Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

Die Grünen - Schimmelpilze, Parasiten oder Helfer?


16.10.1981 - 

Gegenrede zum Gastkommentar von Professor Karl Steinbuch

Uwe W. Geitner, freier EDV-Fachjournalist, Bad Boll

Die Masse ist schuld. Sie vermehrt sich trotz des gottähnlichen technisch hochbegabten Wesens Mensch wie die Läuse auf dem Obstbaum. Und die Grünen sind schuld an unserer Umweltsituation. Sie verunglimpfen die Technik, die doch allein Retter allen Übels war und sein wird. So - frei interpretiert - Prof. Steinbuch in den letzten Ausgaben der COMPUTERWOCHE (Nr. 38, 39 und 40) an dieser Stelle.

Um es vorweg zu sagen: Ich bin auch Techniker, Schlimmer noch: Perfektionist. Wo ich höchste Technologie zum Nutzen meiner Firma, sicher auch zum Teil meiner selbst einsetzen kann, tue ich es. Und ich meine nach wie vor, daß es möglich sein sollte, Technik vernünftig und unschädlich einzusetzen. Toll ist doch die Computer-Technik, mehr als reizvoll und interessant. Nur eben nicht in der Atomrakete und in Umweltvernichtungsprojekten, wie der Rodung großer Waldgebiete und ... Die Technik hat verdammt lange Schatten bekommen. Das sehe ich. Und wo ich darauf hinweisen kann, tue ich es. Und so tue ich es hier.

Tier + Technik = Mensch?

Die Technik sei es, die den Menschen von sonstigem äffischen Getier unterscheide, meint der Herr Professor, und schon deshalb sei sie unangreifbar. Daran ist sicher etwas Unfalsches. Nur ist der Akzent etwas zu verschieben. Ist der Mensch nicht so angelegt, daß er gar nicht ohne Technik kann? Ist er der Technik nicht ebenso ausgeliefert, wie die Kaninchen und Ratten dem Sexualzwang? Wo bleibt denn da der gottähnliche Anflug, der gewaltige Unterschied zwischen dem Menschen und dem äffischen Getier?

Aber der Technik verdanken wir, daß wir keinen Hunger haben müssen, liest man. Typische Ichbezogene, technologieorientierte Einbildungslogik! Millionen hungern und täglich werden es mehr. Und wenn die auch alle satt werden wollen, Autos und Waschmaschinen haben wollen, dann können wir unsere Erde endgültig als Müllplatz betrachten. Oder meint der Herr Professor, daß die auserlesene Rasse germanischen Geblüts, Briten, Franzosen und Yankees werden großzügig einbezogen, allein das Recht auf Bedürfnisse dieser Art haben. Oder sind diese Bedürfnisse schon übertrieben?

Dann folgt der Schluß, nicht die Technik sei schuld, sondern die große Zahl der Menschen. Nur wird doch die große Zahl der Menschen erst durch die Technik möglich, durch den Pflug, die Bewässerung, den Dünger. Und sie wird rücksichtslos eingesetzt, um die Massen satt zu bekommen und die Satten zu mästen.

Die wachsenden Menschenzahlen und ihre maßlosen Ansprüche seien schuld. Nun, ich glaube, so maßlos sind die gar nicht. Man muß ja nicht die Exzesse der gehobenen Wohlstandsbürgerschaft auf die gesamte Menschheit übertragen. Wenn der Herr Professor oder irgendeiner von uns seine Ansprüche auf das statistische Durchschnittseinkommen des Durchschnittsweltbürgers reduzieren sollte, wer würde da wohl einverstanden sein. Sind wir denn zu privilegiert, als daß der Durchschnitt auf uns auch zuträfe?

Erlösende Technik

Stolz sollten wir doch sein auf unsere Technik und was wir mit ihr erreicht haben. Früher waren wir stolz! Nun, so stolz darauf waren bei weitem nicht alle. Denken wir nur an die Proteste der Bauern gegen die schnaufenden Ungetüme, die ersten Lokomotiven, an die Weberaufstände, die sicher keine Demutserklärung gegenüber der Technisierung waren. Stolz waren immer nur die Erfinder und Besitzer der Technik, die wieder eine Möglichkeit schufen, mehr Macht durch neue Technik zu erwerben und ihr Vermögen zu vermehren. Der Eingeborene mag weder das Alphabet noch das Christentum, noch unsere Kost, geschweige denn unsere Technik. Aber der Glaube des Herrn Professors an die Seeligmachung unserer Kulturprodukte scheint ungebrochen.

