoch, und vor allem die 4381 und die neueren Platten vom Typ 3380 EK waren doch etwas knapp. Nach Weihnachten sind die Preise dann wieder runtergegangen; ich vermute, daß sie sich bis Ostern stabilisiert haben werden. Die Nachfrage nach der 4381 kommt allerdings nicht nur aus dem Osten: Auch hier wird das System noch sehr intensiv eingesetzt." Insgesamt, stellt Messelhäußer fest, habe sich die Nachfrage vergrößert, und das Marktgeschehen sei durch die neue Kundschaft im Osten heißer geworden.

Ähnlich auch Joachim Magerod, VB des Münchner Leasinganbieters Cominvest Data GmbH im sächsischen Schmölln: "Das Niveau war Ende des ersten Halbjahres 1990 noch relativ niedrig, schnellte aber zwischen Ende August und Oktober in astronomische Höhen. Im November und Dezember haben sich die Preise dann etwas beruhigt und sind seitdem einigermaßen konstant." Auch Magerod ist überzeugt, daß der Grundbedarf vorerst gesättigt sei. Die Kunden, die jetzt ihre installierte Technik ablösen müßten, stünden vor zwei Problemen: Sie seien zum einen nur sehr eingeschränkt zahlungsfähig und zum anderen gebe es häufig genug keine oder nur nebulöse Vorstellungen über die Zukunft der betreffenden Unternehmen. "Die Investitionsfreudigkeit der Geschäftsführer wird dadurch natürlich sehr stark gebremst", meint der VB.

Nach Messelhäußers Beobachtung - CVR selbst ist gegenwärtig kaum auf diesem Markt aktiv - spielen die kleineren Angehörigen der 43xx-Familie inzwischen keine Rolle mehr: "Die 4341 und die 4361 sind in ganz Deutschland tot." Nur in Ungarn, Polen und der UdSSR gebe es noch Rechenzentren mit diesen Maschinen und 3350-Platten. Für diesen Bedarf, meint Messelhäußer, seien Kollegen aus der Branche noch tätig, indem sie längst eingemottetes Equipment wieder "aufpäppeln" und jenseits von Oder und Neiße installieren würden.

Willy Stöckl, International Brokerage Manager bei der Münchner Cominvest GmbH, berichtet von anderen Erfahrungen; er spricht gar von einer "Renaissance" der 43er. Sein Unternehmen unterhält auf dem Gebiet der früheren DDR zwei Vertriebsbüros - eines davon unter Leitung von Joachim Magerod -, die durchaus noch kleinere 43xx-Systeme mit der zugehörigen Peripherie an den Anwender brächten. Aus gutem Grund, meint Stöckl: Die Kunden im Osten können sich in der Regel keine Installation für Millionen Mark leisten. Wir können aber eine 4341-Konfiguration basteln mit allem Drumherum, und der Kunde ist mit 50 000 Mark dabei." Ein weiterer Grund für die Wahl kleiner Konfigurationen ist nach Stöckls Auskunft die unter ESER implementierte Software, die für den Einsatz auf "neueren" Maschinen wie der 4381 teilweise komplett umgeschrieben werden müsse.

Auch Magerod spricht von der gesamten 43xx-Palette, wenn er feststellt: "Lagerbestände, die bei den Handelsfirmen in den alten Bundesländern aufgelaufen waren und die wertmäßig nur noch Schrott waren, sind mit einem Schlag aufgewertet worden. Diese Bestände sind seit Mitte 1990 bis jetzt in Massen hier angeliefert und installiert worden."

Letzten Endes jedoch sind solche Start-Investitionen auf niedrigstem Niveau lediglich Notlösungen. Auch der inzwischen kommerzielle Rechenzentrums. Betreiber Informatik-Service Meerane in Sachsen hatte ursprünglich die Anschaffung einer 4341 geplant, und zwar, wie Geschäftsführer Andreas Walther berichtet, "aus rein finanziellen Überlegungen". Auf der Suche nach einem günstigen Angebot habe man dann wiederholt gehört, daß es sinnlos sei, mit einer 4341 anzufangen. "Das Equipment ist zum einen doch sehr veraltet, zum anderen ist die Aufrüstbarkeit stark eingeschränkt. Außerdem ist doch die im Westen erhältliche Software, etwa Lohn- und Gehaltsabrechnungen, zum größten Teil bereits für die stärkeren Maschinen ausgelegt." Die 4381 - bei Walther in Meerane steht eine PO2 - bietet aus seiner Sicht ein akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis. Wichtigster Vorteil ist für den RZ-Betreiber jedoch die Aufrüstbarkeit des Systems: "Wir können mit dieser Anlage unsere Kapazitäten schrittweise erhöhen."

Der letzte Schrei ist selbst eine 4381-Konfiguration mit Sicherheit auch nicht. Im Bereich der Service-Datenverarbeitung sind Ost-Anbieter wie der Informatik-Service Meerane der Konkurrenz aus dem Westen in puncto Performance und Produktivität - auch wohl beim Preis - deshalb sicherlich weit unterlegen. Von Konkurrenz muß hier gesprochen werden, weil RZ-Dienstleister aus den alten Bundesländern, etwa die Hamburger Info AG, nicht nur in ihrem eigenen geographischen Umfeld tätig sind, sondern mittels Satellitentechnik auch in entlegenen Marktrevieren wildern, die mit herkömmlichen Mitteln der Daten-Fernübertragung noch nicht zuverlässig erreichbar sind. Davon profitieren dann unter Umständen Kunden in der früheren DDR, die ihre DV im technisch weiter entwickelten Teil des neuen Deutschland erledigen lassen; die lokalen Konkurrenten laufen Gefahr, in die Röhre zu schauen.

