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05.04.1991 - 

SNI: BS2000 muß geöffnet werden

"Gebundenheit wird von den Kunden nicht mehr akzeptiert"

Über die Zukunft des Mainframe-Betriebssytems BS2000 sprachen die CW-Redakteure Heinrich Vaske und Hermann Gfaller mit SNI-Marketing Direktor Eberhard Reichert und Rudolf Duschl, Leiter des Bereichs Anwendersoftware und Projekte.

CW: Die Rolle des Mainframes innerhalb der DV hat sich verändert: Immer mehr traditionell proprietäre Systeme erhalten offene Schnittstellen. Die kooperative Datenverarbeitung wird großgeschrieben. Will SNI aus BS2000 ein "offenes System" machen?

Reichert: Ich habe den Eindruck, daß das Thema Offenheit zumeist sehr emotional behandelt wird. Es gibt von der Wortwahl her keinen Anlaß, "proprietary" mit "geschlossen" gleichzusetzen. Auch die Gleichung "Unix gleich offen" muß so nicht stimmen. Unbestritten ist die Notwendigkeit, daß sich Systeme den internationalen Standards beugen. Auf der anderen Seite weiß man aber auch: Wettbewerbsvorteile entstehen in der DV-Welt nicht durch Anpassung, sondern dadurch, daß sich jemand etwas Neues ausdenkt.

CW: Bevor Nixdorf übernommen wurde, machte Siemens im Geschäftszweig Dl (Daten- und Informationstechnik) nahezu 70 Prozent des Umsatzes mit BS2000. Wie haben sich die Relationen seit dem Merger verändert?

Reichert: Das BS2000-Geschäft lag vor dem Merger bei 56 Prozent des Gesamtvolumens. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß ein wesentlicher Teil des Sinix-Geschäfts ebenfalls im Systemgeschäft - sprich: in der BS2000-Umgebung - gemacht worden ist.

Wird dieser Bereich hinzugerechnet, so kommt man auf fast 70 Prozent.

Auf der anderen Seite steht die Struktur von Nixdorf. Dort orientierte man sich im wesentlichen am Mittelstand. Zu einem kleinen Teil wurden auch PCs berücksichtigt. Nach der Fusion änderte sich die Verteilung der Geschäfte: Das überwiegende Geschäft, wenn man die PCs und Workstations mit einbezieht, wird jetzt im Small-Systems-Bereich mit Mittelständlern gemacht, ein kleinerer Anteil mit BS2000. Auf einen einfachen Nenner gebracht: rund 40 Prozent mit BS2000, zirka 60 Prozent mit Small Systems.

Hier liegt die wesentliche Veränderung, die durch die Fusion entstanden ist: Die neue Firma SNI muß sich zu etwa 60 Prozent an Verhaltensweisen orientieren, die - aus Siemens-Sicht - von Bedingungen neuer und ungewohnter Märkte geprägt sind und

mit dem Systemgeschäft nur wenig zu tun haben. Hier liegt die Herausforderung dieses Mergers: Zwei Kulturen zusammenzuschweißen bedeutet auch, zwei unterschiedliche Arten der Geschäftsaktivität zu verbinden.

CW: Geht die Entwicklung dahin, daß das BS2000- hinter das Small-Systems-Geschäft zurückgestellt wird ?

Reichert: Wir werden beide Geschäfte intensiv weiter verfolgen. Langfristig wird es ein sinnvolles Nebeneinander von Mainframes und offenen Systemen geben, ein Nebeneinander und ein Miteinander. Das heißt: Die Mainframe-Welt muß sich öffnen, sie muß Schnittstellen und internationale Standards anbieten, damit heterogene Systeme miteinander kommunizieren können.