Die Technik sei doch der Retter der Hungernden und Leidenden und, jetzt sei sie zum Prügelknaben der Grünen Teufel auserkoren. Das ist doch eine totale Verkehrung der Argumentation. Die kritische Distanz zur technischen Lösung fehlt, und das wird bemängelt. Manchen war sie sicher gegeben. Vielen, den meisten fehlt sie bis heute. Auch Einstein empfahl den Bau und Einsatz der Atombombe! Tausende von Technikern tun es heute und tun es morgen. Dagegen gibt es nur zwei Hoffnungen: Entweder die Weltführungskräfte, deren Manager, Techniker, Ingenieure, Wissenschaftler, deren Strohmänner, die Politiker und deren Alibifiguren, die Pastoren und Pfarrer werden sich einig und verschrotten die ganzen Atom-, Gift- und sonstigen Waffenarsenale oder die große Zahl der Menschen, die der Herr Professor so beklagt, verweigert die Handlangerarbeit zur Vernichtung von Umwelt und Menschheit. Im Moment liegt die Hoffnung doch wohl allein bei den Handlangern.

Ideale des wilden Westens

Die Führungskräfte mit den technischen Beratern, die Steinbuch als Retter der Menschheit lobt, sind doch offensichtlich nicht in der Lage, die Vernichtung der Umwelt zu bremsen. Im Gegenteil: In den USA wird ein Umweltminister ernannt, der die Nationalparks zu Fördergebieten der begehrten Rohstoffe für begierige Manager und deren Techniker machen will. Endlich kriegen die Umweltquerulanten eins aufs Haupt. Man spürt wieder Aufwind, Herr Professor! Das ganze Umweltgezeter ist gar nicht so wild. Man muß nur entschlossen durchgreifen. Die Ideale des wilden Westens erwachen wieder: schnell, scharf und drauf!

Es ist keine Frage der Verantwortungslosigkeit, wenn jemand etwas erfindet, den Kunstdünger oder einen Roboter. Es ist eine Frage der Erkenntnis, daß wir nicht allmächtig sind, daß wir Teil eines ökologischen Systems sind, daß wir unsere Anmaßung der Gottähnlichkeit aufgeben müssen, daß wir endlich aufhören, sämtliche Lebensnischen unserer Natur zu zerstören. Und zu dieser Erkenntnis sollten die Techniker und Wissenschaftler vom Intellekt her am ehesten in der Lage sein. Sie sind aber gefangen in ihrer Technik, ihren wissenschaftlichen Lehrgebäuden, blind in ihrem Stolz über ihre Erfindungen, dem Stolz, dem der Herr Professor so sehnsüchtig nachtrauert.

Weiter liest man Wenn wir auf das Erfinden verzichten würden, bliebe weniger übrig als tierische Dumpfheit. Die Wissenschaftler sollen doch nicht aufhören zu erfinden. Sie sollen ihre Augen und Ohren endlich öffnen! Nur wer sieht, kann finden. Sie sollen die Realität erkennen. Sie sollen sich botmäßig gegenüber der Natur und ihren Gesetzen verhalten. Sie sollen ihre Entwicklungen entwickeln, so, daß sie ökologisch gesund und tragbar sind. So, daß die beklagte große Masse an der kritischen Einsicht, an der Ergebenheit zur Natur, an der Bescheidenheit und Askese der Vorbilder aus Wissenschaft, Technik und Management ein Beispiel findet. Ein Vorbild sieht. Aber wenn man nach oben sieht, erblickt man entweder arbeitsbesessene Hypokriten, stupide Epigonen oder ängstliche Hypochonder oder... Nach Vorbildern sucht man vergebens, Vorbilder für Einsicht, Weisheit, Bescheidenheit, Enthaltung...

Die hier und da spärlich aufkeimende kritische Einsicht unserer Gesellschaft ist natürlich in keinster Weise von der kritischen Intelligenz, sagen wir es offen: von den grünen Querulanten beeinflußt. Woher denn auch. Das kritische Bewußtsein war schon immer vorhanden. Auch wenn die Grünen nicht gekommen wären, ganz automatisch wäre bei der technischen Intelligenz am 1. 1. 1981 der heute manchmal vermutbare Funken kritischer Distanz erkennbar geworden. Der Funken ist allerdings nur im Dunkeln erkennbar.

