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21.02.1975 - 

Die Stadt Weingarten und das Bundeseinheitliche Personenkennzeichen

Gefahr für erfolgreichen Alleingang ?

WEINGARTEN - "Wir machen das mit EDV, was einen Effekt bringt" ist seit sechs Jahren Maxime bei der schwäbischen 20 000-Einwohner-Stadt Weingarten. Deswegen sind dort beispielsweise Einwohnerdaten immer noch auf Adrema-Platten und nicht im EDV-Speicher: für "die paar Impflisten und Lohnsteuerkarten", die man im Jahr braucht, waren der Stadt die Vorarbeiten zu aufwendig, obwohl gerade der massenweise Druck von Lohnsteuerkarten und Ähnlichem oftmals als bester Beweis für die Nützlichkeit der EDV im kommunalen Bereich angeführt wird.

Bestätigt konnte man sich in Weingarten erst vor kurzem wieder fühlen, als die Änderungen im Einkommensteuergesetz kamen: "Wir haben die Änderungen auf der Adrema leichter geschafft als die Kollegen, die ihre DV-Programme ändern mußten", berichtet Stadtkämmerer und EDV-Fachmann Schlachter. Er vermutet allerdings, daß das Einwohnerwesen demnächst Angelpunkt für die kommunale DV werden wird: wenn 1978 das bundeseinheitliche Personenkennzeichen kommt, müssen auch Weingartens Bürger-Daten DV-fähig gemacht werden.

Anschlußzwang übers Personenkennzeichen?

"Wir haben uns wenigstens vorher keine unnötige Arbeit gemacht", meint Schlachter, der nach den vielen, schon vorgelegten Plänen dem Kennzeichen mit Gelassenheit entgegensieht. Interkommunales Gerücht: mit der Einführung des Personenkennzeichens werde ein Anschlußzwang für die Stadt und Gemeinden verbunden sein, die zur Zusammenarbeit mit den zuständigen kommunalen Rechenzentren verpflichtet.

Ein Anschlußzwang würde Outsider wie Weingarten und die privatwirtschaftliche Konkurrenz der KRZ treffen: bislang kann man nämlich billiger rechnen, wenn man sich nicht in kommunale EDV-Gemeinschaft begibt. Weingarten ist ein Beispiel dafür. Als erste im Landkreis Ravensburg startete die Stadt Weingarten 1969 mit dem "Ravonsburger Programm", das ursprünglich für die Kreisverwaltung entwickelt war, die Umstellung auf DV. Man begann mit dem Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen und benutzte zunächst die Honeywell-Anlage der Kreissparkasse. Als die ein Jahr später ihr Rechenzentrum auflöste und zum Rechenzentrum der Württembergischen Sparkassenorganisation überging, saß die Stadt auf dem Trockenen.

Während der Kreis zum Interkommunalen Rechenzentrum nach Ulm ging, sah sich die Stadt Weingarten anderweitig um. Eine Anker 6000, die die Stadt hatte, war damals 15 Jahre alt und nicht mehr reparierbar - ein Rückschritt auf konventionelle Methoden kam nicht in Frage. Das "Ravensburger Programm" wurde vom IRZ abgelehnt - dort wollte man auf ein landeseinheitliches Programm warten. Darauf wartet man noch heute.

Die Stadt Weingarten suchte stattdessen Verbindung zum (privaten) Heidenheimer Rechenzentrum, wo eine andere oberschwäbische Stadt, nämlich das halb so große Saulgau, schon rechnen ließ. Das dort benutzte Gemeinschaftsprogramm des württembergischen Gemeindetages wurde so modifiziert, daß es auch für die größere Stadt mit Krankenhaus und anderen Sonderpositionen im Etat, wie dem alljährlichen "Blutfreitag" mit seiner Reiterprozession paßte. Dieses Programm läuft noch heute - nach neuer Modifikation wegen der Änderung des Gemeindewirtschaftsrechts.

Vierteljährlich 5000 Bescheide für 2400 Mark im Jahr

Schon 1968 hatte man die Verbrauchsabrechnung der Stadtwerke (Gasgebühr, Wasserzins und Entwässerungsgebühr) nach einem selbstentwickelten Programm auf DV umgestellt. Die Rechnerarbeit macht die Kreissparkasse Ludwigsburg seitdem für rund 2400 Mark im Jahr bei vierteljährlich 5000 Bescheiden und 1500 Stammdaten-Änderungen. Auch in der Kreissparkasse Crailsheim wird für Weingarten gerechnet: seit 1971 werden dort die Grundsteuerbescheide und Müllabfuhrrechnungen produziert. Die Crailsheimer hatten dafür ein passendes Programm und machten den Oberschwaben einen interessanten Preis.

Die Abbuchungsaufträge für Grundsteuer und Müllabfuhrgebühr wurden dagegen vom RZ in Heidenheim abgewickelt. Dort wird auch die Finanzbuchhaltung der Stadtwerke geführt. Diese Aufteilung auf verschiedene Rechenzentren hat sich seit rund fünf Jahren so gut bewährt, daß man bislang keinen Anlaß für eine Änderung sah.

Im RZ Heidenheim werden ferner die monatlichen Zahlungen an Sozialhilfeempfänger und das Finanzwesen der Stadt bearbeitet (Zeit- und Sachbuchführung; Schreiben und Buchen der Auszahlungen und Überweisungsträger). Die Lohn- und Gehaltsabrechnung ist seit 1972 darin integriert. Dadurch kann zusammen mit der Berechnung von Löhnen und Gehältern die anteilmäßige Direktbuchung auf die zu belastenden Haushaltsstellen im Sachbuch erfolgen.

