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25.04.1997 - 

Problem 2000

Gefahr erkannt, doch nicht gebannt

Deutsche Unternehmen scheinen, was die Umstellung von zwei- auf vierstellige Jahreszahlen betrifft, im europäischen Vergleich die Nase vorn zu haben. Das auf sie zukommende Softwareproblem ist den Führungskräften wohlbekannt, viele halten sich für überdurchschnittlich gut informiert und sehen in der Umstellung "kein Problem". Fast 60 gegenüber knapp 40 Prozent im europäischen Durchschnitt messen der Aufgabe "keine größere Bedeutung" bei.

Mehr noch: Die Spitzen der deutschen Wirtschaft beweisen scheinbar größeren Weitblick und komplexeres Denken als ihre europäischen Kollegen. Denn 70 Prozent haben für die beiden aktuellen Themen - Jahr 2000 und Euro - bereits Strategien entwickelt. Europaweit verfügen nur die Hälfte der befragten Unternehmen über "doppelte" Umstellungskonzepte.

Kein anderes Land sieht in der Jahr-2000-Frage so geringe Probleme, in keinem anderen Land sehen die befragten Führungskräfte die Planungen in einem fortgeschritteneren Stadium, und nirgends ist der Anteil derjenigen, die gleichzeitig die Euro-Umstellung angehen, so hoch. Dies belegt eine Studie, die die englische Unternehmensberatung Neaman Bond Associates in Zusammenarbeit mit dem englischen Marktforschungsinstitut Spikes Cavell & Co. im Auftrag der Softlab GmbH, München, in elf westeuropäischen Ländern erarbeitet hat.

Die Marktforscher befragten Ende 1996 insgesamt 840 Unternehmen in Deutschland, den Benelux-Ländern, England, Frankreich, Italien, Skandinavien und Spanien aus 14 verschiedenen Branchen. 74 Prozent davon waren IT-Verantwortliche und 26 Prozent Führungskräfte aus dem Finanz-Management.

Für die deutschen IT-Manager ist die Jahr-2000-Umstellung nach eigenen Angaben demnach kein allzu besorgniserregendes Thema. Nur knapp 30 Prozent glauben, daß damit zusätzlicher Aufwand und Kosten verbunden sind, gravierende Störungen oder gar ein Desaster hält man für ausgeschlossen. Ängstlicher zeigen sich die übrigen Europäer. Denn etwa die Hälfte (54 Prozent) blickt verunsichert auf die magische Zahl 2000, drei Prozent befürchten gar ein Softwarechaos.

Auch bei der Ausarbeitung ihrer Umstellungspläne sehen sich die Deutschen vorn: Zehn Prozent haben ihre Strategie unter Dach und Fach, der Startschuß für die konkrete Arbeit ist bei 40 Prozent gefallen. Nur jeweils ein Viertel beginnt erst mit den Recherchen beziehungsweise hat gerade die Planung abgeschlossen.

In den übrigen europäischen Ländern sieht das Bild genau umgekehrt aus. Die größte Gruppe (über 35 Prozent) befindet sich noch im Stadium der Vorüberlegungen, gefolgt von den 28 Prozent, die bereits aus der Planungsphase heraustreten. Im europäischen Mittelwert hat nur etwa ein Viertel den "Rollout" erreicht. Mit fertigen Konzepten können dagegen nur zehn Prozent aufwarten.

Zwei Drittel ohne Budget für die Umstellung

Doch dieses optimistische Bild zeigt Risse, wenn man genauer hinsieht. Wie in allen befragten Ländern, so hatten auch die deutschen Unternehmen mehrheitlich, nämlich zu 64 Prozent, kein Budget für die Umstellung bereit. In anderen europäischen Ländern mußten bis zu 80 Prozent der Befragten hier passen.

Zu den interessantesten und zugleich widersprüchlichsten Ergebnissen der Studie gehört, daß nur wenige der nach eigener Einschätzung gut informierten deutschen Manager über die konkreten Auswirkungen des Umstellungsproblems unterrichtet sind. So wissen beispielsweise nur zehn Prozent, daß für Systemtestläufe zusätzliche Hardware bereitgestellt werden muß. Über 80 Prozent halten das für nicht erforderlich.

Überhaupt offenbaren die Antworten der deutschen Manager auf konkrete Fragen einen hohen Grad an Uninformiertheit. Über die Auswirkungen der Umstellung zum Beispiel auf Kundenservice, Auftragsbearbeitung, Produktion, Logistik, Rechnungswesen oder Management-Informations-Systeme wissen durchweg zehn Prozent der Befragten nicht Bescheid. Noch höher (zwölf bis 15 Prozent) liegt dieser Anteil bei der Frage, ob der Jahresanfang 2000 Auswirkungen auf die allgemeine IT-Planung habe.

Die Chefetagen der deutschen Unternehmen haben ihre Umstellungspläne offenbar doch nicht so gründlich durchdacht, wie sie selbst glauben. Nur in Großbritannien ist der Anteil derjenigen, die sich noch keine konkreten Gedanken über die Folgen der Umstellung gemacht haben, ähnlich hoch.

