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30.04.1982

Gegen die Software-Lücke in den 80er Jahren

30.04.1982

Werner Schneiter, Mitglied der GL, IFA, Institut für Automation AG, Unternehmensberatung, Zürich

Anwendungssoftware wird von EDV-Fachleuten produziert. EDV-Fachleute sind knapp. Arme Software!

Während sich die von Anfang an industriell orientierte Produktion der Hardware der steigenden Nachfrage anzupassen vermochte - und dadurch periodisch einen Nachfrageschub nach Anwendungssoftware auslöste und immer noch auslöst -, konnte die Softwareproduktion zu keiner Zeit Schritt halten.

Hardware und Software erreichen leider nie zur gleichen Zeit ihre volle Funktionsfähigkeit. Zunächst funktioniert bei neuen EDV-Systemen in der Regel die Hardware; zwei bis drei Jahre nach der Einführung läuft auch die Betriebssoftware zufriedenstellend und wenn endlich die Anwendungssoftware den Anforderungen der Benutzer gerecht wird, steht die nächste Hardware-Umstellung vor der Tür, meist verbunden mit Umstellungsproblemen, die wiederum wertvolle Entwicklungskapazitäten binden.

Die Software-Lücke wird im wesentlichen durch folgende drei Ursachen begründet:

- fehlendes ingenieurmäßiges Vorgehen bei der Systementwicklung;

- mangelnde Tradition (und deshalb mangelhafte Ausbildung und Akzeptanz) in der noch jungen Disziplin der Software-Technologie

- das Fehlen geeigneter Methoden und Werkzeuge, trotz vielfältigen Marktangebots.

Aufgebohrte Individuallösung

Die letzte dieser drei Ursachen führt uns wieder auf das Problem der knappen EDV-Fachleute zurück. Die unter einem erheblichen Termin- und Kostendruck stehenden Mitarbeiter in der Systementwicklung sollten sich parallel zur Anwendungsentwicklung mit der Handhabung neuer wirksamer Methoden und Werkzeuge vertraut machen, damit Erfahrungen sammeln und diese professionell anwenden. Hier schließt sich der Teufelskreis.

In dieser Situation liegt man mit der Forderung nach vermehrter Anwendung von Standard-Software zwar richtig, aber gerade diese Möglichkeit wird einerseits überschätzt, andererseits zu wenig genutzt. Warum dieser Widerspruch? Vieles, was unter der Bezeichnung "Standard-Software" angeboten wird, verdient nicht einmal den Namen (in der Regel handelt es sich um aufgebohrte Individuallösungen). Außerdem werden Unternehmungen, die sich durch den Einsatz der EDV Wettbewerbsvorteile, etwa durch Gewinnung entscheidungsunterstützender Informationen oder das Angebot besonderer Dienstleistungen erhoffen, kaum mit dem zufrieden sein, was andere auch haben.

Andererseits wird gar nicht erst nachgeforscht, ob entsprechende Standardpakete auf dem Markt sind oder durch Modifikation der eigenen Ansprüche effizient genutzt werden könnten, weil der Benutzer über diese Möglichkeiten nicht informiert ist und die EDV-Abteilung nicht flexibel genug denkt.

Verkäufer von Datenverarbeitung im weitesten Sinne produzieren beim Anwender - im Zeitalter der dezentralisierten Verarbeitung - Erwartungen, die unter den gegebenen Voraussetzungen kaum erfüllt werden können, vor allem nicht, was Termine und Kosten betrifft. Selbst die EDV-Abteilungen von Großanwendern sehen sich laufend mit überhöhten Erwartungen dieser Fachstellen konfrontiert.

Die Erlebniskette eines EDV-Benutzers sieht dann etwa wie folgt aus: - Enttäuscht von den Leistungen der EDV-Abteilung - Suche nach Alternativen - Dezentrale Insellösung mit zunächst gutem Resultat - erweiterter Informationsbedarf - Notwendigkeit des Ausbaus von Hardware eventuell Software - neue Software-Probleme - neue Enttäuschung - und so fort.

Dritte Kraft

Durch verantwortungsbewußte EDV-Fachleute werden übertriebene Hoffnungen und Erwartungen bekämpft und auf die Realitäten zurückgeführt. Hier liegt ein Feld, in dem sich auch die Fachpresse Verdienste erwerben könnte.

Die Software-Lücke verschärft sich in der Schweiz vor allem aus folgenden Gründen:

- Die wegen der Kleinheit des Landes begrenzten Personalressourcen zwingen Unternehmungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit auch durch EDV-unterstützte Rationalisierungsmaßnahmen zu sichern.

- In den Ausbildungsmöglichkeiten hinken wir den USA und der Bundesrepublik hinten nach, und

- der Software-Individualismus scheint in der Schweiz besonders stark ausgeprägt zu sein. Auch dort, wo es möglich wäre, wird Standard-Software nur sehr zögernd eingesetzt.