Ihre finanzielle Situation gestattet es RZ-Chefs wie Walther jedoch in der Regel nicht, in derart strategischen Kategorien zu denken und ihre Investitionsentscheidungen daran auszurichten. Vielmehr haben sie "ganz andere Probleme", wie Walther feststellt. "Wir haben früher für 25 Betriebe der Textilindustrie in der ehemaligen DDR gearbeitet. Gerade in diesem Markt verzeichnen wir jetzt einen starken Rückgang der Aufträge und damit auch unserer Beschäftigung. Auch die anderen Branchen in der Region haben nicht gerade volle Auftragsbücher; die Neuinvestitionen in den Produktionsbetrieben fließen doch sehr spärlich. Logischerweise ist das gegenwärtig auch für uns überhaupt kein Diskussionsgegenstand." Eine Ausnahme bilden die ehemaligen volkseigenen Datenverarbeitungs-Zentren in den Bezirksstädten (siehe CW Nr. 36 vom 7. September 1990, Seite 10: "DVZ Potsdam schließt Servicevertrag ..."), aber die sind, so Walther, "mit unseren Größenordnungen - etwa 50 Mitarbeiter - überhaupt nicht vergleichbar". Für Dienstleister wie den Informatik-Service Meerane gelte daher die Parole: "Wir können nur mithalten, indem wir unseren Service erweitern."

Auch in dem neuen Regionalmarkt findet natürlich Konkurrenz zwischen den unabhängigen Anbietern von Leasingverträgen und Gebrauchtmaschinen einerseits sowie der IBM andererseits statt. Es gibt allerdings, folgt man Joachim Magerod, einen signifikanten Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Marktregion: Preisunterschiede bei Gebrauchtmaschinen wirken sich in den finanzschwachen neuen

Ländern stärker aus als in Märkten mit größerer Kaufkraft. Urteilt der Cominvest-VB: Die IBM sitzt hier am kürzeren Hebel, weil sie teurer ist als die unabhängigen Broker", um gleich darauf einzugestehen, daß den Marktführer diese Tatsache wenig anfechten dürfte, denn dessen Augenmerk liege auf den potentiellen Kunden, "die eine große wirtschaftliche Bedeutung haben".

Darunter, so Magerod, fielen der Energiesektor und große., wahrscheinlich überlebensfähige Unternehmen; darunter fiele aber auch der gesamte Hochschul- und Bildungsbereich. Und hier fahre IBM - im Rahmen eines Abkommens mit den Behörden - folgende Strategie: "Sie stellen kostenlos etwa eine neue 3090 auf mit der Option, sich nach einem Jahr wieder zu unterhalten und dann entweder mit Mietzahlungen für die Maschine zu beginnen, sie zu kaufen oder sie - im schlimmsten Fall - wieder abholen zu lassen." Nutznießer dieses Abkommens sind nach Magerods Auskunft bisher beispielsweise die Technische Universität und die Hochschule für Verkehrswesen in Dresden, die eine neue ES/9000 kostenlos für ein Jahr zur Verfügung gestellt bekommen habe. Dagegen seien die Unabhängigen natürlich chancenlos.

Klaus Messelhäußer sieht das nicht so dramatisch: "Die IBM-Aktionen sind für die Unabhängigen kein Problem, denn die Universitäten, Hochschulen und Schulen würden ja bei uns nie kaufen oder leasen, die haben ja nun wirklich kein Geld dafür. Insofern gehen keine Marktanteile verloren. Vielmehr bewerte ich das als Hilfe beim wirtschaftlichen Aufbau in den neuen Ländern. Man muß das positiv sehen: Mehr Menschen werden auf den modernen Systemen geschult, und im Laufe der Zeit entsteht auf diesem Wege eine Nachfrage."

Gegenwärtig scheint es also noch zwei deutlich unterschiedliche Leasing- und Gebrauchtmärkte in Deutschland zu geben: Von Nachfragekonkurrenz zwischen Ost- und West-Anwendern und daraus resultierender Verknappung wirklich modernen Gebraucht-Equipments ist mit Ausnahme der 4381 kaum die Rede, befragt man Broker und Leaser. Willy Stöckl schätzt, daß zwischen August und dem Jahresende 1990 zirka 2000 gebrauchte IBM-Maschinen von unabhängigen Leasern in den Osten Deutschlands geliefert worden sind. Typischerweise seien das 43xx-Konfigurationen mit Plattenlaufwerken der Typen 3350 und 3380, mit 4320-Bandlaufwerken, 3803-Steuereinheiten und Druckern wie dem 3202 gewesen.

Noch sieht es also so aus, daß Maschinen, für die im Fast-up-grade-Markt des Westens nur noch der Schrottwert erzielt werden könnte, in Dresden, Potsdam oder Rostock wieder auftauchen. Insofern hat sich der Markt für Gebrauchtrechner bisher noch wie der Kfz-Handel verhalten. Eine Trendwende wird von den volkswirtschaftlichen Bedingungen abhängen.