Interessant ist auch, daß die befragten deutschen Manager, ähnlich wie ihre britischen Kollegen, das Softwareproblem stark auf technische Aspekte wie fehlende Sourcecodes oder Mängel in den Anwendungen (18 Prozent) reduzieren. Dementsprechend halten sie IT-Projekte im Mainframe-Bereich für besonders problematisch (25 Prozent).

Die Auswertung der Fragen zu konkreten Auswirkungen auf Kundendienst, Auftragsbearbeitung, Logistik, Produktion, Accounting und MIS macht Unsicherheiten und Widersprüche deutlich. Zunächst fällt auf, daß trotz der eingangs erwähnten optimistischen Haltung des deutschen Managements in Detailfragen doch Zugeständnisse gemacht werden. Die Befragten räumen ein, daß die Umstellung Geschäftsprozesse und IT-Projekte im Unternehmen betreffen wird.

Schwierigkeiten haben viele auch damit, mögliche Folgen richtig einzuschätzen. Die größten Probleme sieht man auf MIS-Systeme zukommen (40 Prozent), gefolgt von Kundendienst (25 Prozent) und Accounting (20 Prozent). Nur acht Prozent glauben, daß sich die Jahr-2000-Umstellung stärker auf Auftragsbearbeitung und Logistik auswirken könnte. In den anderen europäischen Ländern hält die Hälfte der Befragten primär den Accounting-Bereich für betroffen.

Dies zeigt: Weder in Deutschland noch in den anderen europäischen Ländern ist das Management über die genauen Folgen der Jahrtausendwende im Bilde. In vielen hiesigen Firmen steht dies jedoch in krassem Widerspruch zur mehrheitlich geäußerten Behauptung, bereits Lösungsstrategien entworfen beziehungsweise fertig ausgearbeitet zu haben.

Nimmt man die Haltung der verschiedenen Branchen zum Jahr 2000 genauer unter die Lupe, zeigen sich Banken und Versicherungen erwarungsgemäß am problembewußtesten. Dies überrascht nicht, denn hier laufen die meisten Altsysteme. Außerdem können sich die Finanz- und Assekuranzunternehmen Unregelmäßigkeiten in den Geschäftsabläufen noch weniger leisten als andere Firmen.

Dennoch bewahrt auch die Finanzwelt die Ruhe vor einem möglichen Sturm. 42 Prozent vertrauen in Deutschland auf die Software-Experten und sehen die Kundenbetreuung nicht gefährdet. Europaweit sind dies 33 Prozent. Während fast 20 Prozent aller Befragten Banken und Versicherungen, in den Benelux-Staaten sogar mehr als die Hälfte, größere Umstellungsprobleme befürchten, geben sich die Deutschen mit nur acht Prozent Skeptikern sehr zuversichtlich.

Am wenigsten hat sich laut der Studie bisher die Maschinenbauindustrie mit der Problematik auseinandergesetzt. Über zwei Drittel der Befragten sehen keine Auswirkungen auf den Kundendienstbereich zukommen. In dieser Branche stimmen die Bewertungen aller europäischen Länder im wesentlichen überein, wobei auch hier die Deutschen das Problem möglicherweise ignorieren beziehungsweise unterschätzen.

Offenbar ist den wenigsten Befragten klar, daß jede Anwendung, die zeit- und datumsbezogene Berechnungen vornimmt, von der Zeitumstellung betroffen sein kann.

Es geht also durchaus nicht nur um Geschäftsbereiche, die finanzielle Transaktionen oder Zinsberechnungen anbieten. Ganz gleich, ob Gebäudeverwaltung, computergesteuerte Ampeln und Verkehrsleitsysteme, Überwachung von Wartungs- und Garantieverträgen, telefonische Weckdienste in Hotels, Kundendienstanwendungen mit Wiedervorlage- und Rückruf-Funktionen, Projekt-Management- oder Vertriebsinformationssysteme: All diese Anwendungen enthalten eine zeitliche Komponente, in jedem dieser Systeme läuft ein Kalender, der daraufhin zu überprüfen ist, ob er den Jahrtausendwechsel korrekt verarbeiten kann.

Befragt nach Lösungen, das Problem in den Griff zu bekommen, setzen die deutschen Unternehmen mehr als die Firmen in allen anderen Ländern auf externe Consultants. Über die Hälfte möchten zur Information und Planung Berater von außen hinzuziehen. Die Umstellung selbst wollen sie allerdings mit Inhouse-Ressourcen schaffen. Im europäischen Durchschnitt will nur ein Drittel der Auskunftgeber externe Berater engagieren, 42 Prozent verzichten ganz darauf.

Bei der Auswahl von Beratungspartnern sollten die Unternehmen darauf achten, daß diese neben IT-Fachwissen, System-Know-how und Lösungs-Tools auch über Branchenkenntnisse verfügen. Darüber hinaus sollte die Umstellung weniger als Problem denn als Chance gesehen werden. Sie gibt einen positiven Anstoß, vorhandene Altsysteme zu analysieren, zu überprüfen und zu modernisieren.

*Gerry Pollard ist Program Director Jahr 2000bei der Softlab GmbH, München.