Wir werden immer heterogene Systemwelten haben. Also müssen wir dafür sorgen, daß diese zusammenarbeiten, und zwar so, daß die Anwenderschnittstelle möglichst standardisiert ist. Der Anwender muß seine Investitionen sicher und problemlos von einer Systembasis auf die andere hinüberbringen können. Er will nicht mehr an seinen Mainframe gebunden sein, wie das in den vergangenen 20 Jahren der Fall war.

CW: Wieviel Prozent Ihres BS2000-Geschäfts machen Sie mit Verwaltungen, Behörden, Universitäten etc., und wieviel mit der Industrie?

Reichert: 33 Prozent unserer in der Bundesrepublik installierten Systeme sind im öffentlichen Bereich installiert.

CW: Bezieht sich diese Zahl auf verkaufte Stückzahlen oder auf Umsätze?

Reichert: Die 33 Prozent beziehen sich auf Stückzahlen. Wertmäßig liegt der SNI-Anteil am Behördengeschäft sogar bei 44 Prozent. Das bedeutet: Im Behördengeschäft kommen eher große als kleine Maschinen zum Einsatz.

CW: Eine Auswertung von Stellenanzeigen hat ergeben, daß BS2000-Kenntnisse nicht sonderlich gefragt sind. In nur neun Prozent aller DV-Stellenanzeigen wurden BS2000 Spezialisten gesucht...

Reichert: Habe ich auch in der COMPUTERWOCHE gelesen...

CW: Im Vergleich zum IBM- und Unix-Markt ist diese Zahl gering. Muß SNl solche Zahlen nicht als Indikator für die Marktentwicklung sehen?

Reichert: Ob das Interesse an BS2000 rückläufig ist, können Sie nur bewerten, wenn Sie Vergleichsmöglichkeiten haben. Man müßte berücksichtigen, wie viele BS2000-Fachkräfte in den Jahren zuvor gesucht wurden. Wenn die Zahl immer bei neun Prozent lag, dann hat überhaupt keine Veränderung stattgefunden.

CW: Halten Sie die Zahl nicht für vergleichsweise gering?

Duschl: Für diese Zahl gibt es eine Begründung: Unser Haus SNI bietet ein eigenes großes Software- und Systemhaus für Großkunden an, den Bereich Anwendersoftware und Projekte (AP) mit weltweit 3000 Mitarbeitern. Diese sind dafür verantwortlich, daß bei unseren Großkunden BS2000-Projekte professionell abgewickelt werden.

Das heißt, wir bieten unseren Großkunden neben der Systemtechnik zugleich auch eine passende Engineering-Leistung an, um große Projekte planen und realisieren zu können. Mit diesem Expertenkreis decken wir bei unseren Großkunden soviel BS2000-Know-how ab, daß der Personalbedarf beim Kunden geringer ist. Ich denke zum Beispiel an Post und Bahn. In beiden Institutionen haben wir wesentliche Engineering-Leistungen aus unserem Hause erbracht.

Reichert: Lassen Sie mich zusammenfassen: Das Neugeschäft im BS2000-Markt in den letzten Jahren war sehr zufriedenstellend. Wir konnten jährlich sogar dreistellige Zuwachsraten im Neukundenbereich verbuchen.

Wichtig ist heute, daß wir das System sinnvoll öffnen - nicht zuletzt auch für den Kunden, der die Gebundenheit an einen einzigen Hersteller nicht mehr akzeptiert.

CW: Könnten Sie einmal verdeutlichen, was Sie unter "öffnen" überhaupt verstehen?

Reichert: Eigentlich haben wir schon vor 15 Jahren angefangen, BS2000 zu öffnen - im Vordergrund stand die Kommunikation mit Fremdrechnern. Hierfür hat kein vergleichbarer Hersteller ähnlich finanzielle und sachliche Leistungen erbracht wie Siemens.

CW: Wie will SNI das BS2000 als offenes System verkaufen?

Reichert: Es geht hier um die Öffnung eines Systems und nicht um ein offenes System - ich würde BS2000 als "geöffnetes" System bezeichnen. BS2000 als Open System zu verkaufen würde heißen, den Anwender für dumm zu verkaufen.