Die EDV-Beratungsfirmen und Softwarehäuser als dritte Kraft neben den softwareproduzierenden Herstellern und den EDV-Anwendern können zwar nicht generell als Retter in der Not bezeichnet werden, doch verfügen sie heute über ein erhebliches Leistungspotential.

Der Marktleader in der Schweiz und einige wenige andere Hersteller vergeben Aufträge zur Entwicklung von Standardanwendungen. Wenn die Auftragnehmer fachlich qualifiziert sind und etwas von Standardisierung verstehen wird es kein allzu großes Problem sein, diese Entwicklungen über die Systeme hinaus nutzbar zu machen, für welche sie entwickelt wurden.

Lattenzäune

Auch der EDV-Benutzer kann einen erheblichen Beitrag zur Beseitigung der Software-Lücke leisten, nämlich durch den teilweisen Verzicht auf die individuelle Gestaltung seiner Anwendungen, durch den Verzicht auf ausgefallene Sonderwünsche und durch vermehrte Berücksichtigung der Möglichkeiten des Softwaremarktes.

Natürlich darf man vor lauter Betrachtung des Zwischenraums (Lücke) nicht die Lattenzäune links und rechts vergessen. Natürlich gibt es zufriedene Anwender. Und es gibt anspruchsvolle, gute, sogar wartungsfreundliche Programme obwohl sie - welch schreckliche Sünde wieder den heiligen St. Normus und St. Struktus - GO-TO-Befehle enthalten.

Die Fortschritte in der Anwendung besserer Methoden und Werkzeuge sind unverkennbar. Die Erkenntnis, daß eine ordentliche Projektführung, nach welcher Methode auch immer, Voraussetzung für effiziente Systementwicklung ist, hat sich inzwischen durchgesetzt. Vor allem im Bereich, wo es um die Umsetzung von Spezifikationen in maschinell lesbare Codes geht, gibt es viele und gute Möglichkeiten. Allerdings sind Systemplanung und Systementwicklung mehr als das. Nur ein kleiner Teil der innerhalb des gesamten EDV-Planungs- und Realisierungsprozesses notwendigen Aktivitäten kann wirkungsvoll durch Werkzeuge unterstützt oder automatisiert werden. Wir dürfen auch nicht die menschliche und psychologische Dimension dieses Problemfeldes unterschlagen.

Trost statt Resignation

Es wäre vermessen, Rezepte aufstellen zu wollen, mit denen die Software-Lücke kurzfristig geschlossen werden kann; Erfahrungen jedoch sollten genutzt werden. Sie lassen sich in einigen Anregungen zusammenfassen:

1. Die Anwendung eines Projekt-Management-Systems ist für Software-Vorhaben unerläßlich. Seine Standards regeln, WAS zu tun ist und WER es WANN tun soll. Fehlt dieses Regelung, so kann eine Projektabwicklung nur sehr schlecht funktionieren.

2. Das WIE ist ebenso wichtig. Methoden zeigen, wie man ein Ergebnis erarbeitet, wie es auszusehen hat. Es gibt mehrere bewährte Methoden.

3. Die Werkzeuge - das WOMIT der Systementwicklung - bringen eine systematisierte und standardisierte Arbeitstechnik. Nicht nur das Werkzeug ist wichtig; der Umgang damit und seine Akzeptanz ist entscheidend.

4. Trotz zunehmender Ausbildungsmöglichkeiten und begrüßenswerter Initiativen der öffentlichen Hand und von privaten Trägern geht es nicht mehr ohne vermehrte eigene Leistungen in der Nachwuchsschulung und -förderung.

5. Software-Qualität ist wichtiger als Quantität und Schnelligkeit. Die Anwender sind objektiv aufzuklären über die Konsequenzen ihrer Wünsche, etwa auch über die Folgekosten von Schnellschüssen!

6. Stets ist zu prüfen, ob wirklich Individual-Software notwendig ist, oder ob nicht ebensogut Standard-Software oder bereits existierende Individual-Software (etwa einer befreundeten Firma) eingesetzt werden kann.

Kosten und Aufwand aus diesen Titeln sind als Investitionen zu behandeln und zu buchen, die sich durch bessere Anwendungs-Software mit erheblich geringerem Wartungsaufwand rasch amortisieren werden.

W. A. Wulf sagt dazu: "Die Software-Krise ist das Resultat unserer begrenzten menschlichen Fähigkeiten hinsichtlich des Umgehens mit der Komplexität." Das sollte für die Branche kein Anlaß zur Resignation, sondern ein bißchen Trost und vor allem Herausforderung zu intensiver Beschäftigung mit diesem Phänomen sein.