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09.11.1984 - 

Rechtzeitig Akzeptanz von technisch Machbarem prüfen:

Gegen den EDV-Katzenjammer jetzt antreten

MÜNCHEN (CW) - Quo vadis EDV? Diese Frage müssen sich alle verantwortlichen Insider stellen. die über Sein oder Nichtsein von Anwender-Systemen entscheiden, meint Paul Kellner, Oberverwaltungsrat beim Landesverband der Betriebskrankenkassen in Bayern. Gegen drohenden Arbeitsplatzverlust und sinkende Lebensqualität stellt er das Engagement des Einzelnen: Nicht alles technisch Machbare darf auch realisiert werden.

Es ist noch nicht lange her, da lag noch der beruhigend klingende Satz in aller Munde: "Der Computer vernichtet keinen Arbeitsplatz, er schafft sogar neue, qualifiziertere." Inzwischen dämmert es sogar bei den in höheren DV-Sphären schwebenden sogenannten EDV-Profis, daß an ihren bis dahin so sicher gewähnten Arbeitsplätzen bereits die Minis und Mikros zu nagen beginnen.

Personalchefs, die noch in der glücklichen Lage sind, EDV-Personal einstellen zu dürfen, werden bereits mit Erstaunen registriert haben, wieviele der ehemals so hochgeschätzten Operateure und Arbeitsvorbereiter, ja sogar Programmierer, bereits jetzt vom Arbeitsamt vermittelt werden. Von den Ärmsten der DV-Branche, den Datenerfasserinnen, ganz zu schweigen. Und doch sind dies erst die Vorboten einer riesigen Lawine weiterer Arbeitsloser, die, direkt oder indirekt ausgelöst durch hochentwickelte Systeme, auf uns zurollen wird. Hauptursache sind bekanntlich die dezentralen Anwendersysteme, bei denen der Sachbearbeiter in der Fachabteilung, die Datenverarbeitung sozusagen zum Nulltarif gleich mit erledigt. Nun könnte man annehmen, daß dadurch die DV-Kosten entscheidend verringert werden. Kostenvergleiche zwischen zentraler und dezentraler Datenverarbeitung zeigen aber, daß dies durchaus nicht zutreffen muß. Das einzige, was in den meisten Fällen eingespart wird, sind Arbeitsplätze. Aber, so werden nun viele dagegenhalten, dafür steht dem Sachbearbeiter ja auch ein viel komfortableres System zur Verfügung.

Auf den ersten Blick zweifellos. Näher betrachtet muß man fragen: Dient ein solcher Art entwickeltes System dem Menschen wirklich? Oder ist es nicht vielmehr so, daß vor lauter "Bedienerführung" und vorweggenommener Entscheidungen der Sachbearbeiter irgendwann seinen Verstand ganz "ausschaltet". Woher bekommt er dann die Erfolgserlebnisse, die jeder Mensch so dringend braucht? Oder kommen auf diese Weise nicht neue Frustrationen auf die von der rasanten technischen Entwicklung gebeutelten Arbeitnehmerschaft zu? Die Jahre werden es sicherlich zeigen.

EDV-Schildbürgerstreich

Zurück zu den arbeitsmarktpolitischen Aspekten, die solche Systeme mit sich bringen. So ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis Systeme wie Bildschirmtext auch in bundesdeutschen Wohnzimmern zu Hause sind. Über die Fernbedienung des Fernsehgerätes kann dann Otto Normalverbraucher seine Buchungen, Bestellungen oder sonstige Informationen direkt in die Zielrechner der jeweiligen Unternehmungen einspeichern; ebenfalls zum Nulltarif - für den Unternehmer wohlgemerkt. Wie sich das auf den Arbeitsmarkt auswirken wird, muß hier nicht noch besonders erwähnt werden.

Es liegt sicher im Menschen selbst gegründet, daß er ständig bestrebt ist, sein irdisches Dasein zu verbessern. Welche Irrwege dabei mitunter eingeschlagen werden, zeigt das klassische Beispiel eines EDV-Schildbürgerstreiches, das zur Zeit die Bundespost mit einem Pilotprojekt in München durchführt. Es handelt sich um die Fernsprechauskunft per Computer. Über Wählscheibe oder Tastatur werden dabei der gesuchte Name, die Straße etc., in Ziffern verschlüsselt, an einen Computer gegeben. Zwar antwortet dieser zur Zeit noch stereotyp und reichlich gebrochen mit "...ch habe Sie leider ...cht ...standen" - jedoch ist die Zeit sicher nicht mehr fern, wo auch dieses Problem gelöst sein wird. Nun haben wir es also geschafft, in Zukunft wird die menschliche Stimme wenigestens bei der Fernsprechauskunft schon nicht mehr benötigt. Ein beachtlicher Fortschritt für die ohnehin nach Kommunikation lechzende Menschheit unserer Zeit.

Fachidioten mit Überlebenschancen

Die Bundespost begründet das Projekt mit dem bei der Fernsprechauskunft herrschenden Personal-Engpaß. Bei über 2,2 Millionen Arbeitssuchenden ist dies nicht ganz leicht zu verstehen. Eine entsprechende Akzeptanz dieses Systems durch den Fernsprechteilnehmer vorausgesetzt, braucht man deshalb nicht unbedingt Hellseher zu sein, um auch dem letzten "Fräulein vom Amt" eine ziemlich düstere Zukunft voraussagen zu können. Bezeichnend für den fortschreitenden Einsatz von immer "komfortableren" Computer-Systemen ist ohnehin, daß dabei in erster Linie die Arbeitsplätze vernichtet werden, die für die große Zahl von Arbeitssuchenden, die keine oder nur eine unzureichende Ausbildung haben, so dringend notwendig wären. Wenn diese verhängnisvolle Entwicklung keine Korrektur erfährt, wird künftig nur noch

eine immer geringer werdende Zahl von sogenannten Fachidioten eine Überlebenschance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Aber sicher gibt es auch dann noch EDV-Organisatoren, die stolz sind auf ihr System, das in der Lage ist, für den Rest der Arbeitslosen die Arbeitslosenunterstützung exakt zu berechnen. Selbstverständlich ohne jeglichen personellen Aufwand denn die Arbeitslosenmeldung haben die Betroffenen ja bereits selbst via Bildschirmtext in den Mikrocomputer des Arbeitsamtes eingespeichert.