CW: Sie denken also eher an die Vernetzung heterogener Systeme und an offene Schnittstellen.

Duschl: In den 90er Jahren gibt es zwei Trends: die Entwicklung hin zu offenen Systemen und den Trend zur verteilten Verarbeitung. Beide Phänomene müssen wir betrachten, wenn wir die Rolle der Mainframes in den 90er Jahren beurteilen wollen.

Offenheit gibt es hinsichtlich der Plattform und der Kommunikation. Im Kommunikationsbereich folgen wir seit Jahren den internationalen Standards. Wir haben das komplette OSI-Referenzmodell in BS2000 implementiert.

Kommen wir zur Plattform: Darunter verstehe ich die Verarbeitungs-Schnittstellen, die das System an sich anbietet. Mit Blick auf die Plattformeigenschaft des BS2000 kann man natürlich nur von einer bedingten Offenheit sprechen. Wir sind nicht so

vermessen zu sagen, es handele sich um ein offenes System, aber es gibt doch eine hinreichende Offenheit unter zwei Aspekten: Wir bieten in BS2000 Möglichkeiten der C-Programmierung, die ja sonst in der Unix-Welt angesiedelt ist. Außerdem haben wir eine

SQL- Schnittstelle implementiert, so daß wir Anschlußmöglichkeiten an die wichtigsten Datenbanken haben.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach der Eignung für das Online-Transaction-Processing. Dazu bieten wir UTM, das sich bei den Übertragungsprotokollen an dem Industriestandard LU6.1 orientiert. Wir werden im nächsten Jahr unseren Transaktionsmonitor um die OSI-Transaktionsmonitor-Schnittstellen erweitern. Da wir unseren Transaktionsmonitor auch in der Unix-Welt bereitstellen, sind wir in Richtung verteilte Systeme für die Online-Transaktionsverarbeitung unter Einbindung von BS2000 absolut offen. Was wir im BS2000 nicht haben werden, ist die Unterstützung von Grafiktechnik, wie sie unter Unix und MS-DOS zur Verfügung steht.

Reichert: BS2000 ist eindeutig als starker Datenbank-Server positioniert.

Duschl: Die verteilte Verarbeitung, die in den 90er Jahren zunehmend Platz greift, wird unserer Ansicht nach einen immensen Wachstumsschub im BS2000-Geschäft auslösen, und zwar in dem Maße, wie wir mit Unix Wachstumsschübe realisieren können. Wenn wir in die Verteilung gehen und ein Unix-System als Front-end- oder Abteilungsrechner plazieren, werden wir BS2000 im Rahmen einer Client-Server-Einbindung noch einmal in eine ergiebige Wachstumsphase bringen.

Ich möchte an dieser Stelle den Begriff "proprietär" noch einmal aufgreifen. Proprietär ist für mich heute die Beschreibung der gediegensten DV-Technik der Gegenwart.

CW: Wir sehen darin eher die Fessel des Anwenders an ein System und damit an einen Hersteller.

Duschl: Das wäre nur dann eine Fessel, wenn ein Hersteller nicht willens wäre, die Standardisierung nach OSI aktiv voranzutreiben. Hier sehe ich einen strategischen Grundsatz, der uns in der Geschäftspolitik von anderen massiv unterscheidet. Wir haben schon vor vielen Jahren beschlossen, Offenheit nicht nur durch die Einführung von Unix zu puschen, sondern auch durch die Öffnung von BS2000 hinsichtlich Kommunikations- und Plattformeigenschaften. Andere mögen eine andere Politik verfolgen.

BS2000 ist ein Mainframe-System, das in bezug auf die Verarbeitung großer Datenmengen, auf die Einbindung als Server, auf die Nutzung für Datenbank-Anwendungen und nicht zuletzt als sicheres System ein unverzichtbarer Baustein für die 90er Jahre

ist.