Die Daten werden selbst erfaßt

Seit 1. 1. 74 werden die Daten in Weingarten mit einem Philips P 352 selbst erfaßt. "Der Lochstreifen - wir nehmen ihn, weil er billiger als Karten oder Bänder ist - ist sozusagen ein Abfallprodukt" sagt Schlachter. "Da man Einzahlungen bei der Stadtkasse ohnehin nicht vermeiden kann und wir beispielsweise Bauunternehmern für Abschlagszahlungen einen Scheck geben müssen, ist irgendeine Buchungseinrichtung ohnehin erforderlich. Eine übliche Buchungsmaschine wäre aber auch nicht nennenswert billiger gewesen als der Philips mit Stanzer, der 47 000 DM gekostet hat. Seitdem wir selber lochen, ist die Fehlerquote entscheidend zurückgegangen. Wenn die Leute einen Bezug zur Sache haben, machen sie zwar auch noch Fehler - aber sie können sie anschließend korrigieren".

Jede Abteilung der Stadtverwaltung hat in Weingarten ihre festen Zeiten für die Datenerfassung.

"Das Kreuz bei den KRZ ist die Datenerfassung" sagt Schlachter. "Wer seine Daten nicht selbst erfaßt, muß die Unterlagen zur Kreisdatenbearbeitungsstelle geben. Dort wird nicht nur gelocht -sie gibt die Daten auch weiter und ist Partner des Rechenzentrums - die Gemeinde hat immer nur mit der Kreisstelle zu tun. Wenn mal ein Fehler auftritt, ist die Suche nach Schuldigen sehr mühsam."

Zum ersten Mal aufgehockt

Der erste Bereich, wo Weingarten seit 1969 mit der DV "aufgehockt" ist, bildet das Krankenhauswesen. Aufgrund der neuen Rechtslage (Einheitspflegesatz) gab Weingarten den Anstoß zur Entwicklung eines Standardprogrammes für die Krankenhausabrechnung. Datel, 1973 neuer Eigentümer des Heidenheimer Rechenzehtrums geworden, machte mit. Gemeinsam entwickelte man ein seit Januar 74 laufendes, inzwischen von verschiedenen anderen Städten Übernommenes Programm. Die Erstellung einer Krankenhaus-rechnung einschließlich Mahnwesen, Anforderung von Abschlagszahlungen und Ertellen der nötigen Statistiken kostet die Stadt seitdem 2,90 DM. Da man die Daten des Patienten bei der Aufnahme ins Krankenhaus ohnehin erfassen muß, wurde für die IBM-Schreibmaschine lediglich ein OCR A-Kopf beschafft - und ein neuer Vordruck entwickelt. Damit produziert jetzt die Aufnahme einen maschinenlesbaren Beleg. Das functionierte - aber mit Hindernissen. "Der Klarschriftleser braucht einen einwandfreien Beleg - das wurde anfangs heruntergespielt", meint Schlachter.

Aus der geplanten Verbesserung wurde bisher nichts: man enwikkelte unter monatelanger Mitarbeit von Angehörigen der Weinqartener Stadwerwaltung zwar einen neuen Beleg, mit dem das

Verfahren besser laufen Sollte. Der ist aber inzwischen verschwunden. Bei der ezten Datel-Entfassungswelle ging nämlich der Mann, der die Arbeit betreut hatte. Den Beleg nahm er mit "Der hat sich auf den Standpunkt gestellt, das sei sein geistiges Eigentum", erzählt Bürgermeister Gerich, der daraufhin einen geharnischten Brief nach Darmstadt schrieb. Bis der Entwurf für den neuen Beleg wieder aufgefunden ist, hat man noch anderen Ärger: man wartet auf die Aufarbeitung der alten Belege - weil in Darmstadt der Bediener des Beleglesers auch der Rationalisierung zum Opfer fiel. Auf den Ausgang des Belegleser-Dramas wartet außer der Weingartener Stadtverwaltung auch ein Weingartener Unternehmen mit Interesse: die Firma DSU hat ebenfalls ein Krankenhausprogramm und konnte mit Pfullendorf schon im Januar einen Neuzugang aus abgesprungenen Datel-Kunden verbuchen.

Alleingang 50 000 DM p.a. billiger

Offen ist, ob die Umstrukturierung Datel auch einen möglichen Großkunden kostet: die benachbarten Städte Ravensburg und Weingarten sollen nach Wunsch der Stuttgarter Regierung der Gesetz zusammengelegt werden. Der vorgesehene Partner hat sich schon ausführlich in Weingarten informiert und dabei festgestellt was Revisionen durch die Prüfungsinstanz schon mehrfach vorher ergeben hatten: die Weingartener Lösung ist sehr preisgünstig. Die Weingartener EDV-Rechnung für 1974 sah nämlich so aus 127 506 DM hätte sie beim zuständigen Interkommunalen Rechenzentrum in Ulm für das bezahlen müssen, was bei der dezeitigen Lösung DM 72 500 kostet. Dabei ist Krankenhausabrechnung und Finanzbuchhaltung der Stadtwerke nicht berücksichtig, weil das das IRZ derzeit nicht machen kann.