Die Techniker waren schon immer kritisch, die Öffentlichkeit ist dumm und unkritisch. Endlich haben wir den Schuldigen: die dumme Masse. Der Beweis des Herrn Professors: Der Große Brockhaus von 1957 enthalte noch gar nichts über Umweltschutz. Wer macht denn die Lexika? Die dumme stumpfe Öffentlichkeit oder die hoch gebildeten Technokraten und Wissenschaftler? Das ist doch ein Eigentor, Herr Professor!

Da gleicht der Professor Steinbuch sogar dem grünen Grass. Der sagt in seiner Blechtrommel ja so ungefähr: Wenn nicht der dumme Durchschnittsmichel gewesen wäre, der nur die zwei Fs, das Fressen und F... im Kopf hat, dann hätte der Herr Hitler gar keine Chance gehabt.

Wer macht denn hier die Könige? Wer schiebt und drückt, wer duldet oder vernichtet die auf den oberen Etagen des Staates? Doch die auf den oberen Etagen! Die Manager, Wissenschaftler, Militärs und auch der Kirchenklan. Die dumme stumpfe Öffentlichkeit ist doch höchstens Stimmvieh oder potentieller Absatzmarkt. Fehlt nur noch, daß der Herr Professor unsere Demokratie zitiert und strapaziert: Alle Macht geht vom Volke aus.

Dann kommen die bekannten Vorschläge zur Rettung unserer Konsumgesellschaft: Recycling etc. und die Aufforderung, doch bitte nicht die Technik zu diffamieren. Gerade diese einfallslosen Vorschläge zeigen, daß es offensichtlich nicht ohne Diffamierung geht. Mit ein bißchen mehr Sparsamkeit, Recycling, Reduktion der Schadstoffemission gibt es höchstens eine Verschnaufpause, aber keine Lösung des Problems.

Wer meint, Lösungen zu haben, der hat sie bestimmt nicht. Wieder die typische Ich-bezogene Überheblichkeit des technischen Verstandes. Die Lösungen, die in der Zukunft nötig werden, die können wir uns heute noch gar nicht vorstellen. Wer sie ausspräche, der wurde nur ausgelacht werden, von den Herren Technikern, wie allemal. Das, was wir können, ist nur... jetzt verfalle ich auch schon in den Stil der Alleswisser. Sein wir bescheiden. Wir haben keine Lösung, wir kennen sie nicht. Wir sind doch einigermaßen ratlos! Das ist die Wahrheit! Wir haben allenfalls eine Hoffnung: Solange die Ressourcen begrenzt bleiben - auch diese Voraussetzung wird in nicht allzu ferner Zukunft fallen - sind die Möglichkeiten zur Umweltvernichtung begrenzt.

Nach Steinbuch hätten die Techniker schon Jahrhunderte über den Umweltschutz nachgedacht. Sie müssen sehr leise gedacht haben. Die Techniker hätten schon längst, schon urlängst, alternative Techniken und solche zum Energiesparen entwickelt. Es mag ja wohl sein, daß sich Techniker in abgelegenen Denkidyllen mit alternativer Energie beschäftigen. Aber gehört hat man nicht viel davon. Da muß wohl die Öffentlichkeit geschlafen haben. Oder vielleicht die Techniker-Kollegen? Haben die vielleicht geschlafen? Waren die nicht immer auf mehr aus? Mehr Maschinen, mehr Energie, mehr Verbrauch. Die Denknischen irgendwelchen Technikeridyllen sind ein schwaches Alibi für einen ganzen Berufsstand.

Circulus vitiosus: Technik - Vermehrung - Technik

Die Techniker sind doch gar nicht so wenig selbstkritisch, wie Steinbuch meint. Jedenfalls nicht die Masse, die Nichtöffentlichkeit der Techniker. Die Prominenz schon eher. Aber die Nichtöffentlichkeit der Techniker sieht heute sehr wohl die Probleme, ja den Circulus vitiosus von Technik Vermehrung - und Technik.

Dann sind zum guten Schluß die Politiker schuld. Auch das noch! Die politischen Entschlüsse hätten gefehlt, die längst vorhandenen Pläne und Gedanken zur sparsamen Energieverschwendung zu realisieren. Die politische Führung wird wohl auch schuld bleiben, solange sich die etablierten Firmen und Professoren ihre Unterstützungsgelder beim Bund und Steuerzahler abholen. Für ihre Wirtschafts- und Forschungsprojekte, die ihren Ruhm, ihre Macht, ihre Technik, ihr Ansehen fördern. Neue Wege sind von daher wohl kaum zu erwarten. Die Etablierten stoßen doch nicht ihre eigene Technik und sich selbst vom Thron. Hier kann man allenfalls erwarten, daß neue technische Zwänge entstehen, die den Konkurrenten zwingen, auch diese Technik einzusetzen.