CW: Wie läßt sich dann erklären daß die Hersteller proprietärer Systeme in den vergangenen Jahren immer mehr Schwierigkeiten bekommen haben - als Beispiel seien Bull und Unisys genannt. Fragen sich die Anwender heute nicht: entweder ein proprietäres System vom Marktführer IBM oder ein gänzlich offenes System ohne die Bindung an einen Hersteller?

Duschl: BS2000 ist in Europa unstrittig ein Standard - die Installationszahlen sprechen dafür. Nach IBM sind wir mit BS2000 der größte Anbieter eines Mainframe-Systems - man kann deshalb durchaus von einem industriellen Standard in Europa sprechen.

CW: Sie haben vorhin gesagt, der steigende Absatz von Unix-Systemen nutze dem BS2000-Geschäft - wie soll das funktionieren?

Duschl: Die verteilte Verarbeitung funktioniert doch nach einem Drei-Ebenen-Prinzip: die Arbeitsplatz-, die Filial- und die Unternehmensebene. Die Arbeitsplätze sind mit intelligenten Workstations und PCs ausgestattet. Betriebssysteme sind MS-DOS oder Unix. Auf der Abteilungsebene, auf der man Server braucht, nutzen wir für Filialen und für Abteilungslösungen Unix oder BS2000.

Die dritte Ebene ist die zentrale Komponente in einem Unternehmen. Jedes Unternehmen braucht zentrale Daten, egal wie sie sich organisatorisch verteilen. Sei es für die Disposition im Konzern, für den allgemeinen Überblick oder für die geschäftliche Führung. Der Mainframe als Datenserver in einer Client-Server-Umgebung - dafür brauchen wir ein geöffnetes BS2000.

Wenn wir nun von einem Kunden aufgefordert werden, nach dem Drei-Ebenen-Prinzip zu automatisieren, dann entsteht mit der Einführung von Arbeitsplatz-Systemen und Abteilungsrechnern automatisch ein Investitionsdruck: Auf Konzernebene wird die Datenbank-Funktionalität eines BS2000-Systems benötigt. Hier erwarten wir den Wachstumsschub.

CW: Anwendungen werden also auf dem Mainframe in Zukunft immer weniger gefahren?

Duschl: Dieser Trend ist international erkennbar. Das hat aber mit den Mainframes unmittelbar nichts zu tun, denn in den 90er Jahren gibt es eine Headline, die man nicht übersehen darf: Die Grafikverarbeitung vermehrt sich explosionsartig. Früher hatten

wir die Batch-Epoche, dann kamen Dialogverarbeitung und Transaktionsanwendungen - wieder eine Epoche. Jetzt gehen wir in das Zeitalter der Grafik über.

Ein Mainframe kann die Grafikanforderungen nicht befriedigen - dafür ist die Architektur nicht ausgelegt. Um trotzdem die Vorteile der Grafik-verarbeitung in Anspruch nehmen zu können, muß man in eine Verteilung, die de facto eine Funktionsverteilung auslöst. Wir gehen hier vom Mainframe weg auf die intelligente Desktop-Ebene. Damit aber wird der Mainframe nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, er gewinnt an Bedeutung, weil durch die Grafikverarbeitung ein enormer Datenbedarf entsteht.

Reichert: Im Moment haben wir nicht nur das Thema Grafik, sondern auch das Thema "integriert und unternehmensübergreifend". Anwendungen, die sonst nicht integriert wurden, werden jetzt eingebaut und heruntergezogen auf die zweite oder dritte Ebene. Dafür bekommt die Zentrale mehr Power, sie muß mehr speichern und gleicht das wieder aus. Tendenziell würde ich sagen: Es gibt einen Schub in Richtung großer Rechner, weil die Zentralen besser ausgestattet werden müssen und die kleinen Rechner, die heute als

Stand-alone-Rechner eingesetzt sind, werden durch Unix Rechner ersetzt.