Der Verzicht auf die Einführung hochgezüchteter Technologie hätte katastrophale Folgen für uns, meint Steinbuch. Weiche Technik - nicht praktikabel.

Ja gewiß doch! Das ist doch gerade die Krux! Der Umweltschutz hört nicht vor der bundesdeutschen Haustüre auf. Die Atmosphäre hat keine Schranken. Offensichtlich aber das Denken. Sonst käme man auf die Idee, daß man hier international agieren muß. Weiterdenken, weitersehen, weiterfinden!

Die Gefahr der Japaner ist doch nicht ihre technologische Überlegenheit an sich. Die Gefahr ist die Unterordnung der Menschen unter die Technologie, die sie den anderen Ländern im internationalen Konkurrenzkampf aufzwingen werden. Und da gibt es auch noch einige, die das schön finden. Endlich kann man den Arbeitern und Angestellten wieder die Leviten lesen. Die mit ihrer Anspruchshaltung! Oder brauchen wir etwa die Technik der Japaner, um die Menschen unserer hochzivilisierten Länder zu ernähren, die ohnehin nur noch ihre Bäuche mästen können, die vor lauter Warenüberangebot keine Arbeit aber viele satte Arbeitslose produzieren können?

Dann kommt Steinbuch zum Schlußakkord. Die Gleichsetzung der Grünen mit der Drogenszene mag man als botmäßiger Leserkonsument noch hinnehmend. Aber die Begründung ist glatter Unfug. Da wird Ursache und Wirkung verwechselt. Der Traum vorn Paradies ohne Technik führe die Süchtigen zur Sucht. Nein Herr Professor, die Realität vom Unrat der Welt, von den fehlenden Vorbildern, von der Aussichtslosigkeit bei so viel Einsichtslosigkeit, die sind es, die junge Menschen dahin treiben!

Ja, und dann die Alternativen als Schimmelpilze auf den Abfällen unserer Wohlstandsgesellschaft! Steinbuch zieht diesen Vergleich natürlich nur indirekt. Aber man weiß direkt, wen und was er da meint. Unlängst hatten wir es mit den Schmeißfliegen zu tun. Schmeißfliegen sind solche, die sich auf tierische und menschliche Sch... setzen. Aber nach dem, was wir so an Müll und Gift produzieren, können sich die Schmeißfliegen selbst da nicht mehr drauf setzen. Da sind die Schimmelpilze sicher anspruchsloser. Wenn dann aber doch einmal einem Schimmelpilz schlecht wird auf seinem Wirt und er Blinddarmreizung bekomme, dann renne er sofort in ein hoch technisiertes Krankenhaus.

Sehr wohl, Herr Professor, das tut er und er tut das zu Recht. Denn selbst ein Schimmelpilz kann einen Blinddarm oder Knochenbruch von einem Krebs unterscheiden. Aber die hochintelligenten Professoren, Ärzte und Techniker, die können das offensichtlich nicht. Die behandeln jedes Karzinom und jeden Infarkt wie einen Blinddarm. Die quälen die kranken Menschen mit ihrer hochgezüchteten und überzüchteten Technik zu einem Leben, das kein Leben mehr ist. Das nicht einmal der von Ihnen zitierten tierischen Dumpheit gleichwertig ist. Das ist doch höchste Absurdität der Technik und Wissenschaft. Milliarden werden in der Krebsforschung verschwendet. Aber die Programme sind natürlich alle höchst ehrenwert. Die Umwelt hat nichts mit dem Krebs zu tun. Woher denn auch. Das ist höchsten eine Parole der Schimmelpilze.

Übrigens, Herr Professor, auch Penicillin ist ein Schimmelpilz. Er hat unsere Zivilisation von manchen Geißeln befreit. Schon einmal! Auch dieser Schimmelpilz ist ein Produkt der Technik. Man muß ihn nur richtig verstehen und richtig einsetzen. Wie? Ich bin nicht so gelehrt, daß ich das wüßte. Nur eines weiß ich: Diffamierung ist nicht der richtige Weg.